Juni 2020

Münze des Monats

Münze 1: o.O. (Mardin) 628 (1230-1231), Kupferlegierung, 27 mm, 7,42 g, 9 h
© T. Bauer
Münze 2: o.O. (Mardin) 628 (1230-1231), Kupferlegierung, 31 mm, 10,02 g, 5 h
© T. Bauer

Mardin 1231: Artuq Arslān macht Münzdiplomatie

Münzen der Artuqiden, der Zanginden und anderer anatolischer und mesopotamischer Herrscher des 12. und 13. Jahrhunderts haben früh besondere Aufmerksamkeit westlicher Numismatiker auf sich gezogen, weil sie sich durch ihren Bilderreichtum von den meisten anderen Münzen islamisch geprägter Kulturen (für westliche Beobachter zumeist: „wohltuend“) unterscheiden. Hinzu kommt, dass viele dieser Münzbilder unverkennbar auf antiken Vorbildern aufbauen, bis hin zu identifizierbaren Portraits von Mitgliedern des julisch-claudischen Kaiserhauses. All diese Münzen sind Kupfermünzen, die aber, und auch dies eine Besonderheit, nicht als Kleingeld fungieren, sondern häufig funktional an die Stelle von Silberdirhams treten und sich entsprechend durch für Kupfermünzen untypische Größe und oft auch größere Sorgfalt der Gestaltung auszeichnen. Dies gilt auch für die hier in zwei Exemplaren vorgestellte Artuqidische Münze, deren Bild kein antikes Vorbild hat und die hier auch weniger wegen ihres kunsthistorischen Hintergrunds, sondern wegen ihrer Münzlegende und ihres politischen Hintergrunds betrachtet werden soll.
In dieser Hinsicht zeigt sich nämlich rasch ein zunächst eher unauffälliger Unterschied zu westlichen (antiken und europäischen) Münztraditionen, der sich nicht nur bei den Artuqiden, sondern bei zahlreichen Münzen verschiedenster Dynastien des islamisch geprägten Raumes zeigt. In europäischen Münzen wird so gut wie ausschließlich nur ein einziger Herrscher genannt und/oder portraitiert, allenfalls Familienmitglieder oder offizielle Partner in einem Triumvirat, einer Tetrarchie oder dergleichen. Noch im deutschen Kaiserreich nach 1871 wurde das Reich zwar durch den Reichsadler repräsentiert, aber kein Dynast wäre auf den Gedanken gekommen, neben seinem eigenen Bild auch noch den Kaiser abzubilden oder zu nennen. In islamischen Münztraditionen ist dies bemerkenswert anders. Zunächst blieb es auch in jenen Dynastien, die nicht unmittelbar als Sultane im Namen des Kalifen ihre Herrschaft erlangt hatten, üblich, den Namen des Kalifen auf Münzen zu nennen, auch wenn er weder Einfluss auf die Politik der Dynastie nehmen konnte, noch zur direkten Legitimation des jeweiligen Herrschers in Anspruch genommen worden war. Dann aber finden sich auch immer wieder Namen von Angehörigen anderer Dynastien und anderer Herrschaftsgebiete auf Münzen verzeichnet, auch wenn kein klar definiertes Abhängigkeitsverhältnis zu diesem Herrscher bestand. Münzen boten also offensichtlich die Möglichkeit, Herrscher einer wahrscheinlich stärkeren und mächtigeren Dynastie, sei es nach verlorener Schlacht, sei es, um eine solche zu vermeiden oder aus anderen Gründen der Respektbezeugung, gewissermaßen als „Oberherren“ (was auch immer das im Einzelfall bedeutet hat) anzukennen, ohne dass dies immer auch praktische Folgen wie Tributzahlungen oder militärische Beistandsleistungen haben musste. Die Nennung anderer Herrscher auf Münzen scheint ein nicht zu vernachlässigendes Mittel der Diplomatie gewesen zu sein. Auch als solches erfordert es einige Kompromissbereitschaft des Prägeherrn und eine Zurücknahme seiner Souveränität und seines Egos, die vielen Herrschen Europas wohl als ehrverletzend erschienen wäre. Überhaupt spielen (gelegentlich auch mehrsprachige) „Kompromissmünzen“ im islamisch geprägten Raum generell keine geringe Rolle. Auch die als Münze des Monats Oktober 2017 vorgestellte „Drei-Brüder-Münze“ ist eine solche (diesmal innerdynastische) Kompromissmünze.
Die hier besprochene Münze zeigt zunächst ein sehr selbstbewusst wirkendes Herrscherbild, das die antiken Vorbilder älterer artuqidischer Münzen hinter sich gelassen hat. In eindeutig nahöstlicher Tradition sieht man einen Herrscher frontal auf einem Thron sitzen, also auf einem kursī, einer Plattform auf Füßen (deren vorderes Paar auf Münze 2 zu sehen ist). Zwischen den Füßen des Throns erkennt man die ṭamġā, das Stammeszeichen der Artuqiden. Das die Figur teilweise umgebende Quadrat ist nicht etwa, wie früher angenommen, ein Rahmen, sondern die Plattform des Throns, auf dem der Herrscher mit übergeschlagenen Beinen sitzt und in der linken Hand einen Globus als Herrschaftssymbol hält, während die rechte Hand auf dem Oberschenkel ruht. Details des Schmucks und des Gewands sind vor allem auf Münze 2 gut erkennbar. Die Stellen, an denen die Füße des Throns in die Plattform montiert sind, sind als kleine Ringe angedeutet, von denen bei Münze 1 vier, bei Münze 2 alle sechs erkennbar sind. Auf beiden Seiten des Herrscherhaupts ist ein sechsstrahliger Stern zu sehen. Rechts und links des Herrscherbilds läuft senkrecht eine Legende, von der gleich die Rede sein soll. Rückseitig wird das Zentrum nicht von einem Bild, sondern von einer weiteren Legende eingenommen, die, analog zum Bild der Vorderseite, rechts und links wiederum von einer Legende gerahmt wird.
Liest man die Schrift auf beiden Münzen, zeigt sich auf jeder Münze eine auffällige Irregularität: Auf Münze 1 steht auf Avers ein falscher Text, auf Münze 2 auf findet sich auf beiden Seiten Schrift, die hier nicht hingehört. Auf Münze 2 und allen anderen bisher beschriebenen Münzen dieses Typs steht der Name des Prägeherrn, hier rechts: ٮاصر الدٮں Nāṣiraddīn, links: ارٮٯ ارسلاں Artuq Arslān (bei vielen Münzen ist es andersherum). Es handelt sich also um Nāṣiraddīn Artuq Arslān ibn Īl Ġāzī, al-Malik al-Manṣūr, Fürst der Artuqiden von Mārdīn 597-637/1201-1239. Die Legende der Rückseite lautet bei beiden Münzen:

