„Wie fand der Katholizismus zur Religionsfreiheit?“

Öffentliche Buchvorstellung in Münster: Sozialethiker Karl Gabriel, Kirchenhistoriker Hubert Wolf und Ethiker Arnulf von Scheliha diskutieren Forschungsergebnisse zur Erneuerung der Kirche vor gut 50 Jahren

Pressemitteilung des Exzellenzclusters vom 10. Mai 2016

Buchcover
© Schöningh Verlag

Neue Forschungsergebnisse über den „epochalen Schritt des Katholizismus zur Religionsfreiheit“ diskutieren die Münsteraner Theologen Prof. Dr. Karl Gabriel, Prof. Dr. Hubert Wolf und Prof. Dr. Arnulf von Scheliha am Donnerstag in einer öffentlichen Buchvorstellung an der Uni Münster. Autoren der Studie „Wie fand der Katholizismus zur Religionsfreiheit?“ sind die Theologen Prof. Dr. Karl Gabriel, Prof. Dr. Christian Spieß und Dr. Katja Winkler. Sie präsentieren am Centrum für Religion und Moderne (CRM) der WWU zunächst zentrale Ergebnisse der Studie aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“, darauf folgen Kommentare des katholischen Theologen und Kirchenhistorikers Prof. Dr. Hubert Wolf und des evangelischen Theologen und Ethikers Prof. Dr. Arnulf von Scheliha. „Es glich einer Revolution, als sich die katholische Kirche nach heftigen Auseinandersetzungen am letzten Tag des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zur Religionsfreiheit durchrang. Hatte sie diese doch bis zum Konzil stets abgelehnt“, so Prof. Gabriel.

Das Buch präsentiert neue Faktoren, die zur Anerkennung der Religionsfreiheit in der katholischen Kirche vor gut 50 Jahren führten. „Der Wandel hat seinen Ursprung nicht im römischen Zentrum, sondern an den Rändern der Weltkirche“, erläutern die Autoren. Entgegen verbreiteter Forschungsmeinung sei die Wende nicht allein mit Vorgängen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu erklären.

Die Präsentation des Buches aus dem Paderborner Verlag Schöningh findet am 12. Mai um 18.00 Uhr in Raum JO 101, Johannisstraße 4, in Münster statt. Die Moderation übernimmt die katholische Theologin Prof. Dr. Judith Könemann, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät und Sprecherin des CRM. Die Studie ist Teil der Reihe „Katholizismus zwischen Religionsfreiheit und Gewalt“, zu der vier weitere von den Autoren herausgegebene Bände gehören und die mit dieser Monografie abgeschlossen ist.

Zur Wende in der kirchlichen Lehrmeinung kam es der Untersuchung zufolge erst, als die Gläubigen an der Basis ihre positiven Erfahrungen mit Demokratie und Freiheitsrechten nach Rom trugen. „Die beachtliche Pluralität und Offenheit unter Katholiken in Vereinen und Verbänden sowie in der Theologie führte dazu, dass die Kirche auf dem Konzil auf politische Gewalt zur Durchsetzung ihres Wahrheitsanspruchs verzichtete, die Trennung von Religion und Politik anerkannte und sich fortan darauf beschränkte, eine zivilgesellschaftliche Kraft unter vielen zu sein.“ Die Untersuchung entstand im Projekt C 11 „Gewaltverzicht religiöser Traditionen“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ unter Leitung von Prof. Dr. Karl Gabriel. Prof. Dr. Christian Spieß ist inzwischen an der Katholischen Universität Linz in Österreich tätig, Dr. Katja Winkler an der Universität Tübingen.

Das Buch trägt den Untertitel „Faktoren der Erneuerung der katholischen Kirche“ und erörtert detailliert die innerkirchlichen und gesellschaftlichen Faktoren, die zum von vielen für unmöglich gehaltenen Lernprozess des Katholizismus beitrugen. Ob der Modernisierungsprozess der Kirche heute anderen Religionen wie dem Islam als Vorbild dienen kann, lässt sich den Autoren zufolge nicht ohne weiteres sagen. „Ein Unterschied liegt in der Struktur der Religionsgemeinschaft“, so Prof. Gabriel. „Der katholische Zentralismus erlaubte es, eine Neuorientierung zentral zu beschließen und in der ganzen Religionsgemeinschaft zu vollziehen. Hier zahlte sich der Zentralismus einmal positiv aus. Das wäre in weitläufigeren Religionsgemeinschaften kaum möglich.“ Zugleich lasse sich aber sagen: „Religionsgemeinschaften dürften eher Anschluss an den modernen Verfassungsstaat, an Demokratie und Menschenrechte finden, wenn sie positive Erfahrungen in solchen Staaten machen. Insoweit dürfte es kontraproduktiv sein, sie unter Druck zu setzen und zur normativen Modernisierung zu drängen.“

Die Autoren zeichnen in ihrer Studie textgenau die Entstehung der Konzilserklärung „Dignitatis humanae – Über die Religionsfreiheit“ nach, die von „schweren Kontroversen und Krisen“ geprägt gewesen sei. Die Hinwendung des Konzils zur Religionsfreiheit sei aber nicht alleine auf eine Intervention der US-Bischöfe zurückzuführen, unterstreichen die Forscher. Vielmehr seien die US-amerikanischen Impulse auf einen Boden gefallen, „der durch viele politische und gesellschaftliche Faktoren für die Anerkennung der Religionsfreiheit bereitet war.“ Dazu gehörten die Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges, die Kodifizierung der Menschenrechte, der Kalte Krieg und die Blockkonfrontation, die Rolle des politischen Katholizismus und des Laienkatholizismus insgesamt sowie das historisch einmalige Wirtschaftswachstum nach dem Weltkrieg.

Das CRM ist 2012 aus dem Exzellenzcluster hervorgegangen und soll die interdisziplinären Forschungen zum Verhältnis von Religion und Moderne weiter intensivieren, neue Forschungskooperationen anstoßen und öffentliche Debatten begleiten. Die Mitglieder erforschen Themen im Spannungsfeld von Religion und Politik, Recht, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft sowie die Rolle von Religionen in Modernisierungsprozessen. (ska/vvm)

Hinweis: Karl Gabriel/Christian Spieß/Katja Winkler: Wie fand der Katholizismus zur Religionsfreiheit? Faktoren der Erneuerung der katholischen Kirche, Paderborn u.a.: Schöningh 2016 (Katholizismus zwischen Religionsfreiheit und Gewalt, Bd. 2).

Buchpräsentation zur Neuerscheinung „Wie fand der Katholizismus zur Religionsfreiheit? Faktoren der Erneuerung der katholischen Kirche“ der Sozialethiker Prof. Dr. Karl Gabriel, Prof. Dr. Christian Spieß und Dr. Katja Winkler
Mit Kommentierungen des Kirchenhistorikers Prof. Dr. Hubert Wolf, Münster, und des Sozialethikers Prof. Dr. Arnulf von Scheliha, Münster
12.05.2016, 18:15 Uhr
Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
JO 101
Johannisstraße 4
48143 Münster