„Ein Kitt aus Sex und Glauben“

Historiker Jürgen Martschukat über alternative Familienentwürfe in der amerikanischen Oneida-Gemeinschaft

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Prof. Dr. Jürgen Martschukat

© han

Über neue Formen des Ehe- und Familienlebens in der religiös geprägten Oneida-Gemeinschaft im Nordamerika des 19. Jahrhunderts hat Historiker Prof. Dr. Jürgen Martschukat in der Ringvorlesung „Religion und Geschlecht“ des Exzellenzclusters gesprochen. „Die Kommune lebte eine politische, religiöse und sexuelle Utopie und grenzte sich vom traditionellen, bürgerlichen Familienentwurf vor allem dadurch ab, dass jeder Mann mit jeder Frau der Gemeinschaft verheiratet war“, erläuterte der Erfurter Wissenschaftler. Die Oneida-Gruppe sei im Kontext der religiösen Erweckungsbewegung zu verstehen, die im 19. Jahrhundert in den USA erstarkte. Andere Glaubensgemeinschaften, die zu der Zeit weit mehr Verbreitung fanden, waren die polygam lebenden Mormonen und die zölibatär lebenden Shaker.

„Der geistige und politische Kopf der Oneida-Gemeinschaft, John Humphrey Noyes, glaubte, im stark sexuell geprägten Miteinander universalistischer Liebe die christliche Gemeinschaft im Sinne Gottes zu perfektionieren“, so Historiker Martschukat. Ein „Kitt aus Sex und Glauben“ habe die Kommune zusammengehalten, die sich 1848 im Nordosten der USA in der Nähe der Kleinstadt Oneida ansiedelte und in den späten 1870ern zerbrach.

Gruppenehe als Alternative zur traditionellen „Kernfamilie“

„Was eine ‚gute Familie‘ ausmachte, war für den charismatischen Kommunenführer Noyes eine durch und durch politische Frage“, betonte Prof. Martschukat. Die traditionelle „Kernfamilie“ habe Noyes als eine brüchige Institution gesehen, die Frauen benachteilige und Familien wie auch das christliche Zusammenleben durch ihre „Selbstbezogenheit“ zerstöre. Das alternative Konzept der Gruppenehe in der Oneida-Gemeinschaft war nach Einschätzung des Historikers jedoch voller Widersprüche: „Einerseits wollte Noyes viktorianische Geschlechter- und Sexualkonventionen überwinden, andererseits herrschte eine stark männlich dominierte Hierarchie vor.“ Im Mittelpunkt der Kommune, in der bis zu 300 Menschen lebten, stand stets die „patriarchalische, als unfehlbar geltende“ Führungsfigur Noyes, wie der Wissenschaftler betonte.

Als Quellen dienten Historiker Martschukat Noyes‘ zahlreiche politische und sozialtheoretische Schriften, die schon zu dessen Lebzeiten überregional bekannt waren. Darin erhob der Kommunenführer die „männliche Selbstkontrolle“ in der Sexualität zum Ideal. „Der Beischlaf ohne Fortpflanzung wurde zur religiösen Höchstleistung stilisiert“, erläuterte der Forscher. Die Frauen der Gemeinschaft hätten die sexuellen Vorstellungen Noyes‘ und das „männliche Design“ der Kommune allerdings zunehmend kritisiert. Im Streit um die Nachfolge von John Humphrey Noyes sei die Gemeinschaft schließlich 1879 zerfallen und als Produktionsfirma für Küchenwaren weitergeführt worden.

Die Ringvorlesung befasst sich im Wintersemester 2011/2012 mit dem Verhältnis von Religion und Geschlecht. Unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“ untersucht sie, wie Religionen von der Antike bis heute die Geschlechterordnung beeinflussten. Am Dienstag, 17. Januar, spricht die Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Christina von Braun zum Thema „Die Funktion von Geschlecht in den fundamentalistischen Bewegungen“. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22. (han)


Ringvorlesung „,Als Mann und Frau schuf er sie.‘ Religion und Geschlecht“

Wintersemester 2011/2012
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster