1zu2 Beim Friedensf _rsten Kaiser Wilhelm Karikatur 1914
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1946

Georg Schreiber schlägt die Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vor. Sie besteht unter dem Namen Max-Planck-Gesellschaft fort.

Karikatur
„Beim Friedensfürsten“, Eduard Arnhold, Leopold Koppel und James Simon als Stifter von Kaiser-Wilhelm-Instituten, anonyme Karikatur aus dem Jahr 1914
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1946 schlägt Georg Schreiber die Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vor.

1911 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) gegründet, um die universitäre Forschung zu ergänzen und Deutschland als internationale Wissenschaftsnation zu etablieren. In Art einer frühen Public Private Partnership teilten sich Staat und Industrie die Finanzierung. Wilhelm II. war bei den Gründungsfeierlichkeiten persönlich anwesend.

Die KWG war in einzelne Institute gegliedert, die in verschiedenen Bereichen forschten – vorwiegend in den Naturwissenschaften, aber es gab z.B. auch ein kunsthistorisches Forschungsinstitut. Während des Ersten Weltkriegs betrieben einzelne KWG-Institute Kriegsforschung. So wurde bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs am Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem an Giftgas für Kampfeinsätze geforscht. Während der Weimarer Republik konnten die Forscher:innen der KWG ihre Arbeit fortsetzen. Nach 1933 entließen die Nationalsozialisten jedoch jüdische Forscher:innen und nutzten die Gesellschaft gezielt für ihre ideologischen Interessen. So profitierte Otmar von Verschuer, später erster Leiter des 1951 gegründeten Instituts für Humangenetik an der WWU, während seiner Tätigkeit am KWG-Institut für Anthropologie, menschlicher Erblehre und Eugenik massiv von den Menschenversuchen, die sein Doktoranden Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz durchführte. Auch die Grundlagenforschung für die Atombombe wurde an einem KWG erbracht.

Aufgrund dieser Belastungen drängten die britischen Alliierten nach 1945 auf eine Reorganisation der KWG. An den Verhandlungen war auch Gregor Schreiber beteiligt, der bis 1933 Mitglied des Senats der KWG war und als unbelastet galt. 1946 wurde beschlossen, die KWG unter dem Namen Max-Plack-Gesellschaft weiterzuführen. Die Initiative für die Umbenennung ging – so berichtet er in seinen Lebenserinnerungen – von Georg Schreiber aus, der 1945 auch die Universität Münster unter Vermeidung des Hohenzollern-Namens als Westfälische Landesuniversität wiedereröffnete.

Georg Schreiber
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Georg Schreiber hatte in Münster, Berlin und Freiburg Theologie, Geschichte und Rechtswissenschaften studiert und lehrte von 1917 bis 1935 sowie 1945 bis 1951 an der Universität Münster. Außerdem gehörte Schreiber von 1920 bis 1933 als Abgeordneter der Zentrumspartei dem Deutschen Reichstag an. 1935 sollte er an die Staatliche Akademie Braunsberg in Ostpreußen zwangsversetzt werden. Dieser Versetzung entzog er sich durch eine vorzeitige Emeritierung. Seit 1936 wurde Schreiber durch die Gestapo überwacht und floh schließlich 1944 nach Niederbayern. 1945 kehrte er nach Münster zurück und wurde am 16. Juli des Jahres in Abwesenheit zum Rektor der Universität gewählt.

Neben seiner Universitätslaufbahn war Schreiber Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinen und Gesellschaften, unter anderem in der Historischen Kommission für Westfalen und der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht. 1926 bis 1933 gehörte Schreiber dem Senat der KWG an. Wahrscheinlich war er deshalb an den Verhandlungen über das Fortbestehen der Forschungseinrichtung im September 1946 beteiligt, über die er schreibt: „In den eingehenden Aussprachen stellte ich den Antrag, in Hinsicht auf bestimmte Notwendigkeiten den Namen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft fallenzulassen. Das geschah nicht, um irgendwie pietätlos zu sein. Hatte ich doch einst im Haushaltsausschuß des Reichstages an der Seite von Adolf v. Harnack gegenüber der extremen Linken die Beibehaltung des Namens erreicht. Aber man mußte es den Engländern erleichtern, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft weiterzuführen. Auch darum mußte die Benennung geändert werden.“ (Schreiber, Westdeutsche Charaktere, 75.)

Die KWG blieb unter dem Namen Max-Planck-Gesellschaft bestehen. 1953 wurden die letzten KWG-Institute umbenannt und in die Forschungsgesellschaft eingegliedert. Schreibers Strategie, durch eine Umbenennung den Fortbestand der Institution abzusichern, war aufgegangen. Es gibt Hinweise, dass auch die Umbenennung der Universität Münster auf Schreiber zurückging. Ob dabei ähnliche strategische Erwägungen zugrunde lagen, ist nicht belegt. Bekannt ist aber, dass es Überlegungen gab, die Hochschule in einer anderen, weniger zerstörten Stadt neu zu gründen. Dass dies nicht geschah ist auch dem persönlichen Einsatz Schreibers zu verdanken.

Haunfelder, Bernd: Die Rektoren, Kuratoren und Kanzler der Universität Münster 1826 – 2016. Ein biographisches Handbuch. (=Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Münster, Bd. 14) Münster 2020.
Schreiber, Georg: Westdeutsche Charaktere. Daten und Erinnerungen an die Wissenschaftsgeschichte und Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte. In: Westfälische Forschungen. Bd. 9, 1956, S. 54–82.
Die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: https://www.mpg.de/geschichte/kaiser-wilhelm-gesellschaft [de] (Zugriff am 13.07.2021)