Jüdisches Leben

Bereits in der Spätantike siedelten sich Juden in Orten römischer Kolonisation an, u.a. entlang des Rheins und der Donau. Die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen befand sich in Köln (Urkunde aus dem Jahr 321 n. Chr.). Die karolingischen und ottonischen Herrscher gewährten in Schutzbriefen den Juden ihres Reiches besondere Privilegien. Jüdische Handelsaktivitäten lassen sich entlang der großen Handelsrouten in den Kathedralstädten Speyer, Worms, Mainz und Köln, aber z.B. auch in Trier nachweisen. Niederlassungen fanden sich ebenfalls in den Bischofsstädten Regensburg, Merseburg und Magdeburg. Die Ansiedlungen befanden sich häufig in direkter Nachbarschaft zum herrschaftlichen Machtzentrum (Burg, Bischofssitz).

Bei den Kreuzzügen nach Jerusalem und in das „Heilige Land“ schlossen sich auch verarmte Bauern und Handwerker dem Kreuzritterheer an. Im Vorfeld des Ersten Kreuzzuges 1095/1096 kam es zu Plünderungen und Pogromen. In diesem Zusammenhang wurden u.a. die Judengemeinden in Worms, Mainz, Trier, Köln, Neuss und Xanten vernichtet. Jüdische Neuansiedlungen blieben nach dieser Zeit nicht länger auf die großen Pfalz- und Bischofsstädte beschränkt, sondern sind auch in kleineren Landstädten nachweisbar. Das 4. Laterankonzil (1215) schrieb Juden (und auch Muslimen) vor, sich in der Kleidung von Christen zu unterscheiden; im Gebiet des heutigen Deutschlands waren dies häufig der sog. Judenhut und ein gelbes Stoffstück auf Brusthöhe. Im Spätmittelalter wechselten sich Phasen friedlichen Zusammenlebens – Juden konnten in einigen Städten sogar das Bürgerrecht erwerben – mit massiven Verfolgungswellen ab. Anlass der Ausschreitungen waren häufig stereotype Beschuldigungen: Juden wurde vorgeworfen, kleine Kinder ermordet, Brunnen vergiftet oder Hostien geschändet zu haben. 1290 wurden die Juden aus England vertrieben, 1306 bzw. 1394 aus Frankreich. Für Deutschland ist vor allem das „Rintfleisch-Pogrom“ 1298 (v.a. in Franken) zu nennen. Bei der Verfolgungswelle, die wohl von verarmten Rittern angeführt und zum Teil von den städtischen Obrigkeiten geduldet wurde, kamen ca. 5.000 Juden ums Leben. Zu den umfangreichsten Verfolgungen kam es im Zuge der großen Pestepidemie (1348–1350): ca. ein Drittel der Juden im Reich wurde dabei getötet. In vielen Orten gab es bis zur Frühen Neuzeit keine jüdischen Bewohner mehr.

Judenfeindliche Einstellungen im Kontext der Sicherung bzw. Erweiterung der städtischen Freiheiten und Rechte lassen sich an Privilegien ablesen, Juden nicht in ihren Mauern dulden zu müssen („Privilegium de non tolerandis iudaeis“). Solche sind z.B. für die westfälischen Städte Hamm (1419) und Hattingen (1498) überliefert. Aus wirtschaftlich-fiskalischem Eigennutz unterstützten allerdings viele Landesherren die Ansiedlung von Juden in ihren Territorien. Ihre Rechte waren seit Ende des 15. Jhs. in Schutzbriefen geregelt: Juden war damit ein zeitlich limitiertes Wohnrecht und die beschränkte Betätigung in wenigen Gewerbezweigen erlaubt.

Seit dem Mittelalter war durch repressive Maßnahmen die berufliche Ausrichtung der Juden im Wesentlichen auf den Handel sowie auf Kredit- und Geldwechselgeschäfte beschränkt.Jahrhundertelang verdächtigten Christen deshalb Juden, sie zu übervorteilen und ihren Unterhalt auf unredliche Weise zu erwerben. Geistliche und weltliche Stadt- und Grundherren, oft um die Niederlassung von Juden bemüht, wussten deren Kenntnisse in Handel und Geldgeschäften zu nutzen, z.B. im Münzwesen oder bei der Abwicklung finanzieller Angelegenheiten. Wichtige Erwerbszweige der christlichen Bevölkerung, wie z.B. handwerkliche Berufe, blieben Juden aufgrund der Ablehnung durch die Zünfte, die die Juden als Konkurrenz empfanden, versperrt. In manchen Städten, z.B. in Münster, erlaubte der Magistrat den Juden lediglich, mit ihrem überregionalen Warenangebot die Sendmärkte zu beschicken. Juden betätigten sich besonders im Handel zwischen Stadt und Umland, u.a. als Viehhändler. Erst die napoleonische Besatzungsmacht hob 1810 das Niederlassungsverbot für Juden auf.

