„Meine geistige Mentorin“

Rabbinerin Klapheck sprach am Exzellenzcluster über feministische Aufbrüche im Judentum

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Rabbinerin Elisa Klapheck

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Die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck hat in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters über feministische Aufbrüche im Judentum gesprochen. Im Mittelpunkt stand die Lebensgeschichte der ersten Rabbinerin der Neuzeit, Regina Jonas, die 1902 in Berlin geboren und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. „Regina Jonas war zwar die erste Rabbinerin, doch die  Kinder der Holocaust-Überlebenden, die ,Zweite Generation‘ der Juden in Deutschland, kannten sie nicht“, sagte Klapheck . Mit ihrem Buch „Fräulein Rabbiner Jonas – Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“  hatte Klapheck Jonas 1999 bekannt gemacht. Unter dem Vortragstitel „Frauen im Rabbinat“ sprach die Expertin auch über ihre eigenen Erfahrungen. Sie ist eine von inzwischen fünf Rabbinerinnen in Deutschland.

„Seit den 1970er Jahren werden in den USA Rabbinerinnen ordiniert, doch erst Mitte der 1990er Jahre begannen jüdische Frauen auch in Deutschland, zunächst gegen scharfen Widerstand, das Rabbinat zu erobern,“ erläuterte die 48-jährige gebürtige Düsseldorferin. Die Erinnerung an Regina Jonas sei aus Scham verdrängt worden. Die Schoa habe das jüdische Selbstbewusstsein derart erschüttert, dass sich die Überlebenden starr an althergebrachte Klischees geklammert hätten. „Auch als ich das Buch schrieb und Anzeigen geschaltet habe, um Zeitzeugen zu finden, war es auf einmal wie ein Skandal von gestern. Die ganze Debatte für und wider das weibliche Rabbinat war wieder da“, berichtete die Expertin.

Elisa Klapheck ist seit 2009 Rabbinerin in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main. Sie engagiert sich seit Jahren für die religiöse Gleichberechtigung jüdischer Frauen. Die Rabbinerin gehörte in den 1990er Jahren zu den Initiatorinnen von „Bet Debora“, einer regelmäßigen Tagung für europäische Rabbinerinnen, Kantorinnen und rabbinisch gelehrte Frauen. 2003 gab sie das Buch „Bertha Pappenheim – Gebete / Prayers“ mit heraus, 2005 erschien der Band „So bin ich Rabbinerin geworden. Jüdische Herausforderungen hier und jetzt“, der 2012 in zweiten Auflage erscheint. Derzeit arbeitet Klapheck an einem Buch über die jüdische Religionsphilosophin Margarete Susman.

Regina Jonas, die 1935 in Offenbach ordiniert wurde, eröffnete Klapheck zufolge mit ihren feministischen Gedanken bereits vor der Schoa eine neue Dimension im Judentum: 1930 beendete sie ihr Studium an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums mit einer halachischen Arbeit, also einer religionsgesetzlichen Arbeit, zum Thema „Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“. Die eher konservative Jüdin wies mit Belegstellen aus der Tora, dem Talmud und anderen rabbinischen Werken nach, dass „die Emanzipation der Frau bis zum weiblichen Rabbinat schon am Berg Sinai beschlossene Sache war“. Jonas sei der Meinung gewesen, so Klapheck, dass Frauen sogar besonders fähig für das Rabbineramt seien, weil weibliche Eigenschaften wie Mitleid, soziales Einfühlungsvermögen, psychologische Intuition und ein besserer Zugang zur Jugend wesentliche Voraussetzungen für den Beruf seien. Die Abschlussarbeit von Rabbinerin Jonas liefert dem Vortrag zufolge alle Argumente dafür, dass Frauen im Judentum gleichberechtigt sind.

„Kann ich das rabbinische Amt bekleiden?“

Klapheck bezeichnete Regina Jonas als „meine geistige Mentorin“. „Je mehr ich damals als Journalistin an ihrer Biografie arbeitete, desto mehr wurde die Frage: ,Kann eine Frau das rabbinische Amt‘ bekleiden zu der Frage: ,Kann ich das rabbinische Amt bekleiden‘“. Die Antwort gab Klapheck sich nach eigenen Worten durch ein Studium in den USA, wo sie zur Rabbinerin ausgebildet und 2004 ordiniert wurde.

Die Ringvorlesung befasst sich im Wintersemester 2011/2012 mit dem Verhältnis von Religion und Geschlecht. Unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie“ untersucht sie, wie Religionen von der Antike bis heute die Geschlechterordnung beeinflussten. Am Dienstag, 13. Dezember, spricht die Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr. Titia Loenen von der Universität Utrecht unter dem Titel „Women, law and religion“ über Konflikte zwischen Religionsfreiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter aus Menschenrechtsperspektive. Der öffentliche englischsprachige Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22. (ska/vvm)


Ringvorlesung „,Als Mann und Frau schuf er sie.‘ Religion und Geschlecht“

Wintersemester 2011/2012
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster