Februar 2021

Münze des Monats

Brotmarke der Stadt Münster zu 250 Gr. Brot / 200 Gr. Mehl, Eisenblech, einseitig, Hohlprägung, o.J. (1915–1920), Dm 27,0 mm; Menzel (2018), Nr. 22666.2 (Privatbesitz)
© Bernd Thier

Im Kampf gegen den Hunger – Eine Metall-Brotmarke aus dem Ersten Weltkrieg aus Münster in Westfalen

Brotmarken in Metallform sind bereits seit dem Mittelalter bekannt, u.a. in der Armenfürsorge. Ihr Besitzt berechtigte z.B. zum Empfang verbilligter oder kostenloser Mehl- bzw. Brotausgaben. In Münster gab z.B. Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg in der Phase einer extremen Lebensmittelteuerung 1699 derartige Marken für arme Bürger der Stadt heraus.
Im Ersten Weltkrieg (1914–1918) wurden ähnliche Wertzeichen zur Kriegsfürsorge und als Instrumente der Zwangsbewirtschaftung herausgegeben. Sie sollten eine gleichmäßige und gerechte Versorgung der Bevölkerung während der kriegsbedingten Verknappung von Lebensmitteln und anderen Versorgungsgütern, z.B. Brennstoffe oder Kleidung, dienen.
Erste kriegsbedingte Engpässe in der Nahrungsmittelversorgung gab es schon im ersten Kriegswinter 1914/1915. Da viele Bauern und Landarbeiter zum Kriegsdienst einberufen worden waren, trat ein deutlicher Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion ein. Gleichzeitig gingen die Getreideeinfuhren aus dem Ausland zurück. Erste Gesetze und Verordnungen setzten umgehend Höchstpreise für Nahrungsmittel fest, Getreide wurde beschlagnahmt, Brot und Mehl rationiert.
Der Bedarf, der jedem Einwohner zur Verfügung stehen sollte, war sehr unterschiedlich und variierte von Ort zu Ort. Im Durchschnitt wurden zwischen 250 g Brot pro Tag und Person bis zu 2 kg Brot pro Woche bewilligt. Seit Februar bzw. März 1915 wurden daher fast in allen Städten und Gemeinden Brotkarten ausgegeben, zu deren Ausgabe spezielle Verteilstellen eingerichtet wurden. Jeder Bewohner erhielt eine Stammkarte und entsprechende Brotkarten über eine bestimmte Menge Brot oder Mehl. Diese wurden beim Einkauf einbehalten. Waren die Marken aufgebraucht konnte man keine weiteren Rationen erwerben, selbst wenn man genügend Geld zur Verfügung hatte. Für jeden Einwohner des Deutschen Reiches sollte – theoretisch – die gleiche Möglichkeit des Brot- oder Mehlbezuges gegeben sein, nicht beeinflusst durch eine eventuell vorhandene höhere Finanzkraft bestimmter Bevölkerungsgruppen. Das unmittelbar nach Kriegsbeginn Schwarzmärkte entstanden, auf denen rationierte Lebensmittel – gegen Bargeld – gehandelt oder gegen kostbare Wertgegenstände zu Wucherpreisen getauscht wurden, ließ sich aber nicht verhindern. Über beschränkte Laufzeiten der meist aus Papier gefertigten Karten wollte man außerdem vermeiden, dass es zu Fälschungen und somit zu einer ungerechten Verteilung kam.
In Münster ging man einen anderen Weg: Es wurden wiederverwendbare Metallmarken gefertigt, die des außer in Münster lediglich in Glauchau, Halle an der Saale, im Saalkreis, im Kreis Eckartsberga, in Aschersleben, in St. Ingbert sowie für die Stadt und den Landkreis Mainz gab. In Hamm gab es ähnliche Marken aus Metall auch für den Bezug von Kartoffeln.
Münster hatte zu diesem Zeitpunkt ca. 90.000 Einwohner, der Magistrat bewilligte zunächst pro Tag 250 g Brot je Person, das entspricht ca. vier bis fünf großen Brotscheiben. Im Verlauf des Krieges schwankte die Zuteilungsmenge je Woche zwischen 1.000 und 2.500 g, d.h. zwischen 215 und 350 g Brot pro Tag. Die Rationen für Schwangere, Kranke und Schwerstarbeiter waren leicht erhöht, sie erhielten zusätzliche Marken. Wie in anderen Städten waren auch weitere Lebensmittel und Versorgungsgüter rationiert, so gab es Papier-Bezugsmarken für Kohle, Briketts, Brennspiritus, Reis, Kartoffeln, Vollmilch, Butter, Kriegskost (Suppe), Fleisch und Zucker.
Die Metallbrotmarken waren in der Anschaffung zunächst zwar teurer, konnten dafür aber immer wieder verwendet werden. Die Handhabung und Abrechnung mit den Bäckern und Händlern gestaltete sich deutlich einfacher.
Die erste Brotmarkenausgabe fand am 13. März 1915 in 58 Brotmarkenbezirken statt, die zwischen 300 und 2.250 Bezugspersonen umfassten. Es wurden drei verschiedene einseitig aus Eisenblech hohlgeprägte und gelochte Marken geprägt, für 1.250 Brot = 1.000 g Mehl (Dm 35,1 mm), für 250 g Brot = 200 g Mehl (Dm 20,7 mm) und für 25 g Brot (Dm 23,1 mm).
Schon bei der zweiten Ausgabe am 29. März wurden zusätzlich Marken für 2.500 g Brot (Dm 39,8 mm) ausgegeben, die jedoch nicht zum Bezug von Mehl berechtigten. Die Herstellung dieser Marken erfolgte in sehr großen Stückzahlen in der Metallwarenfabrik Berg & Nolte in Lüdenscheid: 118.000 Stück zu 2.500 g, 318.500 Stück zu 1.250 g, 568.900 Stück zu 250 g und 550.500 Stück zu 25 g Brot. Die Kosten hierfür beliefen sich auf 10,- / 7,50 / 4,75 und 3,- Reichsmark für je 1.000 Stück. Waren die Marken zu 100 Stück an Bindfäden aufgereiht, betrugen die Kosten pro 1.000 Stück 50 Pfennig mehr Insgesamt wurden für ca. 11.000 Reichsmark Marken in Lüdenscheid hergestellt.
Bereits bei der zweiten Ausgabe kam es zu Engpässen, so dass in einer Übergangszeit zusätzlich auch runde Pappmarken in gleicher Form und Größe ausgegeben wurden: 119.900 Stück zu 250 g und 254.900 Stück zu 25 g Brot.
Die Bäcker und Händler mussten die Marken einmal in der Woche mit den Mehlverteilstellen abrechnen. Sie erhielten Mehlbezugscheine, gegen die sie bei den Getreidemühlen dann wiederum das benötigte Mehl erhielten.
Die Knappheit der Nahrungsmittel verursachte in der Folgezeit eine immer weiter steigende Zahl von Betrügereien, mit denen die hungernde Bevölkerung versuchte, zusätzliche Lebensmittel zu erlangen: Es wurden Stammkarten für Personen beantragt, die nicht registriert angemeldet waren, im großen Stil Brotmarken gefälscht und gestohlen, sogar ganze Bestände einzelner Ausgabestellen geraubt. Zum Teil war die Prägung bei den gefälschten Metallmarken verschwommen oder der Durchmesser des Loches in der Mitte stimmte nicht. Auf einigen stand statt „BROT“ die Bezeichnung „BRODT“. Einige dieser beschlagnahmten Fälschungen haben sich im Stadtarchiv Münster (heute im Stadtmuseum Münster) erhalten.
Die Kriegschronik der Stadt Münster vom März 1917 berichtet sogar davon, dass in der Stadt das Gerücht umhergehe, dass es in den Niederlanden eine Stanzerei gäbe, welche die münsterischen Marken nachahmen würde. Derartige gestohlene oder gefälschte Marken wurden dann auch auf dem Schwarzmarkt verkauft. Bettelnde Kinder baten z.B. 1916 nicht um Kleingeld, sondern um Brotmarken.
Da zuerst fast ausschließlich die Marke zu 2.500 g Brot gefälscht wurde, beschloss man, sie vom 31. März 1920 an außer Kurs zu setzen. So tauchten danach häufiger Fälschungen der 1.250 g Marke auf. So war man ab dem 17. Oktober 1920 gezwungen auch diese Marke durch nicht so fälschungsgefährdeten Papiermarken auszutauschen. Die 250 g Marke wurde kurz vor dem Ende der Rationierung von Mehl und Brot, am 7. Januar 1923, abgeschafft. Bei der letzten Ausgabe am 20. September 1923 gab es nur noch Papiermarken.
Die erhaltene Marken sind heute berede Zeichen für den Versuch der Städte und Gemeinden – unter einer militärisch organisierten Zwangswirtschaft – im Deutschen Reichsgebiet an der sogenannten „Heimatfront“ die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sicher zu stellen. Mehrere Hundertausenden Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder, starben zwischen 1914 und 1918 im Deutschen Reich an Unterernährung oder den daraus resultierenden Folgeschäden.


