„Gleichgültigkeit gegenüber Religionsausübung“

Religionssoziologe Detlef Pollack zur neuen Studie „Religion in der Moderne“

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Prof. Dr. Detlef Pollack

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Über zentrale Ergebnisse seiner neuen Studie „Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich“ hat Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gesprochen. Darin äußerte er sich insbesondere zur Lage der Kirchen und zur Religiosität in Deutschland. Bei der Untersuchung aus dem Campus Verlag, die der Religionssoziologe mit Dr. Gergely Rosta verfasst hat, handelt es sich um eine der bislang umfassendsten empirischen Untersuchungen internationaler religiöser Entwicklungstrends von 1945 bis heute. Es folgt der Originalwortlaut des Interviews:

Religionssoziologe: Kirchen sind Bedeutungsrückgang ausgeliefert

Von Florentine Dame, dpa

Gegen die Moderne kommen Kirchen nicht an: Dass Religion langsam, aber sicher an Bedeutung verliert, sei kaum aufzuhalten, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack. Dabei haben die Menschen oft nichts gegen Kirche.

Münster (dpa) – Die christlichen Kirchen in Deutschland leiden unter leerer werdenden Gotteshäusern und Mitgliederschwund – ein nicht umkehrbarer Trend, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack. Der Experte des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster hat mit Kollegen umfassendes Zahlenmaterial ausgewertet. Seine Untersuchung „Religion in der Moderne“ stellt er am Mittwoch in Münster genauer vor. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur erläutert er, warum Kirchen ihrem Bedeutungsrückgang in modernen Gesellschaften aus seiner Sicht ziemlich hilflos gegenüberstehen.

Ihre Untersuchung zeigt deutlich: Religion nimmt im Vergleich zu anderen Lebensbereichen wie Familie, Freizeit oder Beruf für eine Mehrheit der Menschen nur einen geringen Stellenwert ein. Außerdem werden Kirchen in Deutschland immer leerer, Jahr für Jahr treten Menschen aus. Werden Kirchen irgendwann bedeutungslos?

Dass die Kirchen irgendwann nur noch den Status von Sekten haben werden, ist nicht absehbar. Der Bedeutungsrückgang ist vielmehr ein sehr langsamer, schleichender Prozess, der schon seit Jahrzehnten andauert. Die Austrittszahlen sind zudem mit unter einem Prozent nicht dramatisch. Die Kirche lebt noch stark von ihrer Vergangenheit, von ihrer Verankerung in den Familien und der Kultur. Doch diese Tradition verliert an Bedeutung, nicht sprungartig, aber man kann sagen, geradezu mit der Regelmäßigkeit eines Uhrenschlages.

Woran liegt das?

Dem Bedeutungsrückgang liegt weniger Unzufriedenheit als vielmehr Gleichgültigkeit gegenüber Religionsausübung zugrunde. Viele Menschen finden einfach anderes wichtiger: Sie bleiben nicht fern, weil sie die Predigt doof finden. Es ist vielmehr so: Sie möchten lieber ausschlafen, Zeit mit der Familie verbringen, zum Fußball gehen. Weil die Möglichkeiten immer vielfältiger werden, verschiebt sich die Aufmerksamkeit immer weiter vom religiösen zum weltlichen Feld. Da gegenzusteuern ist für alle Kirchen eine große Herausforderung.

Was kann denn Kirche tun, um das aufzuhalten?

Die Kirchen sind dieser Abwendung der Gläubigen häufig machtlos ausgeliefert. Deswegen gibt es allenfalls nur kleine Stellschrauben, um den Trend abzufedern. Kirche behauptet sich dort, wo sie sich mit nicht-religiösen Dingen verbindet und so in die Gesellschaft ragt.

Wie kann das aussehen?

Konfessionelle Schulen oder Kindergärten sind beispielsweise relativ stark nachgefragt, weil es dort eben nicht nur allein um das Seelenheil, sondern auch um Bildung und Erziehung geht. Auch wenn Religion zu einem Medium für politischen Protest wird, kann sie an Bedeutung gewinnen. Mischt sich Kirche gesellschaftlich ein, muss das aber mit ihrer Kernkompetenz, zum Beispiel Nächstenliebe, in Verbindung stehen, sonst überzieht die Kirche ihr Konto. Die Gefahr ist immer, dass Kirche sich nur noch im Anpassungsgang an eine individualisierte Gesellschaft befindet und dadurch an Profil verliert. Die Gefahr ist aber auch, dass sie sich über die Gesellschaft stellt. In diesem Spannungsfeld muss sich die Kirche bewähren.

Zur Person: Prof. Detlef Pollack ist Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität und erforscht am Lehrstuhl für Religionssoziologie das Verhältnis von Religion und Moderne. Zum Thema ist soeben sein Buch erschienen, in dem untersucht wird, auf welche Weise gesellschaftliche Entwicklungen die Bedeutung von Religion in verschiedenen Teilen der Welt beeinflussen.

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de.

Zur Studie „Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich“ sind zahlreiche Medienbeiträge erschienen. Eine Auswahl zeigt das Presseecho des Exzellenzclusters.