ٮالله
الامام المسٮٮصر
امٮر المومٮٮں
الملك الكامل
محمد
bi-llāḥ
al-Imām al-Mustanṣir
amīr al-muʾminīn
al-Malik al-Kāmil
Muḥammad


Zuoberst also, wie es sich gehört, der Name des Kalifen al-Mustanṣir bi-llāh (die erste Zeile ist hinter der zweiten zu lesen) und sein Titel „Befehlshaber der Gläubigen“. Al-Mustanṣir war der 36. Abbasidenkalif und regierte 623-640/1226-1242. Darunter steht der Name des Ayyubidensultans al-Malik al-Kāmil I. Nāṣiraddīn Muḥammad, der 615-635/1218-1238 an der Macht war. Die Randlegende gibt, wie auf islamischen Münzen üblich, das Prägedatum, also rechts: صرٮ سٮه ٮماں و ḍuriba sanata ṯamān wa- „geprägt im Jahre acht und“. Links würde dann, hier auf beiden Münzen nicht lesbar, aber eindeutig rekonstruierbar, عسرٮں وسٮماٮه ʿišrīn wa-sittmiʾah „sechshundertzwanzig“ stehen. Die Münze ist also im Jahr 628/1230-1231 geprägt. Der Prägeort wird nicht genannt, kann aber nur Mardin sein.
Die Legende der Rückseite ist auf Münze 1 identisch (auch wenn man das Muḥammad der letzten Zeile nicht mehr lesen kann). Recto weist sie allerdings eine frappierende Abweichung auf: Anstelle des Namens des Prägeherrn steht hier am Rand ein zweites Mal das Datum, in gleicher Gestalt und Sorgfalt ausgeführt wir auf der Rückseite. Da man aber keinen Sinn dahinter erkennen kann (der Prägeherr wird überhaupt nicht genannt) und diese Variante auch bislang nirgends sonst bezeugt ist, muss man von einem Fehler des Stempelschneiders ausgehen, der vielleicht die Vorlagen für die Randlegenden durcheinandergebracht hat. Tatsächlich sind in manchen Exemplaren die beiden Seitenlegenden der Vorderseite vertauscht; hier aber die Legende insgesamt.
Noch interessanter sind die Abweichungen auf Münze 2. Die Legende ist zwar genau so, wie sie sein sollte, aber es sind recto links über dem Kopf der Figur und verso schräg links unten Buchstaben zu erkennen, die weder lesbar sind noch zu dieser Münze passen. Tatsächlich handelt es sich bei Münze 2 um eine Überprägung. Eine ältere Münze wurde also mit einem neuen Stempel überprägt und wieder in Umlauf gebracht. Wie meist bei Überprägungen, sind auch hier Reste der Muttermünze erkennbar, genug jedenfalls, um den Typ der ursprünglichen Münze zu erkennen, und jene muss etwa wie die linke der beiden nachstehend abgebildeten ausgesehen haben:

