Dezember 2019

Münze des Monats

© gemeinfrei

Die Macht einer Münze: Ein Berner Plappart des 15. Jahrhunderts

„Einer bat mich, sag mir wer / von allem wohl das Stärkste wär, / (...) da sprach ich: der Pfennig!“ Der Spruchdichter Heinrich der Teichner besingt hier die große Macht der kleinen Münze: Sie sei in der Lage, den Lauf aller Dinge auf ein neues Ziel zu lenken. Der Rekurs auf die gebieterische Gewalt des Geldes stellt fraglos einen allfälligen Gemeinplatz dar, im Gefolge des sog. ‚material turn‘ gewinnt er indes unversehens an Aktualität. Lassen sich die Verse des Teichners als Verweis darauf lesen, dass dem Objekt Münze der Status eines historischen Akteurs zukommen sollte, der im Sinne der Soziologen Bruno Latour und Michel Callon „andere Elemente von sich abhängig macht und deren Willen in seine eigene Sprache übersetzt“? Inwiefern können Münzen in ihrer stofflichen Gegenständlichkeit als Mitwirkende am Gang der Geschichte beschrieben werden?
Nicht nur als abstrakte Rechengröße kann Geld Kriege verursachen, entscheiden und beenden. Die Münze des Monats Juli zeugt von einer sehr viel handfesteren Einflussnahme eines nur scheinbar unscheinbaren Objekts. Es handelt sich um einen Plappart Berner Prägung, dessen vom mittellateinischen ‚blaffardus‘ (blass, weißlich) abgeleitete Bezeichnung auf eine Silbermünze von vergleichsweise hohem Feingehalt verweist. Die Stadt Bern ist die Geburtsstätte dieser Groschenmünze, die seit 1388 vermutlich zunächst als Schilling zu 12 Pfennigen ausgeprägt wurde. Im Jahr 1421 wurde der Feingehalt des Berner Plapparts verbessert, er wurde nun bei einem Raugewicht von 2,33 g jeweils hälftig aus Silber und Kupfer legiert und galt folglich um 15 Pfennige lokaler Währung. Gleichwohl war dieser neue Qualitätsstandard nicht dauerhaft gewährleistet. So kam es zu jenen Unstimmigkeiten, die im August des Jahres 1458 jäh die Hochstimmung eines zu Konstanz abgehaltenen Schützenfestes durchbrachen. Die Reichsstadt am Bodensee hatte damals die benachbarten Eidgenossen unter Zusicherung freien Geleites zu einem Wettschießen geladen, dessen Siegern mit Rössern, Ochsen und Ringen wertvolle Sachpreise in Aussicht gestellt wurde. Zu ihrer Finanzierung hatte jeder Schütze den Betrag von einem Gulden als Wetteinsatz zu hinterlegen. Das weitere Geschehen schildert der Chronist Diebold Schilling d. J. in plastischer Eindrücklichkeit: „Jeder der Schützen nahm Geld aus seinem Säckel und zwar die Münzen, die damals in Gericht und Gebiet seiner Herrschaft gang und gäbe waren.“ Darunter befanden sich auch Plapparte aus Bern, „auf dem der Bär, das Zeichen der ehrsamen Bürger von Bern, zu sehen war“. Die Gastgeber hätten dieses Gepräge freilich zum Gegenstand des Spotts gemacht, den stolzen Wappenbären als Kuh verunglimpft und die fremde Münze insgesamt als „Kuhplappert“ zurückgewiesen. Dahinter verbarg sich ein Vorwurf, der den Eidgenossen des 15. Jahrhunderts schmerzlich vertraut war: „er wer kein kuwekiher“, so zitiert ein Speyerer Chronist einen der aufgebrachten Berner, der sich mit einem Fausthieb gegen die Unterstellung sodomitischer Praktiken verwahrte. Was als spontanes Handgemenge begann, mündete kurze Zeit später in den sogenannten Plappartkrieg. Auf Betreiben einiger Bürger aus Luzern eröffnete die Eidgenossenschaft eine Fehde und setzte schließlich mehr als 4000 Bewaffnete gegen Konstanz in Marsch. Die Bodenseestadt wusste sich ob dieser Eskalation nicht anders zu behelfen, als für die Gesamtsumme von 5000 Gulden einen Gewaltverzicht zu erkaufen: „Daruff zoch jederman wider heim und ward denen von costentz irs schiessens gelonet“, so der hämische Kommentar Diebold Schillings.
Welche Erkenntnis lässt sich aus der Episode über die Macht des Münzgeldes ziehen? Wenig, so suggerierte es der Konstanzer Stadtarchivar Helmut Maurer, der die Erzählung vom Kuhplappart als eidgenössische Propaganda-Fiktion zu entlarven suchte. Dem ist nicht nur entgegenzuhalten, dass die Geschichte vermutlich erstmals in der Reichsstadt Speyer und damit fernab der Schweiz verschriftlicht wurde. Schwerer noch wiegt das Argument, dass der Scheltname „Kuhplappart“ wohl keine spontane Neuschöpfung war, sondern eine längst geläufige Bezeichnung der Berner Münze: Bereits für 1434/35 verzeichnet das Rechnungsbuch der Reichsstadt Basel einen Verlust von 15 lb. wegen der Abwertung der ‚kuoplapharten‘. Auch in der Folge blieb man in Basel skeptisch gegenüber den Emissionen der Nachbarstadt: Eine Überprüfung der Münzqualität ergab im Juli 1466, dass der Berner Blappart statt acht tatsächlich nurmehr sieben Lot Silber (437/1000) enthielt. Mit 10 Basler Pfennigen sei er daher deutlich überbewertet, realistischer schien ein Nennwert von 9 Pfennigen. Überträgt man dieses Resultat auf die Szenerie des Konstanzer Schützenfestes, so ergäbe sich folgende hypothetische Situation: Während die Berner als Äquivalent des geforderten Guldens 27 ihrer Plapparte auf den Tisch legten, könnten die Konstanzer entsprechend dem damaligen Kurswert der feinen Mark Silber 31 Münzen eingefordert haben. Sofern das alte Stereotyp zutrifft, dass bei Schwaben wie bei Schweizern beim Thema Geld der Spaß aufhört, wäre der Streit geradezu unvermeidlich.
Der Plappartkrieg scheint daher geeignet, eine grundlegende Problematik des spätmittelalterlichen Münzwesens zu veranschaulichen: Nennwert und Sachwert lokaler Prägungen waren kaum jemals deckungsgleich und doch endete das Garantieversprechen der Münzherren in der Regel an den Grenzen des eigenen Territoriums. Im vorliegenden Fall freilich versuchten die Eidgenossen, den Geltungsbereich des Nominalwertes und damit den Kredit ihres Gemeinwesen auf dem Wege militärischer Gewalt auszuweiten. Auf der Grundlage des Fehderechts konnte die despektierliche Herabsetzung des Münzbildes als ehrverletzende Schädigung der Garantiemacht – des Berner Rates und mit ihm aller Eidgenossen – aufgefasst werden. Es war demnach tatsächlich die konkrete Materialität der Münze, die den Gegenstand des Anstoßes bildete, ein gewaltiges Aufgebot an menschlichen Akteuren ‚in Harnisch‘ brachte und zu ihrer Verteidigung mobilisierte. In der Fähigkeit des Berner Plapparts, die latenten Spannungen zwischen Schweizern und Schwaben in die Sprache des Geldes zu übersetzen, mag man tatsächlich eine bemerkenswerte Handlungsmacht erblicken.

