Teilprojekt A02

Literatur und Markt

Der Projektbereich A (Materialität), dem dieses Teilprojekt angehört, beschäftigt sich mit der Darstellung der Literatur im Recht und des Rechts in der Literatur sowie mit Transformationsprozessen, die durch die gegenseitige Vergegenständlichung in Gang gesetzt werden. Unter ‚Literatur‘ versteht dieses Teilprojekt Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, letztere zusammengefasst als ‚Presse‘. Literatur wird auf Märkten publiziert und damit zum Gegenstand der Regulierungsprozesse des Rechts. Gleichzeitig beeinflussen Marktregularien Inhalte und Formen der Literatur. Vor dem Hintergrund dieser Wirkungs- und Transformationsprozesse untersucht das Teilprojekt Darstellungen und Argumentationsstrukturen, die einen kartellrechtlichen Sonderstatus von Literatur aufrechterhalten oder infrage stellen. Nicht zuletzt anlässlich der fortschreitenden Digitalisierung wird überprüft, ob der Sonderstatus der Literatur im Wettbewerb und seine Ausgestaltung durch das Kartellrecht weiterhin gerechtfertigt werden können.
Der Literatur wird in vielen Ländern als Wirtschaftsgut eine Sonderrolle zugeschrieben. Für Bücher steht dafür das bekannte Zitat des Restrictive Practices Court des Vereinigten Königreichs von 1962: „Books are different“, für die Presse das Schlagwort der „Vierten Gewalt“. Mit dieser Sonderrolle wird begründet, dass man Literatur auf dem Markt schützt, indem man sie nicht in vollem Umfang dem Kartellrecht unterwirft, etwa im Rahmen von Buchpreisbindung, Pressevertrieb, verlagswirtschaftlichen Kooperationen und Pressefusionskontrolle. Privilegierungen von Literatur. Die Begründung dieser Sonderrolle ist zu keinem Zeitpunkt klar herausgearbeitet worden und hat sich über die Zeit gewandelt. Warum Literatur ein Sonderstatus zukommen soll, was Schutzgegenstand und Schutzziele sind, muss bestimmt werden, um zu eruieren, welche kartellrechtlichen Ausnahmen zur Erreichung der Ziele geeignet und gerechtfertigt sind.
Anlass für das Teilprojekt bietet der umstürzende Wandel, den Literaturmärkte aufgrund von Digitalisierung und Globalisierung erfahren. Diese Entwicklungen haben neue Märkte und somit neue Anwendungsbereiche für das Kartellrecht geschaffen, zeigen aber auch die Wandelbarkeit von Literatur und Literarizität auf. Die jüngere rechtswissenschaftliche und ökonomische Forschung bezieht diesen Wandel mit ein, aber bisher nicht auf der hier angesprochenen grundlegenden Ebene, auf der Schutzgegenstand und Schutzziele der kartellrechtlichen Privilegien untersucht werden. Auch der aktuelle Zusammenhang zwischen den kartell-rechtlichen Privilegien und ihren Marktwirkungen sowie zwischen diesen Marktwirkungen und deren Bedeutung für das Schutzziel ist nur teilweise aufgearbeitet. Die literaturwissenschaftliche Forschung in Auseinandersetzung mit Markt und Ökonomie hat das Funktionieren des literarischen Markts und sein Entstehen im 18. Jahrhundert, Markt und Ökonomie als Themen in der Literatur und die Vermarktung von Literatur sowie von Autoren und Autorinnen (inkl. ihre Selbstvermarktung) untersucht, all dies bisher aber nicht mit dem Blick auf die Regulierung des Marktes durch das Kartellrecht.
Diese Forschungslücke füllt das Projekt. Es geht der Frage nach, ob und warum Literatur auf dem Markt ein Sonderstatus zukommt. Schutzziele wie das Kulturgut Buch oder die Pressevielfalt sind zu würdigen, zu konkretisieren und auszudifferenzieren. Drei Hauptargumentationslinien werden dabei überprüft: Literarische Vielfalt bedürfe einer Quersubventionierung von Nischenprodukten durch Beststeller, Literatur müsse durch flächendeckende physische Netze vertrieben werden und sie bedürfe bestimmter Marktstrukturen. Die Untersuchung erfolgt vor dem Hintergrund der historischen Genese der Vorstellung von Literatur bzw. literarischer Praxis als genuin ‚marktfern‘, sowie der damit verknüpften Wertvorstellungen. Die Forschungsperspektive wird internationalisiert, da der Vergleich mit dem Vereinigten Königreich angesichts der Abschaffung der Buchpreisbindung und der abweichenden Regeln für die Presse besonderen Ertrag verspricht. Über die bestehende interdisziplinäre Ausrichtung hinaus wird der am Institut für Verkehrswissenschaft der WWU tätige Ökonom Prof. Dr. Gernot Sieg zusätzlichen ökonomischen Sachverstand einbringen. Auch der Austausch mit der zeitnah zu besetzenden buchwissenschaftlichen Professur am Englischen Seminar wird angestrebt. Wir erwarten literaturwissenschaftlich verankerte und ökonomisch besser abgesicherte kartellrechtliche Lösungen für Literaturmärkte sowie neue Erkenntnisse für literaturwissenschaftliche Debatten zum literarischen Markt, zu Autorschaft und Vermarktung.

Teilprojektleitung

Prof. Dr. Petra Pohlmann
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Internationales Wirtschaftsrecht
Universitätsstraße 14-16, JUR 336
48163 Münster
Tel.: 0251/83-22797
Email: petra.pohlmann@uni-muenster.de

PD Dr. Caroline Kögler
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Englisches Seminar
Johannisstrasse 12-20, R. 324
48143 Münster
Tel.: +49 251 83-24826
Email: caroline.koegler@wwu.de

Prof. Dr. Gernot Sieg
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Verkehrswissenschaft
Am Stadtgraben 9
48143 Münster
Tel.: +49 251 83-22901
Email: gernot.sieg@uni-muenster.de

Prof. Dr. Corinna Norrick-Rühl
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Englisches Seminar
Johannisstraße 12-20, Room 125
48143 Münster
Tel.: +49 251 83-25612
Email: cnorrick@uni-muenster.de

Wissenschaftliche Mitarbeit

Wanda Kaufmann
Christian Peter
Lena Schüler
Miaïna Razakamanantsoa