(D2-4) Martyrium und Martyriumsdiskurse im 4. Jh. n. Chr.

Nach den letzten Christenverfolgungen 303–305 beziehungsweise 311 n. Chr. und seit der unter Konstantin einsetzenden imperialen Förderung der Kirche gehörten christliche Martyrien im Grunde der Vergangenheit an. Tatsächlich blieb das Phänomen und ebenso die Märtyrerverehrung und die Theologie des Martyriums im 4. Jh. bedeutsam, ja gewann weitere Horizonte und Funktionen in neuen Konflikten hinzu. Es entstand eine facettenreiche Martyriumsdebatte, die in den Gemeinden, bei innerkirchlichem Streit und in Auseinandersetzung mit Paganen und Juden hohes identitätsstiftendes Potential entfaltete und zudem neue, zeitgenössische Gewalterfahrungen aufnahm.

Die Valenz des Martyriums und der Märtyrerverehrung wurde nicht nur von Paganen, sondern teils auch von Kirchenführern in Frage gestellt. Die Popularität des Märtyrerkults als (quasi-paganer) Totenkult mit Festmählern (aber auch Inkubation und Divination) forderte Widerspruch von Bischöfen wie Augustinus heraus, welche das Konzept eines ‚täglichen Martyriums’ jedes Christen entwickelten. Andere (Vigilantius vs. Hieronymus u.a.) eröffneten einen theologischen Diskurs über Grundlagen und Rechtfertigung der Märtyrerverehrung.

Die Dynamik der spätantiken Märtyrerverehrung wurzelte vor allem in volkstümlicher Religiosität. Neue Gemeinden suchten sich über die (Re-)Konstruktion und Invention von Märtyrern und die Ausgestaltung von Märtyrerlegenden (eine neue Literaturgattung) Verehrungsorte zu schaffen und schufen eigene Liturgien, für die Märtyrerfeste und -predigten (gleichfalls ein neues Genos) konstitutiv waren. Die im 4. Jh. ‚entdeckte’ Mobilität von Reliquien und Märtyrerverehrung (durch Translation, Handel) gestattete die Ausbildung einer reichsweiten Sakraltopographie. Bischöfe nutzten die Hebung oder Translation von Märtyrergebeinen als Chance, Spiritualität zu demonstrieren und Macht hinzuzugewinnen.

Neue Martyrien im 4. Jh. spiegelten das anhaltend hohe Konflikt- und Gewaltpotential religiöser Auseinandersetzungen. ‚Märtyrer’ produzierte vor allem die pagane Reaktion Julians, wobei dessen Opfer Objekte einer exzessiven, anti-pagane Identität stiftenden Martyrologie neuen Zuschnittes wurden. Erlittene, inszenierte und propagierte Martyrien wurden das äußere Signum der wiederkehrenden Unterdrückung und offenen Verfolgung dissentierender christlicher Gruppierungen im spätantiken Imperium. Die sich als Märtyrerkirche verstehenden nordafrikanischen Donatisten konfrontierten die Katholiken mit einem beispiellosen Märtyrerkult und stießen eine generationenlange kontroverse Martyriumsdebatte an.

Das Projekt wird unter den innovativen Entwicklungen der Martyriumsdebatte und der Märtyrerverehrung im 4. Jh. diejenigen analysieren, welche ihre Entstehung und Ausprägung unmittelbar den zeitgenössischen religiösen Auseinandersetzungen und Gewalterfahrungen verdanken und hier funktionalisiert wurden: etwa als (offensive) Gründungsmythen von Gemeinden, zur Delegitimierung konkurrierender Glaubensrichtungen oder im Kampf um die Eroberung sakraler Räume.


Das Projekt ist Teil der Koordinierte Projektgruppen Implementation und Durchsetzung von Normen, Umgang mit Multireligiosität sowie Martyrium und Märtyrerkult.

Teilprojekt zur Bedeutung von Kaiser Julian für die Märtyrerverehrung des 4. Jahrhunderts (Marie Kleine)

Im Projekt soll untersucht werden, welche Bedeutung Kaiser Julian als erster und letzter heidnischer römischer Kaiser nach Konstantin für die Märtyrerverehrung des 4. Jahrhunderts gespielt hat. Durch die Religionspolitik Julians, die das Christentum zwar seiner unter Julians Vorgängern erworbenen Privilegien beraubte, aber auf eine gewaltsame Bekehrung oder Verfolgung der Christen im Reich verzichtete, lassen sich für die Regierungszeit Julians zwar nur Confessoren und keine Märtyrer in der zeitgenössischen Überlieferung nachweisen – trotzdem entstehen ab den 380er Jahren Legenden und Erzählungen, die das Gegenteil behaupten. Teil dieser Untersuchung wird daher die Dekonstruktion von Märtyrer-Legenden dieser Zeit, aber auch die genauere Betrachtung der von christlichen und paganen Autoren umkämpften Deutungshoheit über Julians Leben und Wirken in den Jahren nach seinem Tod sein.

Teilprojekt zur zeitgenössischen Märtyrerverehrung (Alissa Dahlmann)

In kirchenhistorischen Werken wird die Entwicklung der Märtyrerverehrung von den Anfängen bis zum Mittelalter als kontinuierlich verlaufender Siegeszug einer kirchlichen Institution dargestellt, wobei die initiierenden und partizipierenden Personen bzw. Gruppen stets als sekundär bewertet und der Märtyrerkult als vom sozialen Kontext losgelöste bedeutsame kultische Erscheinung der Spätantike betrachtet wird. Vor dem Hintergrund der religionspolitischen Umbrüche im 4. Jh. n. Chr. (der sogenannten Konstantinischen Wende) lässt sich jedoch ein divergentes Bild der zeitgenössischen Märtyrerverehrung fassen, welches mit den oftmals historisch geglätteten Darstellungen nicht übereinstimmt: Einerseits war es für die bischöflichen Gemeindevorsteher in Bezug auf die Organisation eines, im Rahmen der Universalkirche einheitlichen, liturgischen Alltags entscheidend, dass die „richtigen“, das heißt die als orthodox angesehenen Märtyrer, auf eine angemessene Art unter kirchlicher Aufsicht und klerikaler Anleitung geehrt wurden, weshalb sie versuchten ihre Kontrollkompetenzen dahingehend zu etablieren bzw. zu stabilisieren und auszuweiten. Andererseits standen einige Bischöfe dem Kult um die Blutzeugen skeptisch und zum Teil ablehnend gegenüber, infolge dessen sich in diesem Zusammenhang eine rege Diskussion zur Rechtmäßigkeit der Märtyrerverehrung allgemein herauskristallisierte, an welcher viele bedeutsame Kirchenvertreter, wie Athanasius von Alexandria, Basilius von Caesarea, Hieronymus und Augustinus von Hippo, partizipierten. Zudem existieren Belege für Auseinandersetzungen zwischen Bischof und Gemeinde bezüglich der zu verehrenden Märtyrer, sodass die Frage evident wird, welche Personen beziehungsweise Gruppen anhand welcher sozialer Mechanismen und auf welcher ideologischen Grundlage basierend im 4. und frühen 5. Jh. n. Chr. versuchten Kontrolle über den Märtyrerkult auszuüben. Des Weiteren wird zu klären sein, wann sich der Fokus der spätantiken pluralistischen Märtyrer- und Reliquienverehrung auf das mittelalterliche Phänomen einer kirchlich konstituierten und institutionalisierten materiellen Reliquienverehrung verengte und warum.


Die Teilprojekte sind Teil der Koordinierten Projektgruppe Martyrium und Märtyrerkult.