Literatur

Diebold Schilling d. J.: Eidgenössische Chronik, Korporation Luzern, S 23 fol., URL: https://www.e-codices.ch/en/list/one/kol/S0023-2 (Zitate S. 126f.).
Speierische Chronik, hrsg. von Franz Joseph Mone, in: Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, Bd. 1, Karlsruhe 1848, S. 367–520 (Zitat S. 423).
Die Gedichte Heinrichs des Teichners, Bd. 2, hrsg. von Heinrich Niewöhner (Deutsche Texte des Mittelalters 46), Berlin 1954 (Zitat Nr. 147, S. 188f.).
Felix Burckhardt, Münznamen und Münzsorten. Ergänzungen zu numismatischen Wörterbüchern, in: Schweizer Münzblätter 5/18 (1954/55), S. 32–36.
Michel Callon/Bruno Latour, Die Demontage des großen Leviathans: Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen, in: ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, hrsg. von Andréa Bellinger/David Krieger, Bielefeld 2006, S. 75–101 (Zitat S. 85).
Hans-Ulrich Geiger, Der Beginn der Gold- und Dickmünzenprägung in Bern. Ein Beitrag zur Bernischen Münz- und Geldgeschichte des 15. Jahrhunderts, Bern 1968.
Bernhard Harms, Die Münz- und Geldpolitik der Stadt Basel im Mittelalter (Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Ergänzungsheft 23), Tübingen 1907.
Helmut Maurer, Formen der Auseinandersetzung zwischen Eidgenossen und Schwaben: Der ‚Plappartkrieg‘ von 1458, in: Die Eidgenossen und ihre Nachbarn im deutschen Reich des Mittelalters, hrsg. von Peter Rück/Heinrich Koller, Marburg a.d. Lahn 1991, S. 193–214.

