August 2021

Münze des Monats

© T. Bauer
Avers:
fī zamān
al-imām
al-muʾminīn
amīr
al-Ḥākim bi-amr

Avers:
zur Zeit
des Imams
der Gläubigen
Befehlshaber
Der herrscht aufgrund des Auftrags

Revers:
Allāh Abū
l-ʿAbbās Aḥmad
ḫullida mulkuhū

Revers:
Gottes Abū
l-ʿAbbās Aḥmad
möge seine Herrschaft ewig dauern

Inschrift (in fortlaufender Lesung):


fī zamān al-imām al-Ḥākim bi-amri llāh, amīr al-muʾminīn, Abū l-ʿAbbās Aḥmad, ḫullida mulkuhū „Zur Zeit des Imams al-Ḥākim bi-amri llāh („der aufgrund des Auftrags Gottes herrscht“), Abū l-ʿAbbās Aḥmad, möge seine Herrschaft ewig dauern“.


Daten: Ohne Ort (Delhi), ohne Jahr (744-752/1344-1352), Metall Gold, Durchmesser 21 mm, Gewicht 11,00 g, Stempelstellung 9 h.

 

Stellen Sie sich vor, Sie seien Professor für Islamwissenschaft, also Vertreter eines Faches, das einst als exotisch beäugt wurde, heute aber als wichtige und zentrale geisteswissenschaftliche Disziplin gilt. Aber man ist doch noch immer jemand, an den von Zeit zu Zeit seltsame Anliegen herangetragen werden. So kann es vorkommen (und ich kenne Leute, denen es tatsächlich passiert ist), dass einem in der Sprechstunde ein indischer Säbel auf den Schreibtisch gelegt wird, den der Professor zum Leidwesen des Säbelbesitzers als Nepp für britische Soldaten und Touristen aus dem 19. Jahrhundert identifiziert, oder auch eine Schale mit islamischer Kaligraphie, die der Professor, wie er peinlich berührt eingestehen muss, auch nicht lesen kann – islamische Kaligraphien können tückisch sein. Wenn ihm nun aber die oben abgebildete Münze ratsuchend auf den Schreibtisch geriete, wie würde er vorgehen?


Als guter Kenner der Geschichte islamischer Reiche mit Grundkenntnissen in Numismatik wäre unser fiktiver Professor zunächst optimistisch. Islamische Numismatik – das bedeutet zwar einerseits einen geographischen Raum vom Atlantik bis zur Straße von Malakka und einen Zeitraum von mehr als eineinhalb Tausend Jahren und, Clifford Bosworths Standardwerk The New Islamic Dynasties folgend, 186 verschiedene Dynastien. Andererseits hat sich die Münzprägung aber auch auf organische Weise von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit weiterentwickelt. So ganz orientierungslos ist man also nicht. Aber es gibt Überraschungen, und unsere Münze ist eine davon.


Sehr erleichtert wird die Identifikation islamischer Münzen dadurch, dass fast alle Gold- und Silbermünzen den Prägeort und das Prägedatum nennen. Das tut unsere Münze aber nicht. Aber sie nennt ja den Herrscher, also den mutmaßlichen Prägeherrn. Für unseren Geschichtskenner ist die Kaligraphie ungewöhnlich, aber nicht allzu schwer lesbar. Auffällig ist, dass auf der Vorderseite die letzten Zeilen von unten nach oben zu lesen sind und die letzte Zeile unmittelbar auf der Rückseite weitergeht. Das entspricht nicht der üblichen Leserichtung, kommt aber seit dem 11. Jahrhundert hin und wieder vor.


Der Name des Herrschers ist zu lesen als al-Ḥākim bi-amri llāh „Der aufgrund des Auftrags Gottes herrscht“. Das ist offensichtlich kein Name eines Sultans, sondern der Thronname eines Kalifen, den dieser bei seiner Thronbesteigung angenommen hat (falls er ihm nicht schon vom Vater ausgesucht worden war, der dies in der – allzu oft falschen – Hoffnung tat, sein Sohn würde tatsächlich sein Nachfolger). Der Titel amīr al-muʾminīn „Befehlshaber der Gläubigen“ bestätigt es, war dies doch der offizielle Titel eines Kalifen. Und einen Kalifen namens al-Ḥākim kennt unser Geschichtskenner natürlich, denn so heißt einer der berühmtesten Kalifen überhaupt. Als Herrscher der schiitischen Dynastie der Fatimiden in Ägypten führte er von 386-411/996-1021 von Kairo aus ein, gelinde gesagt, eigenwilliges Regiment, gilt den einen als islamsicher Nero, den Drusen als Inkarnation Gottes, gäbe jedenfalls eine interessante Geschichte ab, die aber, wie unser Geschichtskenner schnell feststellt, hier nicht hingehört. Denn weder Design noch Gewicht der Münze passen zu den Fatimiden, und ein Abū l-ʿAbbās, wie der Kalif auf der Münze noch heißt, wird genauso wenig ein Fatimide gewesen sein wie ein deutscher Fürst namens Friedrich Wilhelm kaum ein Wittelsbacher gewesen sein wird.


