Kommentare in Recht und Religion

Neuer Band von Rechtswissenschaftler Nils Jansen zu Kommentaren von der Antike bis zur Moderne

Buchcover
© Mohr Siebeck

Mit „Kommentaren in Recht und Religion“ beschäftigt sich ein neuer Band, den die Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Nils Jansen vom Exzellenzcluster und David Kästle von der WWU herausgegeben haben. Die Autoren der Beiträge analysieren Kommentare von der Antike bis zur Moderne. Herausgeber Prof. Jansen führt in seiner Einleitung in die Textform des Kommentares ein. Das Buch, das im Verlag Mohr Siebeck erschienen ist, entstand in Zusammenarbeit mit dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Reinhard Achenbach vom Forschungsverbund und dem katholischen Theologen Prof. Dr. Georg Essen aus Bochum.

Kommentare bilden seit jeher eine zentrale Textform von Rechtswissenschaft und Theologie. Paradigmatisch verkörpern sie den Bezug theologischen und juristischen Denkens auf fundamentale Referenztexte, wie die Herausgeber darlegen. Die Autoren des Bandes untersuchen die Kommentare  auf ihre Form, Methoden, Funktionen und institutionellen Bezüge. Der historisch-interdisziplinäre Vergleich zeigt dabei, wie Kommentare die Wissenschaftskultur ihrer Zeit sowohl adaptieren als auch mitprägen. So gerät ihre grundlegende mediale Bedeutung ebenso in den Blick wie ihr dialektisches Verhältnis zum jeweiligen Referenztext. Kommentare können einen Text zur Entfaltung und Geltung bringen, aber auch selbst zu theologischen und juristischen Autoritäten werden.

Die Beiträge der Neuerscheinung beleuchten beispielsweise Bibelkommentare der Kirchenväter (ca. 200 bis 600 n. Chr.) und Kommentare als diskursive Einheiten in der rabbinischen Literatur. Es geht auch um fließende Grenzen juristischer Kommentierungstätigkeit im Spätmittelalter und um die Wiedererfindung dieser Textform in der Reformation. Weitere Beiträge befassen sich mit Kommentierungen von der Frühneuzeit bis zum 20. Jahrhundert.

Neben der Entstehung des Gesetzeskommentars in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert analysiert das Buch etwa das 2009 erschienene, fünfbändige Werk „Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil“. Erörtert wird auch, inwiefern das Kommentieren in den Bibelwissenschaften als ökumenischer Dienst an der Theologie im 21. Jahrhundert verstanden werden kann. Mitherausgeber David Kästle präsentiert Ergebnisse seiner Forschung in dem Aufsatz „Juristische Kommentare – theologische Kommentare: Von der Farbe des Chamäleons“. (Mohr Siebeck/han/vvm)


Hinweis: David Kästle und Nils Jansen (Hgg.), in Zusammenarbeit mit Reinhard Achenbach und Georg Essen, Kommentare in Recht und Religion, Tübingen: Mohr Siebeck, 2014, 465 Seiten, ISBN 978-3-16-152879-8, 104 Euro.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

  • Nils Jansen: Kommentare in Recht und Religion. Einführung
  • Ulrike Babusiaux: Der Kommentar als Haupttext: Zur Gattung der libri ad edictum Ulpians
  • Bernhard Lang: Die Bibelkommentare der Kirchenväter (ca. 200-600): Kleines Kompendium mit Forschungsstand und Beispieltexten
  • Ronen Reichman: Kommentare als diskursive Einheiten in der rabbinischen Literatur: Beispiele aus Midrash, Mishna und Talmud
  • Mechthild Dreyer: Die Kommentare zu den Sentenzen des Petrus Lombardus: Eine Literaturgattung im Spannungsfeld theologischer Kontroverse und Systematik
  • Susanne Lepsius: Fließende Grenzen juristischer Kommentierungstätigkeit im Spätmittelalter: Glosse – Kommentar – Repetitio
  • Peter Opitz: Von der annotatio zum commentarius – Zur Wiedererfindung des Bibelkommentars in der Reformation
  • Andreas Thier: Zwischen Exegesesammlung und Ordnungsentwurf: Zur Kommentarliteratur des gelehrten Rechts in der Frühen Neuzeit
  • Tilman Repgen: Der Summenkommentar des Francisco de Vitoria
  • Jan Rohls: Schöpfung und Fall: Das Wechselspiel von historisch-kritischer Exegese und Dogmatik anhand der Genesiskommentare im 18. und frühen 19. Jahrhundert
  • Georg Essen: Kommentieren ohne Kommentar: Konzeptionen katholischer dogmatischer Theologie in der Moderne
  • Thomas Henne: Die Entstehung des Gesetzeskommentars in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert
  • Michael Böhnke: Die „armen Verwandten“: Kanonistische Kommentare in der Moderne, dargestellt am Beispiel des Münsterischen Kommentars zum Codex Iuris Canonici
  • Eckart Otto: Kommentieren in den Bibelwissenschaften: Ein ökumenischer Dienst an der Theologie im 21. Jahrhundert
  • Roman A. Siebenrock: Dem Ereignis verpflichtet – in Treue zu Text und Gestalt des Konzils: Systematische Erwägungen zu „Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil“
  • Gralf-Peter Calliess: Kommentar und Dogmatik im Recht: Funktionswandel im Angesicht von Europäisierung und Globalisierung
  • David Kästle: Juristische Kommentare – theologische Kommentare: Von der Farbe des Chamäleons