(B12) Religion und ‚Civil Religion’ in US-amerikanischen patriotischen Feiertagen, 1945-1992

Ausgehend von Robert N. Bellahs einflussreichem Aufsatz von 1967 und der wissenschaftlichen Debatte der letzten 45 Jahre wurde folgende interdisziplinäre Definition von Zivilreligion erarbeitet: Zivilreligion verfügt über ein religiöses „System“ mit eigenem Symbolvorrat. Hierdurch werden Sinn- und Letztbegründungsfragen der Nation bezogen auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen transzendenten diskursiven Ordnungsrahmen gesetzt. Dieser ist der menschlichen Dispositionsfreiheit entzogen. Dabei unterliegt das zivilreligiöse Werte- und Orientierungssystem dem Konsens der jeweiligen Glaubensgemeinschaften und schließt keinen von vornherein aus. Darüber hinaus muss Zivilreligion sowohl strukturell differenziert als auch unabhängig von Staat und Kirche sein. Zivilreligion kann die Funktionen der Integration sowie der Legitimation politischer Agenden, der Festigung nationaler Identität und Solidarität erfüllen, muss dies aber nicht zwangsläufig tun. Darüber hinaus hat Zivilreligion ebenfalls eine kritisch-prophetische Funktion, die moralische Normen und somit einen Standort vorgibt, von dem aus die Handlungen und jeweiligen Ziele nationaler Interessengruppen hinterfragt werden können. Somit muss – im Gegensatz zu Bellahs präskriptiv-normativem Ansatz – Zivilreligion analytisch begriffen werden: als fluides Konstrukt, dass entsprechend den gegebenen zeitlichen Umständen, der jeweiligen Identität und dem Ziel der Nation /Gruppe interpretiert wird.

Die Untersuchung der Jubiläen der englischen Besiedlung Nordamerikas (350-Jahres-Feier der Gründung von Jamestown 1956/57 als Feier im Süden der USA und das 350. Jubiläum der Besiedlung von Plymouth Plantation 1970/71 als Beginn der „Mission“ der Besiedlung der Neuen Welt) hat ergeben, dass in beiden Feiern aufgrund des Kalten Krieges versucht wurde, die Nation über lokale, regionale, ethnische, religiöse, Geschlechter-, Alters- und Klassengrenzen hinweg zu einigen und Zivilreligion zu Zwecken der Integration einzusetzen. 1956/57 lag der Schwerpunkt auf der Kooperation mit Großbritannien, bzw. der ganzen englischsprachigen Welt und allen „freedom-loving nations“. Damit war die anvisierte Gemeinschaft nach außen hin weit gefasst, intern wurden aber Afroamerikaner und Indianer fast vollständig ausgeschlossen. Das Plymouth-Provincetown-Jubiläum richtete sich aufgrund des Vietnamkrieges mehr an eine inneramerikanische Öffentlichkeit und bemühte sich insbesondere, Native Americans zu integrieren, die seit den 1960er Jahren gegen US-amerikanische Feiern des Thanksgiving-Tages protestierten.

Auch am Thanksgivingfest wurde die bereits bestehende zivilreligiöse Symbolik „angepasst“, um die Integration der Native Americans zu gewährleisten. Der in den bisher untersuchten Zeiträumen oft unkritisch von der Gesellschaft aufgenommene Gründungsmythos Amerikas ¬– die zu politischen wie religiösen Ikonen stilisierten Pilgerväter – wurde mit der Entstehung des National Day of Mourning als Antithese zu Thanksgiving seit den 1970er zunehmend hinterfragt.

Während beide Feiern der Integration sowie der Legitimierung US-amerikanischer und westlich-demokratischer Ideale dienten, enthielten sie auch eine kritisch-prophetische Note. In Reden, Schauspielen, Aufführungen, Paraden und Gottesdiensten wurden US-Amerikaner aufgefordert, ihr Engagement für die Gründungsprinzipien der USA zu erneuern und den zivilreligiös überhöhten Idealen ihrer Vorfahren nachzueifern. Insgesamt lässt sich sagen, dass der Anteil der Zivilreligion mit der Bedeutung des Amtes zunahm, d.h. die Reden von Präsident, Vizepräsident, Gouverneur und Ministern enthielten die meisten zivilreligiösen Elemente.

Die Untersuchung der regelmäßig gefeierten patriotischen Feiertage hat erstens ergeben, dass die integrierende Kraft der Feiertage durch zivilreligiöse Symbolik sowohl seitens des politischen Establishments als auch verschiedener Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft vor allem im Zuge der Bürgerrechtsbewegung gefördert und (meist) erfolgreich eingesetzt wurde. So wurde beispielsweise Martin Luther King Jr. in die Ahnengalerie zivilreligiöser Helden als „Apostel der Aussöhnung“ (Washington Post) erhoben und die afroamerikanische Bevölkerung am Martin Luther King Day durch Wiedergeburt, Erlösung und Erneuerung nach langem Kampf in die geschaffene Novus Ordo Seclorum aufgenommen. Kings zivilreligiöses Erbe setzten sowohl die Präsidenten als auch Zeitungsberichte mit der Erneuerung des „amerikanischen Experiments“ gleich, so dass sein Feiertag explizit als „amerikanischer“ verstanden werden sollte.

