April 2019

Münze des Monats

© Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur
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© Frankfurt, Historisches Museum
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Drei Medaillen auf das Leid der Stadt Frankfurt im Dreißigjährigen Krieg (1635, 1636, 1637)

a) 1635: Silber, geprägt; Gew. 4,85 g, Dm. 26 mm (Joseph/Fellner 415/16)
Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Inv.-Nr. 24741
b) 1636: Gold, geprägt; Gew. 7,96 g, Dm. 27 mm (Joseph/Fellner Nr. 420)
Frankfurt, Historisches Museum, Inv.-Nr. MJF 420
c) 1637: Silber, geprägt; Gew. 6,74 g, Dm. 27 mm (Joseph/Fellner Nr. 426)
Frankfurt, Historisches Museum, Inv.-Nr. MJF 426


Der Dreißigjährige Krieg, dieser gesamteuropäische Konfessions- und Hegemonialkonflikt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, ging mit der Landung des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (reg. 1611–1632) auf Usedom im Juli 1630 in seine dritte Phase. In dieser generationenlangen Abfolge von Kriegen löste der schwedische Krieg bis 1635 den böhmisch-pfälzischen Krieg (1618–1623) und den dänisch-niedersächsischen Krieg (1623–1629) ab und mündete direkt in den schwedisch-französischen Krieg (1635–1648), flankiert vom spanisch-niederländischen Krieg (1568–1648), vom französisch-spanischen Krieg (1635–1659) und vom schwedisch-dänischen Krieg (1643–1645). Mit dem Sieg in der Schlacht bei Breitenfeld (bei Leipzig) im September 1631 gegen Tilly (1559–1632) blieb der Vormarsch Schwedens im Reich nicht mehr aufzuhalten. Gustav Adolf, der aus konfessioneller Sicht natürlich den Protestanten in einer nach dem kaiserlichen Restitutionsedikt von 1629 schwierigen Phase zu Hilfe kam, verfolgte in erster Linie allerdings eigene, herrschaftspolitische ebenso wie wirtschaftspolitische, Absichten. Frankfurt, der alten Reichsstadt, seit 1356 Wahl- und 1562 auch Krönungsort des römisch-deutschen Königs bzw. Kaisers und eine der wichtigsten europäischen Handels- und Messestädte, sollte dabei eine besondere Rolle zukommen. Die Stadt, klar protestantisch geprägt, deren Stadtherr freilich der katholische Kaiser war, hatte bisher wohlweislich Neutralität gewahrt, doch erreichte Gustav Adolf nach zähen Verhandlungen Ende November 1631 den Abschluss eines Schutz- und Verteidigungspakts. In der Mitte Deutschlands am unteren Main verkehrsgeografisch bevorzugt gelegen, war Frankfurt geostrategisch ideal als militärische Hauptoperationsbasis – ideal aber auch als Ankerpunkt für die schwedischen Großmachtpläne, ideal mit ihrer Wirtschafts- und Finanzkraft für Gustav Adolfs wirtschaftspolitische Visionen. Mit dem Schlachtentod des Königs bei Lützen (bei Leipzig) im November 1632 gegen Wallenstein (1583–1634) erlitt diese Dominanz Schwedens im Reich jedoch einen empfindlichen Dämpfer. Reichskanzler Axel Oxenstierna (1583–1654), Mitglied der Vormundschaft für Königin Christina (reg. 1632/44–1654), übernahm nun die Regierung und auch den militärischen Oberbefehl. Unter seiner Führung wurde im Frühjahr 1633 der Heilbronner Bund, ein gegen Habsburg gerichtetes Militärbündnis der Protestanten der fränkischen, schwäbischen und rheinischen Reichskreise, geschlossen. Frankfurt wurde Sitz von Direktorium, Bundesrat und Verwaltungsbehörden und so – im Duett mit Mainz, dem nicht minder symbolträchtigen Sitz des Reichserzkanzlers, des Stellvertreters des Kaisers in Deutschland – gleichsam zur Hauptstadt der Schweden im Reich. Im September 1634 kam es bei Nördlingen zur Entscheidungsschlacht, die für die unter Schweden vereinten Protestanten in der Katastrophe endete; Schweden ging seiner Vormachtstellung auch im deutschen Südwesten verlustig. Am 30. Mai 1635 schlossen Kaiser Ferdinand II. (reg. 1619–1637) und die katholische Liga mit dem Kurfürstentum Sachsen den Prager Frieden, dem bald alle anderen protestantischen Reichsstände folgten. Umkämpfte Bundesfestung in der Endphase des schwedischen Krieges, kam es hier – am 10. Juli 1635 war auch Frankfurt dem Prager Frieden beigetreten – zum Showdown: Im sogenannten Gefecht an der Alten Brücke im August 1635 wurde die fast vierjährige Schwedenzeit in der Stadt gewaltsam beendet und die schwedische Hegemonialstrategie für Europa endgültig beerdigt. Schweden und das katholische Frankreich bildeten nun die Feinde im Reich, der Dreißigjährige Krieg war jetzt endgültig kein Konfessionskrieg mehr.

Frankfurt war in den ersten beiden Kriegen des Dreißigjährigen Krieges zwar von direkten Kriegseinwirkungen verschont geblieben, doch wirkte der Krieg, der 1620/22 im Umland durchaus tobte, auch in die Stadt hinein. Wie überall zog der Krieg mit Blick auf die breite Bevölkerung auch in Frankfurt und Umgebung durch seine Folgen mehr Menschen in Mitleidenschaft und Tod als in Form unmittelbarer Kriegstoter. Die Verheerung fruchtbaren Landes infolge des Durchzugs marodierender Soldaten und des Kampfgeschehens resultierte in massiven Ernteausfällen, Lebensmittel – die auch und zuerst die Soldaten zu versorgen hatten – wurden knapp; die Preise stiegen, es kam zu Hungersnöten. Das geschwächte Immunsystem chronisch unterernährter Menschen war der perfekte Nährboden für Krankheiten, die die Soldaten ohnehin im Gepäck hatten: Typhus, Rote Ruhr und Pest, aber auch Dysenterie, Angina, Skorbut, Faulfieber, Rheuma. In Frankfurt starben so 1622 1.785 statt normal im Jahresdurchschnitt 700 bis 800 Menschen; auch 1625 waren es 1.871 Tote, speziell wohl Tote an der Pest, der Beulenpest. Die Pest, im sogenannten Schwarzen Tod Mitte des 14. Jahrhunderts nach Europa gekommen, blieb bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa endemisch, brach also immer wieder regional und lokal aus, auch in Frankfurt; zwischen 1605 und 1607 gab es über 2.000 Tote. Bald nach Eintreffen der Schweden Ende 1631 grassierten Pest und weitere Krankheiten grausam in den Garnisonen, ein schwerer Ausbruch datiert in den Juli 1632, der heftigste in den Juli 1634, und aus den Garnisonen kam der Tod in die Gassen der Stadt. Der Krieg an sich traf Frankfurt und das gesamte Rhein-Main-Gebiet vor allem ab Herbst 1634, als sich nach der Schlacht bei Nördlingen die protestantischen Kriegsparteien, verfolgt durch kaiserliche Truppen, hierher, um die Bundesfestung des Heilbronner Bundes, zurückzogen. Doch auch nach Abzug der Schweden im August 1635 blieb die Umgebung Frankfurts Kriegsschauplatz, Frankfurt selbst Standort kaiserlicher Truppen, und die allgemeine Situation blieb ebenso katastrophal: Das Umland war verödet, 1637 herrschte die schlimmste Hungersnot, Seuchen wüteten. Es war diese Trias aus Krieg, Hunger und Krankheiten – der Krieg gleichsam als Vater des Hungers, der Hunger als Mutter der Krankheiten –, die in Frankfurt, in den früheren 1630er Jahren eine Stadt von ca. 15.000 Einwohnern, für folgende Todeszahlen verantwortlich war: 1630: 1.131, 1631: 2.900, 1632: 762, 1633: 3.512, 1634: 3.421, 1635: 6.943, 1636: 3.152, 1637: 1.079 – zwischen 1625 und 1646 insgesamt 34.678 Sterbefälle bei nur 20.204 Geburten.

Die Zahl von 3.421 Toten im Jahr 1634 findet sich nun auch auf einer Frankfurter Medaille von 1635, die auf das Vorjahr zurückblickt: GROS | STERBEN · WAR · | VER·SHINEN · IAR · | 3421 · AN · DER · ZAHL · WAR | KRIEG · TEVRVNG · GAR · | MIT · VOLLER · MASS · | VNS · EINSCHENCKT · | GOTT · IM · GRIMME · DAS · | THVT · BVES · MEYD · SVND · | FORCHT · GOT · FVRWAR · | IESVS · GIBT · DAN · EIN | BESER · IAR ·. Die Jahreszahl 16-35 steht zu Seiten des Wortes GROS in der ersten Zeile und ist von anderem Duktus; da es auch Exemplare ohne die Jahreszahl gibt, ist diese offensichtlich erst nachträglich in den Stempel geschnitten worden. Sie bezeichnet das Entstehungsjahr der Medaille, nicht – wie manchmal bei ungenauer Interpretation kolportiert – das Jahr der 3421 Toten AN DER ZAHL, das durch VERSHINEN IAR eindeutig auf 1634 bestimmt ist. Die Totenzahl übrigens umfasst nur die protestantischen Toten, denn die Register des sogenannten Kastenamts der protestantischen Reichsstadt, denen diese Zahl entnommen ist, verzeichneten die auf den protestantischen Friedhöfen der Stadt Bestatteten; der Hauptfriedhof von St. Peter war im Oktober voll belegt. Insgesamt muss es mit Katholiken, Juden und Fremden – und den Soldaten, die höchstwahrscheinlich noch gar nicht mitgerechnet sind – deutlich mehr Tote in Frankfurt 1634 gegeben haben. Für das GROS STERBEN macht der einigermaßen unbeholfen reimende und rhythmisierende Text, der in zwölf wohlgefüllten Zeilen das gesamte Feld der einen Medaillenseite einnimmt, KRIEG und TE-VRVNG verantwortlich. Angesprochen sind damit zwei Elemente der Trias Krieg, Hunger und Krankheiten, wobei Teuerung mit Hunger gleichzusetzen ist; Krankheiten, Pest und andere, fehlt zwar, sie waren aber natürlich letztlich für die meisten Todesfälle verantwortlich. GOTT wird hier als derjenige identifiziert, der im Zorn, IM GRIMME, Frankfurt MIT VOLLER MASS dieses Leid EIN-SCHENCKT hat; als Gegenmittel wird empfohlen: THVT BVES, MEYD SVND, FORCHT GOT. Es entspricht dem religiösen Grundcharakter der Zeit, auch der protestantischen Frömmigkeit, gegebenes Leid auf diese Weise als gottbefohlen, als gerechte Strafe für ein unbußfertiges, sündhaftes, gottvergessenes Leben zu deuten und entsprechende religiöse Kompensationsleistungen dagegenzusetzen. Bei seinen konkreten Maßnahmen gegen die Seuchen war Frankfurt freilich weniger gottbefohlen, sondern legte bei den neu erlassenen gesundheitspolizeilichen Vorschriften einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag. Gezielt wurden die Übertragungswege der Krankheiten ins Visier genommen, indem die Straßenreinigung verbessert, die Krempelmärkte und Badstuben geschlossen sowie Hospitäler eingerichtet wurden; der weitverbreitete Miasmenglaube, schlechte Luft als Übertragungsweg, spielte offenbar kaum eine Rolle. Der religiöse Grundtenor der einen Medaillenseite – was hier Vorder- und was Rückseite ist, ist schwer zu entscheiden – wird auf der Gegenseite, die fast nur Bildinformationen trägt, unmittelbar gespiegelt. Zu sehen ist die Silhouette Frankfurts von Süden mit seinen Kirchen – in der Mitte der Dom St. Bartholomäus –, den Türmen, Bürgerhäusern und der mainseitigen Stadtbefestigung; im Hafen, geschützt von einer Bastion samt Mole, liegen einige Schiffe, auf dem Main fährt ein Segler. Auf der rechten Bildhälfte führt eine Brücke, die sogenannte Alte Brücke, auf die gegenüberliegende Mainseite nach Sachsenhausen mit seinen Türmen, den Kirchen, Bürgerhäusern, vor allem jedoch der landseitig gut ausgebauten Befestigung im Vordergrund. Die Gesamtkomposition ist bekannt von dem berühmten Stich des Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650) in seiner Topographia Germaniae von 1646, auch wenn die Medaille hier notgedrungen stark schematisiert. Über Frankfurt fliegt nun von Osten ein Engel heran, der in der erhobenen Rechten drohend eine Zuchtrute schwingt, von Westen aber erscheint ein Streifen Licht oder Wind am Himmel und schickt dem Engel ES · IST · GENVG entgegen. Unter der Abschnittslinie wird auf die dazugehörige Bibelstelle SAMV : 24 · – gemeint ist 2 Sam 24,16 – verwiesen: „Als aber der Engel seine Hand ausstreckte über Jerusalem, um es zu verderben, reute den HERRN das Übel, und er sprach zum Engel, der das Verderben anrichtete im Volk: Es ist genug; lass nun deine Hand ab!“ Kapitel 24 des zweiten Buches Samuel thematisiert den Zorn Gottes auf König David, der gegen seinen Willen eine Volkszählung in Israel und Juda durchgeführt hat; als David aus Reue Gott um Vergebung bittet, stellt dieser ihm drei Strafen zur Wahl: sieben Jahre Hungersnot, drei Monate Flucht vor den Feinden oder drei Tage Pest. „Da ließ der HERR die Pest über Israel kommen vom Morgen an bis zur bestimmten Zeit, so dass von dem Volk starben von Dan bis Beerscheba siebzigtausend Mann“ (2 Sam 24,15). Jerusalem jedoch wird auf Geheiß des reuigen Gottes verschont, und als Bußleistung errichtet David, der die volle Verantwortung für sein Tun übernommen hat, einen Altar, woraufhin Israel von der Plage befreit wird. Die Wahl dieser Bibelstelle, deren Strafenkatalog letztlich die Trias Krieg, Hunger und Krankheiten spiegelt und bei der Pest sehr konkret wird, bot sich natürlich an. Falls dies die Bezüge nicht überinterpretiert, könnte sich Frankfurt hier sogar mit Jerusalem gleichsetzen – obwohl die Pest vor Frankfurt natürlich nicht haltmachte – und zudem als Urheber des Frankfurter Leides in Parallelität zu König David der römisch-deutsche Kaiser als Stadtherr oder aber Schweden als Herr der Bundesfestung Frankfurt angesprochen sein. Wenn also Kaiser oder/und Schweden Reue über ihr gottesfeindliches Tun empfinden und wie die Frankfurter selbst Buße tun würden, mithin den Krieg, Urgrund allen Leides, beendeten, könnte Gott dem Racheengel, Vehikel seines Zorns, reuig Einhalt gebieten, womit die Hoffnung genährt würde, dass IESVS GIBT DAN EIN BESER IAR. Hiermit schließt sich der Kreis zwischen den zwei Seiten der Medaille, und ein besseres Jahr wünschte sich Frankfurt mit Sicherheit auch in wirtschaftlicher Hinsicht, mit Blick auf Handel und Verkehr, die nur ohne Krieg, Hunger und Krankheiten florieren konnten.

Das Jahr 1635 allerdings wurde nicht besser, sondern noch viel schlimmer, wie eine weitere Frankfurter Medaille von 1636 rückblickend berichtet: DREY · LAND·PL|AGEN · VBER · DIE · STAT · | VER-GANGEN · IAHRS · | GESEHEN · HAT · | EIN · IEDER · SAH · INER|LICKEN · STREITT · | ZV · SAXENHAV-SEN · | DA · WAR · LEYT · 6943 | STARBEN · HIN · WEGG · | HVNGER · TEVWRVNG · | LEYD · HERR · VND · | KNECHT ·. Der erneut einigermaßen unbeholfen reimende und rhythmisierende Text nimmt in zwölf vollen Zeilen – die Zahl, die Apostelzahl, ist sicherlich kein Zufall – wieder die gesamte eine Medaillenseite ein. Die Jahreszahl 1636 findet sich aber nicht auf dieser Seite, auch nicht nachgetragen, sondern im Abschnitt der Gegenseite; es handelt sich jedoch nicht um die Datierung des dort Dargestellten, sondern ebenfalls um das Entstehungsjahr der Medaille, wie auch die Worte VERGANGEN IAHRS GESEHEN HAT in Bezug auf das genannte Leid belegen. Nachgetragen, weil von etwas anderem Duktus, erscheint dagegen die Zahl der Toten: 6943 STARBEN HIN WEGG – wohlgemerkt nur die städtischen, protestantischen Toten, in Frankfurt 6.086 und in Sachsenhausen 857; im November war dann auch der Sachsenhausener Friedhof voll belegt. Der Text versetzt hier den religiösen Grundtenor auf eine grundsätzlichere Ebene, indem das mehrfach benannte LEYT mit den DREY LANDPLAGEN, die VBER DIE STAT gekommen sind, identifiziert wird. Der Bezug auf die biblischen zehn (Land-)Plagen (2 Mos 7–11), die Gott als Strafe über das pharaonische Ägypten, das sich weigerte, Mose das Volk Israel aus der Sklaverei führen zu lassen, aussandte, ist eindeutig. Neben Blut, Fröschen, Stechmücken, Stechfliegen, Hagel, Heuschrecken, Finsternis und Tod alles Erstgeborenen sind auch Viehpest und (Menschen-)Blattern Elemente dieser biblischen Urkatastrophe. Zusammen mit den explizit angesprochenen Geschehnissen in Sachsenhausen wird mit HVNGER, TEVWRVNG, LEYD auch hier die klassische Trias Krieg, Hunger und Krankheiten bedient, wobei Hunger und Teuerung synonym sind und Leid gleichsam generalisiert für Krankheiten steht. Während die letzten Worte HERR VND KNECHT als inbrünstige Anrufung Gottes, den DREY LAND-PLAGEN, Emanation seines Zorns, endlich Einhalt zu gebieten, den religiösen Rahmen dieser Seite der Medaille beschließen, bleibt die andere Seite gänzlich säkular. Dargestellt – und so die Medaillenseiten verbindend – wird das Gefecht an der Alten Brücke vom 1. bis 11. August 1635, Verbildlichung des INERLICKEN STREITT ZV SAXENHAVSEN, den EIN IEDER SAH. Dabei wurden die schwedischen Truppen unter Hans Vitzthum von Eckstädt (1595–1648), der in Sachsenhausen Stellung bezogen hatte, in zehntägigem Kampf mit den Truppen Frankfurts und des kaiserlichen Generalleutnants Matthias Gallas (1588–1647) zur Aufgabe gezwungen. Am 1. August besetzte Vitzthum die Brücke, tags darauf und am 5. August drangen die Schweden sogar in Frankfurt ein; Gallas kam am 7. August zu Hilfe, am 9. August wurde Sachsenhausen erstürmt, tags darauf kapitulierten die Schweden und zogen am 11. August ab. Zu sehen sind hier aus veränderter Perspektive von Norden Frankfurt unten und – in perspektivischer Schrägstellung – Sachsenhausen oben, wobei die Darstellung noch schematischer, erneut aber sehr kleinteilig ist. Kompositorisch im Zentrum des Szenariums, das Matthäus Merian d. Ä. in seinem Theatrum Europaeum ebenfalls in Kupfer gestochen hat, steht die Alte Brücke, die beide Städte seit jeher miteinander verband. Von Frankfurt aus gehen auf ganzer Front der mainseitigen Stadtbefestigung elf feine Linien rüber nach Sachsenhausen, konzentriert auf den westlichen Stadtteil, über dem schon eine gewaltige Rauchwolke gen Himmel steigt. Die Linien markieren die Salven der in Frankfurt innerhalb der Mauern und auf Bastionen stationierten Kanonen, die jeweils auch sichtbar sind und von denen insgesamt 16-fach der Rauch des Mündungsfeuers aufsteigt. Auf Sachsenhausener Seite hingegen sieht man nur wenige Schwaden der Kanonen, deren Schüsse, nicht durch Linien nachgezeichnet, somit kaum zielgerichtet erscheinen; möglicherweise fliehen rechts die Schweden aus der Stadt. In Frankfurt selbst wütet offenbar kein Feuer, doch mitten auf der Brücke zeigt sich Rauch, was vielleicht die Zerstörung der Brückenmühle durch die Schweden am 5. August visualisieren soll. Die Kanonaden zwischen dem 6. und 10. August entschieden das Gefecht, bei dem insgesamt 35 Menschen starben; dass in dieser Kampfsituation keinerlei Schiffsverkehr auf dem Main möglich war, Handel und Verkehr also vollständig zum Erliegen gekommen waren, ist klar. Frankfurt aber war jetzt die mittlerweile ziemlich ungeliebten Schweden, deren militärischer Verbündeter – und nicht mehr nur ein Schutz- und Verteidigungspartner – man seit dem Heilbronner Bund 1633 war, endlich los.

