Die Farbe Gold – nicht nur zur Weihnachtszeit

Warum das wertvolle Edelmetall in der Kulturgeschichte überirdische Funktionen hatte

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Kopfreliquiar des Heiligen Paulus, um 1080

© Stephan Kube

Die Farbe Gold, die in der Weihnachtszeit Tannenbäume und Gabentische erstrahlen lässt, hatte in der Kulturgeschichte Wissenschaftlern zufolge weit mehr Bedeutungen als heute. Während das Edelmetall derzeit vor allem als Schmuck oder Wertanlage irdische Bedürfnisse bedient, schrieb das Mittelalter ihm überirdische Funktionen zu. „Gold stand für das Ewige und Göttliche. Es konnte das Heilige sichtbar machen. Mühevoll der Erde entrissen, galt es als himmlisches Geschenk, das in seinem Glanz alles Irdische überstrahlte“, so Kuratorin Dr. Petra Marx vom LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster. „Nichts anderes war so geeignet wie Gold, Gott und die Heiligen zu ehren.“ Adel und Bürger stifteten regelmäßig kostbarste Werke der Goldschmiedekunst.

Rund 300 herausragende mittelalterliche Gold-Exponate aus aller Welt präsentiert ab Februar 2012 die Ausstellung „Goldene Pracht“ in der Domkammer und im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster, zu der die Museen gemeinsam mit dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster einladen. Die Schau zeigt kostbare Kreuze, prächtige Kelche und Reliquienschreine ebenso wie edles Ratssilber und filigranen Goldschmuck aus dem 10. bis 16. Jahrhundert. Anhand wertvoller Schätze – etwa der Silberstatuette der Heiligen Agnes, den Apostelfiguren vom Hochaltar des Münsterischen Doms und dem Prudentia-Schrein aus Beckum – vermittelt die Ausstellung, warum Gold seit Jahrtausenden auf Menschen aller Kulturen Faszination ausübte und wie es zum Ausdruck religiöser und weltlicher Macht wurde.

„Fremd gewordene Frömmigkeit“

„Die Frömmigkeit dieser fernen Epochen ist uns fremd geworden, doch die ansprechende Ästhetik der sakralen und weltlichen Kunst schlägt uns bis heute in ihren Bann“, sagt Historiker Prof. Dr. Gerd Althoff vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Die Werke seien mit überaus hohem materiellem und künstlerischem Aufwand hergestellt worden. „Denn sie dienten der Verehrung Gottes sowie der Heiligen und Märtyrer.“ Die liturgischen Geräte sollten außerdem dem Gottesdienst eine hohe Würde verleihen.

Heilige und Märtyrer standen für Menschen des Mittelalters im Zentrum ihrer Vorstellungswelt und dienten ihnen als Vorbilder, wie Althoff erläutert. Umso wichtiger waren Gerätschaften zu ihrer Verehrung, wie LWL-Kuratorin Marx ergänzt. Das waren vor allem Reliquien, die Behältnisse für die körperlichen Überreste von Heiligen. „Zur Umhüllung der Gebeine– die theologisch den eigentlichen Kirchenschatz darstellten – kamen nur wertvollste Materialien wie Gold, Silber und Edelsteine in Frage. Sie spiegelten die Tugendhaftigkeit der Heiligen optisch wider“, so die Kunsthistorikerin. „Das glänzende Gold der Reliquiare galt als Abglanz der Heiligen – eine Schnittstelle zwischen Himmel und Erde.“

Vorbild „Himmlisches Jerusalem“

Dass die Reliquiare oft die Form von Köpfen oder Büsten hatten, sollte den Menschen eine kommunikative Nähe zu den abgebildeten Heiligen bieten, wie die Experten erläutern. Marx: „Die oft weit geöffneten Augen schienen die Blicke der Gläubigen quasi zu erwidern.“. Die Ausstellung „Goldene Pracht“ zeigt etwa ein Kopfreliquiar des heiligen Paulus aus dem Münsterischen Dom. Dieses „redende Reliquiar“ barg Schädelfragmente des Märtyrers, der im Jahr 67 nach Christus in Rom ermordet wurde. Die Büste aus dem 11. Jahrhundert ist das älteste Stück im Domschatz von Münster.  

Das Vorbild der künstlerischen Prachtentfaltung war nach den Worten von Althoff das in der Offenbarung des Johannes beschriebene Himmlische Jerusalem. Trotz dieser biblischen Basis sei schon im Mittelalter darum gerungen worden, ob derlei Reichtum des Goldes mit dem Christentum vereinbar sei. „Verschwenderischer Schmuck ließ sich kaum mit dem biblischen Armutsideal vereinbaren.“

Die Reden des Kirchenvaters Augustinus hätten einen Kompromiss angeboten, so der Historiker: Wertvolle Materialien waren demnach von Gott gegeben und ihre Verarbeitung somit gewollt, die richtige Nutzung habe in den Händen der Menschen gelegen. „Gold durfte den Betrachter also nicht von den Glaubensinhalten ablenken oder diese übertrumpfen. Nach mittelalterlichem Ideal sollten die Menschen nicht nach irdischen Schätzen, sondern nach dem ,Schatz im Himmel‘ streben“, sagt Althoff.

Basisdaten der Ausstellung

Die Ausstellung „Goldene Pracht. Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen“ ist vom 26. Februar bis 28. Mai 2012 im LWL-Landesmuseum und in der Domkammer zu sehen. Auf 1.500 Quadratmetern präsentiert sie in zwölf Räumen insgesamt 300 herausragende Werke der westfälischen Goldschmiedekunst des 10. bis 16. Jahrhunderts. Skulpturen, Tafelbilder, Buchmalerei und liturgische Gewänder veranschaulichen den künstlerischen Rang, die Symbolik und die vielschichtige Bedeutung der Goldschmiedewerke. Markenzeichen der Ausstellung ist die interdisziplinäre Herangehensweise durch die Zusammenarbeit der Museen mit dem Exzellenzcluster, die kunsthistorische, historische und theologische Blickwinkel vereint. (vvm/ska)