Teilprojekt B06

Die Ausdifferenzierung von Politikfeldern: Wirtschaftspolitisches Entscheiden in deutschen Territorien und Staaten im 18. und 19. Jahrhundert

In modernen Gesellschaften erfolgen politische Sachentscheidungen im Rahmen von Politikfeldern, die sich über die Zeit hinweg in Politikzyklen entwickeln. Diese Felder sind in hohem Grad selbstreferentiell, das heißt, sie bilden einen eigenständigen Code der Umweltbearbeitung aus, der sich auf Expertenkulturen stützt, und sie entwickeln Techniken der Selbstbeobachtung, die es ermöglichen, dass sich Entscheiden auf ein Lernen aus vergangenen Entscheidungen stützen kann. Das Teilprojekt B06 verfolgt die These, dass moderne Politikfelder im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, und zwar vornehmlich im Bereich inhaltlich bzw. technisch komplexer Gegenstände der Wirtschaftspolitik. Das Projekt geht den Mechanismen nach, die diese Prozesse der Ausdifferenzierung von Politikfeldern bestimmten und steuerten, und untersucht, wie sich eine solche, für moderne Gesellschaften kennzeichnende Rahmung und Konstituierung politischen Entscheidens auf konkrete, sachbezogene Entscheidungsprozesse auswirkte.

Konkret erarbeitet das Teilprojekt eine Synthese zur Konstituierung und Ausdifferenzierung von Politikfeldern in Deutschland von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn der Kaiserzeit. Darüber hinaus wird eine Fallstudie zum Straßenbau deutscher Territorien und Staaten vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins dritte Viertel des 19. Jahrhunderts durchgeführt (Bearbeiter: Felix Gräfenberg). Sie fragt erstens danach, wie der Straßenbau etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts überhaupt zu einem Gegenstand staatlichen Entscheidens wurde und wie sich die zunehmende Wahrnehmung der Zukunft als Gestaltungsaufgabe im Zuge der Aufklärung auf der Ebene politischer Sachentscheidungen niederschlug. Zweitens werden Vorgänge der institutionellen Rahmung des Entscheidens über Straßenbauprojekte in Gestalt von Gesetzen bzw. der Festlegung von Zuständigkeiten und Verfahren in den Blick genommen. Besonderes Augenmerk gilt inkrementellen Vorgängen der Rahmung des Entscheidens, ebenso der Art und Weise, wie jeweils versucht wurde, aus dem bisherigen Zustand bzw. früheren Entscheidungen zu lernen. Drittens wird die Entwicklung einer Expertenkultur im Bereich des Straßenbaus untersucht, denn Zivilingenieure, deren hauptsächliches Tätigkeitsfeld in Infrastrukturprojekten lag, stellten im 18. und 19. Jahrhundert die früheste und wichtigste Gruppe technischer Experten dar.

Publikationen

Ulrich Pfister

  • Einleitung, in: Kulturen des Entscheidens. Narrative – Praktiken – Ressourcen (Kulturen des Entscheidens, 1), hrsg. von ders., Göttingen 2019, S. 11-34.
  • (zusammen mit Wolfram DREWS und Martina WAGNER-EGELHAAF) Einleitung, in: Religion und Entscheiden. Historische und kulturwissenschaftliche Perspektiven, hrsg. von dies., Würzburg 2018, S. 9-36.
  • (zusammen mit Philip HOFFMANN-REHNITZ, Tim ROJEK und Michael QUANTE) Diesseits von methodologischem Individualismus und Mentalismus. Auf dem Wege zu einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Theorie des Entscheidens. Reflexionen zur Dialektik einer interdisziplinären Problemkonstitution, in: Angewandte Philosophie. Eine internationale Zeitschrift (2019), Heft 1: Interdisziplinarität in den Geistes- und Sozialwissenschaften, hrsg. von Michael Quante und Tim Rojek (zum Druck angenommen).

Felix Gräfenberg

  • (zusammen mit Constanze SIEGER) Information als Ressource des Entscheidens in der Moderne (1780-1930). Entwicklungen und Konstellationen in preußischen Zentralbehörden und westfälischen Lokalverwaltungen, in: Kulturen des Entscheidens. Narrative – Praktiken – Ressourcen (Kulturen des Entscheidens, 1), hrsg. von Ulrich Pfister, Göttingen 2019, S. 333-355.