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Münster (upm)

Germanisten archivieren Zeitschriften für die Erforschung der Popkultur

Serie über die Sammlungen an der WWU – Teil 3: „Eine Schnitzeljagd nach Magazinen“
Bravo, Spex, Titanic und Co.: Im Pop-Archiv sammelt Prof. Dr. Moritz Baßler (M.) populärkulturelle Zeitschriften.<address>© WWU/Peter Leßmann</address>
Bravo, Spex, Titanic und Co.: Im Pop-Archiv sammelt Prof. Dr. Moritz Baßler (M.) populärkulturelle Zeitschriften.
© WWU/Peter Leßmann

Beim goldenen Buddha rechts runter“, lautet die einfache wie skurrile Wegbeschreibung der Servicekraft. Während im Erdgeschoss des Gebäudes ein Chinarestaurant beheimatet ist, tut sich ein paar Treppenstufen tiefer im Keller ein unschätzbares Sammlerparadies auf. An den Wänden des großen Raums sind Regalbretter angebracht. Auf ihnen lagern meterweise Literatur und Zeitschriften. Genau solche Magazine, die die Mitarbeiter des Germanistischen Instituts der Universität Münster suchen.

Für diese Suche klapperten sie im Mai 2015 mit einem Bus das Ruhrgebiet ab. Es war eine Trödeltour der besonderen Begegnungen. Bei einem Zwischenstopp lernten sie die Sammlerin mit dem Kellerdepot kennen. Sie kauften ihr Monatshefte für Mädchen und Jungen des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend ab. Seitdem sind die „morgen“ von 1961 und die „voran“ von 1962 Teil des Pop-Archivs der WWU.

Von Jugendzeitschriften bis Herrenmagazinen archiviert der Lehrstuhl von Prof. Dr. Moritz Baßler alles, was mit Popkultur zu tun hat. Darunter sind Titel wie Spex, Bravo, Twen, Titanic, Missy, Musikexpress, Hör zu! und 11 Freunde aus den 1950er-Jahren bis heute. Zudem gibt es eine umfangreiche Popliteratursammlung. „Es ist kein Archiv, das es in 300 Jahren noch geben wird. Die Zeitschriften sollen benutzt werden. Jeder kann sich hinsetzen und bei uns in den Magazinen stöbern. Es ist ein Arbeitsarchiv“, betont der Literaturwissenschaftler.

Seit 2012 binden Lehrende die Bestände des Pop-Archivs in Seminare und Vorlesungen ein. Für Referate und Abschlussarbeiten haben auch Studierende und Schüler Zugang zu den Materialien. Bis jetzt umfasst die Bestandsliste rund 1.700 Einträge. Sie wächst jedoch stetig, da noch nicht alles katalogisiert ist und die Sammlung fortlaufend erweitert wird. Wer den von außen unscheinbar wirkenden Raum im Vom-Stein-Haus am Schlossplatz betritt, dem fällt sofort das gemütliche Sofa auf. Es lädt zum Verweilen und Lesen ein. Auf den Regalen an den Wänden stapeln sich graue Archivboxen gefüllt mit den Heften – alle beschriftet mit dem jeweiligen Erscheinungsjahr. Auch die Monografien, Sammelbände der Populärkultur sind in diesem Zimmer untergebracht. Die Titel widmen sich dem breiten Spektrum des Pop von der Beat-Szene der 1960er-Jahre über die Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er-Jahre bis zu aktuellen Phänomenen wie dem neuesten deutschen Lied.