Eine dritte Medaille im vorliegenden Zusammenhang, auch wenn diese weder im Text noch im Bild beider Medaillenseiten irgendeinen Bezug auf Frankfurt bietet, datiert aus dem Jahr 1637. Durch die zehn Zeilen Text auf der einen Seite ist sie jedoch mit den zwei Medaillen von 1635 und 1636 verbunden, und auch aus forschungsgeschichtlichen und weiteren Gründen ist ein Konnex zu Frankfurt einigermaßen wahrscheinlich. Der Text betrifft hier allerdings nicht konkrete Ereignisse und nennt nicht rückblickend die Zahl der Toten für das Jahr 1636, die mit 3.152 – städtischen, protestantischen Toten – durchaus noch beträchtlich war. Stattdessen wird zu Gott gefleht: · 1637 · | ACH · GOTT · VERGIS | ALL · VNSER · SVND | SIHE · AN · IESVM | DAS · LIBE · KIND · | WEND · HVNGER · PEST | DIE · KRIGES · SCHAR · | SCHENCK · VNS · DOCH | EIN · FRIDLICH|ES · IAHR ·. Gerahmt von dünnen Palmzweigen, wird in nun recht geübten Versen GOTT um Vergebung, VERGIS ALL VNSER SVND – die Sünde als Urgrund allen Leides, Strafe des zürnenden Gottes –, und um Beendigung all dieses Leides, WEND HVNGER, PEST, DIE KRIGES SCHAR, gebeten. Ganz direkt wird hier die Trias Krieg, Hunger und Krankheiten beim Namen genannt, Pest sicherlich generalisierend für alle Krankheiten, die zusammen mit Hunger und Krieg das Leid bedeuteten. Der rein religiöse Tenor des Textes, mit ACH GOTT stark emotionalisiert, wird durch die Bitte an Gott: SIHE AN IESVM, DAS LIBE KIND, den menschgewordenen, durch seinen Tod die Menschheit von der Sünde erlö-senden Gottessohn, unmittelbar an die gelebte protestantische Frömmigkeit angebunden. Die Medaille steht somit im Konzert der oft religiös konnotierten allgemeinen und zeitlich wie örtlich überindividuellen Kriegsleid- und Friedenswunschmedaillen, die es gerade im Dreißigjährigen Krieg, schon seit der Mitte der 1620er Jahre, häufig gibt. Dem entspricht auch die bildliche Darstellung der Gegenseite: Zwei weibliche Personifikationen, beide in antikisierendem Gewand mit Rüstung darüber, stehen sich gegenüber, die linke durch den Palmzweig in der Rechten als der Friede Pax, die rechte durch das Schwert in der Rechten und den Helm in der Linken als der Krieg Bellona identifiziert. Pax, auf entfunktionalisiertem Kriegsgerät – Lanzen, Speeren, Hellebarden, einem Gewehr, einem Schild, einer Kanone mit Kugeln, Rüstungsteilen und einer Kriegstrommel – stehend, gebietet mit ihrer Linken energisch Bellona Einhalt, die sich, zurückblickend, das Schwert zerbrochen und des Helmes entblößt, zur Flucht wendet. Oben erscheint die Hand Gottes, die dextera Dei, aus den Wolken und hält einen Oliven- und Palmzweig, Symbole des Friedens wie der Freude, über die Szenerie. Die Umschrift AVREA · PAX · VIGEAT · DET · – DEVS · ARMA · CADANT – „Der goldene Frie-de blühe; Gott mache, dass die Waffen fallen“ – zitiert einen Hexameter, dessen Autor, wohl ein neulateinischer Epigrammatiker, unbekannt ist. Darstellung und Umschrift sind freilich nicht Erfindung des Medailleurs, sondern mit einigen Abwandlungen im Detail von einer Medaille Sebastian Dadlers (1586–1657) kopiert, wenn auch stilistisch stark vergröbernd. Dieser schuf, damals in kur-fürstlich-sächsischen Diensten am Dresdener Hof stehend, eben seit Mitte der 1620er Jahre Friedensmedaillen; es dürfte sich bei der Vorlage um seine früheste derartige Arbeit, die es ohne Jahreszahl sowie mit 1627 und 1628 gibt, handeln. In der Verbindung von allegorischer Darstellung auf der einen Seite und (Gebets-)Text auf der anderen Seite wird so auf der Medaille der Bitte an Gott: SCHENCK VNS DOCH EIN FRIDLICHES IAHR, dass also der Frieden den Krieg vertreibe, vielschichtig Ausdruck verliehen. Und in der Tat konnte sich Frankfurt nach dem letzten großen Schreckensjahr 1637, in dem wie auf der Medaille nur noch Gebete halfen, recht bald vom Krieg und auch der Schwedenzeit erholen und an die frühere Wirtschafts- und Finanzkraft anknüpfen.

Betrachtet man die drei Frankfurter Medaillen von 1635, 1636 und 1637 in der Zusammenschau, so dürften sie alle aufgrund ihrer thematischen, kompositorischen und einiger formaler Parallelen von demselben Stempelschneider stammen. Dieser hat auf dem kleinen Rund – die Stücke messen nur 26 bis 27 mm im Durchmesser – erstaunlich detailreiche Darstellungen und Texte in schöner Kapitalis geschaffen, war allerdings auch nicht der allergrößte Künstler, wie die eher unbeholfenen Verse, Unregelmäßigkeiten der Buchstaben und vor allem die mehr schlecht als recht gelungene Dadler-Kopie zeigen. Wer dieser Medailleur des Frühbarock war, ist unbekannt, er hat – was nicht selten der Fall war – seine Arbeiten nicht signiert; nur eine formal-stilistische und dabei breit vergleichende Analyse der drei Stücke unter Anwendung des gesamten methodischen Instrumentariums der Medaillenkunde könnte hier Hinweise erbringen. Es mag angesichts der kleinteiligen Stadt- bzw. Gefechtsdarstellungen und auch der genauen Totenzahlen für 1634 und 1635, die den städtischen Registern entnommen sind, ein Einheimischer, ein Frankfurter, gewesen sein. Neben spezialisierten Medailleuren, von denen man in Frankfurt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges freilich kaum etwas weiß, ist dann auch an die Münzmeister und Stempelschneider des städtischen Münzgeldes sowie pauschal an die örtlichen Gold- und Silberschmiede zu denken. Doch auch auswärtigen Künstlern wären die Zahleninformationen und die Topografie leicht zu vermitteln gewesen – letztere etwa in Form der Merian-Stiche, die es auch bereits von 1617/18 und 1628 gibt. In der reichen Handels- und Messestadt Frankfurt erscheint, sogar im Krieg, eine aktive einheimische Medaillenszene gleichermaßen wahrscheinlich wie die gute Marktzugänglichkeit auswärtiger Medailleure. Das Zentrum der Medaillenproduktion im Reich lag unzweifelhaft in Nürnberg, doch auch Augsburg, Wien, Breslau, Dresden, Danzig oder Zentren im Ausland kämen in Frage – und trotzdem machen die vorliegenden drei Medaillen insgesamt einen lokalen Eindruck. Wer diese in Auftrag gegeben und bezahlt hat, ist ebenfalls unklar; im Falle der Reichsstadt selbst würde man wohl einen offiziellen Hinweis, das Wappen oder eine entsprechende Schriftinformation, erwarten. Eher war es – und gerade während des Dreißigjährigen Krieges nahm diese Form des Unternehmertums einen enormen Aufschwung – ein freischaffender Künstler, der auf eigene Rechnung Medaillen für den Markt, den Einzelverkauf oder den Vertrieb auf Messen, herstellte; die städtischen Münzmeister taten freilich das gleiche. Auch die kleine Form, die nochmals die Einheit aller drei Medaillen unterstreicht, legt dies nahe, zumal alle drei geprägt sind, wenn auch jeweils wohl nur aus einem Stempelpaar, was eine größere Stückzahl als beim Guss ermöglichte. Der Rezipientenkreis war angesichts des dezidiert lokalen Bezugs der Medaillen von 1635 und 1636 in erster Linie sicher Frankfurt selbst, Bürger, Kaufleute, Adlige, jedoch dürfen bereits zu dieser Zeit die Medaillensammler überall im Reich nicht vergessen werden. Die überindividuelle Kriegsleid- und Friedenswunschmedaille à la Dadler von 1637 dagegen eignete sich, auch wegen des inzwischen etablierten Bildmotivs, wahrscheinlich besser für den breiteren Vertrieb. Dass die Texte – die reinen Textseiten stehen in protestantischer Tradition mit ihrer starken Betonung des Wortes – auf Deutsch und nicht Lateinisch sind, spricht für das intendierte breite Publikum; die kleinen Prägungen dürften einigermaßen erschwinglich gewesen sein. Auf diesen Sozialstatus der Käufer deutet auch, dass die Stücke meist aus Silber sind, doch gibt es daneben solche aus Gold für gehobenere und solche aus unedlen Metallen, teils erst später entstanden, für niedrigere Ansprüche. Über Auflagen, Preise und Käufer weiß man gar nichts; möglicherweise können Archivstudien Aufschluss geben, allerdings sind die Bestände durch die Zeitläufte der letzten bald vier Jahrhunderte stark dezimiert.

Insgesamt ergibt sich so eine kleine Reihe von drei jährlich aufeinanderfolgenden Frankfurter Medaillen zu demselben Themenfeld: Krieg, Hunger und Krankheiten, das Leid der Stadt im Dreißigjährigen Krieg. Die Jahre 1634, 1635 und 1636, über die rückblickend jeweils berichtet wird, waren wohl die schwierigsten, doch waren auch die Jahre davor und danach kaum besser, so dass letztlich unklar bleibt, warum die Serie 1634/35 beginnt und 1636/37 endet. Vielleicht gab das schlimme Kriegs- und Pestjahr 1634 den Anstoß, und weil das Hungerjahr 1637 so schlimm war, hat man die Reihe dann vielleicht nicht fortgesetzt. Dass die dritte Medaille von 1637 dabei überindividuell nach einer bekannten Vorlage gestaltet wurde, bringt einen gewissen – auch kompositorisch-formalen – Bruch in die Serie, doch war das Motiv der repräsentativen Stadtansicht mit dem Erstaufschlag für 1634 verbraucht und gab es 1636 kein so prominentes, bestens visualisierbares Ereignis wie eben das Gefecht an der Alten Brücke 1635. Und auch Überlegungen zum Verkaufsabsatz der ja wohl auf eigene Rechnung des Künstlers hergestellten Prägungen mögen bei der Entscheidung für das allegorische Bildmotiv eine Rolle gespielt haben. Das Thema wurde so 1637 nach dem individuellen Frankfurt-Bezug 1635 und 1636, ungemein konkret bei Sachsenhausen, bildlich auf eine grundsätzliche Ebene versetzt, aber auch textlich, indem der religiöse Grundtenor bis zur Ausschließlichkeit gesteigert ist. Als Kriegsleid- und zugleich Friedenswunschmedaillen ordnen sich die Frankfurter Stücke ein in eine ganze Reihe derartiger Produkte überall im Reich während des Dreißigjährigen Krieges. Der Funktionskontext war hier jedoch noch ein spezifischer: Es handelt sich um sogenannte Neujahrsmedaillen, Medaillen, die im Rückblick auf das schlechte alte Jahr der – religiös grundge-legten, wie auch das über die Stadt gekommene Leid prinzipiell religiös begründet wird – Hoffnung auf ein besseres neues Jahr Ausdruck verliehen. Die Formulierungen IESVS GIBT DAN EIN BESER IAR auf der Medaille von 1635 und mehr noch SCHENCK VNS DOCH EIN FRIDLICHES IAHR auf der Medaille von 1637 belegen dies, während es für die Medaille von 1636 nur vermutet werden kann. Für die Käufer, die eben wohl meist aus Frankfurt stammten, waren diese metallenen Hoffnungswünsche in schwerer Zeit gleichzeitig metallene Erinnerungsstücke an diese schwere Zeit in der eigenen Stadt. Dass solche quasi zeitgeschichtlichen Dokumente, Vertreter der sich zunehmend etablierenden Mediengattung Medaille, gerade 1635 bis 1637 aufgelegt wurden, bleibt zuletzt dennoch erstaunlich; Käufer muss es jedenfalls gegeben haben. Als Neujahrsmedaillen stehen die Frankfurter Stücke ebenfalls nicht allein in Raum und Zeit – die Hoffnung auf ein gutes neues Jahr in Frieden wurde im Krieg überall und gleichsam mit jedem neuen Jahr neu virulent. In Frankfurt dagegen stehen die drei Medaillen mitten im Krieg ziemlich allein, denn abgesehen von einigen wenigen Personenmedaillen, die auf private Auftraggeberschaft zurückgehen und damit ganz anders zu kontextualisieren sind, gibt es praktisch kein Medaillenschaffen, in den 1630er Jahren gar keins. Die letzten Wahl- bzw. Krönungsmünzen und -medaillen für den römisch-deutschen Kaiser, welcher Impetus hauptsächlich von auswärtigen Künstlern, aus Nürnberg, Breslau, Danzig, Dresden oder Graz, teilweise aber auch von Frankfurtern bedient wurde, stammen von 1619 für Ferdinand II. (reg. 1619–1637), die nächsten von 1658 für Leopold I. (reg. 1658–1705). Aus der vierjährigen Schwedenzeit gibt es kein Stück, das von den faktischen Stadtherren – König Gustav II. Adolf, Reichskanzler Axel Oxenstierna, Königin Christina – ausgegangen wäre oder sich explizit auf diese beziehen würde. Neben der reichsstädtischen Münzprägung, die auch während des Krieges, auch in den 1630er Jahren, andauerte, stellen die drei Medaillen auf das Leid Frankfurts im Dreißigjährigen Krieg exzeptionelle Dokumente von besonderer Aussagekraft dar.

Stefan Kötz

Literatur
- Rüppell, Eduard: Beschreibung der Münzen und Medaillen, welche wegen geschichtlicher Bege-benheiten für Frankfurt gefertigt wurden […], Frankfurt am Main 1857, auch in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 8 (1858), S. 1–54
- Kriegk, Georg Ludwig: Frankfurt um die Mitte des dreissigjährigen Krieges [1635/36], in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst NF 1 (1860), S. 251–274, auch in: ders.: Geschichte von Frankfurt am Main in ausgewählten Darstellungen nach Urkunden und Acten, Frankfurt am Main 1871, S. 418–441
- Lammert, Gottfried: Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegsnoth zur Zeit des 30jährigen Krieges, Wiesbaden 1890
- Joseph, Paul / Fellner, Eduard: Die Münzen von Frankfurt am Main nebst einer münzgeschichtlichen Einleitung und mehreren Anhängen, 2 Bde. und Supplement-Bd., Frankfurt am Main 1896/1903
- Rieck, Anja: Frankfurt am Main unter schwedischer Besatzung, 1631–1635. Reichsstadt – Repräsentationsort – Bündnisfestung (Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 1011), Frankfurt am Main 2005


Abb. 1: © LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster (Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif)
Abb. 2: © Historisches Museum Frankfurt (Foto: Frank Berger)
Abb. 3: © Historisches Museum Frankfurt (Foto: Frank Berger)

März 2019

Münze des Monats

© T. Bauer
© T. Bauer

Auf Hauptstadtsuche: al-Hāšimiyya 138 und 139 (755-757)

Oben: al-Hāšimiyya 138/755-756, 24 mm, 2,87 g, Stempelstellung 1 h

Avers Feld:

lā ilāha illā

llāhu waḥdahū

lā šarīka lahū

Avers Rand:

bi-smi llāh: ḍuriba hāḏā d-dirham bi-l-Hāšimiyya sanata ṯamān wa-ṯalāṯīn wa-miʾa

Avers Feld:

Es gibt keinen Gott außer

Gott als Einzigem,

er hat keinen Teilhaber.

