WWU News

|
Münster (upm)

Kein Schloss für Könige und Prinzessinnen

Mit der Grundsteinlegung vor 250 Jahren begann die wechselvolle Geschichte des Barockbaus – ein Gastbeitrag
Das Schloss im Jahr 2017© WWU/Jan Lehmann
Fotos

Seit rund 70 Jahren ist das Residenzschloss Münster Hauptgebäude der Universität Münster. Dass der Bau einmal der Forschung und Lehre – und ihrer Verwaltung – dienen würde, war am Tag seiner Grundsteinlegung am 26. August 1767 nicht absehbar. Aber schon damals war klar, dass dies kein Schloss für Könige und Prinzessinnen wird. Das Bistum Münster war ein geistliches Territorium. Weltliche und geistliche Macht lagen bei Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, der als Fürstbischof von Münster und Kurfürst von Köln Herr über eines der wichtigen Territorien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war. Der Anstoß für den Bau des Schlosses kam aber nicht von ihm. Schon vor der Bischofswahl Maximilian Friedrichs hatten die Landstände des Bistums, Vertreter der Städte, des Adels und der Geistlichkeit gefordert, die Festung westlich der Stadt abzureißen und dort ein Schloss zu errichten. Die Festung hatte sich im gerade beendeten Siebenjährigen Krieg als unbrauchbar erwiesen, und ein Großbauprojekt mag in der Nachkriegszeit als wichtiges Symbol und wirtschaftlicher Impuls gegolten haben. So waren die Landstände sogar bereit, den Schlossbau weitgehend aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Dafür ließen sie sich allerdings an der Stadtseite der beiden Seitenflügel mit ihren Wappen verewigen.

Der Entwurf für das Schloss stammt von dem westfälischen Baumeister Johann Conrad Schlaun. Dieser integrierte die Reste der Festungsanlage geschickt in seine Pläne, sodass man heute das Schloss an der charakteristischen Zackenform seines Gartens sofort im Stadtplan finden kann. Der Bau orientiert sich mit seiner strengen Symmetrie an französischen Vorbildern, die Materialien – Ziegel und Sandstein – sind aber typisch für die Region. Die Vollendung des Baus erlebten allerdings weder der Architekt noch der Bauherr. Als Johann Conrad Schlaun 1773 starb, war das Schloss noch weitgehend Rohbau. Sein Nachfolger, Wilhelm Ferdinand Lipper, stattete die Innenräume im nun modernen klassizistischen Stil aus. Mit dem Tod des Bauherrn 1784 begann die Abwicklung der Baustelle. Die Anlage blieb ein Torso.

Nach der französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen fiel Münster an die Preußen, und das Schloss wurde zum Sitz der Provinz- und Militärverwaltung. Entsprechend nüchtern ging es jetzt auch im Schloss zu. Ob die Räume je die Feste und Bälle erlebt haben, für die sie errichtet wurden, ist unbekannt. Die neuen Bewohner passten das Gebäude ihren Bedürfnissen an. Lediglich einige Repräsentationsräume blieben erhalten und wurden Anfang des 20. Jahrhunderts durch Fotos dokumentiert.

An vielen Stellen im Schloss finden sich Zeugnisse der Vergangenheit.

1933 zogen die Nazis ins Schloss und nutzten es als Kulisse für ihre Aufmärsche. Als am Palmsonntag 1945 Brandbomben in das Dach einschlugen, hatten sich die Nationalsozialisten bereits abgesetzt. So waren es beherzte Bürger, die die bewegliche Ausstattung aus dem Schloss retteten. Das Schloss brannte bis auf die Außenmauern nieder. Dass die Ruine nicht abgerissen wurde, ist dem damaligen Leiter der Denkmalbehörde, Wilhelm Rave, zu verdanken, der auf der Suche nach Argumenten für einen Wiederaufbau des Baudenkmals den Blick auf die Universität lenkte. Diese hatte in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs fast alle ihre Gebäude verloren. Ob es einen Neuanfang in Münster geben würde, war zunächst unsicher. So überrascht es nicht, dass Wilhelm Rave für seine Idee, das Schloss der Universität zu übergeben, schnell Zustimmung von allen Seiten fand.

Die Aufgabe, das barocke Schloss auf seine neue Funktion vorzubereiten, lag in den Händen von Hans Malwitz. Dieser hatte zuvor in der preußischen Bauverwaltung Karriere gemacht und war unter Albert Speer für die Planung der Hochschulstadt Berlin verantwortlich. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kam er auf Umwegen nach Münster und zeigte sich der Herkulesaufgabe, in Zeiten allgemeiner Not auf Altstadt- und Schlosscampus eine neue Universität zu errichten, gewachsen. Für die Universität im Schloss plante er auf neuen Grundrissen nicht nur Hörsäle, Seminarräume und Bibliotheken, sondern auch Räume für das Rektorat, die Verwaltungsspitze und vor allem einen zentralen Festsaal. Schlossfoyer, Treppenhäuser und Aula sowie das Büro des Rektors stehen heute als herausragende Beispiele der Repräsentationsarchitektur der jungen Bundesrepublik unter Denkmalschutz.

1954 war der Wiederaufbau vollendet. Damals für nur 5000 Studierende geplant, ist die Universität den Malwitzschen Planungen längst entwachsen. Die Institute sind aus dem Schloss in eigene Gebäude umgezogen, die Hörsäle müssen nach und nach Büros für die stetig wachsende Verwaltung weichen. In Kürze werden sich die neuen Studierenden auch nicht mehr im Schloss einschreiben können. So ist der Bau auch heute noch ständigem Wandel unterworfen.

Und wer genau hinschaut, kann im Schloss an vielen Stellen Zeugnisse der älteren und jüngeren Vergangenheit entdecken, seien es Reste barocker Stuckarbeiten, Seilzüge für Wandtafeln, die vor der Erfindung von Dia, Beamer und Co. in der Lehre eingesetzt wurden, oder tote Leitungen und Steckdosen, deren Zweck heute niemand mehr kennt. Mit der modernen Studienlounge im Schlosskeller gelingt der Anschluss ans 21. Jahrhundert. So erweist sich das Schloss bei aller gesetzten Grandezza, die es im Stadtbild entfaltet, als überraschend wandlungsfähig. Und passend zu seinem 250. Geburtstag scheinen auch Pläne für ein umfassendes Facelifting Wirklichkeit zu werden. Die Aufarbeitung der Fenster soll in Kürze beginnen, und auch die Rettung des brüchig gewordenen Fassadenschmucks ist in Sicht. Damit wäre das Residenzschloss Münster dann gut vorbereitet für weitere 250 Jahre.

 

Autor Dr. Eckhard Kluth ist Leiter der Zentralen Kustodie der WWU Münster. Er bietet regelmäßig Führungen im Schloss an.

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 5, 21. Juli/August 2017

 

Links zu dieser Meldung