Juden

Seit dem 10. Jh. siedelten sich Juden, aus dem Süden kommend, in den Bischofs- und Kathedralstädten an den großen Handelsrouten entlang des Mittelrheins an, so z.B. in Mainz, Worms und Speyer, aber auch in Regensburg, Köln und Trier. Aus dem Osten gab es eine zweite Einwanderungsbewegung in wichtige Verkehrs- und Handelszentren; Niederlassungen in Magdeburg und Merseburg sind belegt. Jüdische Handelsaktivitäten lassen sich im Karolingischen und Ottonischen Reich durch verschiedene Quellen nachweisen. Es war eine Zeit relativer Ruhe und ungestörter, häufig herrschaftlich privilegierter Ansiedlung. Juden siedelten innerhalb der Städte konzentriert, häufig in direkter Nachbarschaft zur städtischen Herrschaft (Burg, Rathaus).

Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen nach Jerusalem und ins Heilige Land kam es zu Pogromen. So wurden im Vorfeld des Ersten Kreuzzuges 1095/1096 u.a. die Judengemeinden in Worms, Mainz, Trier, Köln, Neuss und Xanten vernichtet. Jüdische Neuansiedlungen blieben nach dieser Zeit nicht länger auf die großen Pfalz- und Bischofsstädte beschränkt, sondern sind auch in kleineren Landstädten nachweisbar. Mit dem 4. Laterankonzil (1215) waren Juden gezwungen, Kleidung zu tragen (spitzer Judenhut, gelbe Flecken), die sie von den Christen unterschied. Im Spätmittelalter wechselten sich Phasen friedlichen Zusammenlebens – Juden konnten in einigen Städten sogar das Bürgerrecht erlangen – mit massiven Verfolgungswellen ab. Anlass der Ausschreitungen waren häufig stereotype Beschuldigungen: Juden wurde vorgeworfen, kleine Kinder ermordet, Brunnen vergiftet oder Hostien geschändet zu haben. 1290 wurden die Juden aus England vertrieben, 1306 bzw. 1394 aus Frankreich. Für das Reich ist vor allem das „Rintfleisch-Pogrom“ 1298 (v.a. in Franken) zu nennen. Bei der Verfolgungswelle, die wohl von verarmten Rittern angeführt und zum Teil von den städtischen Obrigkeiten geduldet wurden, kamen ca. 5.000 Juden ums Leben. Zu den umfangreichsten Verfolgungen kam es im Zuge der Pestwellen (1348–1350): ca. ein Drittel der Juden im Reich wurde dabei getötet. In vielen Städten gab es bis zur Frühen Neuzeit keine jüdischen Bewohner mehr.

Judenfeindliche Einstellungen im Kontext der Sicherung bzw. Erweiterung der städtischen Freiheiten und Rechte lassen sich an Privilegien ablesen, Juden nicht in ihren Mauern dulden zu müssen („de non tolerandis iudeis“). Solche Privilegien sind z.B. für die westfälischen Städte Hamm (1419) und Hattingen (1498) überliefert. Aus wirtschaftlich-fiskalischem Eigennutz unterstützten allerdings viele Landesherren die Ansiedlung von Juden in ihren Territorien. Ihre Rechte waren seit Ende des 15. Jhs. in Schutzbriefen geregelt: Juden war damit ein zeitlich limitiertes Wohnrecht und die beschränkte Betätigung in wenigen Gewerbezweigen erlaubt.

Seit dem Mittelalter war durch repressive Maßnahmen die berufliche Ausrichtung der Juden im Wesentlichen auf den Handel sowie auf Kredit- und Geldwechselgeschäfte beschränkt. Jahrhundertelang verdächtigten Christen deshalb Juden, sie zu übervorteilen und ihren Unterhalt auf unredliche Weise zu erwerben. Geistliche und weltliche Stadt- und Grundherren, oft um die Niederlassung von Juden bemüht, wussten deren Kenntnisse in Handel und Geldgeschäften zu nutzen, z.B. im Münzwesen oder bei der Abwicklung finanzieller Angelegenheiten. Wichtige Erwerbszweige der christlichen Bevölkerung, wie z.B. handwerkliche Berufe, blieben Juden aufgrund der Ablehnung durch die Zünfte, die die Juden als Konkurrenz empfanden, versperrt. Von der jahrhundertelangen Erfahrung der jüdischen Bevölkerung im Lokal- und Fernhandel profitierte jedoch die übrige Bevölkerung. Das Ansehen der Juden in der städtischen Gesellschaft wuchs. In manchen Städten, z.B. in Münster, erlaubte der Magistrat den Juden lediglich, mit ihrem überregionalen Warenangebot die Sendmärkte zu beschicken. Erst die napoleonische Besatzungsmacht hob dort 1810 das Niederlassungsverbot für Juden auf. Juden betätigten sich besonders im Handel zwischen Stadt und Umland, u.a. als Getreide- und Viehhändler.