Berner Plappart, um 1421 (?), 2,13g
Vs: + x MONETA x BERNENSIS x; Rs: + x SANTUS x VINCENCUS x
Hans-Ulrich Geiger, Der Beginn der Gold- und Dickmünzenprägung in Bern. Ein Beitrag zur Bernischen Münz- und Geldgeschichte des 15. Jahrhunderts, Bern 1968, S. 241, Nr. 10, Beschreibung und Datierung ebd. S. 145.

© gemeinfrei
November 2019

Münze des Monats

© Stefan Kötz
© Stefan Kötz

Schautaler der Abtei Corvey auf Kaiser Leopold I. als Türkensieger 1690

Johann Odendahl (Münzmeister)
Silberprägung (Felder geglättet), Gew. 28,34 g, Dm. 48,9 mm, Stempelst. 180°; Ilisch/Schwede 327
LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum, Münster, Inv.-Nr. 46223 Mz
Fotos: Stefan Kötz

Peter Berghaus (1919–2012), von 1950 bis 1977 Landesnumismatiker Westfalens und danach bis 1984 Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Münster (seit 2013 „LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum“), hätte am 20. November seinen 100. Geburtstag feiern können. Hier sei zur Erinnerung an ihn eine seiner vielen Forschungsinteressen aufgegriffen: 1972 stellte Berghaus in der Wiener Numismatischen Zeitschrift „Numismatische Erinnerungen der Türkenkriege aus Westfalen“ zusammen. Einziges Stück seiner eigenen Museumssammlung war der Schautaler des Corveyer Fürstabtes Christoph von Bellinghausen (um 1641–1696, reg. ab 1678) von 1690 mit dem Brustbildnis des Kaisers und dem Titelzusatz „Bezwinger der Türken“. Einen konkreten Anlass dafür konnte Berghaus aber nicht nennen – es soll hier versucht werden. Methodisch geht das nur unter Benutzung archivalischer Quellen zum Münzwesen und zur Politik des Abtes.
Die Vorderseite des Talers zeigt das Wappen des Abtes: quadriert aus den Wappenbildern der Abtei (rot über gold geteilt) und seiner Familie (in Silber ein schräg gestellter roter Maueranker), die aus Schloss Altenbernsau bei Overath im Bergischen Land stammte; sein Vater Hans Georg, kaiserlicher Oberst, hatte in zweiter Ehe Anna von Dalwig, Erbtochter von Haus Knippenburg bei Bottrop, geheiratet, die Mutter Christophs. Beiderseits des Schildes verweisen Krummstab und Schwert auf die geistliche und weltliche Herrschaft des Abtes: der Krummstab meint die geistliche Herrschaft über ein „exemtes“, aus der bischöflichen – hier Paderborner – Zuständigkeit herausgelöstes und dem Papst direkt unterstelltes Gebiet. Das Schwert weist den Abt aus als ein nur dem Kaiser gehorsamspflichtiger Reichsfürst und Landesherr über ein eigenes Territorium, der eigenes Militär und eigenes Gericht ebenso wie etwa eigene Steuererhebung und Münzprägung haben durfte. Der Wappenschild ist geziert mit drei Helmen: zwei, der mittlere mit der Mitra und der linke mit den drei Krummstäben, gehören zum Wappen der Reichsabtei Corvey, der rechte mit den beiden Flügeln, die mit je einem Maueranker belegt sind, zum Familienwappen.
Über der Mitra des mittleren Helmes ist der heilige Vitus in Halbfigur mit seinen Attributen dargestellt: der Palmwedel erinnert an seinen Tod als Märtyrer, während der auf einem Buch sitzende Adler an seine Heiligenlegende anspielt: als Knabe von heidnischen Eltern Christen zur Erziehung übergeben, weigerte er sich, dem Kaiser zu opfern – Symbol seiner Standhaftigkeit ist das Buch –, wurde dann auf der Flucht von einem Adler ernährt und um 304 in siedendem Öl getötet, obwohl er den Sohn Kaiser Diokletians von einer „Besessenheit“ geheilt hatte. Als einer der vierzehn Nothelfer gegen zahlreiche Krankheiten von Menschen und Haustieren sowie Patron vieler Berufe genoss er europaweite Verehrung.
Die Umschrift SANCTVS VITVS PATRONVS CORBEIENSIS benennt ihn als den Heiligen Veit, Patron von Corvey: Nach der Überführung seiner Reliquien aus der königlichen Abtei Saint-Denis bei Paris an die Weser 836 war das ursprüngliche Corveyer Stephanus-Patrozinium durch Vitus erst ergänzt und dann verdrängt worden. Sein Bild findet sich auf vielen Corveyer Münzen seit dem Hochmittelalter, auch auf fast allen Schautalern des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier ist die Vitus-Figur gerahmt von der Signatur des Münzmeisters I – O = Johann Odendahl.
