„Vielfalt des Islam ist Realität“

Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer zur Bewertung religiöser Pluralität im Islam

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Prof. Dr. Gudrun Krämer

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Über die religiöse Pluralität im zeitgenössischen Islam hat die Berliner Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ gesprochen. „Die islamische Welt ist und war immer vielfältig – das ist Realität. Doch wird diese Vielfalt von Muslimen unterschiedlich bewertet, als Stärke oder auch als Schwäche“, sagte die Wissenschaftlerin. Gerade im Zeichen der Globalisierung und einer durch sie neu akzentuierten Identitätspolitik rücke vielerorts das Ideal der Einheit in den Vordergrund.

Die Ringvorlesung des Exzellenzclusters und des „Centrums für Religion und Moderne“ (CRM) befasst sich mit dem Thema „Religiöse Vielfalt. Eine Herausforderung für Politik, Religion und Gesellschaft“. Der Vortrag von Prof. Krämer trug den Titel „Einheit, Vielfalt, Differenz: Pluralität im zeitgenössischen islamischen Kontext“. Die Islamwissenschaftlerin verknüpfte darin theoretische Überlegungen zu Pluralität im Islam mit konkreten Beispielen aus der arabischen Welt. Nach kurzem Hinweis auf die Debatten um Alterität und Ambiguität verwies sie zunächst auf die Möglichkeit, Pluralität mit Gleichwertigkeit zu verknüpfen und nicht, wie in einem Großteil der einschlägigen Diskussionen der Fall, in den Kategorien von Differenz und Hierarchie, also der Über- und Unterordnung, zu denken. Toleranz im Sinne der Duldung oder der Anerkennung ließen im Übrigen beide zu, so Prof. Krämer.

„Viele Muslime geben heute dem Ideal der Einheit Vorrang“

Im Islam zeigt sich den Worten der Wissenschaftlerin zufolge religiöse Vielfalt nicht nur in den großen „konfessionellen Strömungen“ der Sunniten, Schiiten und der Aleviten, sondern auch mit Blick auf lokale Traditionen und persönliche Präferenzen. Diese Pluralität lasse sich mit Versen aus dem Koran legitimieren. „Vielen Muslimen gilt die Pluralität islamischer Denk- und Lebensweisen und politischer Ordnungsvorstellungen als etwas Positives, das den Islam als Weltreligion auszeichnet.“ Dennoch sei die Pluralität der muslimischen Gemeinde für viele eine Herausforderung. „Deutlich kann man dies in den aktuellen Auseinandersetzungen über die schiitische Mission in den mehrheitlich sunnitischen Ländern Marokko, Ägypten oder Malaysia beobachten.“

Dass viele Musliminnen und Muslime heute dem Ideal der Einheit Vorrang geben, erklärte Prof. Krämer in erster Linie mit politischen Rahmenbedingungen: Kolonialisierung, Globalisierung, dem Kampf gegen Israel, in deren Zusammenhang eine Politik Gewicht erhielt, „die darauf abzielt, allen Muslimen unabhängig von Milieu und Region über die Zugehörigkeit zum Islam Einheit und Identität zu bieten“. Auch griffen die Vertreter der Einheit auf den Koran und die frühe islamische Geschichte zurück, um ihre Position zu begründen. „Das Ideal der Einheit entstand aus der Vorstellung heraus, die muslimische Gemeinschaft sei in der ,goldenen Frühzeit‘ des Propheten Mohammed und seiner Gefährten einig und ungeteilt gewesen.“ Unterfüttert werde dieses normative Ideal nicht selten – und in durchaus problematischer Weise – durch das Dogma von der Einheit Gottes, dem „tauhid“. Nicht zu Unrecht sei daher verschiedentlich von einem „politischen tauhid“ gesprochen worden.

Die Islamwissenschaftlerin zeigte, wie gerade in der zeitgenössischen Debatte um Pluralität und Einheit häufig religiöse und genuin politische Begriffe vermischt würden. Verdeutlichen lasse sich dies am Beispiel des Begriffs „umma“, also der muslimischen Gemeinschaft, und „Volk“, oder auch an der Verwendung des Begriffs „watan,“ „Heimat“, der im Zusammenhang mit der Begründung von Bürgerrechten eine große Rolle spiele. Dabei würden im islamischen Diskurs „Sprachfiguren, Bilder und Ausdrucksweisen aufgegriffen, die eigentlich aus dem nationalistischen Kontext stammen“.

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“

Prof. Krämer lehrt und forscht an der Freien Universität Berlin. Sie ist dort Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft und Direktorin der „Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies“. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Religion, Recht, Politik und Gesellschaft im modernen Islam. 2010 wurde ihre Arbeit mit dem renommierten Gerda Henkel Preis ausgezeichnet. Die Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“ des Exzellenzclusters und des „Centrums für Religion und Moderne“ (CRM) analysiert Beispiele religiöser Pluralität von der Antike über das Mittelalter und die Frühneuzeit bis zu Deutschland, England, China und den USA heute. Die Vorträge mit anschließender Diskussion sind dienstags ab 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Kommende Woche spricht Soziologin Dr. habil. Christel Gärtner vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ zum Thema „Die Pluralisierung religiöser Identität“. (ska)