Sarah Maaß

Höflichkeit – Dummheit – Eigenschaftslosigkeit. Die Ethik des Neutrums bei Robert Musil und Robert Walser

Sarah Maaß

In seiner Vorlesung Le neutre [1977-78] bestimmt Roland Barthes das Neutrum ausgehend von Überlegungen der strukturalen Linguistik als „dasjenige, was das Paradigma außer Kraft setzt“ [1]. Diese Umgehung paradigmatischer Sinnerzeugung, die darauf beruht, aus zwei virtuellen Termen einen zu aktualisieren, den anderen jedoch ‚zurückzuweisen‘, transponiert Barthes auf die Ebene der Ethik, wo der Begriff des Neutrums unterschiedlichste Praktiken der „Konfliktvermeidung“ [2] bezeichnet. Der zugrundeliegende Ethikbegriff verweist einerseits auf die von Michel Foucault untersuchten ‚Praktiken des Selbst‘ [3] als Formen eines subjektiven ethos. Andererseits lässt er sich an Gilles Deleuzes spinozistisches Ethikverständnis koppeln, demzufolge das ‚gute Leben‘ nicht darin besteht, sich transzendenten moralischen Normen zu unterwerfen, sondern darin, zu „Konzepten, Perzepten und Affekten ein Verhältnis zu finden, das die Wirkungskraft unseres Körpers und die Denkkraft unserer Seele vermehrt und fördert“ [4].
In meiner Dissertation möchte ich der Darstellung solcher Praktiken des Neutrums in den Romanen und ausgewählten Texten Robert Musils und Robert Walsers nachgehen. Dies erfordert zum einen, auf einer innerdiegetischen Ebene die in den Texten verhandelten erkenntnis-, existenz- und sprachkritischen Dimensionen offen zu legen, die auf das Neutrum als Ethik des Nichturteilens verweisen. Zum anderen soll in außerdiegetischer Perspektive untersucht werden, wie sich diese Dimensionen auf der Ebene der Schreibweise niederschlagen; da die Ethik des Neutrums ein machtkritisches Wirklichkeitsverständnis impliziert, demzufolge die symbolischen Ordnungen Herrschaftsformen darstellen, die der Mannigfaltigkeit des Lebens nicht gerecht werden, soll v.a. der spezifische Wirklichkeitsbezug Musils und Walsers in seiner ethopolitischen Dimension analysiert werden. Dieser Bezug schließlich, so soll dargelegt werden, lässt sich mit Jacques Rancières Realismuskonzept und Gilles Deleuzes Verständnis von ‚Vitalismus‘ konzeptionell fassen und erlaubt, Literatur als Reflexion und experimentelle Erprobung von widerständigen Selbst- und Wirklichkeitsverhältnissen zu begreifen.
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[1] Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978 (2002).Aus dem Französischen von Horst Brühmann, hrsg. v. Eric Marty. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 2005. S.32.
[2] Ebd. S.33.
[3] Vgl. Foucault, Michel: „Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit“. In: Ders.: Dits et Écrits, Bd. IV 1980-1988 (1994). Aus dem Französischen von Michael Bischoff, Ulrike Bokelmann, Horst Brühmann, Hans-Dieter Gondek, Hermann Kocyba und Jürgen Schröder, hrsg. v. Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 2005. S.875-902. S.876.
[4]Stingelin, Martin: Das Netzwerk von Deleuze. Immanenz im Internet und
auf Video. Berlin: Merve, 2000. S.95.

Fach: Germanistik
BetreuerInnen: Prof. Martina Wagner-Egelhaaf

  • Lebenslauf

    seit 04/2013 Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes
    seit 2012 Doktorandin der Graduate School Practices of Literature
    05/2011 - 09/2012 Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für deutsche Sprache und Literatur, TU Dortmund
    10/2005 - 03/2011 Studium der angewandten Literatur- und Kulturwissenschaften, TU Dortmund
    04/2009 - 03/2011 Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes
    07/2006 - 11/2009 Studentische Hilfskraft und Tutorin bei Prof. Renate Kühn (TU Dortmund)
    10/2007 - 02/2008 Auslandssemester an der Uniwersytet Jagiellonski, Krakau (Interdisciplinary Program of Humanities and Social Science)
    01/2007 - 03/2007 Dramaturgiehospitanz (Schauspielhaus Dortmund)
    2004 Abitur

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    Vorträge & Publikation

    04/2017

    "Ethopolitisches Schreiben bei Robert Walser" Vortrag beim Ersten Treffen
    junger Walser-Forschender. Basel, 7.-8.4.2017. .

    03/2016

    "Wer hat Angst vorm schwarzen Loch? (Re)normalisierung und Lebenskunst
    in aktuellen Lifestylemagazinen". Im Rahmen der Tagung: "Narrative der 
    Angst und Entgrenzung: Das globalisierte Subjekt im Spiegel der Medien. 
    Universität Duisburg-Essen, 15.-16.3.2016.

    02/2016 "Tagungsbericht: 'Szenarien der Ausnahme in der Populärkultur'". 
    Zeitschrift für deutsche Philologie 135 (2/2016). S. 297-306.
    06/2014

    „Normalisierte Körper und hypernormale Subjekte. Technologien des Körpers 
    und des Selbst in der Castingshow Germany’s next Topmodel“. 
    In: kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie 66/67 (1/2, 2014). 
    S.101-114.

    07/2013 „Normativierung, Normalisierung und Hypernormalismus: Technologien 
    des Körpers und des Selbst in der Casting-Show Germany’s next Topmodel“. 
    Postgraduate Summer School in German Studies University of Nottingham: 
    “Norms, Normality and Normalization”.
    10/2011 „Das Politische und der Dokumentarfilm“. (Zus. mit Matthias Thiele). 
    Im Rahmen der Tagung „Dokumentarfilm und Politik – Politiken des Dokumentarischen“.
    10/2011 „Boom des Dokumentarischen? Wiederkehr des Politischen? 
    Kartographie eines diskursiven Konjunkturfeldes“. (Zus. mit Matthias Thiele 
    und Michael Andreas) Im Rahmen der Tagung „Dokumentarfilm und Politik – 
    Politiken des Dokumentarischen“.