Avers Rand:

Im Namen Gottes: Dieser Dirham wurde geprägt in Hašimiyya im Jahre 138

Revers Feld:

Muḥammadun

rasūlu

llāh

Revers Rand: Koran Q 9/33

Revers Feld:

Muḥammad ist

der Gesandte

Gottes

Revers Rand: Koran Q 9/33

Unten: al-Hāšimiyya 139/756-757, 25 mm, 2,73 g, Stempelstellung 3:30 h

Inschrift wie oben, außer Datum in Avers Rand: tisʿ „neun“ statt ṯamān „acht“

2019 jährt sich zum zwanzigsten Mal der Umzug der Bundesregierung in die neue Hauptstadt Berlin, acht Jahre nach dem „Hauptstadtbeschluss“ des Bundestages, doch abgeschlossenen ist der Umzugsprozess bis heute nicht. Dabei hatte es Deutschland vergleichsweise einfach: Die neue Hautstadt Berlin gab es schon, und sie war sogar schon einmal Hauptstadt gewesen. Für die Abbasiden, die im Jahre 132/749-750 die erste islamische Dynastie der Umayyaden gestürzt hatten, gestaltete sich die Suche nach einer neuen Hauptstadt schwieriger, und sie lässt sich an der Münzproduktion ablesen.
Das Erscheinungsbild von Gold- (dīnār) und Silbermünze (dirham) änderte sich nach der „abbasidischen Revolution“ zunächst nicht, mit einer allerdings wichtigen Ausnahme. Die Abbasiden bezogen ihre Legitimation aus ihrer Abstammung von den Banū Hāšim, der Sippe, aus der auch der Prophet stammte. Ihr Ahnherr al-ʿAbbās war der Enkel Hāšims und der Onkel Muḥammads. (Ein konkurrierender Anspruch der Nachkommen ʿAlīs, des Neffen und Schwiegersohns des Propheten, führte zur Entstehung der Schiiten, konnte aber einstweilen abgewiesen werden.) Zwar hatten auch schon die Umayyaden den Propheten auf ihren Münzen bedacht, nämlich in der Randlegende der Rückseite. Nun wurde ihm aber auch der Text im Feld gewidmet, wo nun „Muḥammad ist der Gesandte Gottes“ ebenso groß zu lesen war wie das Bekenntnis zum Einen Gott auf der Vorderseite. Diesem Text musste die antitrinitarische Koransure Q 112 weichen, die eine deutliche Abgrenzung zum Christentum und damit zum christlichen römischen Reich darstellte – ein erster Hinweis auch darauf, dass sich die Aufmerksamkeit der neuen Dynastie stärker nach Osten richtete. Das islamische Reich war ja Erbe zweier antiker Großreiche, des oströmischen, das, wenn auch mit territorialen Verlusten, immerhin weiterexistierte, und des persischen, das vollständig erobert worden war und sich allmählich (zumal nach dem Erdbeben, das 749 Syrien verwüstete) als wirtschaftlich und kulturell wichtigerer Reichsteil herauskristallisierte.
Auch an den Orten, in denen die frühen abbasidischen Münzen geprägt wurden, zeigt sich die neue Ausrichtung. Die Umayyaden hatten zu Beginn ihrer Herrschaft das ehemalige Sassanidenreich mit Prägeorten geradezu flächendeckend überzogen, wohl auch, um ihre Herrschaft reichsweit zu demonstrieren. Nach einiger Zeit stellten die meisten dieser Orte ihre Münzproduktion aber wieder ein. Gerade dort, besonders in den alten iranischen Residenzstädten wie Ardašīr Ḫurra, Iṣṭaḫr, Ǧunday Sābūr und as-Sūs, ließen die neu an die Macht gelangten Abbasiden die Münzproduktion aber wieder aufleben, wenn auch nur für kurze Zeit, z.T. nur für ein einziges Jahr. Umgekehrt wurde in Wāsiṭ (im Iraq auf halbem Weg zwischen Bagdad und Basra), dem mit großem Abstand wichtigsten Prägeort für umayyadische Dirhams, die Münzproduktion für viele Jahrzehnte völlig eingestellt. Die Hauptstadt Damaskus war zwar nur der zweitwichtigste Prägeort für Silbermünzen (dafür Prägeort der allermeisten Goldmünzen), doch verwendete man für die „Hauptstadtdirhams“ eine runde, elegante Kaligraphie, die sich deutlich von dem eckigeren Schriftstil der Münzen aus Wāsiṭ und (mit zeitweiser Ausnahme von Ifrīqiyā in Nordafrika) aller anderen Prägeorte unterschied. „Hauptstadtmünzen“ waren und sind dadurch auf den ersten Blick erkennbar. Nach Herrschaftsantritt der Abbasiden erging es Damaskus aber nur wenig besser als Wāsiṭ, und nach vier Jahren einer Dirhamproduktion winzigen Umfangs wurde die Prägung von Silbermünzen auch hier für Jahrzehnte eingestellt.
Doch Damaskus hatte nicht nur als Prägeort ausgedient, sondern auch als Hauptstadt. Mit der Wahl einer neuen Hauptstadt sollte nicht nur ein sichtbarer Bruch mit der Vorgängerdynastie, sondern auch die Verlagerung des Reichsschwerpunkts in die vormalig sassanidischen Gebiete deutlich werden, wenn sie auch nicht gar zu weit im Osten sein durfte. So konzentrierten sich die beiden ersten Abbasidenkalifen as-Saffāḥ (132-136/749-754) und al-Manṣūr (136-158/754-775) auf das Zweistromland um und nördlich von al-Kūfa, das (neben al-Baṣra) auch der produktivste Prägeort für Dirhams in dieser Zeit war. Verschiedene Regierungssitze wurden ausprobiert und Stadtgründungen begonnen, doch eine endgültige Lösung wollte sich nicht einstellen. Sowohl als Ortsname als auch als Benennung des Prägeorts für die an den wechselnden Residenzorten geprägten Münzen wurde „al-Hāšimiyya“ verwendet, benannt nach den Banū Hāšim, der Sippe des Propheten, der die Abbasiden entstammten. Viele Münzen mit dieser Herkunftsbezeichnung können in den Jahren zwischen 138/755-756 und 145/762 allerdings nicht geprägt worden sein, denn nur weniger als zwei Dutzend Exemplare sind bekannt. Die Suche nach einer Hauptstadt spiegelt sich auch in der Suche nach der kaligraphischen Gestaltung der Münzen wider, von denen einige, wie die oben zuerst abgebildete aus dem Jahr 138, dem Stil der umayyadischen Münzen aus Wāsiṭ folgen, wieder andere, wie die darunter gezeigte aus dem Jahr 139, dem Stil der Dirhams aus Damaskus. Dabei löst nicht etwa ein Stil den anderen ab, doch lässt die geringe Zahl dokumentierter Münzen aus dem realen oder fiktionalen Ort al-Hāšimiyya keine detaillierten Schlüsse über die zeitliche und lokale Verteilung zu. Offensichtlich ist lediglich, dass der Hof Stempelschneider beschäftigte, die teils die Tradition der Münzen aus Damaskus und teils derjenigen aus Wāsiṭ fortsetzten, nachdem sie in beiden Orten nicht mehr gebraucht wurden.
Im Jahre 146/763 nahm die kalifale Administration ihre Arbeit in der im Vorjahr neu gegründeten Hauptstadt Bagdad auf. Damit hatte die Hauptstadtsuche nach vierzehn Jahren ihr Ende gefunden. Diese neue Stadt lag ca. 35 Kilometer nördlich der sassanidischen Hauptstadt Seleukia-Ktesiphon am Tigris, wurde in sassanidischer Tradition als runde Stadt geplant und behielt den persischen Namen einer älteren Siedlung der Region. Offiziell hieß die Neugründung aber Madīnat as-Salām „Stadt des Friedens/des Heils“, welcher Name auch auf den Münzen in den folgenden Jahrhunderten ausschließlich gebraucht wird. Doch noch standen die Baugerüste, noch wurden nur ganz wenige Münzen geprägt – und diese immer noch im Damaskus-Stil, ehe im Laufe des Folgejahrs 147/764 auch diese letzte Reminiszenz an die alte Hauptstadt endgültig verschwand (s. u. Abb.):

Madīnat as-Salām 146/763-764, 24 mm, 2,62 g, Stempelstellung 2 h

Inschrift wie oben, außer Ort und Datum in Avers Rand: … bi-Madinat as-Salām sanata sitt wa-arbaʿīn wa-miʾa „… in Madīnat as-Salām im Jahre 146“

T. Bauer

© T. Bauer
Februar 2019

Münze des Monats

© Stefan Kötz
© Stefan Kötz

Sedisvakanzmünzen – eine Erfindung des Domkapitels zu Münster

Anton Gottfried Pott
Abschlag zu 15 Dukaten vom Sedisvakanz-Doppeltaler des Domkapitels zu Münster 1719
Goldprägung, Gew. 51,903 g, Dm. 47,0–47,5 mm, Stempelst. 0°; Schulze 211
LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum, Münster, Inv.-Nr. 29380 Mz
Foto: Stefan Kötz

Numismatik darf sich als Wissenschaft nicht in der Beschreibung von Münzen und Medaillen erschöpfen, sondern hat dem Grundanliegen aller historischen Forschung zu folgen und die Warum-Fragen zu beantworten: was bedeuteten Bilder und Aufschriften in den Augen der Herausgeber, in welchen Traditionen standen sie, wer waren die Empfänger und Nutzer, wie und wohin verbreitete sich die Prägung, wie wirtschaftlich war die Geldschöpfung – und so weiter. Für die Kontextualisierung bedarf es der Quellen, die den Entstehungsprozess dokumentieren. Am Beispiel einer Sedisvakanzmünze des Domkapitels zu Münster vor genau 300 Jahren soll dies hier gezeigt werden – die Kapitelsprotokolle und Akten im Landesarchiv Westfalen geben reichen Aufschluss.
Am Weihnachtstag 1718 war Franz Arnold von Wolff-Metternich (1658–1718), Fürstbischof von Paderborn und Münster, in Schloss Ahaus verstorben. Der Bischöfliche Stuhl (lateinisch sedes) war leer (lateinisch vacans), und während dieser „Sedisvakanz“ fiel die Regierung des „Hochstifts“ an das aus 41 Adeligen bestehende Domkapitel. Zur dauerhaften Erinnerung an seine Ausübung der fürstlichen Herrschaftsrechte ließ man Münzen prägen – seit 1650, meist Taler. Die Kosten wurden seit 1683 aus dem „Judengeleit“ aufgebracht: die sonst steuerfreien Juden im Fürstbistum hatten für ihre Aufenthaltsberechtigung an den Fürstbischof zu zahlen. Bei dessen Tode erhob das Domkapitel die Abgabe, die nun auf 2.000 Gulden festgesetzt wurde.
In der Sitzung des Domkapitels am 24. Januar 1719 legte dessen Vorsteher Domdechant Franz Ludolf von Landsberg für die Prägung von Sedisvakanztalern „unterschiedliche Concepter“ vor. Man beschloss, 1000 Speziestaler im Wert von je zwei Gulden und zwei Lot schwer prägen zu lassen und wählte den Entwurf, „woh aller anwehsender votirender Capitularen Wapffen rundtumb an beyden Seiten, an der einen der heyliger Paulus, und anderer Carolus gesetzet“. Die Wappen der drei nicht formell zugelassenen („emanzipierten“) und daher bei der Bischofswahl nicht stimmberechtigten Domherren ließ man aus. Der Münzmeister Pott warnte allerdings, dass die Taler „wegen ihrer Breite … zu dünn werden wollen, das also das Gepräge … aus dem dünnen Silber nicht woll könne gezwungen werden, wan aber ein jedes Stück auff 3 Loth schwer gemachet werden dorffe, so bilden sich Wapfen und das ganze Gepräge schöner aus und were dan zugleich auch ein egales Geldt, (dass) ein jedes Stück auf 3 Gulden oder 2 Rthlr. gerechnet werden kann“. Das Domkapitel genehmigte am 6. März, das Gewicht um ein Lot zu erhöhen. Es handelte sich also nicht um Doppelgulden oder Speziestaler (nach dem Reichsfuß von 1566, im Sollgewicht von 29,2 Gramm) zu 1 1/3 Reichstaler, sondern um einen anderthalbfachen Speziestaler gleich einen doppelten Reichstaler zu 3 Lot à 14,61 = 43,83 Gramm. Der Reichstaler als Rechnungswährung hatte sich längst vom Talerstück (Speziestaler) gelöst. Die Prägekosten überstiegen den Nennwert – was für Repräsentationsmünzen typisch ist.
Für die Kostensteigerung gab es bereits eine Gegenfinanzierung: Am 1. März 1719 hatte der Landtag dem Domkapitel für die dreimonatige Sedisvakanz ein „gratuitum“ von 6.000 Talern angeboten – sonst erhielt der Landesherr monatlich aus Steuermitteln 2.000 Taler. Daraus bestritt das Domkapitel nun die Landtagsdiäten. 500 Taler dieser Präsenzgelder wurden der Ritterschaft in Doppeltalern ausgezahlt, also 250 Stück.
Die übrigen wurden unter die Domherren verteilt, jeder erhielt wohl 16, der Dechant die doppelte Zahl, der Syndikus des Kapitels sechs, der Sekretär vier und der Obrist Corfey für die Entwurfszeichnung sechs Stück. Am 24. März genehmigte das Domkapitel drei Domherren noch Nachprägungen: zehn Abschläge in Gold und 138 in Silber. Zu diesen zehn Goldabschlägen gehört auch der hier besprochene Abschlag zu 15 Dukaten aus dem Vorbesitz einer alten münsterischen Bürgerfamilie.
Bis Ende April prägte der Münzmeister 1180 Stück. 1000 Stück erhielt das Kapitel, die übrigen einige Domherrn, darunter der Dechant allein 100. Die extra bewilligten 138 Stück sind wahrscheinlich eingerechnet. Das Domkapitel war ja interessiert, sein Münzrecht zu dokumentieren. Am 3. August wurden weitere Prägungen genehmigt, wobei pro Stück einen Vierteltaler für die Prägekosten zu zahlen war. Immerhin sind bisher zwei Vorder- und drei Rückseitenstempel bekannt. Im Sommer ließ man außerdem Doppelschillinge (1/14 Taler) und Groschen (1/24 Taler) für den Geldumlauf prägen.
Dieser stempelfrische Goldabschlag des Doppeltalers zeigt vorn das Wappen des Domkapitels mit der Jahreszahl und den Initialen des Münzmeisters AG – P = Anton Gottfried Pott (amt. 1718–1742). Die Umschrift nennt Anlass und Herausgeber CAPITVL(um) MONAST(eriense) SEDE VACANTE. Außen 19 Familienwappen, oben rechts beginnend mit dem Wappen des Dompropstes Wilhelm von Wolff-Metternich, jüngeren Bruders des verstorbenen Bischofs, gefolgt von den Wappen des Domdechanten Landsberg, des Domscholasters Galen, des Domküsters Nesselrode und des Vicedominus Korff-Schmising. Es folgten die Wappen der Kapitulare nach ihrem Dienstalter, beginnend mit dem Senior Droste zu Vischering – einige Wappen erscheinen mehrfach.
Die Rückseite zeigt das Brustbild von CAROLVS M(agnus) R(omanorum) I(mperator) ECCL(esiae) MON(a)S(teriensis) FVNDATOR = Karl der Große, Römischer Kaiser, Gründer der Kirche zu Münster, im Kreis der Wappen der 19 jüngeren Kapitulare.
Der Entwurf stammte von dem Artillerieoberst Lambert Friedrich Corfey (1688–1733), der als Architekt, neulateinischer Dichter und Chronist einer der führenden Intellektuellen in Münster war. Als Sammler antiker und auch westfälischer Münzen illustrierte er seine Chronik der münsterischen Bischöfe mit vielen Münzzeichnungen. Mehrfach lieferte er Entwürfe für Schaumünzen, so für die Sedisvakanztaler 1706 und 1719, für die Medaille auf den Max-Clemens-Kanal 1724, und in Osnabrück für den Sedisvakanztaler 1715 und die -medaille 1728. Er kannte zweifellos den Wappenkranz auf Münzen wie den Tiroler Guldengroschen Erzherzog Sigismunds ab 1484. Auch auf den Wappenkalendern des Domkapitels rahmten die Wappen der Domherren das Kalendarium.
Bistumspatron und Bistumsgründer standen für den geistlichen und weltlichen Charakter des Fürstbistums. Der Wappenkranz der Domherren rund um die Bistumspatrone zeigt die führenden Adelsfamilien und damit den Charakter dieser geistlichen Wahlstaaten als Adelsrepubliken. Das Motiv fand sofort Nachfolge: Das Paderborner Domkapitel, von deren 24 Mitgliedern neun auch in Münster präbendiert waren, ließ nach einem Taler im Sommer 1719 noch Medaillen mit dem Wappenkranz von kunstvollen Prägestempeln des Nürnberger Medailleurs Peter Paul Werner (1689–1771) prägen. Daraufhin beauftragte man auch in Münster wieder nach dem Entwurf Corfeys eine solche Medaille, ebenfalls 1000 Stück, die aber erst 1720 ausgeliefert wurden.
Das vom münsterischen Domkapitel realisierte Konzept Corfeys setzte also Maßstäbe: fast alle Sedisvakanztaler und -medaillen der deutschen Domkapitel zeigten fortan die um die Patrone in den Kranz gestellten Wappen der adeligen Domherren.
Eine Besonderheit der westfälischen Sedisvakanzschaumünzen war zudem die Darstellung von Kaiser Karl dem Großen als Bistumsgründer. Sein Bild drückt die Verbundenheit des Fürstbistums mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus und war nicht nur nostalgische Erinnerung: der Kaiser, damals Karl (!) VI., war wichtige Schutzmacht. Karl der Große stand zugleich in der Regentenreihe der Könige von Frankreich. Beim Westfälischen Friedenskongress war nicht zuletzt durch die Intervention Frankreichs unter Berufung auf Karl den Großen die Säkularisation der katholisch gebliebenen Hochstifte vereitelt worden. Karl war seitdem der politische Landespatron der westfälischen Fürstbistümer.
Gerd Dethlefs

Literatur
Hans Weinrich: Sedisvacanz-Medaille des Jahres 1719, in: Auf Roter Erde. Heimatbeilage der Westfälischen Nachrichten Münster, Nr. 82-83 (März / April 1966)
Wolfgang-Georg und Ingrid Schulze: Die fürstbischöflich münsterischen Münzen der Neuzeit, Münster 1973, Nr. 211/212
Gerd Dethlefs: Die Hildesheimer Sedisvakanzmedaille von 1724. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Sedisvakanzmünzen, in: Numismatisches Nachrichtenblatt Jg. 28, 1979, S. 185-205
Ders.: Die Münzillustrationen im "Chronicon Monasteriense" des Lambert Friedrich Corfey, in: Geldgeschichtliche Nachrichten 19. Jg. 1984, Nr. 104, S. 307 325
Ders.: Die Sedisvakanztaler und Türkenmedaillen des münsterischen Münzmeisters Gottfried Storp 1683-1688, in: Peter Berghaus (Hg.), Westfalia Numismatica 2001, Minden 2001 (Schriftenreihe der Münzfreunde Minden 17) S. 111-123

Archivalien
Landesarchiv Westfalen, Domkapitel Münster, Akten Nr. 4917 (Protokolle 1719), Bl. 35, 89, 92, 113, 123, 136, 242; Fürstentum Münster, Landtag, Protokolle Bd. 92 (1717-1719), Bl. 334, 343, 350; Münsterische Ritterschaft Akten 145 Bd. 23 (Protokolle 1719), Bl. 19.

