Zünfte

Unter dem Oberbegriff „Zunft“ werden zumeist mehr oder weniger autonome körperschaftlich organisierte Formen der Vergemeinschaftung unter Handwerkern bzw. Handwerksmeistern gefasst, die in demselben Gewerbe arbeiten (z.B. Schneiderzunft, Leinenweberzunft, Böttcher, Rebleute oder Schuhmacher). Zünfte gelten nach Max Weber (DNB) als besonderes Strukturmerkmal der vormodernen „okzidentalen Stadt“ und ihrer Wirtschaftsordnung, auch wenn es Zünfte bzw. zunftähnliche Institutionen ebenso in anderen Weltregionen gegeben hat, z.B. im Osmanischen Reich. In den meisten Ländern Süd-, West- und Mitteleuropas existierten Zünfte während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit zumindest in den mittleren und größeren Kommunen. In der Regel verfügten Zünfte auf der Grundlage von Privilegien, die ihnen von den Obrigkeiten verliehen wurden, in einem begrenzten Maß über eigene Normsetzungs-, Rechtsprechungs- und Kontrollbefugnisse sowie über das Recht, über die Aufnahme neuer Mitglieder und die Wahl der Zunftvorgesetzten – der sogenannten Ältesten – (mit) zu entscheiden. Die Art und Weise, wie das Zunftwesen in den einzelnen Städten ausgeprägt und organisiert war, war ausgesprochen vielgestaltig und wandelte sich im Laufe der Zeit. Zünfte übten unterschiedliche Funktionen vor allem in der Organisation und Ordnung der gewerblichen Arbeit aus; sie konnten darüber hinaus aber noch vielfältige weitere Aufgaben im religiösen, kulturellen und karitativen oder auch im politischen und militärischen Bereich übernehmen: so vertraten Zünfte ihre Rechte und Interessen und die ihrer Mitglieder vor den obrigkeitlichen Instanzen und vor Gericht; sie kümmerten sich um die Versorgung von Meisterwitwen oder alter und kranker Handwerksmeister; sie stifteten Altäre und Messen, organisierten Feste, Rituale und Zeremonien und beteiligten sich an städtischen Wacht- und Wehrdiensten. In einigen Städten – vor allem im Süden und Westen des Reichs, so z.B. in Köln und Basel – bildeten sich während des Spätmittelalters zudem politische Zünfte als Organisationsform der städtischen Gemeinde aus. Über diese übten die Bürger politische Mitspracherechte insbesondere bei der Wahl des Rates aus. Dabei konnten gerade in den politischen Zünften Bürger aus unterschiedlichen Gewerbezweigen und neben Handwerkern auch Kaufleute organisiert sein. Diese Vielfältigkeit des Zunftwesens zeigt sich auch auf semantischer Ebene, als es neben „Zunft“ noch eine Reihe weiterer, mehr oder weniger synonymer Begriffe gab, mit denen regional in unterschiedlicher Weise Handwerkerkorporationen bezeichnet wurden (u.a. Innung, Gilde, Handwerk, Zeche oder Amt). In Köln etwa wurden die gewerblichen Zünfte wie auch in anderen Hansestädten „Ämter“ genannt, während die 22 politischen Korporationen, in denen die Kölner Bürgerschaft seit dem Verbundbrief von 1396 organisiert war, Gaffeln hießen.

Trotz intensiv geführter Debatten liegen die Anfänge des Zunftwesens nicht zuletzt aufgrund fehlender Quellen weitgehend im Dunkeln. In West- und Mitteleuropa wurden erste Zünfte im Zuge des mittelalterlichen Urbanisierungsprozesses zunächst um 1100 – insbesondere in den Gewerbezentren Flanderns wie Gent – gegründet; der älteste Hinweis für den deutschsprachigen Raum stammt von 1106/07 aus Worms (Urkunde des Wormser Bischofs für die städtischen Fischhändler). Aber erst seit der Mitte des 13. Jhs. nehmen die Hinweise auf die Entstehung von Zünften (vor allem in Form von Zunftprivilegien) deutlich zu. Dass sich das Zunftwesen parallel zu einer Ausdifferenzierung des städtischen Gewerbes im Verlauf des Spätmittelalters zunehmend etablierte und organisierte, zeigt sich in der seit dem 14. Jh. steigenden Anzahl an Zunftordnungen, deren Bestimmungen immer detaillierter und umfassender wurden. Zünfte nahmen im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit einen stärker organisatorischen Charakter an, vor allem indem die Bedingungen des Zugangs zu ihnen zunehmend normiert und reguliert wurden, etwa durch die Einführung des Meisterstücks. Damit gingen Tendenzen der sozialen Distinktion sowie der Ausschließung, nicht zuletzt von Frauen und selbständig ausgeübter Frauenarbeit, aus den Zünften bzw. der von ihnen kontrollierten Arbeitswelt einher.