o.O. (Mardin) 623/1226, 27 mm, 6,70 g, 6 h
© T. Bauer
o.O. (Mardin) 626/1229, 30 mm, 10,86 g, 2 h
© T. Bauer

Diese Münze, die hier nicht in derselben Ausführlichkeit besprochen werden soll, zeigt ein Brustbild einer lockenhaarigen Figur mit einem Mantel, der von einer Schleife zusammengehalten wird. Sie ist fünf Jahre vor der besprochenen Münze geprägt worden, zu einer Zeit also, als genau die gleichen Herrscher an der Macht waren. Es wird jedoch nicht der Ayyubide al-Malik al-Kāmil genannt, sondern der Sultan der Rūm-Seldschuken ʿAlāʾaddīn Kayqubāḏ ibn Kayḫusraw (reg. 616-634/1219-1237), und zwar auf der Vorderseite in einem Halbkreis um den Kopf der Büste herum (wegen der Prägeschwäche im oberen Teil sind weder die Locken noch ein Teil der Schrift auf unserem Exemplar erkennbar). Auf der Rückseite steht dann wiederum das Datum sowie im Feld zunächst Name und Titel des Kalifen und darunter, also an protokollarisch letzter Stelle, der Name des Prägeherrn al-Malik al-Manṣūr Artuq.
Drei Jahre lang lässt Artuq Arslān, erstmals in der Geschichte der Artuqiden, sogar Silbermünzen prägen (Prägeort Dunaysir bei Mardin), anders als diese Kopfermünze ganz im Seldschukischen Stil, aber wie diese mit Anerkennung Kayqubāḏs als Oberherrn. Dann wechselt die Loyalität von den Seldschuken zu den Ayyubiden. Sowohl in Silber als auch in Kupfer erscheint jetzt al-Malik al-Kāmil als Oberherr. Für die Kupfermünze greift Artuq auf eine zwanzig Jahre ältere Münze zurück, die den Ayyubiden al-ʿĀdil, den Vater al-Kāmils würdigte. Sie zeigt einen Reiter auf einem Löwen (nach anderer Interpretation: auf einem Leoparden) mit einem Dolch in der linken Hand, der offensichtlich versucht, den Löwen zu töten (vgl. die Abb. rechts). Mit diesem Rückgriff auf die ältere Münze wird nicht nur der Oberherr ausgetauscht, sondern auch das Protokoll verändert, weil nun der Artuqide selbst auf die Vorderseite kommt und der Oberherr erst auf der Rückseite auf dem Band, das die Nennung des Kalifen umgibt, genannt wird.
Vielleicht lässt sich die von Spengler und Sayles (S. 148) aufgeworfene Frage, warum Artuq Arslān so kurze Zeit nach dem „Löwenreiter“ wieder eine neue Münze ausgibt, in dieser Richtung beantworten. In der 628er Münze des „thronenden Türken“ erscheint Artuq wieder allein auf der Vorderseite, ganz prägnant, ohne schmückende Titel, nur mit dem Namen Nāṣiraddīn Artuq Arslān. Name und Titel des Kalifen stehen auf der Rückseite oben, wie es sein muss, der Ayyubide aber an protokollarisch letzter Stelle darunter. Stattdessen betont Artuq Arslān durch die thronende Figur auf höchst repräsentative und unmissverständliche Weise seine eigene Souveränität. In der Literatur ist zwar umstritten, ob die Darstellung den Fürsten selbst repräsentieren soll oder, wie andere Münzen zuvor, astrologisch zu interpretieren ist (so Spengler/Sayles). Letzteres scheint mir unwahrscheinlich, aber auch ersteres wird für alle derartigen Portraits mit guten Gründen (etwa dem Fehlen einer Kopfbedeckung, vgl. Whelan S. 18) abgelehnt. Ich halte es deshalb für plausibel, dass die Figur „not individual rulers but the concept of rule itself” repräsentiert (Whelan S. 18). Auch wenn der thronende Türke nicht als Portrait Artuq Arsalāns intendiert war, ist das Bild doch als Darstellung seiner souveränen Herrschaft in turbulenten Zeichen zu lesen.
