Münzen des Monats

Februar 2024

Tempelsteuer und Taubenhändler. Geld im Jerusalemer Tempel zur Zeit Jesu

© Zusammenstellung Katharina Martin
  • Bronzemünze des nabatäischen Königs Aretas IV., 20-40 n. Chr.: Universität Münster, M 6047
  • Shekel aus Tyros, 110/109 v. Chr.: Münster, M 1516
  • Bronzemünze (Prutah) des Herodes Archelaos, 4 v. Chr. bis 6 n. Chr.: Universität Tübingen, Slg. Müller J093
  • Bronzemünze des Pontius Pilatus, 29 n. Chr.: Universität Tübingen, Slg. Müller J146

 

Im Monat Februar begegnen uns nicht nur eine, sondern gleich vier »Münzen des Monats«: Es sind Münzen verschiedener Nominale und Prägeherren, die alle zur Zeit Jesu im Heiligen Land im Umlauf waren und für verschiedene Zwecke gebraucht wurden. Diese vier Münztypen stehen im Mittelpunkt einer Virtual Reality-Ausstellung, die vom 18. Januar bis zum 26. Februar 2024 im Archäologischen Museum der Universität Münster zu sehen und natürlich auszuprobieren ist. Entwickelt wurde sie von einem Team aus der Klassischen Archäologie, der Theologie und den Digital Humanities an der Universität Tübingen anhand von vier Münzen aus dem Bestand der Tübinger Sammlung. In der Münsteraner Ausstellung sind zwei davon (die Bronzen von Herodes Archelaos und Pontius Pilatus) als Tübinger Leihgaben zu sehen; die beiden anderen Typen (die Bronze des Aretas und der Shekel aus Tyros) werden im Original durch zwei Münzen aus der hiesigen Sammlung veranschaulicht.

Über Virtual Reality (VR) tauchen wir ein in das Jahr 33 n. Chr., als Jesus in Jerusalem den Tempel besuchte. Alle Evangelien (Lk. 19,45-46; Mk. 11,15-19; Mt. 21,12-17 und Joh. 2,13-16) berichten von einer Episode, in der Jesus den Tempelbezirk betrat und ihn statt kontemplativer Stille (wie sich ein heutiger christlicher Kirchenraum präsentiert) vielmehr geschäftiges Treiben empfing – ganz so lebhaft, wie wir uns antike (pagane) Heiligtümer in der Regel vorzustellen haben: »Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Peitsche aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!« (Joh. 2,13-16). Es ist genau diese Situation, wie Jesus den Tempel vorgefunden hat, die in der VR-Ausstellung rekonstruiert wird. Unsere vier »Münzen des Monats« illustrieren die antiken (Geld-)Verhältnisse, denen man im Tempel begegnete:

