Februar 2023

Münze des Monats

Wenden- oder aber Sachsen-Pfennig? Eine Immobilisierung im 10. Jahrhundert

© Stefan Kötz

Unbestimmte Münzstätte im östlichen Herzogtum Sachsen, Pfennig, Mitte 10. Jh. (Dannenberg 1325, Gumowski 317. Verein für die Geschichte und Altertumskunde Westfalens. Gewicht: 1,478 g, Durchmesser: 21,9 / 22,0 mm, Stempelstellung: 250°

 

Die Münze bietet demjenigen, der Legenden gewöhnt ist, die Erkenntnisse zum Prägeherren und/oder Prägeort von den Münzen ableiten zu können, absolut nichts. Statt Buchstaben finden sich nur Striche und Kringel. Aus sich heraus ist der Münztyp also nicht bestimmbar. Es bleiben daher nur archäologische Methoden sich dem Objekt anzunähern. Zur Datierung hilft der Schatzfund von Grisebjerggård in Dänemark, dessen Verbergungszeit um 942/943 angesetzt wird. Das ist deutlich früher als andere Schatzfunde in den Anrainerstaaten der Ostsee, wo erst nach 960/970 zunächst zögerlich, der Import von Silbermünzen der islamischen Welt durch einen solchen aus dem Deutschen Reich ersetzt wurde. Für die Zeit vor 960/970 haben wir also mit Ausnahme des exzeptionellen dänischen Fundes keine Chance eines Fundnachweises, da es auch im Reich selber keine Schatzfunde dieser Zeit gibt.

Wenn man nach Ähnlichkeiten Ausschau hält, kommt man bald zu den von Ludwig dem Frommen eingeführten reichsweit vereinheitlichten Pfennigen oder Denaren vom Typ ›Christiana-Religio‹, die auf einer Seite das vereinfachte und schematisierte Bild einer Kirche mit von einem Kreuz bekröntem Dachfirst und einer Arkade mit vier Säulen und einem Kreuz in der Mitte sowie darunter eine doppelte Standlinie aufweisen. Die andere Seite zeigt ein gleichschenkliges Kreuz mit Kugeln in den Winkeln sowie um einen inneren Perlkreis den Namen und Imperatortitel Ludwigs. Als Ludwig 840 starb, war diese Münzart zu einer ›Marke‹ geworden, deren Akzeptanz besonders in jenen Teilen des karolingischen Reichs, in denen Münzbenutzung erst unter den Karolingern sich verstärkt hatte und die keine in römischer Zeit zurückzuverfolgende Tradition in solcher Wirtschaft hatten, mit dem Erscheinungsbild der Münzen verknüpft war.

Teilelemente dieses Bildes finden sich noch in der Münzprägung des frühen 11. Jahrhunderts wieder. Das Kreuz mit vier Kugeln in den Winkeln blieb mancherorts – wie auch in Westfalen – bis in das 12. Jahrhundert bestimmend für die Münzen. Auch die bekreuzte Kirche mit Arkaden hielt sich sehr lange. Noch um 1000 wurden in einzelnen Münzstätten des Reiches, wenn auch sicher nicht überall, in den Umschriften Buchstabenfolgen verwandt, die auf HLUDOVVICVSIMP und/oder XPISTIANA RELIGIO zurückgehen. Dies war ganz sicher keine Anhänglichkeit oder gar Verehrung Ludwigs des Frommen, sondern ein monetärer Konservatismus, der an dem, was als vertrauenswürdig bekannt war, festhielt. In der Numismatik hat sich dafür der Begriff »Immobilisierung« eingebürgert. Das Phänomen als solches ist schon in der vorrömischen Antike zu beobachten, z. B. bei den Tetradrachmen Alexanders des Großen.

Die vorgestellte Münze bildet in einer Reihe von schrittweisen stilistischen Veränderungen nur eine Momentaufnahme. Die Striche wurden dicker und dafür zahlenmäßig weniger, die Aufwölbung des Randes nahm zu, die Punkte des Perlkreises wurden dicker und weniger zahlreich, die Prägung der Kreuzseite wurde auf Kosten der anderen, kaum noch kenntlichen Seite stärker, usw. Auch die Gewichte und Durchmesser nahmen schrittweise ab. Stilistisch lässt sich eine relative Chronologie erstellen. Innerhalb dieser Reihe ist unsere Münze unter den frühen einzuordnen. Die zu erschließende Abfolge in konkrete Jahreszahlen umzuwandeln, ist aber kaum möglich, da die Zahl ausreichend dokumentierter Schatzfunde der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts nicht ausreicht, hier gesicherte Daten zu liefern. Der Schatzfund von Strandby (Dänemark), der bald nach ca. 985 in den Boden kam, enthält jedoch schon alle stilistischen und prägetechnischen Variationen, so dass man davon ausgehen kann, dass das Ende der Prägung schon erreicht war. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass mit dem Herrscherwechsel von Kaiser Otto II. auf die Regentschaft für den noch minderjährigen Otto III. 983 in Sachsen eine Reform durchgeführt wurde, in deren Verlauf die beschriebenen Pfennige durch die neuen Otto-Adelheid-Pfennige ersetzt wurden.

