Die Postapokalypse in der Pop-Kultur

Kulturwissenschaftlerin zum „Überleben im Nichts“ in Literatur, Film und Computerspiel

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Dr. Maren Conrad

© han

Über postapokalyptische Visionen in der Pop-Kultur des 21. Jahrhunderts hat die Kulturwissenschaftlerin Dr. Maren Conrad von der Universität Münster in der öffentlichen Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“ des Exzellenzclusters gesprochen. Sie legte dar, wie seit den 1950er Jahren Literatur, Filme und jüngst auch Computerspiele zunehmend Geschichten erzählen, die in einer Zeit „nach dem Ende der Welt“ spielen. „Anstatt vom Jüngsten Gericht oder einem finalen Weltuntergang zu berichten, werden Erzählungen immer häufiger in einer verwüsteten, menschenleeren Welt angesiedelt“, sagte die Wissenschaftlerin. Diese Art von Endzeit-Szenario werde inzwischen regelmäßig zur „innovativen Inszenierung“ individuellen Überlebens nach einer Katastrophe genutzt. „Das Ende der Welt hat sich in der Kultur des 21. Jahrhunderts somit längst zu einem gängigen Ausgangspunkt für ein eigentlich unmögliches Erzählen entwickelt“, so die Kulturwissenschaftlerin.

„Auch wenn die Welt zerstört und die Menschheit ausgelöscht ist, findet sich immer mindestens ein Überlebender in den Ruinen der Zivilisation, dem die Aufgabe zukommt, weiterzuleben und vom Untergang zu berichten“, erläuterte Maren Conrad ein grundlegendes Merkmal der postapokalyptischen Erzählung. Das Jahr 2013 sei mit Blick auf postapokalyptische Erzählungen – etwa über die letzten Menschen nach einer „Zombie-Apokalypse“ oder nach einem (vermeintlichen) Weltuntergang –ein Höhepunkt in der internationalen Pop-Kultur gewesen. So hätten sich zahlreiche Kinofilme wie „Oblivion“, „World War Z“, „After Earth“ und „This is the End“, aber auch weltweit erfolgreiche Computerspiele wie „The Last of Us“ oder „The Walking Dead“ auf unterschiedliche Weise mit der Thematik auseinandergesetzt.

Als frühe literarische Beispiele stellte die Kulturwissenschaftlerin Arno Schmidts Roman „Schwarze Spiegel“ (1951) und Richard Mathesons „I am Legend“ (1954) vor. Zugleich ging sie auf spätere einflussreiche Romane wie Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“ (2006) und Cormac McCarthys „The Road“ (2006) sowie die Verfilmung von „I am Legend“ (2007) ein.

Die Wissenschaftlerin führte aus, welche gesellschaftlichen und ästhetischen Implikationen sich hinter dem Erzählen über das „Ende nach dem Ende“ verbergen. So werde das „Überleben im Nichts“ in Literatur, Film und Computerspiel auf vielfältige Weise zur Thematisierung einer allgegenwärtigen Endzeitstimmung in der Kultur herangezogen. „Diese Szenarien können eine Rolle bei der Inszenierung der Bewältigung kultureller Ängste spielen und etwa der modernen, hochgradig individualisierten ‚Risikogesellschaft‘, wie der deutsche Soziologe Ulrich Beck sie bezeichnet, als Identifikationsfläche dienen.“

Der Vortrag trug den Titel „Nach dem Ende – Postapokalyptische Visionen in Literatur, Film und Computerspiel des 21. Jahrhunderts“. Die Kulturwissenschaftlerin ist PostDoc-Stipendiatin der Hans Böckler Stiftung im Promotionskolleg „Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft“ und arbeitet seit 2012 am Institut für Germanistik der WWU als wissenschaftliche Koordinatorin der Graduate School „Practices of Literature“.

„Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Plakat der Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Plakat

© Foto: fuyu liu, Shutterstock.com

Die neue Ringvorlesung, die das Habilitandenkolleg des Forschungsverbunds organisiert, widmet sich der Geschichte apokalyptischen und utopischen Denkens von der Antike bis heute und untersucht, wie religiöse und politische Elemente in Zukunftsvisionen verwoben sind. In der Ringvorlesung kommen Vertreter verschiedener Fächer zu Wort: aus der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Philosophie, Theologie, Archäologie, Ägyptologie und Musikwissenschaft.

Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 9. Dezember hält der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfram Steinbeck aus Köln zum Thema „Welterlösungsutopien: Richard Wagner und ‚Das Kunstwerk der Zukunft‘“. (han/vvm)


Ringvorlesung „Zukunftsvisionen zwischen Apokalypse und Utopie“

Wintersemester 2014/2015
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster