(C9) Konkurrenz und Identität in polytheistischen Gesellschaften des antiken Kleinasien – Lokale Kulte zwischen Abgrenzung und Integration

Orte der Verehrung des Iupiter Dolichenus
Foto: M. Blömer
Seit April 2009 untersuchen Wissenschaftler des Teilprojektes C 9 Kulte des römischen Nahen Ostens im lokalen, regionalen und überregionalen Kontext. Ziel ist es, die strukturell unterschiedlichen Formen herauszuarbeiten, in denen sich in polytheistischen Gesellschaften ´Konkurrenz` einerseits, ´Identitätsbildung` andererseits äußern beziehungsweise vollziehen konnte, um so zu einem differenzierteren Verständnis religiöser Mentalität antiker Gesellschaften zu gelangen. Exemplarisch im Mittelpunkt steht dabei die Erforschung der diachronen Entwicklung sowie der Struktur des Iuppiter Dolichenus-Kultes. Aus dem Gott einer syrischen Kleinstadt (Doliche) wurde im 2. Jh. n. Chr. ein im gesamten römischen Reich verehrter Beschützer des römischen Heeres und Garant der imperialen Ordnung. Der Verbreitungsprozess steht im Zusammenhang einer weitreichenden Transformation religiösen Lebens im römischen Reich, die schließlich in der Vorherrschaft der christlichen Religion mündete. Somit kommt der Untersuchung dieses Kultes sowohl im Kontext orientalischer Kulte der Kaiserzeit als auch im Zusammenhang allgemeiner Entwicklungen auf dem `religiösen Markt´ der hohen Kaiserzeit paradigmatische Bedeutung zu.

Dolichenus-Heiligtum
Foto: M. Blömer
Archäologische Forschungen in Doliche
Ein Schwerpunkt liegt dabei in der bisher vernachlässigten Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit die lokale Verehrung des Gottes in seiner Heimat mit der Reichsreligion korreliert. Hierbei ist die Untersuchung der Ursprünge des Kultes und seiner heimatlichen Umwelt von Bedeutung. Grundlage bildet die Auswertung der archäologischen Forschungen im Heimatheiligtum des Gottes in Doliche: Seit 2001 führt die Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster dort erfolgreich Ausgrabungen durch, was die einzigartige Möglichkeit bietet, neue Informationen zu zentralen Fragen des Kultes und zu spezifischen religiösen Verfahren zu gewinnen. Vor allem in Hinblick auf die Frage nach der Entstehung des Kultes und seinen Wurzeln in der altvorderasiatischen Religion hat die Analyse der Grabungsbefunde neue Erkenntnisse liefern können. So zeichnen sich immer deutlicher eine Formierung des Kultes in der Mittleren Eisenzeit und eine ungebrochene Kontinuität religiöser Ideen bis in die römische Kaiserzeit ab. Diese Ergebnisse sind auch für zahlreiche andere Lokalkulte des gesamten römischen Nahen Ostens von Bedeutung.

Stele des Iupiter Dolichenus
Foto: M. Blömer
Globalisierung des Kultes
Darüber hinaus ist deutlich geworden, dass die Globalisierung des Kultes nicht als Resultat eines von Doliche aus gesteuerten Prozesses anzusehen ist. Das Heiligtum diente trotz einer klar nachweisbaren Präsenz römischer Soldaten und westlicher Pilger primär der lokalen Bevölkerung als religiöses Zentrum. Wesentliche Transformationsprozesse erfolgten offenbar im Westen und wirkten sich erst als backflow im Heiligtum aus. Damit einher geht ein Nebeneinander von neuen wie auch traditionellen Formen der Verehrung. Die Voraussetzungen und Bedingungen des Transformierungsprozesses sowie der Integration in die römische Reichsreligion werden weiter untersucht, ebenso die Frage, was den Gott von Doliche vor einer Vielzahl identisch scheinender syrischer Lokalgötter auszeichnete und warum er in der römischen Armee eine so breite Akzeptanz fand. Aufgrund der prekären Quellenlage spielen dabei Methoden der Ikonographie und Archäologie eine zentrale Rolle. Besonderes Augenmerk ist zudem auf Wesen und Funktion der weiblichen Partnerin des Iuppiter Dolichenus, Iuno Dolichena, gerichtet. Diese Untersuchungen werden in enger Kooperation mit der Universität Pisa durchgeführt.
Ausstellung und Tagungen
Als ertragreich haben sich zwei Tagungen erwiesen, die seitens des Teilprojektes C 9 in Münster ausgerichtet wurden und zentrale Aspekte der Iuppiter Dolichenus–Kultes sowie der Kontinuitätsproblematik im römischen Nahen Osten beleuchtet haben (Tagung: Iupiter Dolichenus. Lokalkult und Reichsreligion im Vergleich, Tagung: Continuity, Discontinuity and Change). Die Publikation der Tagungsberichte ist jeweils in Vorbereitung. Zudem bot eine Ausstellung im Archäologischen Museum der Universität Münster die Möglichkeit, Zwischenergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren (Ausstellung „Die Stele von Doliche“). Fragen der Beziehung orientalischer und westlicher Religionskonzepte in der römischen Kaiserzeit werden zudem in Kooperation mit dem Projekt „Vom Orient nach Rom und wieder zurück. Religiöse Austauschprozesse und die Ausbreitung orientalischer Kulte im römischen Reich“ des Heidelberger Exzellenzclusters „Asia and Europe in a Global Context„ erörtert.
Leitung
Prof. Dr. Engelbert WinterSeminar für Alte Geschichte
Forschungsstelle Asia Minor
Georgskommende 25
D-48143 Münster
Tel.: +49 251 83-24901
Fax: +49 251 83-24902
ewinter@uni-muenster.de
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Dr. Michael BlömerInstitut für Klassische Archäologie
Forschungsstelle Asia Minor
m.bloemer@uni-muenster.de
