Der Präsident als Hohepriester

Prof. Dr. Heike Bungert zu Amtseinführungen in den USA

News Bericht Ringvorlesung Bungert

Prof. Dr. Heike Bungert

Foto: arn

Dwight D. Eisenhower wurde von einem kalifornischen Cowboy mit dem Lasso gefangen, Lyndon B. Johnson schwor seinen Amtseid im Flugzeug und George Washington in New York: Wenn Präsidenten der Vereinigten Staaten in ihr Amt eingeführt werden, gibt es immer wieder Besonderes und Neues, berichtete Prof. Dr. Heike Bungert in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters. Die Nordamerika-Historikerin betonte jedoch auch: „Die Funktion der Feste und Feiern bleibt dieselbe: Sie verdeutlichen den friedlichen Übergang der Macht, sollen die Gemeinschaft stärken und zur Versöhnung mit den Gegnern des vorangegangenen Wahlkampfs beitragen.“

Religiöses spielt dabei Bungert zufolge – trotz der grundsätzlichen Trennung des Staates von Kirchen und anderen  Religionsgemeinschaften – eine immer wichtigere Rolle. „Die Antrittsreden sind die Heiligen Texte dieser Zivilreligion, und der Präsident ihr Hohepriester“, erklärte die Historikerin. Fast alle Präsidenten leisteten ihren Amtseid auf die Bibel – auf die Familienbibel, auf die Bibel George Washingtons oder gleich auf beide. Wie die Nordamerika-Expertin zeigte, beriefen sich die Präsidenten in ihren Antrittsreden auf Amerika als das von Gott auserwählte Land und beschworen mit der Zivilreligion verbundene Werte wie Gerechtigkeit, Fortschritt, Frieden, Gleichheit, Demokratie und Freiheit. Darin liege aber auch eine Verpflichtung, so Bungert: „Zur US-amerikanischen Civil Religion gehört, dass sich die Amerikaner immer wieder ihrer Auserwähltheit als würdig erweisen müssen.“

Während Wissenschaftler die Antrittsreden der Präsidenten ausführlich untersucht haben, sind die Gottesdienste, Paraden, Eide, Festessen und Bälle bei den Amtseinführungen laut Bungert kaum erforscht. „Es handelt sich aber nicht einfach um Shows fürs Fernsehen oder Karnevalsveranstaltungen“, betonte die Historikerin. Mit feierlichen Ritualen und ausgelassenen Festen würden Traditionen geschaffen, Werte vermittelt und Ziele abgestimmt. Wandel und Kontinuität hielten sich dabei die Waage.

Geändert haben sich jedoch die Grenzen der Gemeinschaft: Frauen und Afro-Amerikaner waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts beziehungsweise bis in die vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Feierlichkeiten ausgeschlossen. Bungert wies darauf hin, dass sie immer wieder durch Proteste auf sich aufmerksam machten.

Nur wenige Präsidenten sprachen in ihrer Antrittsrede über konkrete Ziele. Wichtig waren vor allem die symbolischen Gesten. William H. Harrison bezahlte das 1841 mit dem Leben. „Er wollte Gesundheit und Stärke demonstrieren und hielt trotz frostiger Temperaturen die mit fast zwei Stunden längste aller Antrittsreden“, erzählte Bungert. Der 68-jährige General zog sich eine Lungenentzündung zu und starb nur einen Monat später.  (arn)


Prof. Dr. Heike Bungert leitet im Exzellenzcluster das Forschungsprojekt B12: Religion und "Civil Religion" in US-amerikanischen patriotischen Feiertagen, 1945 bis 1990/92.

Am kommenden Dienstag, 17. November, spricht der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Marco Schöller zum Thema „Tun, was man tun muss: Die Inszenierung des Widerstands gegen weltliche Macht im Islam“. Beginn ist wie immer um 18 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses (Domplatz 20-22).


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