Im Gegensatz zu jüdischen Ansiedlungen auf dem Land fanden sich in den Städten alle für das religiöse Leben notwendigen Institutionen. Auch jüdische Autoritäten, die Entscheidungen im Zusammenhang mit dem jüdischen Religionsgesetz fällten, waren unmittelbar erreichbar und ermöglichten z.B. direkte Kontakte zwischen Stadtherr und der Judenschaft. Jüdisches Gemeindeleben wurde möglich durch die Einrichtung von Synagogen und Mikwen (Ritualbäder) und die Anlage von Friedhöfen. Zwar wohnten Juden in den Städten oft in geschlossenen Wohnvierteln – Grund dafür waren religiöse Vorschriften –, aber durch Mauern abgetrennte Ghettos, wie im 15. Jh. in Frankfurt a.M., blieben Ausnahmen.

Grundsätzlich sprachen Juden die Sprachen der Länder, in denen sie lebten. Das Hebräisch, Gebetssprache in den Synagogen, hatte unterschiedliche Akzentuierungen: Die aus Spanien stammenden Juden hatten eine sephardische, die „Ostjuden“ eine aschkenasische Aussprache, das sog. „Judendeutsch“ oder Jiddisch. Hebräisch im kultischen und synagogalen Bereich trat mit der Einführung der deutschen Sprache in den Gottesdienst im 19. Jh. immer mehr in den Hintergrund, so dass die Mehrheit der akkulturierten Juden im 20. Jh. nur noch ein formelhaftes Hebräisch verstand. In ländlichen Gebieten Norddeutschlands, wo zahlreiche jüdische Getreide- und Viehhändler tätig waren, wirkten die engen Kontakte zur agrarisch geprägten Bevölkerung bis in den Sprachgebrauch hinein. Die Juden erlernten für den Verkehr mit Nichtjuden das Niederdeutsche. So bildete die sog. Viehhändlersprache ein Gemisch aus Plattdeutsch und Jiddisch. Viele ihrer Begriffe waren auch in der nichtjüdischen Bevölkerung gebräuchlich.

Trotz der Assimilationsbemühungen der Juden kam es zu Beginn des 19. Jhs. vereinzelt zu antijüdischen Ausschreitungen und am Ende zu ökonomisch und rassistisch motiviertem Antisemitismus. Auch jetzt noch sahen sich Juden Vorwürfen wie Ritualmord oder Hostienschändung ausgesetzt. Bis 1869/1871 galten sie in ihren bürgerlichen Rechten nicht als vollberechtigte Staatsangehörige. Nach der Reichsgründung 1871 wirkte sich die in der Verfassung garantierte Gleichstellung der Juden stimulierend auf ihre ökonomische Situation aus: Juden bildeten Eigentum, erwarben in den Stadtzentren Geschäftsimmobilien und bekundeten mit der Errichtung von Wohnhäusern ihren Willen, überwiegend in Städten leben und arbeiten zu wollen. Den meisten gelang der wirtschaftliche Erfolg und damit verbunden der soziale Aufstieg. Juden fanden sich bald auch in führenden Positionen im Bank-, Industrie- und Verkehrswesen. Der größte Teil der jüdischen Gewerbetreibenden blieb jedoch weiterhin dem Handel verhaftet.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fand der Akkulturationsprozess ein Ende. Nach dem reichsweit organisierten Boykott vom 1. April 1933 verschwanden Geschäfte mit jüdischen Eigentümern bis 1938 aus dem Stadtbild. Seit der Zerstörung der Synagogen in der Pogromnacht (9./10. November 1938) fehlten fortan auch die öffentlichen Symbole jüdischer Identität. Emigration und Flucht führten zum Rückgang jüdischer Einwohner. Mit den Deportationen der Juden in die Vernichtungslager – verbunden mit der Konfiszierung ihres gesamten Eigentums und Vermögens, wovon u.a. auch die Städte profitierten – wurden in den 1940er Jahren die Städte laut NS-Ideologie „judenrein“.

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur entstanden in Deutschland nach und nach wieder jüdische Gemeinden, v.a. aufgrund des Zuzugs von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Durch den Neubau von Synagogen sind die Gemeinden heute in zahlreichen Städten wieder präsent.

Rita Schlautmann-Overmeyer (1.9.2014)


URL zur Zitation

http://www.staedtegeschichte.de/einfuehrung/aspekte/juden.html

Literaturhinweise

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  • Jewish Encyclopedia, publiziert 1901–1906: http://www.jewishencyclopedia.com/index.jsp [Stand: 15.4.2013].
  • Kotowski, Elke-Vera [u.a.] (Hg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, 2 Bde., Darmstadt 2001.
  • Meyer, Michael A. (Hg.): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, 4 Bde., München 1996/97.
  • Synagogen Internet-Archiv: http://www.synagogen.info/ [Stand: 15.4.2013].

Diese und weitere Literaturangaben sind zu finden in der Mediensuche.