In der jüngeren Zunftforschung ist das lange Zeit vernachlässigte Zunftwesen der Frühen Neuzeit verstärkt in den Vordergrund gerückt. Hierbei wurden zahlreiche verbreitete (Vor-) Urteile revidiert, so etwa die Auffassung, dass Zünfte technologischen Innovationen und Wettbewerb grundsätzlich ablehnend gegenüber standen und so wirtschaftlichen Fortschritt verhinderten. Vielmehr wurde durch das Zunftwesen Konkurrenz und die Verbreitung von Innovationen zum Teil erst ermöglicht, etwa durch Qualitätskontrollen und überregionale soziale Netzwerke (Gesellenwanderungen). Im Gegensatz zur älteren Auffassung von (frühneuzeitlichen) Zünften als in hohem Maße statischen und formalisierten Gebilden erscheinen diese in der neueren Forschung als dynamische und flexible Form der Gemeinschaftsbildung, die nicht zuletzt aufgrund ausgeprägter sozialer Ungleichheitsverhältnisse im Innern durch ein hohes Maß an Konflikthaftigkeit gekennzeichnet war. Dasjenige, was Zünfte ausmachte und zusammenhielt – ihr „Wesen“ bzw. ihre (auch historische) Identität –, stellte demnach auch ein kontingentes und historisch wandelbares Produkt dar, das über unterschiedliche Formen des sozio-kulturellen Handelns, insbesondere über Distinktions-, Ausgrenzungs- und Memorialpraktiken, konstituiert wurde. Im Stadtbild schlug sich dies in der Errichtung von Zunfthäusern nieder (Beispiele finden sich in der Bildergalerie).

Im Gegensatz zu den Anfängen sind wir über das Ende der Zünfte wesentlich besser informiert. Eine Vorreiterrolle kam dabei Frankreich zu. Nach einem ersten, durch Turgot initiierten, jedoch gescheiterten Versuch im Jahre 1776, die Zünfte abzuschaffen, wurde deren Auflösung in Folge der Französischen Revolution 1791 dekretiert und konsequent durchgesetzt; jedoch bildeten sich vor allem im Nahrungsmittelsektor seit dem Beginn des 19. Jhs. insbesondere in Paris neue korporative Strukturen aus. In anderen europäischen Staaten wurden die Zünfte im ausgehenden 18. Jh. und im Verlauf des 19. Jhs. abgeschafft, in einigen deutschen Ländern endgültig erst durch die Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit 1869. Jedoch blieb die Frage, ob Zünfte bzw. Innungen in veränderter Gestalt insbesondere zur Organisation der Ausbildung wieder etabliert werden sollten, weiterhin virulent. So wurde im Kaiserreich mit der Novelle der Gewerbeordnung von 1881 und vor allem mit dem Handwerksgesetz von 1897 die Selbstorganisation von Handwerkern in Innungen gefördert und die Aufrichtung von Handwerkskammern ermöglicht. Die öffentlichen und politischen Debatten über die Organisation der gewerblichen Arbeit vor allem während des Kaiserreichs manifestierten sich nicht zuletzt in einem ausgeprägten Interesse (nicht nur) der Geschichtswissenschaft an der Geschichte der Zünfte und des Genossenschafts- und Korporationswesens allgemein.

Philip R. Hoffmann-Rehnitz (1.9.2014)


URL zur Zitation

http://www.staedtegeschichte.de/einfuehrung/aspekte/zuenfte.html

Literaturhinweise

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Diese und weitere Literaturangaben sind zu finden in der Mediensuche.