Sowohl die 623er Münze als auch die 626er „Löwenreiter“-Münze sind ausgesprochen selten. Erst vom „thronenden Türken“ ist wieder eine größere Zahl heute noch existierender Exemplare bekannt. Bei der „Löwenreiter“-Münze könnte man spekulieren, dass der Grund für die relative Seltenheit der Münze darin liegt, dass sie nur als rasche Übergangslösung in diplomatischer Not konzipiert war und deshalb in geringerer Stückzahl geprägt wurde. Die Seltenheit der 623er Münze könnte wiederum auf der Tatsache beruhen, dass eine größere Anzahl der Exemplare überprägt worden ist. Tatsächlich sind sowohl das hier abgebildete Exemplar der „Löwenreiter“-Münze als auch die zweite Münze des „thronenden Türken“ Überprägungen der 623er Münze. Bei ersterer ist auf der Vorderseite schräg unter dem Kopf der Katze der auf dem Kopf stehende obere Teil der Rückseite der 623er Münze zu erkennen, der den (auf unserem Exemplar nicht lesbaren) Zehner des Datums und den Beginns der Titulatur des Kalifen erkennen lässt, also عسرٮں / الامام / المسٮٮصر, daneben noch den Rest von سىماىه „600“ des senkrecht geschriebenen Datums. Auf der Schriftseite des „Löwenreiters“ hat sich, ironischerweise ausgerechtet dort, wo der neue Oberherr genannt werden sollte, derjenige des alten gehalten, denn noch immer sind Reste dessen Namens (علا الدٮں كٮڡٮاد ʿAlāʾaddīn Kayqubāḏ) deutlich zu lesen. Während mehrere bekannte Münzen der 626er Wiederauflage des „Löwenreiter“-Motivs solche Überprägungen sind (vgl. die Münzen ANS 1917.216.1063, Zeno #148143), ist meines Wissens bislang kein Exemplar des „thronenden Türken“ bekannt, das ebenfalls eine Überprägung der 623er Münze ist. Bei unserer Münze 2 sind auf der Vorderseite vom Namen ʿAlāʾaddīn die Buchstaben ...لا الدٮں der Vorderseite der 623er Münze gut erkennbar. Auf der Rückseite sind links schräg unten noch Reste der rückseitigen Inschrift der überprägten Münze sichtbar.
Die diplomatische Umwendung von Kayqubāḏ zu al-Kāmil, der manch ein Exemplar der 623er Münze zum Opfer gefallen ist, war freilich auch nicht von Dauer. Schon 632/1234-1235 hatte sich die politische und militärische Lage gründlich geändert, und Artuq Arslān wandte sich nach sieben pro-Ayyubidischen Jahren reumütig wieder dem Seldschuken Kayqubāḏ zu. Auf der entsprechenden Münze ist es wieder Kayqubāḏ, der auf der Vorderseite steht, während sich Artuq Arslān mit dem Platz unter der Nennung des Kalifen auf der Rückseite zufriedengibt.


Literatur:

  • Wiliam F. Spengler, Wayne G. Sayles: Turkoman Figural Bronze Coins and Their Iconography. Vol. 1 – The Artuqids. Lodi, Wisconsin 1992, S. 142-151.
  • Estelle J Whelan: The Public Figure. Political Iconography in Medieval Mesopotamia. London 2006, S. 121-129.