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Münster (upm/nor)

"In Münster habe ich das Priestertum gelernt"

Prof. Leo O‘Donovan, Ex-Rektor der Georgetown University, über Rankings, den Papst und seine Zeit an der WWU
Prof. Dr. Leo O'Donovan
Prof. Dr. Leo O'Donovan
© WWU - Peter Grewer

Auf Einladung der "Arbeitsstelle für deutsch-amerikanische Bildungsgeschichte" der Universität Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Overhoff kehrte Prof. Dr. Leo J. O'Donovan (81) für einige Tage an die WWU zurück – Norbert Robers nutzte die Gelegenheit und sprach mit dem Priester und Ex-Rektor der Georgetown University in Washington D.C. über seine Studienzeit in Münster, über Papst Franziskus und über die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Hochschulen.

Sie haben vor mehr als 40 Jahren an der WWU studiert. Woran erinnern Sie sich noch heute aus dieser Zeit?

O’Donovan: Es war für mich eine sehr wichtige Phase. Es war die Zeit, in der ich gereift bin. Aber es war auch eine theologisch herausragende Zeit. In diesen Jahren habe ich damit begonnen, mich zu einem Theologen und Priester zu entwickeln, in dieser Zeit bin ich - so komisch es klingen mag -erwachsen geworden.

Wie hat Ihnen die Stadt damals gefallen?

O’Donovan: Sehr gut, ich habe mich sehr wohl gefühlt. Ich habe damals im Haus Sentmaring, einer Jesuiten-Residenz, gewohnt. Obwohl dort nur zwei Deutsche, aber mehrere Amerikaner, Japaner, Belgier und Kanadier gelebt haben, haben wir alle ausschließlich Deutsch untereinander gesprochen. Am Abend sind wir gerne zu Pinkus Müller gegangen, aber ich kannte natürlich auch den großen und den kleinen Kiepenkerl. Damals sagte man: Münster hat für jeden der 365 Tage im Jahr eine eigene Kneipe. Unser nicht ganz ernst gemeinter Ehrgeiz bestand seinerzeit darin, all diese Kneipen kennenzulernen. Eines Abends haben wir mit mehreren Studenten so lange über Karl Rahner und Bernard Lonergan diskutiert, bis wir am Ende nur noch von Lahner und Ronergan sprachen…

Was war der Grund seinerzeit dafür, dass Sie für Ihr Studium nach Münster gewechselt sind?

O’Donovan: Dieser Grund hat einen Namen: Karl Rahner, der von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1971 in Münster gelehrt hat. Ich hatte einiges von ihm gelesen, unter anderem Sätze, die der Schweizer Hans Urs von Balthasar von Rahner zitierte – ich war von Beginn an davon tief beeindruckt.

Wenn Sie heute nach Münster zurückkommen – erkennen Sie die Stadt wieder?

O’Donovan: Aber ja. Ich finde, dass sich die münstersche Innenstadt in den wesentlichen Grundzügen nicht sehr verändert hat: der Dom, das Rathaus, der Prinzipalmarkt, die Promenade. Jetzt hatte ich endlich die Zeit, um mir das neue Landesmuseum anzuschauen: ein architektonisches Glanzstück.

Sie kennen sich weltweit an vielen theologischen Fakultäten aus. Welchen Ruf hat die münstersche Fakultät?

O’Donovan: Einen sehr guten Ruf, damals wie heute. Karl Rahner und sein Schüler Johann Baptist Metz sowie Walter Kardinal Kasper sind nur drei der wirklich herausragenden Namen, die hier gelehrt haben.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten?

O’Donovan: Der Wettbewerb zwischen den amerikanischen Universitäten ist sehr stark – alle bemühen sich sehr intensiv um die besten Professoren. Das hat die Qualität in den vergangenen Jahrzehnten sicher stark beeinflusst. Aber keine Frage: Voraussetzung dafür ist eine starke finanzielle Basis.

Also blicken die amerikanischen Professoren eher mitleidig nach Europa beziehungsweise Deutschland?