Der Prägestempel der Rückseite mit dem Bildnis des Kaisers wurde bereits für einen Taler von 1688 verwendet – der mit der Abwehr der Türkenbelagerung Wiens 1683 eröffnete Krieg hatte die Rückeroberung des seit 1541 türkisch besetzten Ungarn eingeleitet. 1686 war die Hauptstadt Ofen (Budapest) erobert worden, 1687 war der Sohn des Kaisers zum König von Ungarn gekrönt worden, 1688 hatte man Belgrad erobert, das allerdings 1690 wieder verloren ging. Der Stempelschneider ist unbekannt. Es ist sicher nicht der Braunschweiger Graveur Levin Zernemann – so Ilisch / Schwede S. 375 –, der 1688 die Prägestempel für den Sedisvakanztaler des Hildesheimer Domkapitels geschnitten hatte. Dort ist das Porträt zwar sehr ähnlich, aber doch feiner geschnitten und vor allem auch ein anderes Punzenalphabet verwendet.
Das geharnischte Brustbild Kaiser Leopolds I. ist um den Lorbeerkranz des siegreichen Imperators ergänzt, der schon in der Antike ein Attribut des Kaisers war. Die Umschrift nennt seinen Titel LEOPOLD I & MAGNVS D[ei] G[ratia] ROM[anorum] IMP[erator] SEMP[er] AVG[ustus] TVRCAR[um] DOMITOR = Leopold der Erste und Große von Gottes Gnaden Kaiser der Römer, Allzeit Mehrer des Reiches, Bezwinger der Türken. Die letzte Formel gehörte nicht zur offiziellen kaiserlichen Titulatur, sondern ist ein Zusatz, der in dieser Form nur auf den Corveyer Talern mit dem Brustbild des Kaisers aus den Jahren 1688, 1690 und 1694 verwendet wurde.
Dass man den Kaiser auf die Rückseite setzte, hatte seine Ursache wohl einerseits darin, dass nach den Reichsmünzordnungen von 1551 (Hirsch Bd. I S. 345-346) und 1559 (Hirsch I S. 385) für die Rückseiten der Münzen Name und Titel des regierenden Kaisers vorgeschrieben war, um die Einhaltung der Reichsgesetze zu dokumentieren. Die Bestimmung wurde seitdem für viele Silbermünzen angewendet, selbst dort, wo die Reichsvorschriften für den Feingehalt missachtet wurden, wie auf den Apfelgroschen in Paderborn, Lippe und Corvey nach 1590. Auf den Sedisvakanzmünzen der Domkapitel zu Münster und Hildesheim von 1650, 1683 und 1688 zeigte man das Bild des Kaisers, obwohl der Reichshofrat in einem Urteil von 1651 deren Münzrecht bestritten hatte. Durch minutiöse Einhaltung dieser Vorschrift zur Nennung des Kaisers wollte man davon ablenken, dass man in anderer Hinsicht dagegen verstieß, zumal die Reichsmünzordnungen für diesen Fall den Verlust des Münzrechts androhten (1559 Art. 30, s. Hirsch I S. 411).
Der Ehrentitel eines „Bezwingers der Türken – sogar auf den Porträttalern das Abtes von 1688 als zweite, äußere Umschrift – erklärt sich nicht aus einem Corveyer Engagement im Türkenkrieg oder einer Sympathie des Abtes für die kaiserlichen Waffen aus Familientradition. Man stand zwar in ständiger Korrespondenz mit dem Kaiserhof und dem Reichstag in Regensburg, wo über die Türkenhilfe des Reiches diskutiert und entschieden wurde. Mit dieser puren Schmeichelei wollte man vielmehr wohl versuchen, am Kaiserhof ein positives Klima zu schaffen, einerseits, damit zwei hannoversche Kompanien aus Höxter abzogen, andererseits für den Fall etwaiger Kritik an der Corveyer Münzprägung. Den Regensburger Reichstagsberichten zufolge wurden mehrfach Initiativen gegen die unterhaltigen Gulden der illegalen sogenannten Heckenmünzstätten unternommen.
Tatsächlich war der Corveyer Abt Christoph einer der schlimmsten Falschmünzer seiner Zeit, indem er ab 1682 jährlich zu Hunderttausenden silberne Gulden zu 2/3 Taler angeblich nach dem Münzfuß des 1667 in Zinna zwischen Kursachsen, Kurbrandenburg und Braunschweig-Lüneburg geschlossenen Vertrags, faktisch aber ziemlich unterhaltig prägen ließ. Das Silber wurde auf dem internationalen Markt eingekauft und die Münzen so verbreitet. Pro 100 Mark Silber (à 233,85 g) sollte der 1682 angestellte Münzmeister Georg Binnenboß (1654–1720) bei groben Münzen drei Taler Schlagschatz zahlen. Als er 1685 ausschied, hatte er immerhin 1910 2/3 Taler Schlagschatz bezahlt! Wie sonst in jener Zeit oft üblich, wurden diese Gelder teilweise in guten neu geprägten Talern gezahlt. Die seit 1683 jährlich geprägten Vitustaler wurden beim Vitusfest (15. Juni) an die Ehrengäste verteilt, dienten also der fürstäbtlichen Repräsentation.
