Wie Texte über Kulte und heilige Orte der Zeit angepasst wurden

Neues Buch über das Neu- und Umschreiben biblischer Geschichten

Buchcover „Holy Places and Cult“

Buchcover

© Åbo Akademi University Press/Eisenbrauns

Wie Bibeltexte über heilige Orte und Kultpraktiken über Jahrhunderte hinweg umgeschrieben wurden, untersucht erstmals ein neuer Sammelband  unter Beteiligung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Unter dem Titel „Holy Places and Cult“ („Heilige Orte und Kult“) analysiert das Buch, wie Texte aus dem Alten und Neuen Testament in biblischer und nachbiblischer Zeit durch Juden, Samaritaner und Christen bereits innerhalb der Bibel, in antiken Briefen und in einem Bericht über eine Palästinareise des deutschen Kaisers Wilhelm II. am Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen, neu- oder umgeschrieben und so den geänderten sozio-religiösen Umständen angepasst wurden. „Damit füllt der Band eine Forschungslücke“, schreiben die Herausgeber und evangelischen Theologen PD Dr. J. Cornelis de Vos vom Exzellenzcluster und PD Dr. Erkki Koskenniemi von der finnischen Åbo University in Turku. Das Buch, das in den Verlagen Åbo Akademi University Press und Eisenbrauns in englischer Sprache erschienen ist,  untersucht die biblische Zeit, das 4. und 5. Jahrhundert nach Christus sowie das Ende des 19. und den Anfang des 20. Jahrhunderts.

Biblische Geschichten, die Kult und heilige Orte thematisierten, seien aus unterschiedlichen Gründen umgeschrieben worden, erläutert Cor de Vos. „Dies geschah etwa, wenn neue Ideen das alltägliche religiöse Leben der Menschen veränderten oder wenn Kultstätten ihre Bedeutung verloren oder auch nach Jahrhunderten wiedergewannen.“ Textänderungen ließen sich auch bei der Entstehung ganz neuer Kultstätten und -praktiken feststellen, die eine Legitimation aus der Bibel brauchten. „Der Standort von Kultstätten und heiligen Bergen wurde in den späteren Texten durchaus an ganz anderen Stellen verortet als in der biblischen Vorlage, um geänderte Legitimationsbedürfnisse zu erfüllen.“ Darüber hinaus seien die biblischen Vorstellungen von Heiligkeit und Reinheit im Verlaufe der Jahrhunderte abgewandelt worden, was die Vorschriften für Kulte beeinflusst habe. „Auch dafür wurden Texte aus der Bibel bewusst verändert.“

Ein Beitrag des Sammelbandes beschäftigt sich etwa mit der Tempelrolle aus den Höhlen bei der Siedlung Qumran im Westjordanland, die dem Wissenschaftler zufolge eine „relativ freie Interpretation der fünf Bücher Mose“ beinhaltet. Ein weiterer Beitrag untersucht, wie Theologen ab dem 2. Jahrhundert das Thema Zölibat aus Bibeltexten herausarbeiteten. „Welche Personen die Bibeltexte jeweils umschrieben, ist der Forschung in den meisten Fällen unbekannt“, erläutert de Vos. Zu den wenigen bekannten Akteuren gehören dem Theologen zufolge drei römische Schülerinnen von Kirchenvater Hieronymus (347-420), Paula, Eustochium und Marcella, die die Bibel in Briefwechseln untereinander neu gedeutet hätten. 

„Holy Places and Cult“ ist der fünfte Band der interdisziplinären Reihe „Studies in the Reception History of the Bible“ (Studien in der Rezeptionsgeschichte der Bibel). Die internationalen Autoren präsentieren in ihren Beiträgen Ergebnisse aus zahlreichen Forschungsfeldern, die größtenteils auf eine wissenschaftliche Konferenz in Karkku, Finnland, aus dem Jahr 2010 zurückgehen. Beteiligt sind etwa Alt- und Neutestamentler, Judaisten, Altphilologen und Kirchenhistoriker. (han)


Hinweis: Koskenniemi, Erkki/ Vos, J. Cornelis de (Hgg.): Holy Places and Cult (Studies in the Reception History of the Bible, Bd. 5), Turku/Winona Lake: Åbo Akademi University Press/Eisenbrauns 2014, 240 Seiten, ISBN: 978-952-12-3046-2, 35 Euro.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Erkki Koskenniemi, J. Cornelis de Vos: Introduction
  • Michael Becker: The Temple Scroll: Temple, Cult and the Law
  • Erkki Koskenniemi: Legal Texts Rewritten? Some Methodological Aspects
  • Antti Laato: The Cult Site on Mount Ebal: A Biblical Tradition Rewritten and Reinterpreted
  • Magnar Kartveit: The Samaritan Temple and Rewritten Bible
  • Lotta Valve: Moses and Elijah at Horeb and at the End of Malachi
  • J. Cornelis de Vos: “Temple” and “Holy Land” in 2 Corinthians 6:14-7:1: Localising the Presence of God
  • Lukas Bormann: Rewritten Bible and the “Worship of Angels” (Col 2:18)
  • Anni Maria Laato: What Makes the Holy Land Holy? A Debate between Paula, Eustochium, and Marcella (Jerome, Ep. 46)
  • Martin Tamcke: Liberal Theology Encounters the Holy Land: Paul Rohrbach and Palestine’s Historic Site

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