O’Donovan: Nein, ganz sicher nicht. Viele europäische, auch deutsche Universitäten genießen einen guten Ruf bei uns. Und Sie dürfen eines nie verwechseln: Man besucht beziehungsweise arbeitet in erster Linie an einer Fakultät und nicht an einer Universität insgesamt. Das Renommee der einzelnen Fakultät ist der entscheidende Punkt. Wenn man irgendwann den Status erreicht hat, zu einer der jeweils besten Fakultäten des Landes zu gehören, kommen die besten Professoren auch, ohne gleich auf ihr Gehalt zu achten – denn sie orientieren sich vor allem daran, wo die Top-Kollegen arbeiten.

Orientieren sich die Professoren auch an Rankings?

O’Donovan: Nein, die meisten Professoren stehen diesen Listen sehr skeptisch gegenüber. Und ich habe während meiner Präsidentschaft keinen Präsidenten einer amerikanischen Universität kennengelernt, der Rankings ernst genommen hat. In diesem Jahr Platz fünf, im nächsten Platz zwei und dann vielleicht mal auf Platz eins: Diese Veränderungen sind nur damit zu erklären, dass die Zeitschriften, die darüber berichten, davon abhängig sind, dass sie auch wirklich etwas zu berichten haben…

Als Priester werden auch Sie das Pontifikat von Papst Franziskus mit großem Interesse verfolgen. Wie schätzen Sie dessen bisherige Arbeit ein?

O’Donovan: Ich schätze ihn als Papst und als Menschen sehr. Er strahlt unglaublich viel Leichtigkeit, Zuneigung und Nähe aus, so wie Jesus, der auch immer die Nähe Gottes und nicht die der Kirche gepredigt hat. Diese Zuneigung ist geradezu ansteckend – und sie ist für die Kirche insgesamt ein wahrer Segen.

Haben Sie ihn immer schon so wahrgenommen?

O’Donovan: Die einen sagen, dass ihn seine intensiven Kontakte mit den Armen während seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires verändert haben. Ich gehöre dagegen zu denjenigen, die glauben, dass er immer schon diese zutiefst christliche Liebe zu den Menschen empfunden hat.

Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Reformvorhaben von Papst Franziskus?

O’Donovan: Ganz eindeutig seine Überzeugung, dass er die katholische Kirche mehr als Kollegium betrachtet und entsprechend ausrichten möchte. Das Amt des Papstes ist in der katholischen Kirche ein besonderes Amt, der Papst steht für die Einheit der Kirche. Auf der anderen Seite ist es auch nach Überzeugung von Franziskus nur ein Amt unter vielen - er will das Episkopat stärken. Und er will Erneuerungen. Woher sollen diese Erneuerungen kommen? Aus der Welt! Aber die Welt sitzt nun mal nicht in Rom.

Bei Ihrer Vielzahl an Ämtern sticht eines besonders hervor: Sie gehörten eine Zeitlang dem Aufsichtsrat von Walt Disney an. Eine für einen Priester eher ungewöhnliche Aufgabe…

O’Donovan: … die ich aber gerne wahrgenommen habe. Als der damalige Vorstandsvorsitzende Michael Eisner mich zu meiner Zeit als Universitäts-Präsident darum bat, habe ich gesagt: Aber ich bin doch gar kein Geschäftsmann. Er antwortete, dass er mich dennoch dafür gewinnen würde, weil ich die jungen Menschen und deren Eltern verstehe, weil ich die amerikanischen Ideale kenne und weil ich ein großes Unternehmen, in meinem Fall eine Universität, leite. Es war eine spannende Zeit, in der ich vieles gelernt habe! Apropos gelernt: Wissen Sie, wo ich das Priestertum gelernt habe?

Sie werden es mir hoffentlich sagen!

O’Donovan: In Münster! Ich habe drei Jahre lang im Pfarrhaus von St. Antonius gewohnt, weil mich der Pfarrer damals eingeladen hatte, als Subsidiar zu helfen. Pfarrer Joseph Tömmers und seine Kusine nahmen mich wie einen adoptierten Sohn an. Joseph Tömmers war ein so großartiger Pfarrer: Er war kein Intellektueller, aber ein sehr kluger Mann, der unbeschreiblich ermutigend agierte. Allein deswegen habe ich an Münster die allerbesten Erinnerungen. Obwohl die vielen Kinder in der Gemeinde immer Schwierigkeiten mit meinem Namen hatten und mich deswegen immer nur Pater Donnerwetter genannt haben…

Quelle: "wissen|leben" Nr. 1, 03. Februar