Abū l-ʿAbbās „Vater von ʿAbbās“, diese kunya, dieser „Vatersname“, der die Existenz eines derart benamsten Sohnes aber keineswegs präjudiziert, deutet nun allerdings sehr nachdrücklich auf die Dynastie der Abbasiden hin, die, wie unser Geschichtskenner weiß, von 750 bis 1258 regiert hat, seit 763 mit Bagdad als Hauptstadt (vgl. Münze des Monats März 2019). Zunächst waren es mächtige Herrscher, die eigenen Rechts Münzen prägten, spätestens ab al-Muṭīʿ (334-363/946-974) aber weitgehend machtlose Aushängeschilder anderer Dynastien wie der Buyiden und der Seldschuken, deren Name nur neben dem wirklich mächtigen Sultan dieser Dynastien noch, gewissermaßen als Legitimitätsnachweis, genannt wurde. Erst die letzten Abbasiden prägten, wenngleich nur als Lokalherrscher um Bagdad herum, wieder regelmäßig Münzen ganz allein im eigenen Namen, ehe die Mongolen der Dynastie 1258 ein Ende bereiteten. Allerdings sollte man, ehe man die späteren Abbasiden als machtlose Puppen ihrer Sultane abtut, die Vorurteile einer an imperialen Maßstäben des 19. Jahrhunderts orientierten Geschichtsschreibung in Abzug bringen. Heute sehen wir die Machtausübung in vormodernen (nicht nur) islamischen Reichen eher als diffizilen Aushandlungsprozess zwischen Akteuren, die über verschiedene Arten von Macht oder Kapital verfügten, und das legitimatorische Kapital des Kalifen ist hierbei gelegentlich wohl doch zu niedrig veranschlagt worden.


Doch das hilft bei unserer Münze noch nicht viel weiter. Ein Abbaside also, aber unter den Abbasiden, die bis 1258 regierten, war kein al-Ḥākim. Doch jetzt erinnert sich unser Experte, dass ja in den Geschichtsbüchern in einem kurzen Satz erwähnt wird, dass ein Zweig der Abbasiden nach der Ermordung des vermeintlich letzten Abbasiden weiterexistierte, nämlich in Kairo unter den Mamlukensultanen bis zur osmanischen Eroberung 1517. Von „regieren“ kann freilich keine Rede sein, weil sie nichts zu kommandieren hatten. „Schattenkalifen“ nennt man sie in der westlichen Geschichtsschreibung, und es dürfte keinen Historiker geben, der ihre Namen aufzählen kann. Schlägt man aber nach, findet man unter diesen „Schatten“ gleich zwei des Namens al-Ḥākim, und beide mit dem Namen Abū l-ʿAbbās Aḥmad. Einer davon könnte der Prägeherr unserer Münze sein, aber dann auch doch wieder nicht. Abgesehen vom ersten ägyptischen Abbasiden und al-Mustaʿīn, der 815/1412 sieben Monate lang auch Sultan war, ist kein Kalif auf mamlukischen Münzen erwähnt worden. Auch Stil und Gewicht passen nicht dazu. Wer könnte also jener Kalif al-Ḥākim sein?


