„Orientalisiert, kriminalisiert, propagiert?“

Neue Dissertationsschrift über muslimische Minderheit im heutigen China

Buchcover
© Ergon-Verlag

Mit der Situation der 20 Millionen Muslime im heutigen China befasst sich eine Dissertationsschrift aus der Graduiertenschule des Exzellenzclusters, die jüngst im Ergon Verlag erscheinen ist. Islamwissenschaftlerin Frauke Drewes untersucht darin die Perspektiven verschiedener muslimischer Gruppen, der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft und der Medien als politische Repräsentanten. Dazu führte sie qualitative Interviews mit Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland, China und Ägypten und analysierte die Online-Ausgabe der chinesischen Tageszeitung „Renmin ribao“ („Volkszeitung“), dem offiziellen Organ der Kommunistischen Partei Chinas, mit Blick auf den Zeitraum von 2003 bis 2011.

Unter dem Titel „Orientalisiert, kriminalisiert, propagiert? – Die Position von Muslimen in Gesellschaft und Politik der VR China heute“ stellt Drewes zahlreiche Facetten der komplexen Beziehung von Muslimen, Staat und Mehrheitsgesellschaft in China dar und deckt eine Reihe von Widersprüchen und Problemen auf, die das Land vor große Herausforderungen stellt. Das Buch ist nach den drei Leitfragen des Buchtitels „Orientalisiert, kriminalisiert, propagiert?“ gegliedert.

„Die Muslime in China sind Teil einer religiösen und meist auch einer ethnischen Minderheit“, so Drewes zum ersten Teil ihrer Studie. „Dennoch ist bei ihnen selten das Konzept einer ‚internen Orientalisierung‘ anzufinden, das die westliche Wissenschaft für Minderheiten in China insgesamt nutzt, um die Darstellung der Gruppen als exotisch und romantisch, aber zugleich primitiv zu beschreiben.“ Die Autorin legt im ersten Teil der Studie dar, wie China politisch mit den Muslimen im Land umgeht, wie ihr Bild in der Bevölkerung ist und wie sie selbst sich in Bezug auf Staat, Mehrheitsgesellschaft, aber auch die jeweils anderen muslimisch geprägten ethnischen Gruppen wahrnehmen. „Dabei wird eine große Distanz zwischen den überwiegend chinesisch-sprachigen Hui und den turkisch-sprachigen Uiguren – beide stark muslimisch geprägt – deutlich.“

Mit Blick auf eine mögliche Kriminalisierung geht Drewes im zweiten Teil spezifisch auf die schwierige Lage der Uiguren in der Region Xinjiang ein. „Dort hat sich ein negativer Kreislauf aus Protesten und Repression entwickelt“, so die Wissenschaftlerin. „Es wird jedoch deutlich, dass uigurische Wahrnehmungen staatlicher Kriminalisierung kaum mit gesellschaftlichen Vorurteilen einhergehen.“ Die Studie befasst sich schließlich im dritten Teil damit, „wie der chinesische Staat in einigen Regionen stark das ‚Label Islam‘ fördert, um damit internationale politische und wirtschaftliche Beziehungen insbesondere zu erdölexportierenden arabischen Ländern zu verbessern. Es zeigt sich jedoch, dass diese Förderung in der Bevölkerung kaum wahrgenommen wird.“ (han/vvm)

Hinweis: Drewes, Frauke: Orientalisiert – Kriminalisiert – Propagiert? Die Position von Muslimen in Gesellschaft und Politik der Volksrepublik China heute (Religion und Politik, Bd. 12), Würzburg: Ergon-Verlag 2016, 423 Seiten, ISBN 978-3-95650-138-8, 65,00 Euro.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überblick über die historische Entwicklung des Islams in China und die heutigen muslimisch geprägten Minderheiten

3. Orientalisiert? Muslime als "Die Anderen"

3.1 Politische Rahmenbedingungen für das Leben der Muslime in China

3.2 Von assimiliert bis verfolgt: Muslimische Wahrnehmungen der eigenen Position

3.3 "Sie sind genau wie wir": Mehrheitsgesellschaftliche Wahrnehmungen über Muslime

3.4 Romantisch und vorbildlich: Darstellungen einer Tageszeitung

3.5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Einheit der minzu?

4. Kriminalisiert? Der Islam und Muslime in Xinjiang

4.1 Separatismus, Extremismus, Terrorismus: Die "drei Kräfte" in Xinjiang

4.2 Das Recht auf Menschlichkeit: Darstellungen aus uigurischer Sicht

4.3 Alles in Ordnung: Beschreibungen einer Tageszeitung

4.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Kriminalisierung statt Harmonisierung

5. Propagiert? Instrumentalisierung des Islams für außenpolitische und wirtschaftliche Zwecke

5.1 Die "islamische Karte" in Chinas internationalen Beziehungen

5.2 Muslimische Wahrnehmungen des Islams im internationalen Kontext

5.3 Zeitungsberichte zu grenzüberschreitenden Rollen des Islams

5.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen:Ein Land, zwei Strategien

6. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

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