Nach dem Tode seines Nachfolgers nahm Binnenboß wieder das Amt eines Münzmeisters an und Ende 1686 die Prägung wieder auf. Da inzwischen die Münzprägung in Höxter vom – theoretisch – aufsichtsführenden Münzprobationstag des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises im fernen Köln verboten worden war, prägte er mit rückdatierten Stempeln, was gesetzlich verboten war. Zur Entrichtung des Schlagschatzes an den Abt entstanden wieder Talerstücke mit dem Bild des Heiligen Vitus, deren Stempel der inzwischen als Wardein (Aufseher) angestellte Kölner Goldschmied Johann Odendahl schnitt. Am 1. Mai 1687 wurden von Binnenboß 50 Vitustaler als Schlagschatz angemahnt. Insgesamt zahlte er 1687 für 95.556 Guldenstücke einen Schlagschatz von 1597 ½ Talern. Auch von 1688 sind noch drei Talertypen von Binnenboß bekannt, die dafür verwendet wurden, wobei man mehrfach nicht zusammengehörige Vorder- und Rückseitenstempel kombinierte. Darunter waren auch die Porträttaler des Abtes und des Kaisers mit dem genannten Titel, obwohl der Abt versicherte, er habe den Münzmeister entlassen, nachdem die Nachbarn gegen die Prägung schlechter Gulden protestiert hatten. Binnenboß wurde 1689 Münzmeister in Hildesheim.
Nachdem die Lage sich etwas beruhigt hatte, wurde im Oktober 1689 Johann Odendahl zum Münzmeister bestellt, wie es in der Bestallung und in Verteidigungsbriefen aus dem Juni 1690 heißt, „auch umb einige Schaw Stücke und Vitsthaler für ihr auswärtige Bediente und sonsten zu haben, wobei sie dan den ihrigen befohlen, das die Schawstücke und species nach dem Reichs Schrott und Korn, die Marckstücke und kleinere Sorten aber nach dem Fuß anderer fürstl. Müntze ausgemüntzet werden sollte“; pro 1000 Taler ausgemünzter Gulden sollte er 25 Taler als Schlagschatz abliefern. Münzen der Jahre 1689/90 kennt man bis auf diesen Taler zwar nicht. Da er erstmals in Corvey zur Prägung ein Walzwerk einsetzte, lassen sich aber seine Produkte in einigen auf 1684 datierten Gulden erkennen. Lieferungen der Taler an Diplomaten und auswärtige Agenten wie in Regensburg lassen sich allerdings bisher nicht nachweisen. Der Regensburger Agent Schwegerle erhielt 1689 sein über fast sechs Jahre rückständiges Salär von 400 Talern in schlechten Gulden, die nur mit der Hilfe Nürnberger Kaufleute der Konfiskation entgingen.
Die kreisausschreibenden Fürsten des Westfälischen Reichskreises, der Fürstbischof von Münster und der Kurfürst von Brandenburg, waren aber gewillt, entschlossen gegen die Heckenmünze in Höxter vorzugehen. Agenten sammelten Beweise für die Tätigkeit im Haus des Münzmeisters. Am 5. Juli 1690 schlug ein 250 Mann starkes Truppenkontingent aus münsterischen, brandenburgischen und Paderborner Truppen zu. Der Stadtkommandant – Höxter hatte eine münsterische Besatzung – öffnete die Tore, die Truppen besetzten die Münzstätte, zerstörten alles Inventar, beschlagnahmten Material und Akten, verhafteten den Münzmeister Odendahl und das gesamte Personal und brachten alles nach Münster. Damit endete die Münzprägung in Höxter. Auf den Protest des Fürstabtes antwortete man kühl, der Abt habe aus der Münzprägung 3.000 Taler Schlagschatz erhalten. Tatsächlich hatte der Umsatz Odendahls bei 100.548 Talern gelegen, der Schlagschatz von 2.953 ½ Talern war bis auf 439 Taler bezahlt worden. Das gemünzte Geld war nach Hamburg, Lübeck, Amsterdam, nach Polen und Preußen exportiert worden.
Doch statt den geständigen Münzmeister am Leben zu strafen und nach der peinlichen Halsgerichtsordnung von 1531 in kochendem Öl zu sieden, wurde das Münzpersonal entlassen und Odendahl „auf ewig“ aus dem Westfälischen Kreis verbannt. Jedoch 1691 sah man ihn wieder in Höxter, und 1692 wurde er vom münsterischen Fürstbischof als Münzmeister angestellt! Er besorgte nun die Ausprägung großer Mengen an Gulden, Kurantgeld und Landmünzen nach den Vorschriften der Leipziger und Torgauer Münzverträge von 1690. Odendahl starb 1697 in Münster.
Die gesetzlichen Selbstreinigungskräfte des Westfälischen Reichskreises hatten 1690 einigermaßen funktioniert. Die eigentlich für diese Münzvergehen in den Reichsmünzordnungen vorgesehene Annullierung des Münzrechtes durch den Kaiser traf den Corveyer Fürstabt jedoch nicht. Spielten dabei die dem Kaiser schmeichelnden Talerprägungen von 1688 und 1690 eine Rolle?
Gerd Dethlefs