Januar 2019

Münze des Monats

Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur 1,165 g, Dm. 18,6 mm, St. 90° (ex. Adolf Hess AG, Luzern, April 1966), Inv.Nr.17176Mz Av.
© LWL-Museum für Kunst und Kultur (Westfälisches Landesmuseum), Münster
Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur 1,165 g, Dm. 18,6 mm, St. 90° (ex. Adolf Hess AG, Luzern, April 1966), Inv.Nr.17176Mz Rv.
© LWL-Museum für Kunst und Kultur (Westfälisches Landesmuseum), Münster

Pfennig des Corveyer Abtes Saracho


Av. Brustbild, einen nach außen gerichteten Krummstab haltend. Umher Perlkreis und Legende: SARAKA ABBAS COR
Rs. Kreuz mit Punkten in den Winkeln, umher Perlkreis und Legende: +ODDO+IVIPHING


Die Münzstätte Corvey gehört im Prinzip zu den ältesten in Deutschland. Im Jahre 833 gab Kaiser Ludwig der Fromme der Abtei das Recht, einen Markt mit Münzstätte und Zoll einzurichten, weil wie es in der Urkunde heißt, die Gegend solcher Einrichtungen entbehre. Man mag dies als Indiz werten, dass das Herzogtum Sachsen bzw. der nordwestdeutsche Raum, der ja erst durch die Sachsenkriege Karls des Großen dem Karolingische Reich hinzugefügt worden war, in dieser Zeit im Vergleich zum Rest des Reiches wirtschaftlich unterentwickelt war. Allerdings kennen wir aus der Zeit nach 833 keine Münze, die für Corvey in Anspruch genommen werden kann. Das liegt sicher auch daran, dass zur Zeit der Ausstellung des Diploms reichsweit einheitliche Münzen ohne Ortsnennung geprägt wurden. Die älteste Münze wurde in Zeiten König Heinrichs II. (1002-1024) geprägt und ist nur in einem Exemplar bekannt. In der Zeit danach entstanden in der abteilichen Münzstätte möglicherweise Nachprägungen der vom Harz ausgehenden Otto-Adelheid-Pfennige, die keine Ortsangaben enthalten. Solche kommen dann erst seit etwa 1045 vor.
Saracho, oft mit dem Beinamen „von Rosdorf“ genannt, wurde nach dem Tode des Abtes Arnold I. zu dessen Nachfolger gewählt und trat 1056 dieses Amt an. Gleich zu Beginn ließ er zur Sicherung der Abteigüter ein Verzeichnis aller Schenkungen erstellen. Im gleichen Jahr begann auch die Herrschaft König Heinrichs IV., der aber noch ein Kind war und unter der Vormundschaft seiner Mutter sowie der Erzbischöfe von Köln und Hamburg-Bremen stand. Als Vorsteher einer Reichsabtei gehörte auch Saracho zur königlichen Umgebung, hatte aber nicht den Einfluss der beiden Erzbischöfe. 1064 schenkte der noch minderjährige König die Reichsabtei Corvey dem Erzbistum Hamburg-Bremen. Dies wurde natürlich von Saracho so nicht akzeptiert und er bemühte sich um die Unterstützung von Papst Alexander II. sowie seines Verwandten Otto von Northeim, der von 1061-1070 Herzog von Bayern und somit eine Person mit Macht war. Er stand in Konflikt mit dem königlichen Vormund Erzbischof Anno von Köln, der 1062 den jungen König in seine Gewalt gebracht hatte. 1064 erreichte Saracho, dass Alexander II. der Abtei Corvey den Status der päpstlichen Unmittelbarkeit verlieh, wodurch es einem König nicht zustand die Abtei zu vergeben. So mussten 1066 der König wie auch Erzbischof Adalbert von Bremen den Corveyer Benediktinern ihre Unabhängigkeit (Libertas) bestätigen, womit die Schenkung von 1064 gegenstandslos war. Im Januar 1071 verstarb Saracho.
Mit Sarachos Bild und Name ist seit 1859/62 (Köhne, N. F. XII, 12) eine Silbermünze bekannt, die aus einem an unbekanntem Ort in Russland nach 1068 verborgenen Schatzfund stammt. Sie ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Hermann Dannenberg nahm sie 1876 als Nr.737 in sein Standardwerk zu den deutschen Münzen der ottonisch-salischen Zeit auf. Bilder von königlichen oder kaiserlichen Herrschern des deutschen Reiches waren gelegentlich schon im 10. Jahrhundert, vermehrt aber sind sie im 11.Jahrhundert anzutreffen. Die Erzbischöfe und Bischöfe waren dem gegenüber zurückhaltend. Eine Ausnahme ist der Mainzer Erzbischof Willigis, der sich im 1.Jahrzehnt des 11.Jahrhunderts im frontalen Brustbild ohne Insignien, aber in geistlicher Gewandung abbilden ließ und dabei auf Nennung seines Namens verzichtete. Auszuklammern sind hier auch diejenigen Bischofsbilder, die auf Münzen gebraucht wurden, um königliche Münzen nachzumachen. Sie weisen auch keine Insignien auf. Hervorgehoben ist bei Bildern Geistlicher immer deutlich die Tonsur, d.h. eine größere Stelle auf dem Kopf, auf der die Haare durch Rasur entfernt sind. Hierdurch wurden Geistliche, sowohl weltliche wie auch Mönche, äußerlich auch unabhängig von der Kleidung erkennbar. Der Brauch geht zurück in das Frühmittelalter und findet sich dementsprechend sowohl in der orthodoxen wie in der katholischen Kirche (wo er 1973 abgeschafft wurde). Auffällig an dem Kopf ist auch, dass der Abt Saracho ein Perldiadem trägt, dessen Bedeutung unerforscht ist. Seit den 1040-er-Jahren aber begann eine Welle von Münzprägungen von bischöflichen Brustbildern, sei es in Seitenansicht oder im Profil, mit dem Krummstab als Insignie. Tendenziell tauchen solche Bilder im Osten des Reiches eher später auf. Der Corveyer Pfennig entsprach damit einer Zeitströmung.
Die Entdeckung des Münztyps bewirkte in der Numismatik methodische Neuüberlegungen, da auf dem Gepräge sowohl die Namen Saracho und Otto vorkommen. Beide Namen passten in chronologischer Hinsicht nicht zusammen, da in der Amtszeit des Abtes der Name Heinrich (IV.) zu erwarten gewesen wäre und der letzte König Otto 1002 gestorben war. Man erkannte, dass mit Münzbildern im Mittelalter mitunter auch Namen fortgeführt wurden, die auch über den Tod der Namensträger hinaus beibehalten wurden. Heute ist die „Immobilisierung“ in der Münzgeschichte ein bekanntes Phänomen, das in den meisten Ländern Europas vorkam. Da im Mittelalter die absolute Mehrzahl der Bevölkerung analphabetisch war, waren bei manchen Münzbenutzern Buchtstaben nur bestimmtes Dekor, das dazu zu sein hatte, um Vertrauen in den Wert zu schaffen.
Die Seite mit dem Kreuz und dem Namen ODDO, der sächsischen Namensform zu oberdeutsch Otto, bedarf einer näheren Betrachtung. Moderne Menschen gehen davon aus, dass Angaben auf Zahlungsmitteln aus ihrer eigenen Zeit stammen. Das war im Mittelalter nicht grundsätzlich so. Zum einen Münzbilder wurden auch über längere Zeiten beibehalten, wenn es der Verbreitung des Produkts nützlich erschien. Zum anderen wurden schon in der Antike die Bilder erfolgreicher, weit verbreiteter Münzsorten in weiteren Münzstätten kopiert und dies in manchen Werkstätten ganz exakt, in anderen etwas lockerer. Mit Münzfälschung hatte das nichts zu tun, so lange das Produkt aus dem gleichen Material war wie das Vorbild und diesem auch im Gewicht nahekam.
Die wahrscheinlich erste Münzprägung in Westfalen geschah für den Erzbischof von Köln in dem diesem unterstehenden Ort Soest. Hier wurden Pfennige mit Aufschrift ODDO IMP(erator) AVG(gustus) geprägt, auch noch als Kaiser Otto II. 983 starb und der Nachfolger Otto III. kein Kaiser (Imperator) war und auch noch nach 1002, dem Todesjahr des dritten Otto. Dabei entfernte sich das Bild in sehr kleinen Schritten immer weiter von der Ausgangsvorlage. In Soest hielt sich das Bild bis weit in das 12.Jh. Andere Orte, die das erfolgreiche Modell des Soester Pfennigs aufgriffen, waren u.a. Münster, Osnabrück, Werl.
Sehr ähnliche Rückseiten finden sich auch auf Geprägen aus Herford, die auf der anderen Seite das Münzbild von Münster kopieren und wohl zeitgleich mit dem Pfennig des Abtes Saracho entstanden sind. Aus dem südostwestfälischen Raum heraus verbreitete sich das Bild auch nach Niederhessen, so dass mitunter der Entstehungsort einer Münze dieser Art nicht immer einfach festzustellen ist. So gibt es auch eine verwandte Art von Pfennigen, deren eine Seite den Münzen des hier besprochenen Corveyer Typs entspricht, jedoch gespiegelt.
Die Zuwendung der Münzprägung der Abtei Corvey nach Westen änderte sich bereits unter Saracho wieder. Wohl gegen Ende seines Abbatiats entstanden in Corvey, die auf einer Seite den Abt frontal und auf der anderen Seite ein Gebäude zeigen, das sich klar an Vorbildern aus der Münzstätte Goslar orientiert (Berghaus 1951 S.10).
Peter Ilisch

Literatur:
Heike Bartel, Das Münzprivileg Ludwigs des Frommen für Corvey (BM2 922). Archiv für Diplomatik 59, 2013, S. 147–168
Bernhard von Köhne, In Russland gefundene Münzen des eilften Jahrhunderts. Blätter für Münz- Siegel- und Wappenkunde N.F. 1859/62, S.321-327.
Peter Ilisch, Kleine Corveyer Münzgeschichte. Heimatkundliche Schriftenreihe 30. Paderborn 1999.
Peter Ilisch, Corveyer Münzen des Mittelalters. In: Höxter Bd.1: Höxter und Corvey im Früh- und Hochmittelalter, hrsg. v. Andreas König, Holger Rabe u. Gerhard Streich. Hannover 2003, S. 170-184.
Peter Ilisch, Überlegungen zur Bedeutung der Münzstätte Corvey im 11. Jahrhundert In: Von der Weser in die Welt, Festschrift für Hans-Georg Stephan (Hrsg .v. T. Gärtner, S. Hesse u. S. König). alteuropäische Forschungen N.F. 7, Langenweissbach 2015, S. 165-168.
Peter Berghaus, Deutsche Münzen des 11. Jahrhunderts in Kungliga Myntkabinettet, Stockholm. Hamburger Beiträge zur Numismatik 1951, S. 7-26.

Dezember 2018

Münze des Monats

50 Millionen Mark Note vom 1. September 1923
© M. Bohl

Hyperinflationen

Hyperinflationen sind aufgrund der extrem hohen Inflationsraten außergewöhnliche ökonomische Phänomene. Sie stehen im Zusammenhang mit bedeutenden gesellschaftlich-politischen und ökonomischen Veränderungen, wie beispielsweise den beiden Weltkriegen, der lateinamerikanischen Schuldenkrise und dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems. So hat Deutschland leidvolle Erfahrungen mit einer Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg 1922/23 gemacht. Auch die jüngeren Hyperinflationen in Simbabwe und Venezuela haben ihren Ursprung in extremen politischen Verwerfungen.
Allen hyperinflationären Perioden ist der Durchgriff von Regierungen auf die Zentralbank und die deutliche Expansion der Geldmenge zur Finanzierung staatlicher Ausgaben gemeinsam. Anhand der abgebildeten 50 Millionen Mark Note vom 1. September 1923 aus der Endphase der deutschen Hyperinflation lässt sich erahnen, auf welche Größenordnungen Geldmengen während hyperinflationärer Perioden anschwellen. Die enormen Geldmengenerhöhungen schlagen sich in entsprechenden Preissteigerungen nieder, welche die Krise eines Landes zusätzlich verschärfen. Weite Bevölkerungsschichten führen in hyperinflationären Perioden einen tag-täglichen Überlebens-kampf, da die Preise lebensnotwendiger Güter und Medikamente binnen weniger Tage deutlich steigen und die Kaufkraft der Währung rasant sinkt. Dieser Beitrag zur Instabilität eines Landes ist in der Kriegshistorie gezielt genutzt worden, indem große Mengen Falschgeld als Waffe zur Destabilisierung eingesetzt wurden. Ein Beispiel hierfür liefert der Erste Irakkrieg 1990/1991.
Obwohl der Irak den Golfkrieg in den Jahren 1990/91 verlor, verblieb Saddam Hussein an der Macht. Im Jahr 1992 entschieden sich Saddams Widersacher, mit falschen Dinar-Noten eine massive Erhöhung der Geldmenge herbeizuführen, um durch die daraus resultierende Erhöhung der Preise die irakische Volkswirtschaft und damit das totalitäre Regime von Saddam Hussein politisch zu destabilisieren. Neben westlichen Industrienationen unter Federführung der USA waren an dieser Operation Saudi Arabien, der Iran und Israel maßgeblich beteiligt.
Wodurch wurde die Einschleusung der Dinar-Blüten möglich? Ein Blick auf die monetären institutio-nellen Bedingungen Iraks gibt hierauf Antwort. Die Herstellung von Geldnoten mit hoher Fälschungssicherheit erfordert einen hohen Technologie- und Wissenstand, über den nur spezielle Druckereien in westlichen lndustrienationen, nicht aber der Irak verfügen. Vor dem Irakkrieg wurde Iraks Bargeld von einer britischen Druckerei hergestellt. Nachdem sich als Folge des Irakkriegs die Beziehungen zwischen Großbritannien und anderen westlichen Industrienationen einerseits und dem Irak andererseits wesentlich verschlechtert hatten, war der Irak zur Eigenproduktion der Dinar-Geldscheine gezwungen, ohne das zur Herstellung einigermaßen fälschungssicherer Geld-scheine erforderliche hohe Know How zu besitzen.
Durch die produktionstechnisch bedingte niedrige Qualität wurde der irakische Dinar leicht fälschbar, und es gelang, über die jordanische, saudiarabische, türkische und iranische Grenze den Irak mit Geldscheinen zu bombardieren. Neben dem Schmuggel falscher Dinar-Scheine sollen einem Brief des irakischen Außenministers zufolge auch US-amerikanische Hubschrauber über Dörfern im südlichen Irak große Mengen gefälschten Papiergeldes abgeworfen haben. Selbst die Androhung drakonischer Strafen konnte die Verbreitung der Blüten im Irak nicht verhindern.
Drastische Geldmengenerhöhungen sind mit entsprechenden Preissteigerungen verbunden. Dieser Effekt war auch im Irak zu beobachten. Hinzu kam, dass die internationalen Sanktionen gegen den Irak zu einer Reduktion der Wirtschaftsleistung und damit zu einer Verstärkung des Inflationseffekts geführt haben dürften. Zwar verbirgt sich hinter der Inflationsentwicklung auch die verstärkte Ausgabe von Geld seitens des irakischen Staates zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben für gestiegene Löhne und Wiederaufbaumaßnahmen, die großen Mengen Dinar-Blüten haben die Preissteigerungstendenz jedoch wirkungsvoll unterstützt. Nur die erhoffte Konsequenz - der Sturz von Saddam Hussein - blieb seiner Zeit aus.

Prof. Dr. Martin T. Bohl

Literatur:
lbrahim, Y.F.: Fake-Money Flood is Aimed at Crippling lraq's Economy. In: The New York Times vom 27. Mai 1992.
Friedman, M.: The Quantity Theory of Money. In: The New Palgrave. Dictionary of Economics. Lon-don/New York 1987, S. 3-20.
Krugman, P.R./Obstfeld, M.: International Economics: Theory and Policy. 3rd. ed., New York 1994, insb. S. 383-388.

November 2018

Münze des Monats

Hyperpyron des Manuel I. Komnenos
© Wikipedia

Der jugendliche Manuel I. Komnenos

Der Geburtstag des Kaisers Manuel I. Komnenos, welcher als einer der prägendsten Herrscher des 12. Jahrhunderts gilt, jährt sich am 28. November zum 900. Mal. Er stammte aus der Familie der Komnenen, welche die Herrschaft über das byzantinische Reich von 1081 bis 1185 ausübten (nach einem kurzen Vorspiel unter Isaakios I. Komnenos 1057-1059). Während dieser Epoche zählte Byzanz noch zu den den politischen Ton angebenden Mächten im europäischen Konzert.
Johannes II. Komnenos (r. 1118-1143) hatte sich bei einem Jagdunfall in Kleinasien tödlich verletzt, bestimmte auf seinem Sterbebett aber noch Manuel, den viertgeborenen und jüngsten Sohn, zu seinem Nachfolger. Zwei Brüder Manuels waren gestorben und den dritten, der sich in der Hauptstadt Konstantinopel aufhielt, ließ der Thronanwärter kurzerhand festsetzen, um die Herrschaft antreten zu können. Er schickte seinen Vertrauten, den Großdomestikos [= militärischer Oberbefehlshaber] Axuch, in die Hauptstadt, um alles vorzubereiten. Bei Niketas Choniates, einem der wesentlichen Historiographen dieser Zeit, heißt es dazu: „Der Großdomestikos bemühte sich um die Gunst der Palastwache sowie um die Anerkennung durch das Volk und übergab dann dem Klerus der Großen Kirche [= Hagia Sophia in Konstantinopel] eine mit (dem kaiserlichen) Rot gezeichnete und mit einem an purpurgetränkten, seidenen Schnüren befestigten goldenen Siegel bekräftigte Urkunde, die dem Klerus ein jährliches Geschenk von Silbermünzen im Wert von 200 Minen [= ca. 65 kg] zusicherte. Axuchos soll auch noch eine andere, ebenfalls rote kaiserliche Urkunde bei sich gehabt haben, welche die gleiche Summe, aber in Gold verhieß“ (übers. Grabler). Manuel musste sich also mit den üblichen Faktoren, die den Kaiser durch Akklamation bestätigten und somit anerkannten, gut stellen. Die Hagia Sophia in unmittelbarer Nähe des Patriarchen- und des Kaiserpalastes war die wichtigste Kirche Konstantinopels, wo auch die Kaiserkrönungen stattfanden.
Kurz darauf traf Manuel in der Stadt am Goldenen Horn ein und konnte den Thron besteigen. 1146 ehelichte er Bertha (fortan Eirene) von Sulzbach, die Schwägerin des römisch-deutschen Königs Konrad III. (1138-1152). Manuel erhoffte sich dadurch einen starken Partner in der Auseinandersetzung gegen die Normannen in Unteritalien bzw. dem südlichen Adriaraum. Gleich am Beginn seiner Regierungszeit war der junge Kaiser mit dem sogenannten 2. Kreuzzug befasst, bei dem französische und deutsche Ritter durch byzantinisches Reichsgebiet ins Heilige Land begleitet wurden (1147-1149). Nach dem Tod von Bertha (Eirene) nahm er Maria aus dem Fürstentum Antiocheia zu seiner Frau, um seine nach dem lateinischen Westen hin ausgerichtete Außenpolitik zu festigen und fortzuführen. Von seiner zweiten Frau bekam er den ersehnten Thronfolger (Alexios, geboren 1167), der sein Amt aber nie selbständig ausüben konnte. Nach Manuels Tod 1180 stürzte das Reich in einen innenpolitische Krise, die von Unsicherheit und Unstetheit gekennzeichnet war.

