„Friedensschlüsse sind seit jeher nur mit echtem Vertrauen gelungen“

Historiker Gerd Althoff zur Wirksamkeit vertrauensbildender Maßnahmen in Friedensprozessen – Praktiken und Strategien ähneln einander überraschend stark über Epochen hinweg – Internationale Friedens-Tagung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ im Mai in Münster – Teil des Programms der Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ an fünf Orten in Münster

Pressemitteilung des Exzellenzclusters vom 18. April 2018

Plakat
© Vince Musi/The White House, Tomasz Samek/Stadtmuseum Münster

Geschenke, Friedensmahle und Versöhnungsrituale: In der Geschichte sind Friedensschlüsse laut Historikern vor allem dann gelungen, wenn sich gezielt Vertrauen zwischen Gegnern herstellen ließ. „Vertrauensbildende Maßnahmen sind kein Patentrezept, erhöhen aber nach epochenübergreifenden Untersuchungen die Wahrscheinlichkeit für Frieden“, sagt Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Gerd Althoff vom Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der WWU. Zu allen Zeiten hätten die Menschen sich nach Frieden gesehnt und Strategien entwickelt. „So groß die Sehnsucht war: Dauerhafte Fortschritte – Frieden über Jahrhunderte – hat die Menschheit kaum erzielt. Doch über Epochen hinweg lassen sich einander überraschend ähnliche Prinzipien und Praktiken erkennen, die mehr Erfolg als andere brachten, menschliches Aggressionspotenzial einzudämmen.“

Der Historiker kündigt die internationale Tagung „FRIEDEN. Theorien, Bilder und Strategien von der Antike bis heute“ des Exzellenzclusters ab 22. Mai mit Forschenden aus Geschichte, Archäologie, Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie an. Sie ist Teil des Programms der Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ ab 28. April an fünf Orten in Münster. Aufgrund der langjährigen Untersuchungen am Exzellenzcluster zum Thema Frieden entstanden Idee und Grundkonzept des Ausstellungsprojekts. Zentrale Themen der Tagung stellt der Exzellenzcluster in den nächsten Wochen in Web und Medien multimedial vor. Prof. Althoff veranstaltet die Tagung gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Eva-Bettina Krems, der Philologin Prof. Dr. Christel Meier-Staubach und dem Historiker Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer vom Exzellenzcluster.

„Von den beiden Friedens-Typen, die sich in der Geschichte unterscheiden lassen, war der Verständigungs- oder Versöhnungsfrieden weit beständiger als der Diktat- oder Siegfrieden“, so Althoff. „Letzterer demütigte die Verlierer und glorifizierte die Sieger. Solch ein Frieden war selten von langer Dauer, etwa nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 oder nach dem Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren.“ Beim ersten Typ Frieden hingegen legte man Wert auf Vergebung, begnügte sich mit Genugtuungsleistungen und suchte Kompromisse. Im Mittelalter wurden Vertrauensmaßnahmen stark ritualisiert: Wie beim Frieden von Venedig 1177 entstanden Unterwerfungs- und Versöhnungsrituale, Geschenke wurden ausgetauscht und einander Besuche abgestattet.

Scherze beim Friedensmahl

„Besonders wichtig war das Friedensmahl, damit echtes Vertrauen entstand: Dem ehemaligen Feind tischte man die besten Speisen und Getränke im Überfluss auf und brachte durch eine freundschaftliche Unterhaltung und ausgelassenes Scherzen die friedliche Gesinnung zum Ausdruck“, erläutert der Historiker. So wog der Vorwurf gegen König Heinrich IV. schwer, er habe beim Friedensmahl 1077 mit Papst Gregor VII. in Canossa nicht geredet und gegessen, sondern die Tischplatte mit dem Fingernagel zerkratzt. „Ohnehin war der abrupte Wechsel vom Konflikt zum freundschaftlichen Kontakt immer ein Wagnis.“ Gespräche und Scherze beim Friedensmahl schlugen zuweilen in Streit und Gewalt um, wurden sie doch als Beleidigung aufgefasst.

Gelegentlich war auch Heimtücke im Spiel: Theoderich der Große erschlug seinen Gegner Odoakar im Jahr 493 während eines Friedensmahls. „Trotz solcher Risiken bleibt die direkte Kommunikation der Konfliktparteien eine wichtige Strategie der Vertrauensstiftung“, sagt der Historiker. Wer durch persönlichen Kontakt auf menschlicher Ebene eine Vertrauensbasis schuf, konnte strittige Fragen kompromissorientierter behandeln. „Arbeit am Frieden kann man nicht vortäuschen, sie ist mit Leidenschaft zu betreiben und bleibt mühselig.“

Bekannte Beispiele dafür hält auch die Zeitgeschichte bereit, so Althoff: „Anfang der 1970er Jahre kamen sich der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt und der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew bei Treffen in Bonn oder auf der Krim privat näher und trugen zur Tauwetterperiode des Kalten Krieges bei.“ In der Gorbatschow-Ära wurden vertrauensbildende Kontakte intensiviert, die das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung brachten. „Fischen an der Wolga, Saumagen in Oggersheim und andere Akte der Vertrauensbildung sind bis heute im kulturellen Gedächtnis zumindest der Deutschen fest verankert“, sagt der Historiker. Dabei sei Frieden auch langfristig zu pflegen, wie im engen Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg. „Jüngste Konflikte zwischen Ost und West hingegen zeigen, dass man die Vertrauensbildung nach Ende des Kalten Krieges vernachlässigt hat.“ (asc/vvm)