„Das ist eine Form von Wissenschaft, die im wahrsten Sinne des Wortes häufig Lust macht“

Die Zeitschriften des Pop-Archivs geben Einblicke in die gesellschaftlichen Themen und Sichtweisen des 20. und 21. Jahrhunderts. Außerdem zeigt die Berichterstattung, in welchem Kontext sie dargestellt wurden. Wovon handeln die Artikel? Welche Formate gibt es? Wie sehen die Werbeanzeigen aus? Mithilfe der Sammlung können die Literaturwissenschaftler diese Fragen beantworten. „Kulturelle Kontexte zu bestimmten Zeiten findet man nicht in der Fachbereichsbibliothek. Uns interessieren Niederungen, die wir in der Universitäts- und Landesbibliothek nicht finden“, erklärt Moritz Baßler und lacht. „Es ist eine Form von Wissenschaft, die im wahrsten Sinne des Wortes häufig Lust macht.“ Mit ihren Forschungsschwerpunkten der Kulturpoetik und der Text-analyse von Rock- und Popsongs fühlen sich die fünf Mitarbeiter um Moritz Baßler nicht als Exoten. „Aber es ist ungewöhnlich, dass ein kleiner Lehrstuhl selbst ein solches Archiv für Forschungszwecke gründet“, hebt Philipp Pabst, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Moritz Baßler, hervor und fügt hinzu: „Es ist gar nicht so leicht, die Zeitschriften zu finden und zu erwerben. Wir haben dafür keinen festen Etat.“ Aber immer wieder stehen finanzielle Mittel zur Verfügung. „Dann beginnt eine Schnitzeljagd nach Magazinen. Wir durchforsten zum Beispiel unzählige ebay-Kleinanzeigen“, sagt Philipp Ohnesorge, wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl von Moritz Baßler.

Die umfangreichen Bestände stehen jedermann offen

Im Mai dieses Jahres haben sich die Germanisten dem Archivnetzwerk Pop angeschlossen. Neben dem Pop-Archiv in Münster gehören das rock’n’popmuseum in Gronau, das Archiv der Jugendkulturen in Berlin, das Archiv für populäre Musik im Ruhrgebiet in Dortmund, das Musikarchiv NRW in Köln und das Lippmann+Rau-Musikarchiv in Eisenach diesem Verbund an. Ziel des Zusammenschlusses ist es, die Arbeit dieser Archive und die dort gesammelten popkulturellen Quellen öffentlich sichtbar zu machen. Die umfangreichen Bestände sind für jedermann offen. Sie reichen von Zeitschriften über Literatur bis hin zu Plakaten, Flyern, Tonträgern, Filmaufnahmen und Fotos. Außerdem soll der Austausch zwischen den einzelnen Einrichtungen erleichtert werden, um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Popkultur zu vereinfachen. Dazu findet im Februar 2018 ein Workshop in Münster statt, der Archivisten und Wissenschaftler zusammenbringt.

Die Suche von Moritz Baßler und seinen Mitarbeitern nach interessanten Magazinen geht währenddessen unbeirrt weiter. Mittlerweile sind die Privatsammler zum größten Teil abgegrast. Daher sind Trödeltouren nicht mehr so erfolgreich wie vor einigen Jahren noch. Auch die Kosten von 14 bis 20 Euro für ein Heft belasten das Budget. Deshalb hat Hannah Zipfel, wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl von Moritz Baßler, einen Wunsch: „Wir hoffen, dass wir viele weitere Zeitschriften geschenkt bekommen.“ Wer seinen Bestand dem Pop-Archiv überlassen möchte, kann sich mit Moritz Baßler (Telefon: 0251/83 24442 oder E-Mail: mbassler@uni-muenster.de) in Verbindung setzen.

 

Serie

So vielfältig wie die Welt der Wissenschaft, so vielfältig sind auch die Sammlungen der Universität Münster. Ausgestopfte Tiere, antike Skulpturen, Gewebeproben, lebende Pflanzen – all diese Dinge sind für Forschung und Lehre unverzichtbar. Bereits in den Gründungsjahren der Hochschule Ende des 18. Jahrhunderts wurden die ersten anatomischen Modelle angeschafft. Heute stehen Forschern und Studierenden 26 Sammlungen aus allen Wissensgebieten zur Verfügung. Mehrere davon stellen wir Ihnen in der Serie "Sammlungen an der WWU" vor.

 

Autorin: Kathrin Nolte

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 7, November/Dezember 2017.

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