Religiöses Entscheiden in der Literatur

Literaturwissenschaftlerin Wagner-Egelhaaf vergleicht Augustinus und Goethe

Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf
© maz

Über literarische Darstellungen des religiösen Entscheidens hat die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf in der Ringvorlesung „Religion und Entscheiden“ des Exzellenzclusters und des Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Entscheidens“ gesprochen. Im Mittelpunkt standen zwei autobiografische Texte, die Confessiones des antiken Theologen Augustinus sowie Dichtung und Wahrheit von Johann Wolfgang von Goethe. Die Wissenschaftlerin nahm in dem Vortrag die sprachliche Präsentation des Entscheidens im religiösen Kontext und ihre spezifische Rhetorik in den Blick. Sie ergänzte die Ausführungen durch lyrische Textbeispiele.

„Die beiden autobiografischen Werke weisen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf“, erläuterte Prof. Wagner-Egelhaaf. „Beide zeigen eine progressive religiöse Entwicklung auf, die verschiedene Schritte des Entscheidens erfordert.“ Zugleich sind Unterschiede festzustellen, wie die Wissenschaftlerin ausführte: „Während Augustinus seine Konversion mit einer Bekehrungsszene als Höhepunkt entscheidensförmig dramatisiert, scheint das Thema Entscheiden bei Goethe auf den ersten Blick keine Rolle zu spielen. Dass die Frage nach der Religion hier auf den ersten Blick nicht entscheidungsförmig auftritt, hängt damit zusammen, dass entsprechend dem Goethe’schen Bildungskonzept eine gleichsam natürliche Entwicklung beschrieben werden soll.“ Doch zwischen den Zeilen seien durchaus Entscheidens-Narrative zu lesen, die ein bestimmtes Muster aufwiesen: „Goethe nimmt in der Schilderung seiner religiösen Entwicklung fast durchgehend in sich wiederholender Weise Bezug auf die religiösen und theologischen Strömungen der Zeit.“

Besinnung auf die eigene poetische Kraft

Die Literaturwissenschaftlerin legte anhand zahlreicher Textbeispiele dar, wie Augustinus um 400 nach Christus seine Bekehrung zum Christentum literarisch darstellte. Sie machte deutlich, dass seine Autobiographie zum Vorbild dieser literarischen Gattung wurde, Autoren im 17. und 18. Jahrhundert aber zugleich eine deutlich andere Grundhaltung zeigten: „Der Moment der conversio, der bei Augustinus in der Schwebe zwischen göttlichem und menschlichem Entscheiden bleibt, wird zunehmend zur Systemstelle menschlicher Selbstverfügung.“ In Goethes autobiographischen Schilderungen sei geradezu ein Gegenbild zur augustinischen Bekehrung zu finden: „Während sich Augustinus über seine Bekehrung im Mailänder Garten selbst fand, sich im Jahr 387 taufen ließ und 395 ein hohes kirchliches Amt antrat – er wurde Bischof von Hippo –, findet sich Goethe in der Abkehr vom christlichen Gott als Autor selbst – in Besinnung auf die eigene poetische Kraft“.

Der Vortrag trug den Titel „‚Du hast dich gegen Gott entscheiden.‘ Literarische Figurationen religiösen Entscheidens“. Die öffentliche Ringvorlesung „Religion und Entscheiden“ befasst sich im Wintersemester mit der Frage, wie von der Antike bis heute in Judentum, Christentum und Islam über Religiöses entschieden wird und wer dies in welcher Weise tun darf. Sie untersucht auch philosophische, theologische oder literarische Diskurse, in denen religiöse Entscheidungen reflektiert werden. Am Dienstag, 24. Januar, spricht der Historiker Prof. Dr. Benjamin Ziemann von der University of Sheffield über die Konversion des evangelischen Theologen Martin Niemöllers während der Zeit des Nationalsozialismus. Der Vortrag trägt den Titel „Martin Niemöllers Konversion zur katholischen Kirche 1939-1941. Zum Kontext einer religiösen Entscheidung“. Er ist um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 zu hören. (ill/vvm)