Unmittelbare Vorgänger der vorgestellten Münze sind nicht überliefert. Wir haben hier ein ›missing link‹, von denen es in der mittelalterlichen Numismatik eine Reihe gibt. Man kann nicht davon ausgehen, dass heute alle jemals geprägten Typen auch in Sammlungen erhalten sind.

Abb. 1: Ausgrabungsfund aus Paderborn, Wüstung Balhorn
© Peter Ilisch
Abb. 2: Fund Pilligerheck Nr. 120
© Peter Ilisch

Eine ältere Vorstufe bilden aber ›Christiana-Religio‹-Prägungen, von denen drei unmittelbar zusammenliegende Exemplare bei Ausgrabungen in einem Grubenhaus der Wüstung Balhorn bei Paderborn ausgegraben wurden (Abb. 1). Sie zeichnen sich teilweise durch niedrige Gewichte wie auch eine Auflösung der Lettern der Legende in dicke Striche mit Serifen an den Enden aus. So ist etwa der Buchstabe D zerlegt in einen Strich, einen dicken Punkt und einen Halbmond. Die Säulen der Arkaden sind gedrungen, haben aber in ihrem Schaft Verdickungen. Außerdem ist die untere Standlinie der Kirche kürzer als die obere. Entsprechende Pfennige kamen in kleinerer Stückzahl (14) unter den 2.140 wissenschaftlich erfassten Fundmünzen des Schatzfundes von Pilligerheck (Landkreis Mayen-Koblenz, Rheinland-Pfalz), des mit Abstand größten Karolingerfundes in Deutschland, vor (Abb. 2). Datiert wurde der Fund durch Prägungen Lothars II. und das vollständige Fehlen von Münzen des westfränkischen Herrschers Karl dem Kahlen nach dessen Edikt von Pîtres 864 auf den Zeitraum 855-864. Einzelne Stücke waren auch in dem Fund von Roermond (nach 854) vorhanden. Demnach dürften diese Münzen etwa zwischen 850 und 860 entstanden sein. Der relativ geringe Fundanteil in Pilligerheck zeigt, dass der Entstehungsort dieser Münzen nicht in der Nachbarschaft liegen kann. Das Vorkommen ohne typologisch andere Arten in Paderborn lässt annehmen, dass diese Prägung im Bereich des Herzogtums Sachsen entstanden ist, ohne dass sich ein genauer Ort benennen ließe. Die Prägemengen dürften vergleichsweise gering gewesen sein, was sowohl mit dem Fehlen von Silbervorkommen wie auch der nur teilweisen Monetarisierung in Verbindung steht.

Was den Entstehungsort solcher Münzen angeht, so gingen die Meinungen in der Forschung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auseinander. Zunächst einmal wurden sie als »Wendenpfennige« bezeichnet, unter welchem Namen sie auch bei Hermann Dannenberg in seinem grundlegenden Werk über die Münzen der sächsischen und salischen Kaiserzeit (1876, S. 488 ff.) vorkommen. Der Altmeister und seine Vorgänger in dieser Frage nahmen an, dass derartige Münzen nicht von den Wenden, sondern in Sachsen von den Königen für die Wenden geprägt worden seien. Zuvor hatte Bernhard Köhne (1843, S. 359) behauptet, dass diese Münzen von den Wenden als Nachahmung zu den importierten Münzen aus dem Reich in der Zeit der sächsischen Kaiser geprägt worden seien. Zu dieser Einschätzung kamen er und andere, da die entsprechenden auf dem Münzmarkt aufgetauchten Münzen aus Schatzfunden stammten, die in früheren slawischen Siedlungsgebieten entdeckt worden waren. Dabei wurde allerdings noch nicht erkannt, dass es den slawischen Nachbarn des Reiches nicht um bestimmte Münzen ging, sondern um Silber schlechthin, also auch um Münzen anderer Art wie etwa aus Bayern oder Silberschmuck. Die Ursachen der Einheitlichkeit sind also nicht bei den Wenden zu suchen, sondern im Umkreis der Hersteller.