Die Münzprägung Manuels zeichnet sich durch eine ikonographische Neuerung aus. Auf der Vorderseite seiner Goldmünzen (seit Alexios I. hyperpyron genannt und das nomisma ersetzend;) ist Christus als Jüngling dargestellt. Im Neuen Testament gibt Maria dem Neugeborenen den Namen Emmanuel (hebr. „Gott mit uns“). Mit der Verwendung dieses Bildes wird auch auf die Jugend des Kaisers Manuel angespielt, der seine neue Herrschaft bewusst unter dem Zeichen Christi führte. Wie stark sich Manuel mit Christus verbunden fühlte, zeigt die Erzählung, dass der Kaiser auf seinen eigenen Schultern den Stein, auf den der Heiland nach seinem Tod gebettet wurde, vom kaiserlichen Hafen in eine Palastkirche getragen habe.
Auf der Vorderseite sind die übliche Angabe des Heiligen in der Form eines nomen sacrum (IC XC für Iesus Christos) und die Anrufungsformel „Herr hilf“ (ΚΕ ΒΟΗΘΙ) zu lesen, während auf der Rückseite Manuel seinen purpurne Herkunft betont („dem Herren Manuel, dem purpurgeborenen“ [ΜΑΝΟΥΗΛ ΔΕΣΠΟΤ, ΤΩ ΠΟΡΦΥΡΟΓΕΝΝΗΤ,]). Manuel war im kaiserlichen Kreißsaal des Kaiserpalastes, welcher mit Porphyrstein ausgekleidet war, auf die Welt gekommen. Der Kaiser ist mit dem Labarum, dem aus dem römischen Heerwesen bekannten Feldzeichen, und dem Kreuzglobus stehend dargestellt, von rechts oben berührt, segnet und krönt ihn die Hand Gottes (manus dei).
Die Münze ist ein sogenanntes hyperpyron („von hoher Feinheit“) , welches seit Alexios I. (r. 1081-1118), dem Großvater Manuels, das nomisma ersetzte; im Laufe des 11. Jahrhunderts hatte sich die über Jahrhunderte stabile byzantinische Goldwährung rapide verschlechtert. Nunmehr hatte die Goldmünze einen Feingehalt von etwa 21 bis 22 Karat (von insgesamt 24) und wies annähernd das ursprüngliche Gewicht eines nomisma von etwa 4,5g auf. Die Form dieser Prägung ist auffällig, da die Münze wie ein Schüsselchen aussieht, also eine konkave und eine konvexe Seite aufweist. Der oft verwendete Begriff Skyphat ist irreführend, da man in der Forschung des 19. Jahrhunderts glaubte, der Begriff scyphatus in italienischen Dokumenten aus dem 11. und 12. Jahrhundert benenne diese Prägung. Die gewölbte Form hatte zur Folge, dass die Münzen unterschiedlich stark abgenutzt wurden; der Kaiser, der wie üblich auf die Rückseite geprägt war, hielt sich länger.

Michael Grünbart

Literatur

Michael Hendy, Catalogue of the Byzantine coins in the Dumbarton Oaks Collection and in the Whittemore Collection. Vol. 4. Alexius I to Michael VIII, 1081 - 1261, Pt. 1: Alexius I to Alexius V (1081 - 1204). Washington D.C. 1999, 275-339.
Philip Grierson, Byzantine Coinage. Washington, D.C. 1999.
Paul Magdalino, The Empire of Manuel I Komnenos 1143-1180. Cambridge 1993.

Oktober 2018

Münze des Monats

Bronzemünze des Spithridates Vs
© Archäologisches Museum der WWU (R. Dylka)
Bronzemünze des Spithridates Rs
© Archäologisches Museum der WWU (R. Dylka)

Bronzemünze des Spithridates


Archäologisches Museum der WWU Münster, Inv. M 5233
Bronzemünze (Chalkous) des Spithridates, Münzstätte Kyme (?), wohl 334 v. Chr.
10 mm; 1,30 g; 9 h
Av.: Kopf des Spithridates von Ionien und Lydien mit Tiara, deren Laschen unter dem Kinn verschränkt sind, nach rechts gerichtet
Rv.: Pferdeprotome nach rechts gerichtet, i.F. oben Beizeichen: ; griechische Legende i.F. unten: [ΣΠ]Ι.


Immer noch kontrovers diskutiert ist die Frage der Bedeutung der sog. Satrapenmünzen, zu der auch dieses Münsteraner Stück zu zählen ist. In der Tradition der lydischen Könige werden weiterhin im Westen des Persischen Reiches Münzen geprägt. Sicher als Königsgeld zu bezeichnen sind die Dareiken und die Sigloi, die im Zuge der Münzreform des Dareios I. nach P. Briant ca. 512 v. Chr. eingeführt worden sind. Daneben existieren lokale Prägungen, die von Städten oder Herrschern (Dynasten, Tyrannen, Könige) in Auftrag gegeben worden sind. Als sog. Satrapenmünzen werden diejenigen benannt, die zum einen in der Legende den Namen eines persischen Amtsträgers angeben: u.a. Tissaphernes, Pharnabazos und der hier vorzustellende Spithridates. Zum anderen sind nach J. Bodzek der mit Tiara bedeckte Kopf und der sog. iranische Reiter als Satrapen-Typen zu bezeichnen. In der Folge von C. M. Harrison und L. Mildenberg werden allerdings mehrheitlich Zweifel geäußert, ob es Satrapenmünzen überhaupt gibt. Zuletzt hat H. Klinkott sämtliche Argumente zusammengetragen und schlägt vor, eher von „Strategengeld“ zu sprechen, da die persischen Amtsträger die Münzen nicht in ihrer Satrapie haben prägen lassen. Die Satrapen waren mit großen Feldzügen durch den Großkönig beauftragt – z.B. gegen Euagoras auf Zypern und gegen Ägypten – und ließen deshalb zur Entlohnung des Heeres und der Flotte in Kilikien oder der Levante Münzen prägen. Somit bezeichnet er die sog. Satrapenmünzen als „durch Königssymbolik überlagertes Lokalgeld“. Dies würde auch erklären, warum z.B. die Prägungen des Pharnabazos aus Kyzikos mit dem Thunfisch – Symbol der Stadt – versehen sind. Bodzek hat zuletzt festgestellt, dass der Begriff Satrapengeld nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint sei, indem sämtliche Münzen von Repräsentanten des Großkönigs – gleich welchen Ranges – darunter zu verstehen sind.
Die Silber- und Bronzemünzen des Spithridates sind nach Bodzek aus Anlass des mit großer Heeresmacht herannahenden Makedonenkönigs Alexander III. entstanden, da die unsicheren Prägeorte Lampsakos und Kyme nicht in Spithridates Satrapie Ionien und Lydien liegen. In der numismatischen Diskussion sind allerdings mehrheitlich die Silberemissionen mit den Soldzahlungen bzw. Rüstungsaktivitäten verknüpft worden. Bronzenes Kleingeld konnte auch andere Hintergründe haben, so werden die Münzen des Tissaphernes aus Astyra einerseits (Klinkott) interpretiert als Ehrung des Satrapen. Bodzek andererseits sieht in dem Kleingeld aus Astyra und Adramyttion den Hinweis auf das Amt des Oberbefehlshabers / Karanos der kleinasiatischen Heere.
Wie nun kann die Münsteraner Bronzemünze interpretiert werden? Gemäß des Rückseitenmotivs der Pferdeprotome wird sie dem Prägeort Kyme zugeschrieben, gesichert ist dies allerdings nicht. Das Beizeichen, welches auch auf Münzen aus Karien sowie Lykien und in der anatolisch-persischen Glyptik bezeugt ist, begegnet sehr häufig in Kilikien und gibt nach O. Casabonne als Symbol den Münzmeister an bzw. den Magistraten, unter dem geprägt wird.
Die Vorderseite zeigt Spithridates mit Tiara – Harrison und andere sehen in diesen Bildnissen kein Portrait, sondern z.B. eine Symbolik der persischen Feldherren, wie Casabonne vorschlägt. Diese Kopfbedeckung ist Bestandteil der sog. medischen Reitertracht der persische Amtsträger. Abschließend bleibt noch zu klären, welcher von den beiden literarisch überlieferten Persönlichkeiten mit dem Namen Spithridates (oder Spithrodates) diese Prägungen beauftragt hat. Der ältere der beiden ist im ausgehenden 5. und beginnenden 4. Jh. v. Chr. aktiv, ihm sind bisher allerdings keine Münzen zugeschrieben worden. Der jüngere ist unter seinem Schwiegervater Dareios III. Satrap von Ionien und Lydien – vielleicht seit 344/43 v. Chr., als sein Vater und Amtsvorgänger Rhosakes am Feldzug gegen Ägypten (Diod. 16,47,2) teilnimmt. Spithridates ist einer der Feldherren, die 334 v. Chr. das persische Heer am Granikos gegen die Makedonen unter Alexander dem Großen befehligt haben. Er verwundet zunächst Alexander, fällt dann allerdings durch die Hand des makedonischen Königs (Diod. 17,20).

H.-H. Nieswandt


Literatur:
C. M. Harrison, Coins of the Persian Satraps (Pennsylvania 1982)
N. V. Sekunda, Persian Settlement in Hellespontine Phrygia, in: A. Kuhrt – H. Sancisi-Weerdenburg (Hrsg.), Achaemenid History 3. Method and Theory. Proceedings of the London 1985 Achaemenid History Workshop (Leiden 1988) 175–196, bes. 178–180
L. Mildenberg, Über das Münzwesen im Reich der Achämeniden, AMI 26, 1993, 55–79
L. Mildenberg, On the So-Called Satrapal Coinage, in: O. Casabonne, Mécanisme et innovations monétaires dans l’Anatolie Achéménide. Numismatique et histoire, Actes de la Table Ronde Internationale d’Istanbul, 22-23 mai 1997, Varia Anatolica XII (Paris 2000) 9–20
O. Casabonne, Conquête Perse et phénomène monétaire : L’exemple Cilicien, in: O. Casabonne, Mécanisme et innovations monétaires dans l’Anatolie Achéménide. Numismatique et histoire, Actes de la Table Ronde Internationale d’Istanbul, 22-23 mai 1997, Varia Anatolica XII (Paris 2000) 21–91
P. Briant, From Cyrus to Alexander. A History of the Persian Empire (Winona Lake 2002) 408 f. 934 f. (Königsmünzen); 700 f. 1009 (Spithridates II)
H. Klinkott, Der Satrap. Ein achaimenidischer Amtsträger und seine Handlungsspielräume, Oikumene. Studien zur antiken Weltgeschichte 1 (Frankfurt am Main 2005) bes. 241–260
M. Alram, The Coinage of the Persian Empire, in: W. E. Metcalf (Hrsg.), The Oxford Handbook of Greek and Roman Coinage (Oxford 2012) 61–87
H.-H. Nieswandt, Stoffbinden im Achaimenidischen Reich. Zu sog. Satrapenmünzen und verwandten Denkmälern im östlichen Mittelmeergebiet, in: A. Lichtenberger u.a. (Hrsg.), Das Diadem der hellenistischen Herrscher. Übernahme, Transformation oder Neuschöpfung eines Herrschaftszeichens?, Euros. Münstersche Beiträge zu Numismatik und Ikonographie 1 (Bonn 2012) 71 Spithridates Typus 2 Abb. 21 (diese Münze)
J. Bodzek, Achaemenid Asia Minor: Coins of the Satraps and of the Great King, in: K. Dörtlük – O. Tekin – R. B. Boyraz Seyhan (Hrsg.), Bildiriler: Birinci Uluslararası Anadolu Para Tarihi ve Numismatik Kongresi, 25-28 Şubat 2013, Antalya (Antalya 2014) 59–78

September 2018

Aktuelle Münze des Monats

© LWL-Museum für Kunst und Kultur/Westfälisches Landesmuseum
© LWL-Museum für Kunst und Kultur/Westfälisches Landesmuseum

Stavoren (Provinz Friesland), König Heinrich III. (1039-1056) und Graf Bruno, ca.1050-1060.

Gewicht 0,926 g –Dm. 16,4 mm - 320 °
Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur/Westfälisches Landesmuseum Inv.Nr. 45743


Über die politische Geschichte Frieslands geben die schriftlichen Quellen nur unzureichend Auskunft. Kaiser Konrad II., aus dem Haus der Salier, ließ Münzen mit seinem Frontalbild prägen und auf der anderen Seite um ein Kreuz herum die Umschrift FRESONIA. An welchem Ort diese entstanden ist aus den Münzen heraus nicht ersichtlich. Danach entstanden in verschiedenen friesischen Orten vom Typ her einheitliche Gepräge, die den Namen eines Ekbert tragen. Dessen Funktion ist nicht durch einen zugefügten Namen gekennzeichnet. Es ist aber naheliegend in ihm einen Angehörigen des Grafengeschlechts der Brunonen zu sehen, da dieser Typ um die Mitte des Jahrhunderts durch einen anderen abgelöst wurde, der zentral auf einem waagerechten Schriftband den Namen BRVN aufweist. In ihm wird Brun II. gesehen, der 1057 starb. Der Chronist Lampert von Hersfeld berichtet zum Jahr 1057, dass zu einer Tagung des sächsischen Hochadels nach Merseburg geladen war, bei der das Verhältnis zwischen den Sachsen und den Königen aus der Dynastie der Salier besprochen werden sollte, nachdem Kaiser Heinrich III. 1056 gestorben und sein Sohn Heinrich IV. noch ein Kind war. Dabei trafen die Brüder Ekbert und Brun aus der Familie der Brunonen, die als Vettern des Königs bezeichnet werden, mit dem nach der Macht strebenden Otto, einem Halbbruder des Markgrafen der Nordmark, zusammen. In einem entstehenden Gefecht wurden sowohl Brun als auch Otto getötet. Das Ereignis zeigt, wie nah die Macht des Grafen mit dem salischen Königtum verbunden war. So ist es bemerkenswert, wenn zu einer Zeit als die Abbildung oder die Erwähnung des Königs auf Münzen außerhalb von königlichen Pfalzorten sehr selten wurde, der König abgebildet und als HENRICVSREX genannt wird. In dem stark reduzierten Bild ist für Analphabeten Heinrich III. an seiner Zackenkrone zu erkennen. Die Verbindung zwischen Königtum und Kirche wird durch das Kreuzzepter zum Ausdruck gebracht. Da es sich nicht um wirkliche Portraits handelt, war es notwendig, den Dargestellten durch ein weiteres Attribut zu charakterisieren, zumal die Umschrift nur sehr wenige lesen konnten. Bei Bischöfen und Äbten geschah dies meist durch Zufügung des Krummstabes, bei Königen bzw. Kaisern im Regelfall durch die Krone, deren Form vielgestaltig sein kann. Barhäuptige Königsbilder gibt es auch, doch sind sie die große Ausnahme. Kreuzzepter oder Kreuzstab als königliches Attribut ist für die Salier selten. Es kommt sonst noch in Dortmund und an unbestimmtem Ort nahe der Nordseeküste für Heinrich IV. vor.
Fast einzigartig in der weltlichen Münzprägung des 11.Jahrhunderts ist der parallele Betrieb mehrerer Münzstätten, die nicht einmal sehr weit auseinander lagen. Allenfalls in Flandern gab es ähnliches. Ekbert I. prägte nach 1038/39 gleichartige Münzen in Bolsward, Dokkum, Emnighem, Leeuwarden und Stavoren. Etwa um 1050 wurde seine Prägung abgelöst durch die hier präsentierte seines Bruders Brun, der dieses Netzwerk übernahm. Das BRVN trat an die Stelle eines vorherigen NOTA, dessen Bedeutung nicht so klar ist. Nach dem Tode Bruns folgte eine Prägung nach Goslarer Vorbild durch den Grafen Ekbert, der noch Münzstätten in Garrelsweer und Winsum hinzufügen konnte. Quantitativ war die Werkstatt in Leeuwarden wahrscheinlich die aktivste. Obwohl es in Friesland keine Silberbergwerke gab, war es offenkundig kein Problem, die notwendigen Mengen an Silber aufzutreiben.
Stavoren (friesisch), früher Staveren, gehört zu den ältesten Städten in Friesland. Sie liegt am Ijsselmeer und früher an der Mündung eines kleinen Wasserlaufs. Der Mönch Odulfus gründete hier im Auftrag des Bischofs von Utrecht ein kirchliches Zentrum, um die Friesen zu missionieren, aus dem später das Odulfuskloster wurde. 991 wurde der Ort von Normannen überfallen, geplündert und in Brand gesteckt. Ziel war Stavoren sicherlich, weil der Ort über See leicht erreichbar war, andererseits aber auch, weil er den Skandinaviern bekannt war. 1061 soll die Stadt von den Grafen ein Stadtrecht erhalten haben, das 1118 von Kaiser Heinrich V. bestätigt wurde. Durch Strömungsveränderungen wurden Teile des Siedlungsgebietes abgeschwemmt. Vom Kloster befand sich 1415 nur noch eine Kapelle auf einem Hügel im Wasser, weshalb die Mönche es aufgaben. Der Hafen versandete.
Wesentlich für den Tauschwert von Münzen war im Mittelalter, wie auch sonst, die Menge des darin enthaltenen Edelmetalls. Das Gewicht der von den Karolingern eingeführten Pfennige (lateinisch denarii) war mit um 1.7 g relativ hoch und die Feingehalte entsprachen den Möglichkeiten der Zeit, reines Silber herzustellen. Schon im 10. Jahrhundert jedoch war die Einheitlichkeit des Gewichtsstandards zerfallen und unterschiedliche Regionen des Heiligen Römischen Reiches wichen in uneinheitlichem Tempo davon ab. Während etwa in Köln die Durchschnittsgewichte nur in geringem Umfang sanken, war dies in Teilen Schwabens wie auch Frieslands deutlich anders. Friesische Münzen erreichten bereits vor der Jahrtausendwende ein Durchschnittsgewicht von weniger als einem Gramm, wobei sich das westlichere (heute niederländische) Friesland von dem östlicheren (heute deutschen) Friesland auseinander entwickelte. (Ost-)Friesische Münzen waren schwerer als friesische Pfennige von westlich der Emsmündung. Die brunonischen Grafen begannen auch das Silber durch Zulegierung unedler Metalle zu strecken, was durch Wegätzen von Kupfer an der Oberfläche cachiert wurde. Eine Reihe von metallanalytischen Untersuchungen offenbaren dies deutlich. Auch wenn die angewandten naturwissenschaftlichen Methoden im Detail der Ergebnisse nicht vergleichbar sind, so zeigen sie doch einheitlich die Tendenz. Röntgen-Fluoreszenz-Analysen, die nicht sehr tief in das Innere der Münzen eindringen können, zeigen für die Münzen des Grafen Bruno aus Dokkum und Leeuwaarden zwischen 35 und 58% Silberanteil schwankende Messergebnisse. Dem Silber hinzugefügt wurde eine Kupfer-Zinn-Legierung, die vermutlich aus eingeschmolzenen Gebrauchsobjekten stammte. Das bedeutet in jedem Fall, dass sie von Feinsilber weit entfernt waren.
Die Friesen, die überwiegend Landstriche bewohnten mit erschwerten Bedingungen für Ackerbau, hatten schon im Frühmittelalter eine große Bedeutung im Fernhandel. Friesische Händler sind in den schriftlichen Quellen des 7.-10.Jahrhunderts in Schweden wie in England nachgewiesen. Auch den Rhein nutzten sie, wo in einigen Orten wie Worms, Mainz und Duisburg friesische Ansiedlungen entstanden. Auch numismatisch können diese Beziehungen nachgewiesen werden. In den im letzten Viertel des 10.Jahrhunderts verstärkt einsetzenden Schatzfunden Skandinaviens haben friesische Münzen einen nicht unbedeutenden Anteil. Dieser bricht in Schweden in der Mitte des 11.Jahrhunderts etwa zur Zeit des Grafen Brun stark ein. Zugleich erhöht sich der Export friesischer Münzen nach Nordrussland, wohin sie nicht über die Wikinger als Vermittler gelangt sein können, da die dort vorkommenden Fundmünzen nicht die sekundären Merkmale der Münzen in skandinavischen spätwikingerzeitlichen Schatzfunden haben (Verbiegungen, Einstiche u.ä.). Nord- und Osteuropa hatten zu dieser Zeit keine Münzgeldwirtschaft, sondern benutzten Silber in jedweder Form nach Gewicht als Tauschwert. Dabei mussten sie von der Vergleichbarkeit der Silberqualität ausgehen. Mit dem verstärkten Absenken des Silbergehalts verloren die friesischen Silbermünzen ihre Akzeptanz in Schweden, während offenkundig dies in Russland und im Baltikum eine geringere Rolle spielte. In diesen Teilen Europas bestehen die Schatzfunde der 2.Hälfte des 11. und frühen 12.Jahrhundert zu einem erheblichen Teil aus friesischen Münzen, nicht zuletzt des Grafen Brun. Es legt die Vermutung nahe, dass es einen direkten Kontakt friesischer Händler dorthin gegeben hat. Wenn deren nicht vollwertiges Silber uneingeschränkt akzeptiert wurde, hatten sie mindestens vorübergehend einen Vorteil gegenüber gotländischen Händlern.
In Russland wurden die friesischen Pfennige des Grafen Brun nachgeahmt. Wo und wann dies genau geschah, bedarf noch der weiteren Forschung.

