(B12) Religion und ‚Civil Religion’ in US-amerikanischen patriotischen Feiertagen, 1945-1992

In der ersten Phase des Clusters wurde im Rahmen des Projekts „Religion und Civil Religion in US-amerikanischen patriotischen Feiertagen, 1945-1992“ auf theoretischer Ebene eine interdisziplinäre, auch für HistorikerInnen geeignete Definition von Zivilreligion erarbeitet. Zivilreligion verfügt über ein religiöses „System“ mit eigenem Symbolvorrat, das Sinn- und Letztbegründungsfragen der Nation in einen transzendenten diskursiven Ordnungsrahmen setzt. Zivilreligion ist strukturell differenziert von Staat und Kirche. Zivilreligion ist als fluides Konzept zu verstehen, das legitimierende, gemeinschaftsstiftende und kritisch-prophetische Funktionen erfüllen kann. Zivilreligion kann zudem in einer Transvaluation umgedeutet werden.

Die Untersuchung der Jubiläen der englischen Besiedlung Nordamerikas (350-Jahres-Feier der Gründung von Jamestown 1956/57, 350. Jubiläum der Besiedlung von Plymouth Plantation 1970/71) hat ergeben, dass Zivilreligion zu Zwecken der Integration genutzt wurde. 1956/57 war die anvisierte Gemeinschaft mit allen „freedom-loving nations“ weit gefasst, intern wurden aber Afroamerikaner und Indianer fast vollständig ausgeschlossen. Das Plymouth-Provincetown-Jubiläum 1970/71 richtete sich aufgrund des Vietnamkrieges mehr an eine inneramerikanische Öffentlichkeit und bemühte sich insbesondere, Indianer zu integrieren. Während die Feiern der Integration sowie der Legitimierung US-amerikanischer und westlich-demokratischer Ideale dienten, enthielten sie auch eine kritisch-prophetische Note und forderten US-Amerikaner auf, ihr Engagement für die Gründungsprinzipien der USA zu erneuern. Bei nationalen Jubiläen (150. Geburtstag von Lincoln 1959) scheint der Bezug auf die Zivilreligion am Stärksten gewesen zu sein.

Die Untersuchung der regelmäßig gefeierten patriotischen Feiertage hat erstens ergeben, dass die integrierende Kraft der Feiertage durch zivilreligiöse Symbolik sowohl seitens des politischen Establishments als auch verschiedener Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft vor allem im Zuge der Bürgerrechtsbewegung gefördert und (meist) erfolgreich eingesetzt wurde. So wurden beispielsweise Martin Luther King Jr. in die Ahnengalerie zivilreligiöser Helden erhoben und am Thanksgivingfest Native Americans integriert. Zweitens entstand besonders zu Kriegs- und Krisenzeiten ein öffentlicher kritischer Diskurs über die zivilreligiöse Legitimation sowohl innen- wie außenpolitischer Agenden seitens der Regierung. Während die Regierung durch zivilreligiöse Rhetorik den Vietnamkrieg zu legitimieren suchte, wurden die gleichen Symbole von den Kriegsgegnern teilweise umgedeutet und für die Legitimierung des Friedens eingesetzt. Drittens ist zugleich eine erneute, oft unkritische, Rückbesinnung auf die religiös-christlichen Elemente der US-amerikanischen Zivilreligion seit den 1980er Jahren, besonders während des Golfkrieges, zu erkennen.

Publikation

  • Bungert, Heike/Weiß, Jana, „Die Debatte um ‚Zivilreligion‘ in transnationaler Perspektive“, in: Zeithistorische Forschung/Studies in Contemporary History 7 (2010), S. 454-459.

Vorträge

  • Bungert, Heike, „Amtseinführungen US-amerikanischer Präsidenten“ (10.11.2009, Ringvorlesung „Rituale der Amtseinsetzung“, Münster)
  • Bungert, Heike, „Amtseide, Bälle und Paraden“ (4.2.2010, Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft, Münster)
  • Bungert, Heike, „Civil Religion as a Source of Appeasement in U.S. National Anniversaries, 1957-1970” (11.4.2012, Tagung: European Social Science History Conference, University of Glasgow, UK)
  • Weiß, Jana, „Martin Luther King Day: ‚A Non-Violent Man Is Martyred‘“ (12.2.2010, Tagung: Sakralisierte Politik und politische Religion- Konfigurationen von Religion und Politik im 19. und 20. Jahrhundert, Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Münster)
  • Weiß, Jana, „Zivilreligion – Möglichkeiten und Grenzen“ (9.2.2011, Ringvorlesung: Religion und Politik - (un)vereinbar?, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz)
  • Weiß, Jana, „Civil Religion as a Rhetorical Instrument of Empowerment? The Martin Luther King Day in the United States“ (25.6.2011, Tagung: Empowerment and the Sacred, University of Leeds, UK)
  • Weiß, Jana, „Thanksgiving – Entstehungsgeschichte und Mythos” (10.11.2011, Deutsch-Amerikanische Gesellschaft e.V., Münster)
  • Weiß, Jana, „’On This Memorial Day, We Honor All of Our Fallen Soldiers, Their Commitment to Our country, and Their Legacy of Patriotism and Sacrifice.’ – Civil Religion and the Memorial Day Celebrations in the United States” (11.4.2012, Tagung: European Social Science History Conference, University of Glasgow, UK)
  • Weiß, Jana, „Die US-amerikanische Zivilreligion – Ausdruck transzendenter und/oder immanenter nationaler Identität?“ (19.4.2012, Forschungskolloquium, Historisches Seminar, Münster)