Wie viele Münzstätten an der Prägung beteiligt waren, ist schwer zu entscheiden. Die schriftliche Überlieferung nennt eine Reihe von Münzrechtsverleihungen, denen keine bekannten Münztypen gegenüberstehen (Bremen 965, Magdeburg 965, Gittelde 965, Seligenstadt 974 u. a.). Hinzu kommen natürlich königliche Münzstätten, die keiner Privilegierung bedurften und darum urkundlich nicht fassbar sind.

Der teilweise erbitterte Streit um den Entstehungsort hielt sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Deutschland verbreitete sich der Begriff ›Sachsenpfennig‹, während in Polen an dem slawischen Ursprung festgehalten wurde. Deshalb ist die nach wie vor differenzierteste Beschreibung derartiger Münzen diejenige von Marian Gumowski (1881-1974) in dessen »Corpus Nummorum Poloniae« (Krakau 1939). Nach dem 2. Weltkrieg wurde allerdings auch in Polen diese These aufgegeben.

Die Münze stammt aus der Sammlung der ›Westphälischen Gesellschaft zur Beförderung der vaterländischen Kultur‹ in Minden. Diese war 1825 mit staatlicher Förderung gegründet worden und unterhielt vier Sektionen – a) für Geschichte und Alterthumskunde, b) für Naturwissenschaften, c) für Landwirtschaft, d) für Kunst, Industrie und Gewerbe –, die sich monatlich oder zweimonatlich trafen und Erkenntnisse teilten. 1847 hatte die gelehrte Gesellschaft 25 Ehrenmitglieder, 74 korrespondierende, 205 wirkliche Mitglieder. Zu ihr gehörten auch ein Konservator und ein Bibliothekar, die in Minden ein Museum und eine Bibliothek in einem ehemaligen Domkapitelgebäude betrieben. Anfänglich erschien auch ein »Sonntagsblatt« sowie die »Provincial-Blätter«, von denen der letzte Band 1847 gedruckt wurde. Dann scheint die Gesellschaft in eine Krise gekommen zu sein. 1865 wurde sie aufgelöst und die Sammlungen dem erfolgreicheren, heute noch bestehenden ›Verein für die Geschichte und Altertumskunde Westfalens‹ (Münster und Paderborn) übertragen. Nach dem im Münzkabinett in Münster vorhandenen Katalog der Sammlung besaß diese 39 »Silbermünzen aus dem Mittelalter, darunter 2 größere s.g. Slawische oder wendische Münzen, die bei Malchin in Mecklenburg ausgegraben sind«.

In der Sammlung vorhanden ist nur der hier vorgestellte Pfennig. Wenn zwei derartige Münzen entdeckt wurden, ist zu vermuten, dass sie Bestandteil eines Hortfundes waren. Aus Malchin ist jedoch kein solcher bekannt, was aber daran liegen kann, dass ein wissenschaftliches Interesse an derartigen Funden sich erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte. Das Mindener Verzeichnis listet die zwischen 1826 und September 1843 erworbenen Münzen. Leider sind keine Korrespondenzen erhalten. Von Malchin nicht so weit entfernt ist Barkow, wo vor 1875 ein Hortfund entdeckt wurde, der überwiegend aus 70 g fragmentierten islamischen Dirhams bestand, aber auch schon ein entsprechendes Stück wie in Malchin enthielt und zu den ältesten Schatzfunden mit Import westeuropäischer Münzen in Mecklenburg-Vorpommern gehört.

(Peter Ilisch)

 

Literatur

  • H. Dannenberg, Die Münzen der sächsischen und fränkischen Kaiserzeit I (Berlin 1876)
  • M. Gumowski, Corpus Nummorum Poloniae (Krakau 1939)
  • P. Ilisch, Zur Datierung der ältesten Kreuzpfennige / Hochrandpfennige (Gumowski CNP Typ I), Wiadomości Numizmatyczne 64, 2020, S. 93-106
  • Ch. Kilger, Pfennigmärkte und Währungslandschaften. Monetarisierungen im sächsisch-slawischen Grenzland ca. 965-1120. Commentationes de nummis saeculorum IX-XI in Suecia repertis Nova Series 15 (Stockholm 2000)
  • Ch. Kilger – J. Christian Moesgaard, Sachsenpfennig i Grisbjerggårdfyndet (tpq 942/3). En ny pusselbit i den tyska mynthistorien, Nordisk Numismatisk Unions Medlemsblad 2008, Heft 1, S. 15-20
  • B. Koehne, Briefe über die Brandenburgische Münzgeschichte. Erster Brief, Zeitschrift für Münz-, Siegel und Wappenkunde 3, 1843, S. 357-374
  • K. Petry – S. Wittenbrink, Der karolingische Münzschatzfund von Pilligerheck (Landkreis Mayen-Koblenz), vergraben nach 855 (Münster 2021)