Tagung „FRIEDEN. Theorien, Bilder und Strategien von der Antike bis heute“

International ausgewiesene Forscherinnen und Forscher widmen sich auf der Tagung des Exzellenzclusters vom 22. bis 25. Mai 2018 in Münster, zu der alle Interessierten eingeladen sind, in 21 Vorträgen der Frage, warum Menschen zu allen Zeiten den Frieden wünschten, seine Bewahrung auf Dauer aber nie gelang. Anhand vieler historischer Beispiele der europäischen Geschichte befassen sie sich mit Strategien, Verhaltensmustern und Verfahren, mit denen sich Menschen von der Antike bis heute um Herstellung und Wahrung des Friedens bemühten. Sie richten das Augenmerk darauf, wie viele der Bilder, Rituale und Strategien zeitüberdauernd Geltungskraft behielten. Zugleich zeigen sie zeittypische Veränderungen und ihre Ursachen auf.

Die Tagung ist Teil der Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“, die die Themen in einer Vielzahl von Exponaten an fünf Orten in der Stadt des Westfälischen Friedens vom 28. April bis 2. September 2018 präsentiert. Beim Eröffnungsvortrag am 22. Mai um 19 Uhr spricht Historiker Prof. Dr. Gerd Althoff über „Vertrauensbildung. Zur Geschichte einer elementaren Strategie der Friedensherstellung“. Der öffentliche Abendvortrag des Marburger Frühneuzeit-Historikers Prof. Dr. Christoph Kampmann beschäftigt sich am 24. Mai um 20.15 Uhr mit dem Thema „Friedensnorm und Sicherheitspolitik: Grundprobleme frühneuzeitlicher Friedensstiftung am Beispiel des Westfälischen Friedens“. Alle Vorträge finden im Auditorium des LWL-Museums für Kunst und Kultur, Domplatz 10, in Münster statt.

Programm

Dienstag, 22.05.2018
18:15

Begrüßung | Prof. Dr. Johannes Wessels, Rektor der WWU Münster | Dr. Hermann Arnhold, Direktor des LWL-Museums für Kunst und Kultur

„Wars Begin in the Minds of Men“. Eine modernisierungstheoretische Fußnote zum Thema
Prof. Dr. Detlef Pollack, Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, Münster

19:00 Eröffnungsvortrag | Vertrauensbildung. Zur Geschichte einer elementaren Strategie der Friedensherstellung
Gerd Althoff, Münster
Mittwoch, 23.05.2018
09:00–10:00 Intellektuelle gegen Politiker: Von Friedenssehnsucht zu Friedenspolitik in der griechisch-römischen Antike
Kurt Raaflaub, Brown University (USA)
10:00–11:00 Friede in der Bilderwelt der Griechen
Marion Meyer, Wien
11:30–12:30 Ausgeprägter Frieden? Eirene/Pax in der antiken Münzprägung
Helge Nieswandt, Dieter Salzmann, Münster
14:00–15:00 Friede in der mittelalterlichen Heldenepik
Jan-Dirk Müller, München
15:00–16:00 „Hineingestoßen in den Frieden“: Grenzen mittelalterlicher Friedensdiskurse bei Meister Eckhart, Marguerite Porete und Nikolaus Cusanus
Susanne Köbele, Zürich
16:30–17:30 Pax universalis – tranquillitas civitatis: Die politische, theologische und philosophische Bedeutung des Friedensgedankens bei Dante
und Marsilius von Padua
Ruedi Imbach, Paris
17:30–18:30 Friede als Thema der Bildkünste
Wolfgang Augustyn, München
Donnerstag, 24.05.2018
09:00–10:00 Ewiger Friede und gerechter Krieg in der politischen Philosophie der Neuzeit
Ludwig Siep, Münster
10:00–11:00 Neuordnung Europas? Friedensikonografie und Bildpolitik am Wiener Kongress (1814/1815)
Werner Telesko, Wien
11:30–12:30 Entstehung und Entwicklung des „Kriegsschuldparagraphen“ im Versailler Vertrag
Gerd Krumeich, Düsseldorf
14:15–15:15 Papsttum und Frieden im Mittelalter
Claudia Zey, Zürich
15:15–16:15 Mediale Inszenierung der Pax Christiana: Die Päpste im 16. und 17. Jahrhundert
Eva Krems, Münster
16:45–17:45 Frühneuzeitliches Völkerrecht und internationale Friedensverträge
Christina Brauner, Bielefeld
17:45–18:45 „Entrüstet Euch“: Frieden und soziale Bewegungen
Hans-Ulrich Thamer, Münster
20:15 Abendvortrag | Friedensnorm und Sicherheitspolitik: Grundprobleme frühneuzeitlicher Friedensstiftung am Beispiel des Westfälischen Friedens
Christoph Kampmann, Marburg
Freitag, 25.05.2018
09:00–10:00 Friedensschlüsse und Friedlosigkeit, 1945–1990
Jost Dülffer, Köln
10:00–11:45

„Nie wieder!“ Nie wieder? Verantwortung zum Schutz vor Krieg und Massengewalt
Winfried Nachtwei, Münster

Frieden und Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert
Eckart Conze, Marburg

12:00–13:00 Reden für den Frieden: Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels und seine Öffentlichkeit
Martina Wagner-Egelhaaf, Münster
13:00–14:00 Make Peace Work. Friedenskonzepte in der bildenden Kunst seit den 1960er Jahren
Ursula Frohne, Münster