Im Gegensatz zu kleinen jüdischen Ansiedlungen auf dem Land fanden sich in Städten mit größeren jüdischen Gemeinschaften alle für das religiöse Leben notwendigen Institutionen. Auch jüdische Autoritäten, die Entscheidungen im Zusammenhang mit dem jüdischen Religionsgesetz fällten, waren in den Städten unmittelbar erreichbar und ermöglichten z.B. direkte Kontakte zwischen dem Stadtherrn und der Judenschaft. Jüdisches Gemeindeleben wurde möglich durch die Einrichtung von Synagogen und Mikwen (Ritualbäder) und die Anlage von Friedhöfen. Zwar wohnten Juden aufgrund ihrer religiösen Vorschriften oft in geschlossenen Wohnvierteln, aber durch Mauern abgetrennte Ghettos, wie im 15. Jh. zum Beispiel in Frankfurt a.M., blieben Ausnahmen.

Grundsätzlich sprachen Juden die Sprachen der Länder, in denen sie lebten. Das Hebräisch, Gebetssprache in den Synagogen, hatte aufgrund der weit verstreuten Siedlungsgebiete unterschiedliche Akzentuierungen: Die 1492 aus Spanien vertriebenen Juden besaßen eine sephardische, die Juden aus Osteuropa eine aschkenasische Aussprache, das sogenannte Jiddisch. Hebräisch im kultischen Bereich trat mit der Einführung der deutschen Sprache in den Gottesdiensten im 19. Jh. immer mehr in den Hintergrund, so dass die Mehrheit der akkulturierten Juden im 20. Jh. nur noch ein formelhaftes Hebräisch verstand. In ländlichen Gebieten Norddeutschlands, wo zahlreiche jüdische Getreide- und Viehhändler tätig waren, wirkten die engen Kontakte zur agrarisch geprägten Bevölkerung bis in den Sprachgebrauch hinein. Juden erlernten für den Verkehr mit Nichtjuden das Niederdeutsche. Die sog. Viehhändlersprache stellt ein Gemisch aus Plattdeutsch und Jiddisch dar. Viele ihrer Begriffe waren auch in der nichtjüdischen Bevölkerung gebräuchlich.

Trotz Assimilationsbemühungen der Juden kam es zu Beginn des 19. Jhs. partiell zu antijüdischen Ausschreitungen; im Verlauf des Jahrhunderts entwickelte sich ein ökonomisch und rassistisch motivierter Antisemitismus. Auch jetzt noch sahen sich Juden Vorwürfen wie Ritualmord oder Hostienschändung ausgesetzt. Bis 1869/1871 galten sie in ihren bürgerlichen Rechten nicht als vollberechtigte Staatsangehörige. Nach der Reichsgründung 1871 wirkte sich die in der Verfassung garantierte Gleichstellung der Juden stimulierend auf ihre ökonomische Situation aus: Juden konnten nun ohne Einschränkungen Eigentum bilden und in den Stadtzentren Geschäftsimmobilien erwerben. Mit der Errichtung von Wohnhäusern bekundeten sie ihren Willen, überwiegend in Städten leben und arbeiten zu wollen. Sie konnten nun handwerkliche und freie Berufe ergreifen. Vielen gelang der wirtschaftliche Erfolg und damit verbunden der soziale Aufstieg. Der größte Teil der jüdischen Gewerbetreibenden jedoch blieb weiterhin dem Handel verhaftet und lebte zum Teil in prekären Verhältnissen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fand der Akkulturationsprozess ein Ende. Nach dem reichsweit organisierten Boykott vom 1. April 1933 verschwanden Geschäfte mit jüdischen Eigentümern bis 1938 aus dem Stadtbild. Seit der Zerstörung der Synagogen in der Pogromnacht (9./10. November 1938) fehlten auch die öffentlichen Symbole jüdischer Identität. Emigration und Flucht führten zum Rückgang jüdischer Einwohner. Mit den Deportationen der Juden in die Vernichtungslager – verbunden mit der Konfiszierung ihres gesamten Eigentums und Vermögens, wovon u.a. auch die Städte profitierten – wurden in den 1940er Jahren die Städte laut NS-Ideologie „judenrein“.

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur entstanden in Deutschland nach und nach wieder jüdische Gemeinden, v.a. aufgrund des Zuzugs von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Durch den Neubau von Synagogen sind die Gemeinden heute in zahlreichen Städten wieder präsent.

Rita Schlautmann-Overmeyer (24.2.2020)


URL zur Zitation

http://www.staedtegeschichte.de/einfuehrung/aspekte/juden.html

Literaturhinweise

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Diese und weitere Literaturangaben sind zu finden in der Mediensuche.