FB 06/08: Forschungsaufenthalt bei der NGO Permatil, Dili, Timor-Leste

Antragstellender: Jakob Kreß
Fachbereich, Studienrichtung: FB 08/FB 06, Social Anthropology; Soziologie

Der Santander-Mobilitätsfonds erwies sich als nützliche Unterstützung meines Forschungsaufenthaltes in Timor-Leste. Vom 01.10. bis 15.12.2025 hatte ich die Gelegenheit, mich vor Ort mit der lokalen NGO Permatil (Permakultura Timor Lorosae) auseinanderzusetzen und ethnographisch dessen Verständnis und Praktiken der Permakultur nachzuvollziehen. Schon seit Beginn der Unabhängigkeit von Timor-Leste im Jahr 2002 arbeitet die NGO daran, das Konzept der Permakultur in Timor-Lestes Kontext zu übersetzen und sich als Inspiration für einen gesellschaftlichen Wandel anzueignen. Begrifflich entstammt das Konzept der Permakultur sowohl der Idee einer „permanenten Agrikultur“ als auch einer „permanenten Kultur“ und verweist auf eine Verschränkung von ökologischen und gesellschaftlichen Fragen. Dem folgend konnte ich aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive die Permakultur schließlich als komplementierenden Ansatz einer nachhaltigen Bildung und Entwicklung erkunden, welcher in Timor-Leste allem voran von Permatil proklamiert wird. Besonders in Form von extremer werdenden Wetterverhältnissen findet sich das Land zunehmend vom Klimawandel betroffen. Zudem haben sowohl agrokulturelle Praktiken als auch großflächige Abholzungen zur Degradation von Böden und zum Verlust von Biodiversität geführt. Insbesondere in den ländlichen Regionen hat sich dies stark auf die Verfügbarkeit von Wasser und gesunder, diverser Nahrung ausgewirkt. Dies erscheint besonders vor dem Hintergrund problematisch, dass viele Menschen in Timor-Leste weiterhin von ihren eigenen agrokulturellen Erzeugnissen leben. In Folge gibt es immer wieder Konflikte um die Verteilung von Wasser sowie ein hohes Maß an Mangelernährung.

Während meines Forschungsaufenthalts konnte ich nachvollziehen, wie Permatil über praktische Bildungsangebote und verschiedene Projekte jenen Problemen begegnet und von der Permakultur inspirierte Alternativen aufzeigt. Die sensible Auseinandersetzung der NGO mit verschiedenen Akteuren, Gemeinschaften und der diversen traditionellen Kultur Timor-Lestes erwies sich hier als eindrückliche Möglichkeit, etwas über die Aushandlung von Perspektiven und Herausforderungen der Zusammenarbeit zu lernen. Permatil beschäftigt sich schließlich nicht nur mit Praktiken des nachhaltigen Anbaus und Lebens, sondern auch mit umfassenderen Fragen des gesellschaftlichen Wandels: Wie können traditionelles Wissen, traditionelle Lebensweisen und Werte zukunftsfähig integriert und fortgetragen werden? Wie lassen sich die Angebote internationaler Hilfsorganisationen sinnvoll annehmen und umsetzen? Wie lassen sich Menschen mit verschiedensten Professionen, Interessen und Vorstellungen für sozial-ökologische Transformationen im Sinne der Permakultur begeistern und mobilisieren? Und welche Perspektiven der Unabhängigkeit eröffnet eine auf Permakultur ausgerichtete Entwicklung unter dem Druck der globalen Ökonomie, internationaler Interessen und sich verschärfender Auswirkungen des Klimawandels?

Während Permakultur in Europa und Australien vornehmlich in intentionalen Gemeinschaften praktiziert und über zertifizierte „Permaculture Design Courses“ (PDC) gelehrt wird, proklamiert Permatil einen etwas breiteren Ansatz, welcher im Slogan der australischen Schwesterorganisation Permatil Global zum Vorschein kommt: Permaculture. Everyone. Everywhere. Nach diesem Motto treibt die NGO die Etablierung von Schulgärten voran und veranstaltet sogenannte PermaYouth-camps im ganzen Land, an denen stets mehrere hundert Menschen teilnehmen und gemeinsam an Projekten zur Regeneration lokaler Ökosysteme und Quellen arbeiten. Im Sinne eines integrativen Events gibt es auf den PermaYouth-camps stets eine Bühne, auf welcher Musik gespielt und gemeinschaftliche Aktivitäten koordiniert werden. Somit versucht Permatil ein breiteres Interesse an ihren Aktivitäten und Ideen zu generieren und verschiedenste Personen, wie z.B. auch Künstler*innen, mit ihrer Arbeit zu integrieren. Permakultur erscheint dabei nicht als Praxis einer spezifischen ökologisch-interessierten Gruppe, sondern als flexibles Konzept, welches in vielen Formen verwirklicht werden kann und für verschiedenste Menschen Anschluss ermöglicht.

Während meines Aufenthaltes durfte ich das erste internationale Großevent von Permatil, die „International PermaYouth Convergence“, miterleben und sowohl als Teil eines Dokumentationsteams als auch im Rahmen von zwei Workshops mitgestalten. Zusätzlich konnte ich an zwei Konferenzen teilnehmen, über welche Permatil in Dialog mit anderen Organisationen, Wissenschaftler*innen und Politiker*innen trat. Permakultur wurde hier sowohl unter dem Mantel der „Nature-based Solutions“ als auch der „Ecohydrology“ thematisiert und über gemeinsame Ausrichtungen angeschlossen. Hierbei wurde es mir möglich, unter dem Titel “Co-creation in-between the sciences, arts, and broader society: Tracing and Envisioning Permaculture in Timor-Leste” meine Idee einer kollaborativen Zusammenarbeit vorzustellen, über welche die Sichtbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Arbeit von Permatil erhöht werden sollten. Davon versprach ich mir insbesondere eine tiefe Auseinandersetzung mit der NGO sowie eine Möglichkeit, Permatil neben den Forschungen für meine Masterarbeit zugleich zu unterstützen. Die daraus hervorgegangenen Geschichten lassen sich nun unter folgenden Links betrachten:

International PermaYouth Convergence 2025

The Centro Juventude Permakultura (CJP)

Über die Zeit und vielfältigen Auseinandersetzungen konnte ich schließlich geeignete Personen inner- und außerhalb der NGO finden, um vertiefende Interviews zu führen und bereichernde Einsichten zu generieren. Das Konzept der Permakultur konnte somit erfolgreich als „boundary object“ erfasst werden, welches von der NGO vor dem Hintergrund lokaler Kontexte reinterpretiert, mit anderen Wissensbeständen kombiniert und schließlich sogar reformuliert wird, um sozial-ökologische Transformationen im Land voranzutreiben. Die Aufenthaltsdauer von 2 ½ Monaten erwies sich schließlich als guter Rahmen, um einen möglichst breiten Überblick der NGO zu gewinnen, Zeit dort zu verbringen, wichtige Beziehungen zu knüpfen und nicht zuletzt auch ein wenig Freizeit auf der wunderschönen Insel zu genießen: Häufig eine nicht zu vernachlässigende Möglichkeit, unerwartete Eindrücke zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und den manchmal einengenden Fokus der eigenen 'Forschungsbrille' ein wenig zu irritieren. Allgemein kann ich meine Erfahrung während des Forschungsaufenthaltes als äußerst bereichernd beschreiben. Eine Unterstützung durch den Santander Mobilitätsfonds anzufragen, stellte sich hierfür als sinnvoll, anspornend und finanziell hilfreich heraus. Etwas, das ich jedem Studierenden empfehlen würde!