Peter Ilisch

Literatur in Auswahl:
Peter Ilisch, Die Münzprägung im Herzogtum Niederlothringen I: Die Münzprägung in den Räumen Utrecht und Friesland im 10. und 11.Jahrhundert. = Jaarboek voor Munt- en Penningkunde 84-85, 1997/98, 274 S.
Peter Ilisch, The Frisian impact on Coin import in the Baltic Sea area and Russia. In: Конференция 2017 года будет посвящена крупнейшему археологу-нумизмату Швеции - Брите Мальмер. St. Petersburg (im Druck).
Eeva Jonsson, Metal analyses of Viking-age coins. Metallanalyser av mynt. Stockholm 2018.
Kenneth, Jonsson, The numismatic evidence for Frisian trade in Sweden in the late Viking Age, in: Ryszard Kiersnowski u.a. (Hrsg.): Moneta Mediævalis. Studia numizmatyczne i historyczne ofiarowane Profesorowi Stanisławowi Suchodolskiemu w 65. rocznicę urodzin, Warschau 2002, S. 233–244.
Bernd Kluge, Bemerkungen zur Struktur der Funde europäischer Münzen des 10. und 11. Jahrhunderts im Ostseegebiet, in: Zeitschrift für Archäologie 12, 1978, S. 181-190.
Stéphane Lebecq, Friesenhandel, In: Johannes Hoops, Reallexikon der germanischen Altertumskunde Bd.10 S. 69-80.
Tuuka Talvio, The Frisian element in the coin hoards of the late Viking Age in Scandinavia, Russia and the East Baltic lands. In: Society and trade in the Baltic during Viking Age. Visby, 1985, S. 195-200.

August 2018

Aktuelle Münzen des Monats

Anthemius | Solidus, Rom, 467–472 n. Chr.
© Münzkabinett Berlin
Anthemius | Solidus, Rom, 467–472 n. Chr.
© Münzkabinett Berlin
Justinianus II. | Solidus, Konstantinopolis,705–706 n. Chr.
© Münzkabinett Berlin
Justinianus II. | Solidus, Konstantinopolis,705–706 n. Chr.
© Münzkabinett Berlin

Das Wort PAX auf Solidi der Kaiser Anthemius und Justinian II.

Flavius Procopius Anthemius (um 420–472 n. Chr.) | Gold, Solidus, 4,42 g, 22 mm, Münzstätte Rom, 467–472 n. Chr. | Av.: D N ANTHEMI-VS P F AVG, Panzerbüste des Anthemius mit Helm, Schild und Speer | Rv.: SALVS REI P-V-BLICAE / COMOB. Kaiser Anthemius und Kaiser Leo I. in Rüstung und Mantel, einander die Hand reichend; darüber Schild mit PAX; im Feld links R, im Feld rechts M | RIC X Anthemius 2804 | Münzkabinett | Berlin, Objektnummer 18201533 https://ikmk.smb.museum/object?id=18201533
Justinianus II. (668/669–711 n. Chr.) | Gold, Solidus, 4,44 g, 20 mm, 6 Uhr, Münzstätte Konstantinopolis, 705–706 n. Chr. (zweite Herrschaft) | Av.: d N IhS ChS REX - REGN[ANTIUM]. Büste des bärtigen Christus im Segensgestus mit Codex in der linken Hand, in Vorderansicht, hinter ihm ein Kreuz | Rv.: [D N IUS]-TINIA-NUS MUL[TUS AN]. Drapierte Büste des Justinianus II. mit Krone. In seiner rechten Hand ein Balkenkreuz auf dreistufiger Basis, in seiner linken Hand ein Patriarchenkreuz auf Globus, darauf PAX | DOC II-2 Nr. 1 (705 n. Chr.); MIB III Nr. 1 (705–706 n. Chr.) | Münzkabinett Berlin, Objektnummer 18218743 | https://ikmk.smb.museum/object?id=18218743

Einige Münzen aus der Zeit zwischen der zweiten Hälfte des fünften und dem Anfang des achten Jahrhunderts zeigen die Buchstaben P, A, X. Bis auf wenige mögliche Zweifelsfälle aus Karthago kann man wohl davon ausgehen, dass damit das lateinische Wort Pax für Frieden gemeint ist. Außer bei den hier ausgewählten Kaisern kommt der Schriftzug auch auf karthagischen Silberprägungen der Kaiser Maurikios und Konstans II. vor, bei Justinian II. zudem auf Bronzemünzen aus der Zeit seiner ersten Herrschaft (Maurikios, Viertel-Siliqua, 602 n. Chr., MIBEC NV63; Constans II., Halb-Siliqua, ca. 647 n. Chr., DOC 132; MIB 157 a; Justinian II., Aes 3, ca. 695 n. Chr., DOC 31.3). Bisher nicht erfasst ist ein Nummus von Justinian I. mit PAX auf dem Avers, nachgewiesen bei Grabungen der University of Michigan 1975–1979 (Metcalf 1987, Nr. 201).
Die Deutungen gehen weit auseinander: Manche sehen das Erscheinen des Wortes PAX vor dem Hintergrund konkreter politischer Ereignisse, etwa eines Herrschaftsbeginns oder eines Friedensschlusses; andere erklären die Nennung von PAX damit, dass es sich um ein abstraktes Attribut eines Herrschers handelte, oder mit der unanimitas und concordia von Ost- und Westteil des Römischen Reichs. Wiederum andere Forscher*innen akzentuieren den christlich-religiösen Charakter dieser und ähnlicher Münzinschriften.

Procopius Anthemius
Zwischen 467 und 472 ließ der weströmische Kaiser Procopius Anthemius in Rom, Ravenna und Mailand Solidi prägen, deren Revers ihn stehend zur Linken neben dem oströmischen Kaiser Leo I. zeigt, beide in militärischen Gewand. Sie reichen sich die Hand. Beide tragen Rüstung und Mantel. Auf Kopfhöhe zwischen beiden steht der Schriftzug PAX bzw. PAS oder bAS, bekrönt von einem Kreuz. Die Schreibweisen variieren zwischen den drei Münzstätten. Das epigrafische Problem der unterschiedlichen Schreibweisen von PAX und die Frage „pseudoimperialer“ Nachprägungen können in diesem Kontext außer Acht bleiben. Eine Identifizierung der linken Herrschergestalt mit dem Heermeister Ricimer wird überwiegend zurückgewiesen.
Der Avers zeigt den Münzherrn Anthemius in militärischem Habitus, die Legende Dominus Noster Anthemius Pius Felix Augustus. Auf dem Revers ist auf allen Typen die Legende Salus Reipublicae zu lesen, dazu die Zeichen der jeweiligen Münzstätte. PAX erscheint in unterschiedlicher Einfassung, mal im Kranz mit Schleifen, mal in einer Art Schild. Die Verknüpfung dieses Worts mit dem Motiv der dextrarum iunctio, die beide Kaiser miteinander verbindet, erinnert insbesondere an anonyme gallische und hispanische Münzen aus der Zeit des Bürgerkriegs im 1. Jh. n. Chr. Dort ist sie reduziert auf die ineinander gelegten Hände mit Merkurstab, Kornähren und Mohnkolben sowie den Schriftzug PAX (RIC I² Nr. 34 Spanien, 68 n. Chr.).
Obwohl vom östlichen Kaiser Leo als Mitkaiser voll anerkannt, veranlasste dieser keine Parallelprägungen. Eine Erklärung ist daher im Herrschaftsverlauf von Anthemius zu suchen. Aufgrund der Datierung der Prägeserie scheidet der Sieg über Geiserich 470 aus; auch war dieser Sieg Leo zu verdanken, nachdem Anthemiusʼ eigener Versuch, Geiserich zu besiegen, 468 n. Chr. gescheitert war. Der andere Krieg, den Anthemius der schriftlichen Überlieferung zufolge führte, gegen den Westgoten Eurich, endete abermals desaströs für Rom, sodass auch hier kein Siegfrieden zu proklamieren gewesen sein dürfte. Entgegen Grierson scheint daher ein lokaler Friedenschluss als Anlass für die PAX-Prägungen nicht gegeben zu sein.
Kaegi schlägt daher – unter Verweis auf Äußerungen von Sidonius Apollinaris und dem Buch de caeremoniis – vor, die Anführung von PAX auf Münzen als Zeichen der Einmütigkeit zwischen dem west- und dem oströmischen Kaiser und der damit gegebenen friedensstiftenden Einheit zwischen den beiden Reichsteilen zu sehen.

PAX: Justinian II. (zweite Amtszeit)
Die Zuweisung von Avers und Revers bei den Münzen Kaiser Justinians II. mit einem Bildnis von Christus ist strittig. Überwiegend jedoch gesteht man dem Christusbild den Avers zu. Somit erscheint – wie zu Beginn seiner ersten Amtszeit – der kaiserliche Münzherr auf dem Revers.
Dominus Noster Iesus Christus Rex Regnantium: So lautet die Legende des Avers. Zu sehen ist frontal ein Christus, überraschend mit kurzem Bart und Lockenfrisur. Ähnliche Münzen aus der Zeit seiner ersten Herrschaft zeigen Christus mit glattem Haar und Vollbart. Der jugendliche Bildnistyp, den Justinian II. einführte, blieb ohne Nachfolge.
Dominus Noster Iustinianus Multus Annus [Multos Annos]: Der Revers zeigt den Kaiser mit Krone, frontal mit ähnlicher Barttracht wie Christus. Der Globus in der linken Hand trägt das Patriarchenkreuz, auf der Kugel selbst steht die Aufschrift PAX.
Formel und Inszenierung lassen den Kaiser als Stellvertreter Christi erscheinen. Nicht ausgeschlossen wird eine Reaktion auf die Münzprägung des zeitgenössischen Kalifen Abd-el Maliks, der sich unter anderem als „Herr der Rechtgläubigen“ und „Vertreter Allahs“ titulieren ließ. Auch ein Zusammenhang mit den Anfängen des Bilderstreits wird gesehen. Der Globus – später auch mit aufgesetztem Kreuz – tritt schon früher als kaiserliches Attribut in Erscheinung, allerdings allein in der Ikonografie und nicht als reales Insigne. Zu verstehen ist er als Sinnbild für den römisch beherrschten Erdkreis, ab einer bestimmten Zeit dann unter christlichen Vorzeichen. Durch die Aufschrift PAX erhält das Insigne ein weiteres abstraktes Attribut, möglicherweise als Friedensversprechen für das Römische Reich, das der Kaiser zu Beginn seiner zweiten Herrschaft propagierte. Dagegen wendet sich Woods, der eine politische Deutung angesichts der aus seiner Sicht überwiegend religiösen Bezüge der Münze (Christusbild, Titulatur und Doppel- bzw. Patriarchenkreuz auf dem Globus) für nicht gegeben hält. Für ihn steht die Auseinandersetzung mit dem Kalifen und der aufziehende Bilderstreit für eine Deutung im Vordergrund. Darüber hinaus bleibt aber die Gestalt dieses religiösen Konzeptes von Kaiser Justinian II. unklar. Woods lässt zudem außer Acht, dass der von ihm im Falle der PAX-Prägungen der Kaiser Maurikios, Constans II.und Justinian II. gesehene Antagonismus zwischen den beiden Sphären keinesfalls zwingend ist.

Die PAX-Prägungen von Anthemius und Justinian II. haben sowohl einen christlich-religiösen als auch einen politischen Charakter – darin ansatzweise vergleichbar mit den kaiserzeitlichen und auch spätrömischen Münzprägungen mit Personifikationen der Securitas, der Concordia, der Victoria oder der Pax.

G. Schaaf


Weiterführende Literatur
Anders 2010
F. Anders, Flavius Ricimer: Macht und Ohnmacht des weströmischen Heermeisters in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts (2010).
Belting 2000
H. Belting, Bild und Kult: eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst (2000).
Burgess 2008
R. W. Burgess, ANTHEMIUS – ROME: PRELIMINARY ANALYSIS (19. Januar 2008). <http://aix1.uottawa.ca/~rburgess/Anthemius/Rome/analysisRM.htm> [Stand: 29. April 2018].
DOC II-2
Ph. Grierson, Catalogue of the Byzantine coins in the Dumbarton Oaks Collection and in the Whittemore Collection II-2 (1968).
Grierson/Mays 1992
Ph. Grierson/M. Mays, Catalogue of late Roman coins in the Dumbarton Oaks Collection and in the Whittemore Collection. From Arcadius and Honorius to the accession of Anastasius. Dumbarton Oaks catalogues (1992).
Kaegi 2010
W. E. Kaegi, Muslim Expansion and Byzantine Collapse in North Africa (2010).
Metcalf 1987
W. E. Metcalf, THE MICHIGAN FINDS AT CARTHAGE, 1975–79: AN ANALYSIS. Museum Notes (American Numismatic Society) 32, 1987, 61–84.
MIB III
W. Hahn, Moneta Imperii Byzantini III (1981).
Morrisson
C. Morrisson, 13.09.12, Kaegi, Muslim Expansion and Byzantine Collapse in North Africa. <https://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/tmr/article/view/17895> [Stand: 03. Mai 2018].
Woods 2017
D. Woods, The Proclamation of Peace on the Coinage of Carthage under Constans II. Greek, Roman, and Byzantine Studies 57, 2017, 687-612.

Juli 2018

Aktuelle Münzen des Monats

© Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Reinhard Saczewski)
© Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Reinhard Saczewski)
© Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Reinhard Saczewski)
© Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Reinhard Saczewski)
© Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Reinhard Saczewski)
© Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Reinhard Saczewski

Die ‚Friedensmünzen‘ Erzbischof Brunos von Trier und König/Kaiser Heinrichs V., 1110/20er Jahre


a) Erzbischof Bruno, Pfennig – Silber, geprägt; Gew. 0,67 g, Dm. 21 mm. Aus dem Fund von Bébange
Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Obj.-Nr. 18226877
b) Erzbischof Bruno, Pfennig – Silber, geprägt; Gew. 0,66 g, Dm. 20 mm. Aus dem Fund von Bébange
Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Obj.-Nr. 18226891
c) Kaiser Heinrich V., Pfennig – Silber, geprägt; Gew. 0,94 g, Dm. 19 mm
Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Obj.-Nr. 18226861


Friedensäußerungen auf Münzen des Mittelalters sind – blickt man vergleichend zurück, in die Antike, und nach vorn, in die Neuzeit – ausgesprochen selten. In der Antike spielte der Friede, Eirene bzw. Pax, spielten aber auch andere Ausformungen der Friedensidee eine bedeutende Rolle. Münzen, insbesondere römische Münzen, waren das zentrale Kommunikations- und Propagandamedium, speziell über die Rückseiten wurde Politik transportiert und propagiert, ja manchmal sogar Politik gemacht. Diese ihre Funktion haben Münzen im Mittelalter weitestgehend verloren, und auch in der Neuzeit hat sich dies nicht grundsätzlich geändert. In der Neuzeit aber trat eine neue Gattung auf den Plan, die – wenn auch ursprünglich nicht direkt so funktionalisiert – die Funktion eines Kommunikations- und Propagandamediums integrierte: die Medaille. Im Mittelalter existierte jedoch noch keine Medaille, politische Äußerungen – und Friedensäußerungen sind im eigentlichen Sinne politisch – finden sich auf Münzen kaum. Dazu sind in der Regel die Münzbilder nicht nur zu unspezifisch, sondern es fehlte auch das Publikum, das diese Botschaften überhaupt hätte dechiffrieren können.

