Zukunftsschau als Entscheidungshilfe

Byzantinist Michael Grünbart über Entscheidungsfindung am byzantinischen Kaiserhof

Prof. Dr. Michael Grünbart
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Über Ressourcen des Entscheidens am byzantinischen Kaiserhof hat der Byzantinist Prof. Dr. Michael Grünbart vom Exzellenzcluster in der öffentlichen Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ und des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Kulturen des Entscheidens“ der Uni Münster gesprochen. „Entscheiden gehörte zum Alltagsgeschäft des byzantinischen Kaisers“, sagte der Wissenschaftler. „Die historischen Quellen beschrieben diese Handlung ganz unterschiedlich: Die Fürstenspiegel oder die paränetische Literatur legten dem Herrscher Ratschläge und Strategien zum bedachten und ausgewogenen Entscheiden nahe.“ Da der Kaiser nach damaliger Vorstellung alleine für die von ihm beherrschte Welt entschied, sollte er beratende Experten zum Ausloten von Möglichkeiten hinzuziehen. „Dazu gehörten durchaus auch Personen, die sich, wie Hellseher, in den Geheimwissenschaften auskannten“, sagte Michael Grünbart. Er illustrierte dies anhand von drei Fallbeispielen der Herrschaftsprognose, Terminfestsetzung und Losentscheidung.

Die Verwendung prognostischer Techniken stand dem Forscher zufolge meist in Einklang mit religiösen Vorstellungen, dem orthodox-christlichen Glauben. „Die Astronomie beziehungsweise Astrologie etwa war ein anerkanntes Verfahren, bei dem sich aus Konstellationen der Gestirne Termine bestimmen oder günstige Zeitpunkte für eine Handlung wählen ließen.“ Eine solche Einbeziehung von Ressourcen, die der Zukunftsschau dienten, erlaubte dem byzantinischen Herrscher, Zeit zu gewinnen, eindeutige Entscheidungen herbeizuführen und die Last des Entscheidens zu delegieren. Sie barg aber auch die Gefahr der Manipulation und Fehlinterpretation. Der Vortrag trug den Titel „Göttlicher Wink und Stimme von oben. Ressourcen des Entscheidens am byzantinischen Kaiserhof“.

Vortrag über „Praktiken des Nichtentscheids“

In der Ringvorlesung „Religion und Entscheiden“ spricht am Dienstag, 15. November, der Frühneuzeit-Historiker Prof. Dr. Christian Windler. Der Titel des Vortrags lautet „Praktiken des Nichtentscheids. Wahrheitsanspruch und Grenzen der Normdurchsetzung“. Die Ausführungen sind um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 zu hören.

Die öffentliche Ringvorlesung befasst sich im Wintersemester mit der Frage, wie von der Antike bis heute in Judentum, Christentum und Islam über Religiöses entschieden wird und wer dies in welcher Weise tun darf. Gerade für das Zusammenleben in Gesellschaften, die durch kulturelle Vielfalt gekennzeichnet sind, ist es nach Einschätzung der Veranstalter bedeutsam, welche religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen verhandelbar sind und welche unverfügbar – seien es Glaubenssätze, Verhaltensnormen oder Eigeninteressen religiöser Gruppen. Die interdisziplinäre Reihe untersucht auch die philosophischen, theologischen oder literarischen Diskurse, in denen religiöse Entscheidungen reflektiert werden, und auf welche Ressourcen dabei zurückgegriffen wurde. Es folgen Vorträge über juristische Entscheidungen im klassischen Islam, über die mittelalterliche Inquisition und die Antworten jüdischer Gelehrter auf Glaubensfragen, „Responsa“ genannt. Auch geht es um die Reformation in Westfalen, das religiöse Entscheiden in literarischen Texten und die Diagnose „Besessenheit“ durch zeitgenössische Exorzisten. (ill/vvm)