„Widerstandsrecht gegen ungerechte Herrschaft“

Neue Studie aus dem Exzellenzcluster zum Danielbuch bei Thomas Müntzer

Buchcover
© Thomas-Müntzer-Gesellschaft

Mit der Herrschaftskritik des Reformators Thomas Müntzer (1489-1525) befasst sich eine neue Studie des evangelischen Theologen Prof. Dr. Rüdiger Schmitt aus dem Exzellenzcluster. „In der sogenannten Fürstenpredigt ,Auslegung des andern Unterschieds Danielis’ von 1524 stellte Thomas Müntzer die Theorie der translatio imperii – die zeitgenössische herrschaftslegitimierende Vorstellung von der Übergabe der Herrschaft – radikal in Frage“, erläutert der Autor. „Stattdessen formulierte Müntzer ein Widerstandsrecht gegen ungerechte Herrschaft.“ Die Monographie präsentiert Ergebnisse des Projekts D2-9 „Die Rezeption des Danielbuches bei Thomas Müntzer“, das Prof. Schmitt am Exzellenzcluster leitet. Es untersucht die Auslegungstraditionen hinter Müntzers Umdeutung des Danielbuches im Rahmen einer Kulturgeschichte des Politischen.

Der Autor geht den sozial-, religions-, theologie- und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen dieser Interpretation nach und fragt, inwieweit Religion und Politik bei diesem wichtigen Vertreter der „radikalen Reformation“ zusammenhingen. Die Studie „Nebukadnezzars Traum von den vier Weltreichen und die Auslegung des Danielbuchs in der „Fürstenpredigt“ Thomas Müntzers“ ist in der Reihe „Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft“ erschienen.

„Die Erzählung von Nebukadnezzars Traum von den vier Weltreichen im zweiten Kapitel des alttestamentlichen Buchs Daniel mit seiner Vorstellung von der Übergabe der Herrschaft ist ein wichtiger Text der europäischen Geschichte“, erläutert Prof. Schmitt. „Seit der Christianisierung der antiken Welt ist die Lehre von den vier Weltreichen ein zentraler Bestandteil des herrschaftslegitimierenden Narratives der translatio imperii geworden: zuerst in der Alten Kirche und des römischen Kaisertums und dann im Alten Reich.“ Die Auslegung des Traums habe von der Antike bis in die Neuzeit immer als Medium der historischen, politischen und vor allem der religiösen Positionsbestimmung seiner Ausleger gedient, „insbesondere wenn es galt, Herrschaft zu legitimieren und das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Autorität zu bestimmen“. Dazu seien die biblisch prophezeiten Königreiche mit realen Reichen in Verbindung gebracht worden: „Der Kirchenvater Hieronymus (347-420) etwa ordnete der Textstelle die Reiche Babylon, Persien, Griechenland und Rom zu.“

„Thomas Müntzer distanzierte sich in seiner Schrift unter Rückgriff auf ältere Auslegungstraditionen von der herrschaftslegitimierenden Textinterpretation“, sagt der Theologe. „Für Müntzer stand das Gottesreich unmittelbar bevor und die Herrschenden waren daher aufgerufen, die ‚Ungläubigen‘ zu vernichten und die ‚Gottesfürchtigen‘ zu schützen. Kamen sie dieser Aufgabe nicht nach, sollte ihnen die Macht genommen und dem ‚gemeinen Mann‘ übertragen werden.“

Diese herrschaftskritische Auffassung sei schließlich die Grundlage für Müntzers Engagement auf Seiten der Aufständischen im Bauernkrieg gewesen, so der Forscher. Bei seinen theologischen Gegnern, vor allem bei den Reformatoren Martin Luther (1483-1546) und Philipp Melanchthon (1497-1560), habe sie aber heftige Reaktionen hervorgerufen. (mit/ska)

Hinweis: Schmitt, Rüdiger: Nebukadnezzars Traum von den vier Weltreichen und die Auslegung des Danielbuchs in der „Fürstenpredigt“ Thomas Müntzers (Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft, Nr. 22) Mühlhausen: Thomas-Müntzer-Gesellschaft 2015.