Und dennoch gibt es Münzen im Mittelalter, die einen Friedensbezug in Wort und/oder Bild zeigen, die diese politische Idee zum Ausdruck brachten – und dann natürlich kaum zufällig. So in Trier im frühen 12. Jahrhundert: Münzen, die nicht nur PAX in ihre Legende schreiben und Pax vielleicht auch bildlich darstellen, sondern hinter denen tatsächlich ein realer politischer Anlass gestanden haben dürfte. Einerseits ein Typ Erzbischof Brunos (1102–1124), auf der Vorderseite das barhäuptige Brustbild nach links, davor ein Krummstab, Umschrift: + BRVNO ARCHIEPIS, auf der Rückseite das Brustbild eines geflügelten Engels von vorn, darüber PAX, darunter TREVERIS (Kluge 17.32.3). Andererseits ein Typ mit ähnlicher Vorderseite, auf der Rückseite aber das barhäuptige Brustbild des heiligen Petrus von vorn, die Linke segnend erhoben, mit der Rechten ein Schlüsselpaar schulternd, dessen Bärte die Buchstaben P und E von PAX PETRVS bilden (Kluge Nr. 17.34.1). Genau zu dieser Rückseite gibt es auch eine Vorderseite mit dem gekrönten Brustbild Kaiser Heinrichs V. (1106/11–1125) nach links, in der Rechten ein Lilienszepter, Umschrift: HEINRICVS CESAR (Kluge 17.13); zu der anderen Rückseite existiert eine solche königlich-kaiserliche Parallele nicht oder ist nur noch nicht bekannt geworden.

Die Bildthemen ordnen sich ein in eine lange Reihe von Münzbildern in der Münzstätte Trier seit kurz vor der Mitte des 11. Jahrhunderts mit einem durchaus anspruchsvollen ikonografischen sowie religiös-theologischen Gehalt. Die Trierer Münzreihe ist damit, auch mit dem künstlerischen Stempelschnitt, den korrekten Legenden und der technisch hohen Prägequalität, eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Münzprägung der Zeit. Seit der Endphase Erzbischof Poppos (1016–1047) gibt es den Typ mit der Hand Gottes, die die Himmelsschlüssel, Attribut des Apostelfürsten Petrus, des Trierer Bistumsheiligen, hält. Der Typ wird unter Eberhard (1047–1066) fortgesetzt, unter Udo (1066–1078) ergänzt um eine Zweihand-Variante – die Hand Gottes überreicht der Hand Petri die Schlüssel – und den Typ mit der segnenden Hand Gottes auf einem Kreuz samt Alpha und Omega; unter Egilbert (1079–1101) kommt neben einem großflächigen Kreuz noch das Lamm Gottes hinzu. Neu bei Bruno, der die bisherigen Bilder teils weiterführt, sind das Engelsbrustbild, das Motiv des knienden Petrus, die Schlüssel empfangend, und das Brustbild Petri. Die Rückseiten, deren Legenden auf PETRVS TREVERIS, TREVERIS SECUNDA ROM[A], nur TREVERIS oder eben PAX TREVERIS bzw. PAX PETRVS lauten, sind mit Vorderseiten mit den Insignien Krummstab oder Kreuzstab verschiedentlich kombiniert. Königlich-kaiserliche Vorderseiten mit Lilienszepter, Kreuzstab oder Palmzweig gibt es zu allen drei Typen Engelsbrustbild, kniender Petrus und Brustbild Petri (Kluge 17.11 = 17.32, 17.12 = 17.33, 17.13 = 17.34). Es handelt sich, weil durch Stempelkopplungen mit den erzbischöflichen Typen verbunden, um Prägungen aus Trier selbst – und nicht etwa aus einer Pfalz wie Boppard. Es liegt nahe, Absprachen zwischen Erzbischof und König/Kaiser über die Einführung und die gemeinschaftliche Ausprägung dieses neuartigen Bildprogramms wohl in der gegebenen Reihenfolge anzunehmen.

Schon die Tatsache, dass sich unter Erzbischof Bruno seit langer Zeit wieder königlich-kaiserliche Prägungen in Trier finden – unter Poppo war der König schrittweise aus Münzumschrift und Münzbild verdrängt worden –, ist ein Ausdruck des Friedens. Das frühere 12. Jahrhundert nämlich war genauso wie das spätere 11. Jahrhundert alles andere als eine Zeit des Friedens: Es war die Epoche des sogenannten Investiturstreits, des generellen Gegensatzes zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre, regnum und sacerdotium, zwischen König bzw. Kaiser und Papst, der sich an der Frage der Einsetzung der Bischöfe und Äbte, der Investitur, und speziell der dazu Berechtigten entzündete und gleichzeitig die Frage des Primats nicht nur in geistlichen Dingen, sondern auf der Welt insgesamt betraf. Der Konflikt begann bereits in den 1050er Jahren, Zeit der Kirchenreform, hatte seinen frühen Kulminationspunkt 1077 im Gang Heinrichs IV. (1056/84–1105) nach Canossa und konnte 1122 im Wormser Konkordat zumindest vorläufig beigelegt werden. Der Konflikt wurde durchaus mit kriegerischen Mitteln ausgetragen, aber auch und erstmals in diesem Umfang publizistisch geführt: mithilfe von Medien, medialer Propaganda. Münzen konnten dabei allein durch die Tatsache ihrer Prägung, Objekt eines ausgeübten Prägerechts, Ausdruck letztlich von Herrschaftsrechten, Propagandastücke sein. Dass Heinrich V. unter Bruno wieder in der Trierer Münzprägung sichtbar wird, ist ein – seltenes – Dokument des Friedens, der Eintracht von regnum und sacerdotium, die hier proklamatorisch zum Ausdruck gebracht wurde. Bruno war – so wie es sein Vorgänger Egilbert schon für Heinrich IV. gewesen war – eine der aktivsten, verlässlichsten Stützen Heinrichs V. sowohl in dessen Auseinandersetzungen mit dem Papst, zu dem Bruno erstaunlicherweise stets ein gutes Verhältnis wahrte, als auch mit der gerade nach der Kaiserkrönung 1111 wieder zunehmend erstarkenden Fürstenopposition.

Doch die erzbischöflich-kaiserlichen Gemeinschaftsemissionen, Dokumente des Friedens, deren medialer Tragweite sich Erzbischof und König/Kaiser bewusst waren, eröffnen weitere Aspekte. Zunächst das Engelsbrustbild: Der Engel, ikonografisch letztlich auf die Siegesgöttin Nike bzw. Victoria, stets geflügelt dargestellt, zurückgehend, hat seit dem Frühmittelalter eine Tradition als (christliches) Friedenssymbol. So weit zu gehen, Engelsmünzen generell als Friedensmünzen zu qualifizieren, würde aber zu weit gehen, zumal sie im Falle von Trier eingeordnet sind in ein stringentes religiös-theologisches Bildprogramm und auch ohne die Legende PAX vorkommen (Kluge 17.32.1–2). Definitiv zu weit geht, die Trierer Engelsmünzen – ohne PAX – als Auswurfmünzen zu interpretieren, die Heinrich V. am 12. Februar 1111 bei seinem Einzug zur Kaiserkrönung in Rom in antiker Tradition unter das Volk geworfen hätte, um so – der König, REX, hält einen Palmzweig, auch ein Friedenssymbol (Kluge 17.11.1) – seine allgemeine Friedensabsicht zu propagieren (R. Gaettens). Die These, Münzen hier als politisches Kommunikations- und Propagandamedium funktionalisiert zu sehen, als ein publizistisches Medium im Ringen um den Frieden, Stimme im Konzert der politischen Publizistik des Investiturstreits, steht in diesem Fall auf zu wackeligen Füßen. Dem widerspricht auch, dass sich diese Prägungen im Umlauf der Heimatregion finden, so 1911 in dem Schatzfund von Bébange (Gem. Messancy, Prov. Luxembourg, Belgien), der die Mehrheit der Trierer Münzen dieser Zeit überliefert hat.

Die Legende PAX aber spricht den Frieden direkt an, und dies ebenfalls nur als Ausdruck der Eintracht von regnum und sacerdotium zu sehen, erscheint zu wenig. Wichtig ist, dass PAX stets in Verbindung mit TREVERIS, Trier, bzw. PETRVS – und damit natürlich auch Trier – steht: Es ging somit um einen Trierer Frieden, einen Frieden in oder um Trier, bezogen auf die Stadt und die Erzdiözese Trier. Dieser Frieden, der Petersfrieden, PAX PETRVS, wurde auf den erzbischöflichen und kaiserlichen Prägungen gemeinsam offensiv zur Schau gestellt – und übrigens auch auf einer weiteren, wohl in Trier selbst entstandenen Parallelprägung seitens eines ungenannten Pfalzgrafen (Kluge 17.43). Dass auch Brunos Nach-Nach-Nachfolger Albero II. (1131–1152) zu Beginn seiner Amtszeit diesen Typ prägte (Kluge 17.37), dürfte dagegen auf Immobilisierung, der unveränderten Weiterführung eines Typs in Bild und Schrift, beruhen. Ein solcher Frieden, ein Gottes- und/oder Landfrieden, ist nun tatsächlich für das Jahr 1122 fassbar, als von einer generalis vel specialis pax in den mittelrheinischen Gebieten die Rede ist. Die Idee des von Bischöfen oder Äbten in Verbindung mit weltlichen Herrschaftsträgern errichteten Gottesfriedens für das Gebiet einer Diözese hatte sich im Deutschen Reich im Verlauf des 11. Jahrhunderts zunehmend mit der Idee eines von Weltlichen gesetzten Landfriedens (specialis pax), im Falle des Königs eines Reichsfriedens (generalis pax), verbunden. Ausgangspunkt dürfte hier das Jahr 1119 gewesen sein, als man sich – nachdem sich seit 1112 der Konflikt Heinrichs V. mit dem Papst wie mit den Fürsten zugespitzt hatte, es überall zu Unruhen kam und 1118 sogar die Absetzung durch die Fürsten drohte – allseits um einen Frieden bemühte. Ostern 1119 konnte, und dies durch maßgebliches Engagement Erzbischof Brunos, tatsächlich ein Waffenstillstand mit den beiden Hauptgegnern, Erzbischof Adalbert I. von Mainz (1111–1137) und Erzbischof Friedrich I. von Köln (1100–1131), geschlossen werden. Im Juni 1119 folgte eine Reichsversammlung zu Tribur mit den drei Erzbischöfen, die gelobten, in allen Teilen des Reiches Frieden – generalis vel specialis pax – zu wahren. 1119 wurde zudem in Reims und Mouzon auf Vermittlung Brunos die Versöhnung mit Papst Calixt II. (1119–1124) angebahnt, was den Weg zum Wormser Konkordat 1122, dem Friedensvertrag, wies.

Die Trierer Friedensmünzen, gemeinsam emittiert von Erzbischof, Kaiser und Pfalzgraf – eventuell also eine konzertierte Aktion aller Herrschaftsträger im Raum Trier –, könnten damit in Zusammenhang gestanden haben. Der Typ mit dem Brustbild Petri und PAX PETRVS ist sicher spät, in der Endphase Brunos, entstanden, der Typ mit dem Engelsbrustbild ohne PAX dagegen sicher bereits 1106/07; dies schließt eine spätere Ansetzung der Variante mit PAX allerdings nicht aus. Die PAX-Prägungen – und der Engel würde hier tatsächlich zum Friedensengel, gleichsam zu Pax – könnten so im Angesicht der Zeit das entscheidende Trierer Friedensengagement, den Trierer Petersfrieden als einen von Trier ausgehenden Frieden, realisiert durch Erzbischof, Kaiser (und Pfalzgraf), als einen provinziellen Land- und allgemeinen Reichsfrieden, propagiert, gemeinsam propagiert haben. Je nach Datierung, die so genau nicht möglich ist, könnten sie auch eine Friedensaufforderung an die Gegner, die Fürsten, oder aber den bereits erreichten Frieden zum Ausdruck gebracht haben. Münzen – als Ausfluss eines Hoheitsrechts quasi amtliche Dokumente – wären jetzt also als politisches Kommunikations- und Propagandamedium funktionalisiert zu sehen, als ein publizistisches Medium im Ringen um den Frieden, Stimme im Konzert der politischen Publizistik des Investiturstreits. Letzteres freilich in übertragenem Sinne, denn die Botschaft galt weniger dem Papst, der Trierer Münzen kaum jemals zu Gesicht bekommen haben sollte, und somit weniger der Lösung der Investiturfrage als vielmehr den Fürsten im Reich. Zuweilen wurde eben auch auf Münzen des Mittelalters speziell über die Rückseiten anhand spezifischer Münzbilder Politik transportiert und propagiert, ja manchmal sogar Politik gemacht.

Stefan Kötz

Literatur
- Suhle, Arthur: Der Fund von Bébange und die Trierer Friedenspfennige, in: Zeitschrift für Numismatik 34 (1924), S. 321–348 mit Tf. IX–X
- Buchenau, Heinrich: Zum Bebinger Pfennigfund, in: Blätter für Münzfreunde 16 NF 3 (1924–1926), S. 118–122 mit Tf. 289,11–12
- Gaettens, Richard: Die Trierer Friedenspfennige des Fundes von Bébange. Wichtige Dokumente zur Geschichte Kaiser Heinrich’s V., in: Blätter für Münzfreunde und Münzforschung NF 9 (1954–1956), S. 14–19, 129–135, 166–172
- Weiller, Raymond: Die Münzen von Trier, Tl. 1,1: Beschreibung der Münzen, 6. Jahrhundert–1307 (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, Bd. 30), Düsseldorf 1988, S. 379–412
- Das Reich der Salier 1024–1125. Katalog zur Ausstellung des Landes Rheinland-Pfalz in Speyer 1992, Sigmaringen 1992, S. 458f.
- Kluge, Bernd: Conspectus Nummorum Germaniae Medii Aevi (CNG). Kommentierter Typenkatalog der deutschen Münzen des Mittelalters – von den Anfängen bis zur Ausbildung der regionalen Pfennigmünze, von 880 bis um 1140, Tl. 5: Oberlothringen (4) – Das Erzbistum Trier, in: Geldgeschichtliche Nachrichten 35 (2000), S. 184–196, Tl. 6: Oberlothringen (5) – Das Erzbistum Trier (Fortsetzung Trier, Koblenz), in: Geldgeschichtliche Nachrichten 35 (2000), S. 253–259
- Kötz, Stefan: Feind und Freund unter Heinrich V. und ein Dokument des Friedens: die „Friedenspfennige“ Erzbischof Brunos von Trier und Heinrichs V., in: Die Salier. Macht im Wandel (Ausstellungskatalog Historisches Museum der Pfalz Speyer, 10. April bis 30. Oktober 2011), Bd. 2: Katalog, Kat.-Nr. 192–202 auf S. 249–252 mit Tf. 4

Juni 2018

Aktuelle Münze des Monats

Goldene Medaille auf den Westfälischen Frieden von 1648
© Stadtmuseum Münster, T. Samek

Goldene Medaille auf den Westfälischen Frieden von 1648

Engelbert Ketteler, Münster 1648, signiert und datiert, Gold, Dm 52 mm, 31,2 g
Stadtmuseum Münster, Inv. Nr. MZ-WF-00682