Bernd Thier


Literatur

  • Horst Dahl, Brotmarken im 1. Weltkrieg. Numismatisches Nachrichtenblatt 37, 1988, S. 60–72.
  • Peter Menzel, Deutschsprachige Notmünzen und Geldersatzmarken im In- und Ausland 1840 bis 2002 (digitale Publikation auf CD-ROM, überarbeitete und ergänzte Auflage 2018).
  • Eduard Schulte, Kriegschronik der Stadt Münster 1914/18. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster VI (Münster 1930).
  • Hedwig Tekotte, Die Mehl- und Brotversorgung der Stadt Münster i.W. in der Kriegs- und Inflationszeit (1914–1923). Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte (Münster 1932).
  • Bernd Thier, Mit Kriegsgeld und „K-Brot“ gegen Hortungswahn und Hunger. Der tägliche Überlebenskampf an der „Heimatfront“ 1914 bis 1918. In: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hg.), An der „Heimatfront“ – Westfalen und Lippe im Ersten Weltkrieg, Begleitpublikation zur gleichnamigen Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen, Münster (Bönen 2014), S. 34–53.
  • https://wertmarkenforum.de/brotmarken-und-notmuenzen-der-stadt-muenster-aus-der-kriegs-und-nachkriegszeit-1915-1923/