Forscher heben Schatz der Musikgeschichte

Datenbank erfasst erstmals deutsche Oratorien seit 1800 – Tagung am Exzellenzcluster beleuchtet Oratorien Louis Spohrs – Öffentliche Aufführung des Oratoriums „Die letzten Dinge“ am 17. November in Münster

Pressemitteilung des Exzellenzclusters vom 11. November 2013

Dominik-hoeink

Dr. Dominik Höink

Am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster wird ein vergessener Schatz der Musikgeschichte gehoben: Forscher erfassen und untersuchen Oratorien des 19. und 20. Jahrhunderts, die im Gegensatz zur Schwestergattung Oper oft noch kaum erforscht sind, wie Musikwissenschaftler Dr. Dominik Höink erläutert. Bislang richte sich das Augenmerk nur auf wenige Oratorien wie die von Joseph Haydn (1732-1809) und Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). Ansonsten klaffe besonders bei den deutschen Werken dieser Gattung eine „immense Forschungslücke“. Bisher unzureichend untersucht sind demnach die Oratorien des Komponisten Louis Spohr (1784-1859). Eine Tagung des Exzellenzclusters mit dem Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik in der kommenden Woche beleuchtet erstmals die Stücke Spohrs systematisch und interdisziplinär. Tagungsveranstalter Höink wird eine Datenbank präsentieren, die erstmals alle deutschen Oratorien von 1800 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erfasst.

Zur öffentlichen Aufführung des Oratoriums „Die letzten Dinge“ von Louis Spohr am 17. November um 18 Uhr in der Mutterhauskirche der Franziskanerinnen sind alle Interessierten eingeladen. Das Konzert im Rahmen der Tagung, zu der vom 15. bis 17. November internationale Experten erwartet werden, soll einen Höreindruck von Spohrs musikalischem Schaffen vermitteln. Renommierte Solisten wie Sopranistin Andrea Lauren Brown, Altistin Sunniva Eliassen, Tenor Michael Feyfar und Bassist Stefan Zenkl singen mit dem Kammerchor an der Herz-Jesu-Kirche Münster und der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Leitung von Michael Schmutte. Kartenvorverkauf: Musikhaus Viegener am Katthagen 25-26, Copy-Casa an der Wolbecker Straße 91 und online unter www.kammerchor-herz-jesu.de.

Beginn des Eingangschors aus Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“

Beginn des Eingangschors aus Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“

© imslp

„Spohrs Oratorien wie das Werk ‚Die letzten Dinge‘, das vom Jüngsten Gericht und der Wiederkunft Jesu Christi handelt, spielen im aktuellen Konzertleben kaum eine Rolle“, so Höink. Das sage jedoch nichts über die Bedeutung der Werke für die deutsche Musikkultur im 19. Jahrhundert aus. „Im Gegenteil, Spohrs Zeitgenossen feierten ihn als Geigenvirtuosen und Komponisten.“ Der Reiz von Spohrs Oratorien liege im Zusammenspiel von religiöser Musikgattung und politischem Kontext, so der Musikwissenschaftler, der am Exzellenzcluster das Oratorium als Medium politischer Botschaften untersucht. „In Spohrs Lebenszeit fallen die Französische Revolution von 1789, die Besetzung der deutschen Staaten durch Napoleon und die Deutsche Revolution von 1848 – eine ereignisreiche Zeit, die sich in seinen Werken niederschlug.“ So komponierte er das erste Oratorium „Das jüngste Gericht“ 1812 zu Ehren des französischen Kaisers, in seinem zweiten Oratorium „Die letzten Dinge“ (1826) hingegen verarbeitete er die Endzeitstimmung nach den deutschen Befreiungskriegen (1813-1815). Auf der Tagung „Die Oratorien Louis Spohrs. Kontext – Text – Musik“ werden Musik- und Literaturwissenschaftler mit Theologen die Werke Spohrs und ihre Entstehung näher beleuchten und die Bedeutung des Komponisten für die Oratoriengeschichte erörtern.

Datenbank soll Forschungslücke schließen

Das Oratorium wurde im 19. Jahrhundert oft für politische Botschaften genutzt, wie der Musikwissenschaftler darlegt. „Ursprünglich diente das Oratorium– im Gegensatz zur Oper – vor allem der Andacht und religiösen Erbauung, doch seit dem 19. Jahrhundert verband es sich immer mehr mit dem Nationalismus.“ Die Werke kamen Höink zufolge auf Musikfesten zur Aufführung, die als Orte der Geselligkeit eine wichtige gesellschaftliche Funktion hatten und zu Foren des politischen Austauschs wurden. „Die Oratorien, die historische Persönlichkeiten kompositorisch verarbeiteten, trugen zur Vergemeinschaftung bei und erinnerten an frühere Kriegserfolge. Figuren wie Widukind der Sachsenkönig oder Otto der Große konnten durch Widmungen mit der politischen Gegenwart in Verbindung gebracht werden.“

Konzertplakat

Plakat

© Spohr Museum Kassel; imslp

Einen Überblick über das gesamte Repertoire deutscher Oratorium soll die Datenbank VDOra (Verzeichnis der deutschen Oratorien) bieten, die Höink auf der Tagung mit den Fachkollegen Robert Memering aus Münster und Prof. Dr. Rebekka Sandmeier aus Kapstadt präsentiert. „Ziel ist es, möglichst umfassend Werke, Aufführungsdaten und Forschungsliteratur zu dokumentieren und online zugänglich zu machen.“ So konnten dem Forscher zufolge bereits mehr als 8.000 Oratorienaufführungen allein für das 19. Jahrhundert nachgewiesen werden. VDOra entsteht in Kooperation zwischen dem Forschungsprojekt von Musikwissenschaftler Höink am Exzellenzcluster, B2-9 Politisch-nationale Stoffe und geistlich-religiöse Form: Das Oratorium vom 18. bis 20. Jahrhundert, und dem South African College of Music an der Universität Kapstadt. Die Datenbank soll 2015 ins Internet gestellt werden.

Die Tagung „Die Oratorien Louis Spohrs. Kontext – Text – Musik“ beginnt am 15. November im Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters in der Johannisstraße 4. Sie wird auch von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert. Die Tagungsteilnehmer untersuchen die vier Oratorien Spohrs: „Das jüngste Gericht“, „Die letzten Dinge“, „Des Heilands letzte Stunden“ und „Der Fall Babylons“. Weitere Beiträge beleuchten die autobiographische (Selbst-)Inszenierung Spohrs sowie sozial- und kulturhistorische Hintergründe. Diese Multiperspektivität im Umgang mit den Oratorien Spohrs soll Höink zufolge zu neuen Erkenntnissen auch in einem weiteren Rahmen der Gattungsgeschichte des 19. Jahrhunderts führen. (ska/vvm)