Die Prägung von Münzen und Medaillen auf historische Ereignisse hat eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. In allen Fällen ging es darum, das Ereignis für spätere Generationen festzuhalten. Zu den wichtigen Geschehnissen, die auf derartigen Medaillen festgehalten wurden, gehören Friedensschlüsse nach langen oder schrecklichen Kriegen. Für die Zeitgenossen stand hierbei die Freude über den Frieden im Vordergrund, für die Nachfahren waren es, je nach Einstellung, die Ergebnisse der Friedensverträge.
Nach 30 Jahren Krieg in Deutschland, nach 80 Jahren Krieg in den Niederlanden und nach mehr als vierjährigen zähen Verhandlungen in Münster und Osnabrück war der Frieden zum Greifen nah. Endlich wurde am 15. Mai 1648 der Spanisch-Niederländische Frieden, auch „Münsterische Frieden“ oder „Vreede van Munster“ genannt, und am 24. Oktober 1648 in Münster der Westfälische Frieden geschlossen. Besonders in der Kongressstadt Münster herrschte großer Jubel über den Friedensschluss. Verschiedene Medaillen wurden dort in diesem Jahr geprägt.
Das Stadtmuseum Münster besitzt heute eine der weltweit größten Sammlungen von Medaillen zu diesem Thema. Eine ganz besondere Medaille aus diesem Bestand soll nachfolgend vorgestellt werden: Sie zeigt auf der Vorderseite die Ansicht Münsters von Südwesten. Die Inschrift nennt in lateinischer Form den Namen der Stadt „MONASTERIVM WESTPHA(liae)“ („Münster in Westfalen“) und das Entstehungsjahr 1648. Die Umschrift „HINC TOTI PAX INSONAT ORBI“ („Von hier aus schallt der Friede über die ganze Welt“) bezieht sich auf den Abschluss des Westfälischen Friedens. Veranschaulicht wird dies durch zwei über der Stadt schwebende Engel. Aus der Posaune des linken erschallt das Wort „PAX“ (Friede); in seiner Hand hält er einen Palmzweig, das Symbol für die Freude. Der rechte Engel trägt einen Lorbeerkranz sowie einen Ölzweig, antike Symbole für den Sieg und den Frieden.
Als zentrales Motiv der Rückseite erscheint ein Handschlag, Zeichen für die durch den Frieden hergestellte Einigkeit zwischen dem Kaiser und den Königen. Die beiden Füllhörner stehen als Symbole für den nun zu erwartenden Wohlstand. Der Ölzweig ist das Attribut der römischen Friedensgöttin Pax, die am Boden liegenden Waffen verdeutlichen das Ende des schrecklichen Krieges. Erläutert wird die Darstellung durch die als Chronogramm ausgeführte Umschrift „CAESARIS ET REGVM IVNXIT PAX AVREA DEXTRAS 24 8bris“ („Der goldene Frieden hat die rechten Hände des Kaisers und der Könige vereinigt, am 24. Oktober“). Die Jahreszahl 1648 ergibt sich aus den lateinischen Zahlbuchstaben (MDCXXXVVVIII).
Der münsterische Münzmeister Engelbert Ketteler (?–1661) signierte diese Medaille mit seinen Initialen (EK), produzierte sie – wie mehrere weitere Medaillen – auf eigenes Risiko und bot sie u.a. den in der Stadt weilenden Gesandten des Friedenskongresses zum Kauf an. Da die Herstellung der in der Regel aus Silber gefertigten Medaillen aufwendig war, lag der Verkaufspreis über dem des Materialwertes. Neben Stücken im Wert von 1 Taler (ca. 28,5 g) liegen auch Exemplare zu 1 ¼ und etwa 2 Talern vor (ca. 36 bzw. 55,5 g). Diese Stücke wiesen zwar durch ihren Silbergehalt einen gewissen Wert auf, gelangten aber nur selten in den realen Zahlungsverkehr. Als Erinnerungsmedaillen wurden sie schon damals gesammelt.
Geht nun aber auch der komplexe Entwurf dieser bedeutenden und in ihrer Aussage wirkungsvollen Medaille auf den Münzmeister Engelbert Ketteler zurück? Man könnte es vermuten, denn immerhin hat er seine Initialen darauf hinterlassen. Die Gesamtaussage, das Bildprogramm, der Text und das Chronogramm stammen jedoch von dem münsterischen Humanisten und Ratsherrn, dem Arzt Dr. Bernhard Rottendorf (1594–1671) (link: https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Rottendorff). Dies berichtet er selbst schon 1649 in einem Brief an den befreundeten Humanisten Johann Friedrich Gronovius (1611–1671) (link: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Friedrich_Gronovius). Höchste humanistische Bildung und politisches Kalkül spielten bei der Entstehung eine wichtige Rolle.
Diese Medaille besticht nicht nur durch ihre zeitlose künstlerische Schönheit, ihre technische Vollendung und materielle Kostbarkeit, sondern spiegelt auch die humanistische barocke Vorstellung einer würdigen Erinnerung an ein bedeutendes Ereignis wieder. Das Ereignis selbst wertet somit auch die Rolle und die Bedeutung der Stadt Münster auf. Man kann die Medaille als wichtigen Träger einer Botschaft verstehen, als Mittel der Propaganda, auch und besonders in den nachfolgenden Verhandlungen, in denen es um die unmittelbar angestrebte Freiheit der Stadt ging, die durch den Friedensschluss ja wieder unter die Herrschaft des münsterischen Bischofs gefallen war.
Ein anderer Aspekt hebt nun aber gerade dieses Exemplar über die anderen „normalen“ Medaillen auf den Westfälischen Frieden, die ab 1648 in Münster geprägt wurden, heraus: Der Rat der Stadt Münster ließ nämlich von 1648 bis 1660, d.h. bis zum endgültigen Verlust der Unabhängigkeit, auf eigene, nicht unerhebliche Kosten diese und andere Friedensmedaillen bei Engelbert Ketteler prägen. Darunter waren neben jenen vielen aus Silber auch einige wenige zu bis zu 10 Dukaten schwere aus Gold, die somit immerhin 34 g wiegen konnten. Glücklicherweise liegen die Abrechnungen der städtischen Kämmerei vor, in denen einige Aufträge für den Münzmeister Ketteler verzeichnet sind (nach Wormstal 1898):
Anno 1649, den 18. Martii hat Herr Burgemeister Herdinck machen lassen sechs golden Friedens-Penning, jeder von zehn Ducaten schwehr, hat ohne Macherlohn gekostet 120 RT (= Reichstaler).
Item noch an den selbigen dato sechs silbern Pfenning jeder vor 2 Taler schwer
Den 16. Aprils noch 2 silbern, jeder a 2 Taler
Den 30. Aprilis noch durch denselben Diner holen lassen drei Pfennige, jeder a 2 Taler
Engelbert Ketteler hat am 22. Dezember 1649 für alle diese Bestellungen 142 Taler erhalten
Quittung von Engelbert Ketteler: Anno 1649 hat Herr Hermann Leusmann, Grutherr, bei mir zu machen lassen 14 goldene Pfennige, wozu einhundert ducaten verschmoltzen, setze vor abgank an golde und machelohn sieben rthl.
Demnach wurden allein 1649 offenbar 20 große goldene Abschläge angefertigt, die zwischen 8 und 10 Dukaten wogen. Ob später weitere Prägungen in Gold folgten ist unbekannt. Der vorgestellte Goldabschlag könnte einer dieser 20 Exemplare von 1649 sein.
Kostbare Ehrengeschenke wurden von der Stadt Münster schon vorher, und auch später noch vielfach vergeben. Meist handelte es sich um Silberpokale, Humpen oder Becher münsterischer Goldschmiede. Der Verbleib dieser Objekte ist heute unbekannt, die meisten dürften im Laufe der Jahrhunderte eingeschmolzen worden sein.
Welche Personen haben aber nun Goldabschläge der Friedensmedaille als kostbare Ehrengaben erhalten? Auch darüber berichten die Rechnungen: Auf dem Regensburger Reichstag 1653, bei dem es um die Verhandlungen um die Höhe der Entschädigung für die der Stadt Münster während des Kongresses entstandenen Kosten ging, verschenkte der Ratsherr Bernhard Rottendorf, der Entwerfer der Medaille, 32 Friedenspfennige in Gold und Silber an kaiserliche Räte und Beamte, sicherlich um deren Entscheidungen in eine für die Stadt positive Richtung zu lenken.
1658 erhielt der Bürgermeister Calenberg zu Zutpen (NL) einen goldener Friedenspfennig im Wert von etwa 19 RT (= 9 Dukaten). 1660 folgten weitere Geschenke: Der Trompeter Michael, von den niederländischen Generalstaaten mit Briefen und Dokumenten nach Münster geschickt um die Ankunft einer Delegation anzukündigen, bekam einen goldenen und einen silbernen Friedenspfennig im Wert von 23 ¼ RT, also vermutlich einen goldenen zu etwa 10 Dukaten.
Außerdem bekamen der Abgesandte Geheime Secretario Petro Rein, der Trompeter des Prinzen von Oranien, Joris genannt, und zwei Boten goldene und silberne Friedenspfennige im Wert von 47 RT. Schließlich wurde 1661 dem Herrn Friquets ein Friedenspfennig in Gold von ungefähr 20 RT offeriert, also im Wert von etwa 10 Dukaten.
Die Stadt Münster setzte über Jahre hinweg die Geschenke dieser goldenen Friedensmedaillen geschickt ein. Ob das vorgestellte Exemplar, ein Geschenk des Fördervereins zum 30-jährigen Jubiläum des Stadtmuseums Münster, ehemals ein solches Ehrengeschenk war, kann nicht mit letzter Sicherheit bestimmt werden, die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr groß. Wer es ursprünglich erhalten haben könnte wird wohl für immer unbekannt bleiben.

B. Thier

Literatur:
Gerd Dethlefs/Karl Ordelheide, Der Westfälische Frieden. Die Friedensfreude auf Münzen und Medaillen. Vollständiger beschreibender Katalog, Greven 1987, hier S. 140–146, Nr. 124–128.
Bernd Thier, Hinc toti pax insonat orbi, in: H. Galen (Hg.), 30jähriger Krieg, Münster und der Westfälische Frieden, Bd. 2, Münster 1998, S. 248–249.
Bernd Thier, Medaille auf den Westfälischen Frieden, in: B. Rommé (Hg.), Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden, Ausstellungskatalog Stadtmuseum Münster, Dresden 2018, 14.
Albert Wormstall, Studien zur Kunstgeschichte Münsters. Nach ungedruckten Quellen, Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster i. W. Band 1, Münster 1898, S. 161–269.

Blog: blog.stadtmuseum-muenster.de/?p=339

Mai 2018

Aktuelle Münze des Monats

Av.: Büste des Titus mit Lorbeerkranz n.l.; IMP T CAES VESP AVG P M [TR P] COS VIII
© R. Dylka
Rv.: Stehende Pax mit Zweig und Caduceus n.l.; PAX AVGVST / SC
© R. Dylka

Pax zu Gast in Münster

Archäologisches Museum der WWU Münster, Inv. Nr. M 2066
As des Kaisers Titus, Münzstätte Rom (80/81 n. Chr.)
27,9 mm; 12,96 gr, 6 h
Av.: Büste des Titus mit Lorbeerkranz n.l.; IMP T CAES VESP AVG P M [TR P] COS VIII
Rv.: Stehende Pax mit Zweig und Caduceus n.l.; PAX AVGVST / SC
2018 haben das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 sowie Ende des 30-Jährigen Kriegs 1648 Jahrestage. Zu diesem Anlass haben sich in Münster fünf Institutionen zu einer Ausstellungskooperation zusammengeschlossen, um das Thema Frieden von der Antike bis heute zu behandeln. Fünf Ausstellungen des Archäologischen Museums der Universität Münster, des Bistums, des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster, des LWL-Museums für Kunst und Kultur und des Stadtmuseums Münster widmen sich vom 28. April bis 2. September 2018 umfassend diesem Thema (http://www.lwl.org/landesmuseum-download/Website/Flyer_Frieden_hyperlinks_6.9.pdf).
Im Archäologischen Museum trägt die Ausstellung den Titel „Eirene/Pax. Frieden in der Antike“. Diese Ausstellung behandelt die gesamte Antike und Besucherinnen und Besucher werden auch zahlreiche hochkarätige numismatische Zeugnisse in der Ausstellung sehen. Denn das Thema ist auch aus numismatischer Sicht hochspannend. Obwohl die Personifikation der Friedensgöttin Eirene in Griechenland seit klassischer Zeit gut zu greifen ist, tritt sie auf Münzen – bis auf eine Darstellung im unteritalischen Lokroi Epizephyrioi (das seltene Stück ist in der Ausstellung zu sehen) – in klassischer und hellenistischer Zeit nicht auf. Es ist ein Phänomen der Römerzeit, dass die Friedensgöttin Pax auf Münzen in Erscheinung tritt. Nach ersten Anfängen in republikanischer Zeit und der frühen Kaiserzeit ist es das Bürgerkriegsjahr 68 n. Chr. und die anschließenden flavischen Kaiser, die mit dem Sieg über Judäa ein umfangreiches Programm der numismatischen Verbildlichung der Pax entfalten.
Eine dieser Münzen ist ein As im Archäologischen Museum der Universität Münster, welches auch in der Ausstellung zu sehen ist. Die Münze wurde 80/81 n. Chr. von Kaiser Titus geprägt, und die Vorderseite ziert sein beleibtes Porträt nach links. Die Rückseite zeigt die nach links stehende Friedensgöttin Pax. In ihrer vorgestreckten Rechten hält sie gesenkt den Friedenszweig und in ihrem linken Arm liegt der Botenstab Caduceus, eines der wichtigsten Attribute der Friedensgöttin (das Attribut trägt sie auch schon auf der Silbermünze aus Lokroi Epizephyrioi). Es ist ein Anliegen der Ausstellung nicht nur der Bedeutung des Friedens in der Antike nachzugehen, sondern auch die Genese einer spezifischen Friedensikonographie nachzuzeichnen. Diese Ikonographie, die Teil einer abendländischen Friedenssymbolik geworden ist (wie in den anderen Ausstellungen zu sehen ist), ist geprägt durch Attribute. Der Botenstab Caduceus oder griechisch das Kerykeion ist eines der zentralen Attribute der Friedensgöttin. Die Bedeutung dieses Attributs ist bislang in der Forschung nur wenig berücksichtigt worden, doch erläutert uns der Geschichtsschreiber Diodor im 1. Jh. v. Chr. explizit seinen Ursprung: „Dem Hermes schreibt man die Einführung von Friedensgesandtschaften zu, wie sie in Kriegszeiten stattfinden, ferner von Unterhandlungen sowie Verträgen und als Abzeichen hierfür schuf er den Heroldsstab; ihn tragen gewöhnlich jene, die in derartigen Angelegenheiten Gespräche führen und dank dem Stabe bei den Feinden Sicherheit genießen.“ (Diod. 5,71,1, Übersetzung: O. Veh). Diese Herleitung des Attributs gibt der römischen Friedenideologie, die sehr stark vom römischen Siegfrieden, der Pax Romana, geprägt ist, eine andere Facette, nämlich die Möglichkeit des Verhandlungsfriedens. Es ist ein Anliegen der Ausstellung im Archäologischen Museum auch dieser Dimension des Friedensgedankens in der Antike nachzugehen, ein Thema, das nie an Aktualität einbüßt.

Literatur: RIC II-I2 230; http://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?lang=de&id=ID152; S. Erhardt, in: A. Lichtenberger, H.-H. Nieswandt, D. Salzmann (Hrsg.), Eirene/Pax. Frieden in der Antike (Dresden 2018), 279 Nr. 144.

Achim Lichtenberger

April 2018

Aktuelle Münze des Monats

Domitian, 81-96 n. Chr., AE Quadrans
© Künker, Auktion 243, 21. November 2013, als Los 4828

Ein Quadrans des Domitian

Domitian, 81-96 n. Chr., AE Quadrans, 3,14 g, 19 mm, Rom, 84/85 n. Chr., Vs.: Rhinozeros mit gesenktem Kopf nach links laufend, Rs.: IMP DOMIT AVG GERM um großes S·C im Feld (RIC 250, BMC 498)

Die Abbildung von Tieren auf römischen Münzen ist nicht ungewöhnlich. Gerade Pferde als Reit- oder Zugtiere werden verschiedentlich in Szenen auf Münzrückseiten mit abgebildet, etwa bei Darstellungen von Kavalleristen, Triumphzügen o.a. Daneben können Tiere auch als Zeichen Verwendung finden, so das Krokodil als Emblem der römischen Kolonie Nemausus (Nimes) oder als Symboltier Ägyptens. Die Darstellung des Rhinozeros auf dem obigen domitianischen Quadrans ist unter verschiedenen Aspekten jedoch bemerkenswert. Sie befindet sich, ohne weiteren Zusatz oder Erläuterung durch eine Legende, auf der Vorderseite eines Quadrans aus Kupfer. Dieses kleinste Nominal im römischen Münzsystem im Wert eines Viertel As (oder 1/64 Denar) stellt aufgrund seines geringen Wertes eine Umlaufmünze dar, die jeder Bürger, auch nahezu Unbemittelte, ohne weiteres in die Hand bekommen konnte. Die bescheidene Rückseite, welche neben dem S(enatus) C(onsulto) als traditionellem Autorisierungsvermerk von Bronze- und Kupfermünzen, deren Ausgabe nominell vom Senat kontrolliert wurde, nur den Kaisernamen Domitians trägt - die Nennung seines Siegertitels Germanicus datiert die Münze auf 83 n. Chr. oder später, aber nicht nach 85 n. Chr. - weist der Vorderseite, also dem mit erregt gesenktem Haupt nach links stürmenden Rhinozeros eine Schlüsselbedeutung zu. Hier nimmt das exotische Tier zudem den Platz des Kaiserporträts ein, das sonst immer auf dieser Seite abgebildet wird.
Wie wurde diese somit in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Prägung von den Menschen, die sie in die Hand bekamen, nun aber verstanden, welche Assoziationen verbanden sie mit dem Münzbild, das doch jede Erklärung schuldig bleibt? Theodore Buttrey hat hier 2007 eine Erklärung vorgelegt, welche dieser ungewöhnlichen Emission eine weitergehende historische Aussage zumisst. Zunächst stellte er fest, dass es sich beim Nashorn um das wohl seltenste und spektakulärste Tier handelt, das bei ludi in Rom gezeigt werden konnte. Ein Rhinozeros ist nicht nur in freier Wildbahn kaum einzufangen; es ist, wie moderne Zoologen und Tierhändler wissen, auch extrem schwer zu transportieren und dabei am Leben zu erhalten. Vor Kaiser Domitian ist die Präsentation nur dreier Exemplare in Rom nachweisbar. Erstmals führte Pompeius bei der Eröffnung seines Theaters 55 v. Chr. ein Rhinozeros vor, dann, eine Generation später, Augustus, der erste Kaiser; ein römischer Historiker behauptete fälschlicherweise sogar, dieses sei überhaupt das erste seiner Art vor römischem Publikum gewesen. Zeitpunkt und Anlass der dritten Gelegenheit sind nicht überliefert. Nach Domitian, als die kaiserliche Logistik von Wildtieren zur Versorgung der Spiele in Rom ihre höchste Leistungsfähigkeit erreichte (und in Nordafrika für das Aussterben von Löwen und anderen Wildkatzen sorgte), ist nur noch zweimal die Vorführung von Nashörnern in Rom dokumentiert: In einem Falle, bei den ludi saeculares des Philippus I. Arabs zur 1000-Jahr-Feier der Stadtgründung Roms im Jahr 248 n. Chr. wurde es neben gleich 60 Löwen und 32 Elefanten gezeigt. Das unterstreicht augenfällig die außerordentliche Seltenheit des Tieres (30 Jahre zuvor ließ Kaiser Elagabal sogar 52 indische Tiger abschlachten).
So sollen wir davon ausgehen, dass unter Kaiser Domitian jedem Bewohner des Imperiums, welchem der Quadrans mit dem legendären Dickhäuter in die Hand gelangte, unmittelbar klar war, dass es sich um jenes eine Rhinozeros handelte, das in dieser Epoche von ihrem Kaiser, der sie auch sonst ungemein großzügig mit Spielen unterhielt, beschafft und vorgeführt worden war. Tatsächlich erwähnt auch ein zeitgenössischer Dichter, Martial, der eine Reihe von Epigrammen De spectaculis verfasst hat, in gleich zwei seiner Gedichte den unberechenbaren, gefährlichen Koloss, welcher das Publikum in ehrfürchtiges Staunen versetzte. Martial notiert, anders als bei den übrigen in Spielen Domitians vorgeführten Tieren, auch nicht, dass der angsteinflößende Dickhäuter in der Arena gejagt und zur Strecke gebracht worden wäre: Er war zu kostbar und für die Demonstration kaiserlicher liberalitas, Großzügigkeit, gegenüber der hauptstädtischen Bevölkerung zweifellos zu wertvoll, um ihn nicht verschiedentlich dem Publikum vor Augen zu stellen.
Es ist denkbar, dass der in hohen Stückzahlen geprägte Quadrans mit dem Rhinozeros anlässlich der Vorführung des Tieres im erst jüngst errichteten Kolosseum ausgegeben, ja vielleicht sogar als Geschenk- und Erinnerungsmünze unter die Zuschauer geworfen wurde. Möglicherweise ist dieses größte Bauwerk Roms, welches die flavische Dynastie nach ihrem Sieg im Bürgerkrieg und der Übernahme der Macht der hauptstädtischen Bevölkerung gestiftet und 80 n. Chr. mit hunderttägigen Spielen eröffnet hatte, erst unter Domitian, dem jüngsten Mitglied der Familie und Kaiser seit 81 n. Chr., endgültig fertiggestellt worden. Klar ist, dass unsere Münzemission außerhalb der Reihe der sonstigen Quadrans-Emissionen geprägt wurde: Es war offenbar ein wirklich besonderer Anlass und markierte zudem ein unvergessliches Ereignis, dieses von außerhalb der Grenzen des Imperiums, aus der Steppe Afrikas herbeigeschaffte furchterregende gewaltige Tier in Rom erleben zu können.


Johannes Hahn