  • Bei der Bronzemünze des Königs Aretas handelt es sich um auswärtiges Geld aus dem Königreich der Nabatäer, das es gegen eine Gebühr zunächst umzutauschen galt – so geht auch in der VR-Ausstellung der erste Weg zum Geldwechsler. Die Münzen der nabatäischen Könige orientieren sich an denen der Ptolemäer: Sowohl das Staffelbildnis des Königspaares auf der Vorderseite als auch das Doppelfüllhorn auf der Rückseite sind von ihnen übernommen. Auffallend ist die jeweils starke Präsenz der Königin auf den nabatäischen Münzen (hier Shuquilat), die entweder an der Seite des Königs erscheint oder auf anderen Typen eine eigene Münzseite beanspruchen kann und in der Regel mit ihrem Namen und Titel benannt ist.
  • Mit dem Shekel aus Tyros (im heutigen Libanon) wurde die Tempelsteuer in Jerusalem entrichtet. Die Münsteraner Münze ist zwar bereits im Jahr 110/109 v. Chr. geprägt worden, also eine ganze Weile vor Christi Geburt, doch haben antike Münzen oft eine lange Umlaufzeit und es war durchaus möglich und üblich, dass diese Geldstücke über lange Zeit in Gebrauch waren. Äußerlich veränderten sich die Shekel im Laufe von hundert Jahren kaum, sie zeigen unverändert den Kopf des Stadtgottes (Herakles-)Melqart auf der Vorderseite und einen Adler mit Palmzweig auf der Rückseite. Nur die (heute geläufige, aber bei antiken Münzen seltene) Jahresangabe verändert sich und ermöglicht uns eine jahrgenaue Datierung. Interessant ist, dass es fremdes Geld war, mit der die Jerusalemer Tempelsteuer zu entrichten war. Aber die tyrischen Shekel waren überregional bekannt und in ihrem Silbergehalt äußerst stabil, sodass sie weit über die Grenzen von Tyros als verlässliche Währung anerkannt waren.
  • Mit Kleingeld wie der Bronzemünze (sog. Prutah) des Herodes Archelaos konnten sich auch einfache Menschen z.B. eine Taube kaufen, um sie im Jerusalemer Tempel opfern. Herodes Archelaos war der Sohn von Herodes dem Großen und herrschte nach dessen Tod von 4 v. Chr. bis 6 n. Chr. als »Ethnarch« über Judäa, Samaria und Idumäa. Danach wurde sein Herrschaftsgebiet in die römische Provinz Judäa umgewandelt. Seine Münzen zeigen seleukidisch oder ptolemäisch tradierte oder in der Region geläufige Objekte (Anker, Doppelfüllhorn, Galeere, in unserem Fall eine Weintraube) und alle nennen seinen Namen (HΡWΔΟΥ auf der Vorderseite) und seine Funktion als »Herrscher über das Volk« (ΕΘΝΑΡΧΟΥ auf der Rückseite).
  • Auch bei der Bronzemünze des Pontius Pilatus handelt es sich um Kleingeld, das im alltäglichen Leben z.B. geeignet dafür war, Lebensmittel zu kaufen. Allerdings waren diese Münzen nun nicht mehr von jüdischen, sondern von römischen Autoritäten ausgegeben. Pontius Pilatus, den wohl jede/r aus der Bibel kennt, war 26-36 n. Chr. römischer Praefect der Provinz Judäa und hat in dieser Funktion u.a. in den Jahren 29-31 n. Chr. auch kleine Bronzemünzen für den Umlauf im Heiligen Land prägen lassen. Sein eigener Name ist darauf nicht explizit genannt (nur der des Kaisers Tiberius), doch da die Münzen jahrgenau datiert sind, können wir einige Typen (RPC I Nr. 4967-4967B, Nr. 4968 und Nr. 4969) ihm als verantwortlichen Vertreter Roms zuweisen. Mit Schöpfkelle (lat. simpulum, unser Beispiel) und Krummstab (lat. lituus) zeigen sie auf der Vorderseite römische Priesterinsignien und nehmen keinen Bezug auf die jüdische Umgebung, respektieren aber das jüdische Bilderverbot von Menschen und Tieren.

In der VR-Ausstellung kann man mit seinem Avatar einzelne Stationen im Tempel durchwandern, auch Bereiche erkunden, die realiter damals nicht allen zugänglich waren, man kann die jeweiligen Münzen (in Gestalt von 3D-Modellen) in die virtuelle Hand nehmen und mit ihnen agieren. Wenn man alles ›richtig‹ gemacht hat, hat man Geld gewechselt, die Tempesteuer bezahlt, eine Taube erworben (die hier nicht geopfert wird, sondern die man fliegenlässt), sich ein Brot gekauft und davon abgebissen. Unbedingt ausprobieren! Noch bis zum 26. Februar 2024 im Archäologischen Museum der Universität Münster zu sehen. Später besteht die Möglichkeit, die Ausstellung im Bibelmuseum in Frankfurt am Main (20.08.2024 – 15.09.2024), im Münzkabinett Winterhur in der Schweiz (21.9.2024 – 30.11.2024) oder im Museum August Kestner in Hannover (voraussichtlich im April bis Mai 2025) zu besuchen.

(Katharina Martin)

 

Weiterführende Literatur

  • R. Barkay, Coinage of the Nabateans (2019)
  • Y. Meshorer, A Treasury of Jewish Coins from the Persian period to Bar Kokhba (2001)
  • B. Overbeck, Das Heilige Land. Münzen und antike Siegel aus einem Jahrtausend jüdischer Geschichte, Ausstellung München 30.11.1993 – 4.4.1994 (München 1993)
  • J. Rouvier, Numismatique des villes de Phénicie: Tyr, in: Journal international d’archéologie numismatique (JIAN) 6, 1903, S. 269-332

Die Bibelpassage ist zitiert nach Nestle – Aland, Das Neue Testament. Griechisch und deutsch 5(Stuttgart 2005)

 

Weblinks

https://www.youtube.com/watch?v=ofBsfCWhBwI (Offizieller Trailer zu Tempelsteuer & Taubenhändler: Einführung in die Tübinger Ausstellung)

https://www.uni-muenster.de/ArchaeologischesMuseum/aktuelles/taubenhaendler.html (Ankündigung in Münster)

https://www.uni-muenster.de/ArchaeologischesMuseum/aktuelles/tempelsteuer.html (zur Münsteraner Ausstellungseröffnung)

https://youtube.com/shorts/IXZRW-HZYbc?feature=shared (Kurzinterview mit Stefan Krmnicek bei der Münsteraner Ausstellungseröffnung)

 

Fotonachweis der Einzelaufnahmen: Münster, M 6047: Nike Elsbroek; Münster, M 1516: Robert Dylka; Tübingen, Slg. Müller J093 und J146: Stefan Krmnicek