Literatur
Johann Christian Hirsch: Des Teutschen Reichs Münz-Archiv. 9 Bände, Nünberg 1756-1768, auch online lesbar; Bd. 1: https://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb11197784.html – Bd. 2: https://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10710563.html
Peter Berghaus: Numismatische Erinnerungen an die Türkenkriege aus Westfalen, in: Numismatische Zeitschrift 87/88, Wien 1972, S. 119-122 und Taf. 13
Gerd Dethlefs: Die Sedisvakanztaler und Türkenmedaillen des münsterischen Münzmeisters Gottfried Storp 1683–1688, in: Peter Berghaus (Hg.), Westfalia Numismatica 2001, Minden 2001 (Schriftenreihe der Münzfreunde Minden 17), S. 111-123
Peter Ilisch: Martin Müller, Taler für den Corveyer Abt Christoph von Bellinghausen 1683 (Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, Das Kunstwerk des Monats März 2005), 4 S., auch online lesbar s. https://www.lwl.org/landesmuseum-download/kdm/archiv/2005/kdm_03_2005.pdf
Arnold Schwede / Peter Ilisch: Das Münzwesen im Stift Corvey 1541–1794, Paderborn 2007, S. 361-384, 460 Nr. 327, mit der älteren Literatur.
Andreas Kurte: Die Äbte, Fürstäbte und Fürstbischöfe von Corvey, Paderborn 2017, S. 223-228.

Archivalien
Landesarchiv Westfalen Münster, Fürstabtei Corvey, Akten Nr. 9 (Reichssachen 1652-1689), 30-32/36 (Korrespondenzen mit dem Reichstagsagenten in Regensburg 1683-1690, Nr. 31 Bl. 181: Zahlung des Salärs 6.10.1689), 37 (Türkensteuer 1685-1695), 691 (Münzsachen 1688/90), 734 (Münzsachen 1679-1696; Bl. 100-101 Quittung 1683 über Veitstaler, Bl. 276-284 zum Münzwesen 1689/90), 990 (Regierungs- und Kanzleiverhandlungen 1689-1692).