Der Einfluss der Konfessionen auf den Wohlfahrtsstaat

Politikwissenschaftler Philip Manow unterscheidet vier Modelle der Sozialstaatsbildung

Prof. Dr. Philip Manow
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Über religiöse Einflüsse auf die europäischen Wohlfahrtsstaaten hat der Bremer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Philip Manow in der Ringvorlesung „Religionspolitik heute“ des Exzellenzclusters und des Centrums für Religion und Moderne (CRM) der WWU gesprochen. „Die entwickelten Wohlfahrtsstaaten des Westens entstanden zwar in Reaktion auf die volle Durchsetzung des Kapitalismus“, sagte der Wissenschaftler, „ihre institutionelle Genese war aber im Regelfall auch geprägt von der zweiten großen Spannungslinie, die diese Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert beherrscht: dem Staat-Kirche-Konflikt.“ Wie sich der Konflikt im institutionellen Gefüge des Wohlfahrtsstaats niedergeschlagen habe, sei jedoch nicht ganz offensichtlich.

Der Politikwissenschaftler skizzierte in seinem Vortrag zunächst politikwissenschaftliche Argumente für den Einfluss der Konfessionen auf die europäischen Sozialstaaten Europas und ging dann besonders auf die Situation in Deutschland ein. Er stellte die Entwicklung des deutschen Wohlfahrtsstaates in einen vergleichenden Kontext und zeichnete ein Erklärungsmodell der unterschiedlichen Pfade, die zur Herausbildung von vier distinkten Sozialstaatsregimen geführt hätten: einem sozialdemokratisch-skandinavischem Modell, einem angelsächsisch-liberalen Modell, einem kontinental-konservativen und schließlich einem südeuropäisch-klientelistischen Modell. „Im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen wie der Massenimmigration besitzen diese vier Regime unterschiedliche Potenziale und Defizite“, so Prof. Manow.

Ton-Mitschnitt des Vortrags

Der Vortrag trug den Titel „Die religiöse Prägung des bundesdeutschen Wohlfahrtsstaats im europäischen Vergleich“. Der katholische Theologe und Sozialethiker Prof. Dr. Karl Gabriel vom Exzellenzcluster kommentierte die Ausführungen. Die Ringvorlesung des Sommersemesters befasst sich mit aktuellen Fragen der Religionspolitik. Ziel ist es, Grundsatzfragen sowie aktuelle Konflikte und Lösungen zu erörtern, auch im internationalen Vergleich. Die Reihe bringt Wissenschaft, Politik, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften durch Vorträge und Podien ins Gespräch.

 

Podiumsdiskussion mit Politikern

In den kommenden zwei Woche stehen zwei Podiumsdiskussionen unter dem Titel „Reformdruck in der Religionspolitik?“ auf dem Programm. Am Dienstag, 28. Juni, sind die Positionen von Parteienvertretern zu hören: Volker Beck (Die Grünen), Kerstin Griese (SPD), Claudia Haydt (Die Linke) und Thomas Sternberg (CDU) diskutieren mit dem Politikwissenschaftler Ulrich Willems vom Exzellenzcluster. Am Dienstag, 5. Juli, sind die Positionen von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu hören. Erwartet werden Avichai Apel (Orthodoxe Rabbinerkonferenz), Michael Bauer (Humanistischer Verband Deutschlands), Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime in Deutschland) und Stephanie Springer (Landeskirchenamt der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers). Sie diskutieren mit der Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster. Beide Podien moderiert Joachim Frank, Religionsfachjournalist und Chefkorrespondent der DuMont Mediengruppe. (vvm)