Zweitens entstand besonders zu Kriegs- und Krisenzeiten ein öffentlicher kritischer Diskurs über die zivilreligiöse Hoheit der Feiertage im Hinblick auf die Legitimation sowohl innen- wie außenpolitischer Agenden seitens der Regierung. Während beispielsweise der Memorial Day die Gesellschaft für die Bekämpfung des „gottlosen“ Kommunismus seit Anfang der 1950er Jahre vereint hatte, entstanden im Zuge des Vietnamkriegs Spannungen bezüglich der Deutung zivilreligiöser Gehalte, die schließlich zu Transvaluationen der zivilreligiösen Gehalte führten. Die transzendente Bedeutung des Krieges ging verloren und die Überzeugung von der Auserwähltheit der Nation und dessen Mission schwand. Infolgedessen entwickelte sich der Memorial Day zunehmend zur Bühne politischer Anti-Kriegsproteste. Während die Regierung durch zivilreligiöse Rhetorik den Krieg zu legitimieren suchte, wurden die gleichen Symbole von den Kriegsgegnern teilweise umgedeutet und für die Legitimierung des Friedens eingesetzt. Die Proteste hoben hervor, dass einzig die Friedensbewegung die Prinzipien der Amerikanischen Revolution aufrechterhalte.

Drittens ist zugleich eine erneute, oft unkritische, Rückbesinnung auf die religiös-christlichen Elemente der US-amerikanischen Zivilreligion seit den 1980er Jahren, besonders während des Golfkrieges, zu erkennen. 1967 beispielsweise wurde Präsident Lyndon B. Johnsons suggestive Behauptung in seiner Thanksgiving Proklamation, dass eine höhere Macht Amerika mit der Intervention in Vietnam beauftragt habe, heftig kritisiert. Demgegenüber entstand 1990 nach Veröffentlichung der Memorial-Day-Proklamation von Präsident George Bush Sr. im Zuge des Golfkrieges, in der er den Krieg im Namen Gottes legitimierte, keine kritische Debatte.

Publikation

  • Bungert, Heike/Weiß, Jana, „Die Debatte um ‚Zivilreligion‘ in transnationaler Perspektive“, in: Zeithistorische Forschung/Studies in Contemporary History 7 (2010), S. 454-459.

Vorträge

  • Bungert, Heike, „Amtseinführungen US-amerikanischer Präsidenten“ (10.11.2009, Ringvorlesung „Rituale der Amtseinsetzung“, Münster)
  • Bungert, Heike, „Amtseide, Bälle und Paraden“ (4.2.2010, Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft, Münster)
  • Bungert, Heike, „Civil Religion as a Source of Appeasement in U.S. National Anniversaries, 1957-1970” (11.4.2012, Tagung: European Social Science History Conference, University of Glasgow, UK)
  • Weiß, Jana, „Martin Luther King Day: ‚A Non-Violent Man Is Martyred‘“ (12.2.2010, Tagung: Sakralisierte Politik und politische Religion- Konfigurationen von Religion und Politik im 19. und 20. Jahrhundert, Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Münster)
  • Weiß, Jana, „Zivilreligion – Möglichkeiten und Grenzen“ (9.2.2011, Ringvorlesung: Religion und Politik - (un)vereinbar?, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz)
  • Weiß, Jana, „Civil Religion as a Rhetorical Instrument of Empowerment? The Martin Luther King Day in the United States“ (25.6.2011, Tagung: Empowerment and the Sacred, University of Leeds, UK)
  • Weiß, Jana, „Thanksgiving – Entstehungsgeschichte und Mythos” (10.11.2011, Deutsch-Amerikanische Gesellschaft e.V., Münster)
  • Weiß, Jana, „’On This Memorial Day, We Honor All of Our Fallen Soldiers, Their Commitment to Our country, and Their Legacy of Patriotism and Sacrifice.’ – Civil Religion and the Memorial Day Celebrations in the United States” (11.4.2012, Tagung: European Social Science History Conference, University of Glasgow, UK)
  • Weiß, Jana, „Die US-amerikanische Zivilreligion – Ausdruck transzendenter und/oder immanenter nationaler Identität?“ (19.4.2012, Forschungskolloquium, Historisches Seminar, Münster)

Leitung

Prof. Dr. Heike Bungert Historisches Seminar Professur für Nordamerikanische Geschichte Domplatz 20-22 Zimmer 122
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Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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