Kunst der Zukunftsvorhersage im Alten Testament

Neuerscheinung über mantische Praktiken im 1. Jahrtausend vor Christus

Buchcover

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© Ugarit-Verlag

Formen und Funktionen der „Mantik im Alten Testament“ untersucht der evangelische Theologe Prof. Dr. Rüdiger Schmitt vom Exzellenzcluster in einem gleichnamigen Buch aus dem Ugarit-Verlag. Mantik ist die Kunst der Zukunftsvorhersage und der Erkundung des göttlichen Willens, wie der Autor erläutert. Der Band betrachtet mantische Praktiken aus einem sozial- und religionsgeschichtlichen Blickwinkel.

„Mantik wird definiert als eine Form performativer ritualsymbolischer Kommunikation und ist fest im Symbolsystem des Alten Israel verankert“, schreibt der Theologe. Dazu gehöre, dass autorisierte Spezialisten intuitiv göttliche Botschaften empfangen und weitergeben sowie solche induktiv generieren und deuten. „Darüber hinaus können natürliche Zeichen grundsätzlich als göttliche Willensäußerungen gewertet werden und sind ominös lesbar.“ Theorien von einer „rationalisierten“ oder „entmythologisierten“ Auffassung der Natur und des Kosmos im Alten Testament seien daher als obsolet zu betrachten.

Das Alte Israel hat dem Autor zufolge im 1. Jahrtausend vor Christus Anteil an einer spezifischen westsemitischen Divinationskultur. „In dieser dominieren intuitive Formen der Mantik wie die zu Teilen in Trance oder Ekstase stattfindenden Visionen und Auditionen und einfache Formen induktiver Mantik wie Losorakel.“ Der Band untersucht die im Alten Testament und auch archäologisch und epigraphisch zu erschließenden mantischen Praktiken in diesem Zeitraum. Ebenso werden das soziale Setting der mantischen Spezialisten, insbesondere der Nabis, und die unterschiedlichen Leistungsbezüge von Mantik in der staatlichen, familiären und gruppenbezogenen Religion, der Bildungskultur der Schriftgelehrten und im juridischen Bereich beleuchtet.

„Die Leistungsbezüge mantischer Praktiken richten sich ähnlich wie bei ‚magischen‘ Ritualen im Wesentlichen auf die Bewältigung individueller, familiärer, gesellschaftlicher und staatlicher Krisen- und Kontingenzerfahrungen wie Krankheit und Tod, Krieg, Naturkatastrophen, Hungersnot, Seuchen“, so der Autor. Sie dienen dazu, Krisen verstehbar zu machen und Wege der Bewältigung sowie Lösungen für die Zukunft zu erkunden.

Der Theologe Schmitt evaluiert kritisch die in der Forschung lange dominierende Auffassung von einer Sonderstellung der alttestamentlichen Prophetie. Darüber hinaus analysiert er den intensiven alttestamentlichen Diskurs um legitime und illegitime Formen der Mantik. Dieser wird im Wesentlichen als ein an das Prophtengesetz in Dtn 18 anschließender schriftgelehrter Diskurs beschrieben. Prof. Dr. Rüdiger Schmitt leitet am Exzellenzcluster das Projekt D2-9 Die Rezeption des Danielbuches bei Thomas Müntzer. (Ugarit Verlag/mit/vvm)

Hinweis: Schmitt, Rüdiger: Mantik im Alten Testament (Alter Orient und Altes Testament, Bd. 411), Münster: Ugarit-Verlag 2014, 212 Seiten, ISBN 978-3-86835-100-2, 69 Euro.


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