Es ist das Gewicht, das unserem Geschichtskenner einen wichtigen Hinweis gibt. 11 Gramm, das war das Gewicht des indischen Tanka, sowohl in Silber als auch in Gold. Eine indische Münze also? Aber was hatte ein indischer Herrscher mit den Abbasiden in Kairo zu schaffen? Ein gewöhnlicher indischer Sultan kann der Prägeherr eher nicht gewesen sein. Also muss es ein ungewöhnlicher gewesen sein, und wenn man nun nach dem vielleicht ungewöhnlichsten und in jeder Hinsicht hervorstechendsten indischen Sultan vor dem Mogulreich sucht, stößt man zwangsläufig auf Muḥammad ibn Tuġluq (oder Tughluq; das „Zäpfchen-r“ wird ġ oder gh umschrieben), der nach islamischer Zeitrechnung von 725 bis 752, nach christlicher von 1325 bis 1351, Herrscher des Delhi-Sultanats war. Alles an ihm war überdimensional, seine Siege und seine Niederlagen, seine zahlreichen Reformprojekte und ihr zumeist grandioses Scheitern. Stets war er verehrt und verachtet gleichermaßen. Außenpolitisch musste er sich die Mongolen vom Leib halten, was ihm durch eine kluge Kombination kriegerischer und friedlicher Mittel weithin gelang. Unter ihm erreichte das Delhi-Sultanat seine größte Ausdehnung, aber kein anderer Sultan seiner Zeit hat auch so viel Territorium wieder verloren. Innenpolitisch lag er mit den Sufis und den Religionsgelehrten in Dauerstreit. Eigentlich waren die Tughluqiden auch keine Inder, sondern Türken, weshalb es Geschick erforderte, sich mit den einheimischen Eliten gut zu stellen. Erst durch eine Rebellion war sein Vater Ġiyāṯaddīn 720/1320 an die Macht gekommen und hatte damit die Tughluq-Dynastie gegründet, und eine Rebellion war so ziemlich das erste, womit sich Muḥammad Ṭuġluq Šāh auseinandersetzen musste. Historiker zählen 22 Rebellionen während seiner Regierungszeit. Da kann man als Sultan schon auf den Gedanken kommen, seine Legitimität auch anders als nur durch militärische Macht abzusichern. Aber wie? Etwa durch die Ernennung durch einen Kalifen, wie frühere Herrscher dies getan hatten? Aber wo war der Kalif überhaupt, und wer war er? Mit Kalifen hatte man schließlich lange nichts mehr zu tun gehabt, und so galt es erst einmal, den Kalifen überhaupt ausfindig zu machen. Schließlich fand man heraus – man musste wohl reisende Kaufleute ausforschen – dass der Kalif in Kairo residiert und al-Mustakfī heißt. Also schrieb Muḥammad ibn Tuġluq ein Gesuch an al-Mustfakfī, um von ihm als rechtmäßiger Herrscher des Delhi-Sultanats ernannt zu werden. Gleichzeitig ließ er zwischen 741 und 744 Münzen prägen, in denen einzig und allein der Name des Kalifen, also al-Mustakfī bi-llāh, genannt wird, nicht aber er selbst, der Sultan und eigentliche Prägeherr. Was der Sultan allerdings nicht wusste, war, dass ebendieser al-Mustakfī nach seiner langen Amtszeit als Kalif von 701-740/1302-1340 gar nicht mehr lebte. Sein Nachfolger al-Wāṯiq (740-741/1340-1341) wäre allerdings, so sagen es die arabischen Historiker, auch nicht der Erwähnung wert gewesen. Erst dessen Nachfolger al-Ḥākim bi-amri llāh (741-753/1341-1352) habe, so heißt es, das Kalifat wieder zu Ansehen und Ehren gebracht, und nun sei der Kalif auch wieder im Freitagsgebet in Kairo genannt worden. Dieser offensichtlich fähige und vielgelobte (aber nichtsdestoweniger natürlich nach unseren Maßstäben machtlose) Kalif war es auch, der das Gesuch des Inders beantwortete und eine Delegation nach Delhi sandte, die 744/1343 Muḥammad ibn Tuġluq eine Einsetzungsurkunde überreichte, und es versteht sich von selbst, dass dieser nun sofort Münzen auf den Namen des tatsächlich amtierenden Kalifen prägen ließ. Es existieren vier im Design leicht verschiedene Typen, die 744/1343 und in den Folgejahren geprägt wurden (aber undatiert sind), 11 Gramm wiegen und in größeren Stückzahlen ausgegeben worden sein müssen (unser Typ, Goron/Goenka D443, ist der am wenigsten häufige). Sein Nachfolger Fīrūz Šāh (752-790/1351-1388) sollte die Nennung des (nun stets präzise erfragten) Kalifen auf seinen Münzen beibehalten, aber, wie es sonst immer üblich war, seinen eigenen Namen und Titel dazusetzen. So sind also die Münzen Muḥammad ibn Tuġluqs, die ausschließlich den Kalifen nennen, offensichtlich die einzigen Münzen der islamischen Münzgeschichte, in denen der Prägeherr selbst hinter einem anderen zurücktritt und nicht genannt wird. Und das erklärt nun auch, warum diese Münze dem Geschichtskenner zuerst Rätsel aufgegeben und sich nicht auf den ersten Blick offenbart hat.

Thomas Bauer


Literatur:

  • H. Nelson Wright: The Coinage and Metrology of the Sulṭāns of Dehlī. Delhi 1936.
  • Stan Goron, J.P. Goenka: The Coins of the Indian Sultanate. New Delhi 2001.