März 2020

Münze des Monats

© Robert Dylka

Münzstätte Alexandria Troas, AE – 2,09 g – 11 h – 14,4 mm
Vs. Kopf des Apollon nach rechts, lorbeerbekränzt. Rs. ΑΛΕΞ. Apollon Smintheus geht nach rechts, in der vorgestreckten linken Hand hält er einen Bogen mit Pfeil, in der rechten Hand eine Schale, auf dem Rücken hängt ein Köcher. Vor seinen Füßen befindet sich eine Maus; mit dem linken Fuß tritt der Gott der Maus auf den Schwanz.


Münzsammlung des Archäologischen Museums der Westfälischen Wilhelms-Universität, Inv. M 5347 https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID177
Lit. A. R. Bellinger, Troy Supplementary Monograph II. The Coins (1961) S. 81 Nr. A22.


Von Mäusen und Münzen
Der Kampf um Troia gehört zu den bekanntesten Heldenepen der klassischen Antike. Homers Schilderung des Krieges, die Ilias, beginnt mitten im Krieg: Die Stadt wurde schon einige Zeit belagert, doch dann herrschte Kampfpause, bedingt durch eine Seuche im Lager der Griechen. Verursacher dieser Krankheit war Apollon, der den Griechen und speziell Agamemnon wegen der Beleidigung seines Priesters Chryses grollte. Dieser hatte erfolglos versucht, seine Tochter zurückzuerbitten, die Agamemnon als Kriegsbeute für sich reklamierte. Zur Strafe schickte Apollon daher eine „verderbliche Seuche“ (Hom. Ilias 1,11) und schoss todbringende Pfeile wahllos ins Heer der Griechen, Tiere und Menschen erkrankten und starben (Hom. Ilias 1,48-52).
Bei diesem rächenden Gott handelt es sich um Smintheus, Apollon in seiner regionalen Erscheinungsform als „Mäusegott“ (so von Hom. Ilias 1,39 benannt, nach „sminthos“, einem im nordmysischen Dialekt gängigen Begriff für „Maus“, wie Strabon 13,1,64 erläutert: „da sminthoi die Mäuse sind“). Verschiedene Erklärungsversuche, wie Apollon zu diesem in der Troas charakteristischen Beinamen gekommen war, kursieren in der antiken Literatur. Am überzeugendsten scheint die Version in einem Scholion zur Ilias, die auf den ortskundigen Autor Polemon aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert zurückgeht. Demnach war Apollon verärgert über Krinis, einen seiner Priester, und zur Strafe hatte er eine Mäuseplage auf die Äcker geschickt. Erst die uneigennützige Gastfreundschaft des Hirten Ordes konnte den Gott wieder versöhnen „und er vernichtete auf der Stelle die Mäuse mit seinem Bogen“ (Polemon frg. 31). Als diesen Retter von der Mäuseplage kennt ihn somit auch die Ilias.
Sein Heiligtum liegt etwa 50 km von Troja entfernt in Chryse, im heutigen Ort Gülpınar (http://www.geonames.org/8693491/guelpinar-bucagi.html), wo sich Reste seines Tempels aus hellenistischer Zeit bis heute erhalten haben. Zunächst im Umland von Hamaxitos gelegen gehörte das Heiligtum seit der Zusammenlegung mehrerer Städte in der Troas durch den König Antigonos Monophthalmos zur neu gegründeten Stadt Alexandreia Troas. Bis ins 3. nachchristliche Jahrhundert war Apollon Smintheus dann deren wichtigster Stadtgott, sein extraurbanes Heiligtum ein überregionales Kultzentrum, sein Bild und der lokale Mythos um ihn zierten in verschiedenen Motiven das lokale Münzgeld.
Das spätklassische Kultbild des Smintheus hatte der berühmte Skopas geschaffen (einer der Bildhauer des Mausoleion von Halikarnassos, das zu den sieben Weltwundern der Antike gehörte). Der die Troas durchreisende Strabon beschreibt die Statue und erwähnt ein ungewöhnliches Detail: „Und das Wahrzeichen, das an den Ursprung des Namens erinnert, die Maus, sitzt unter dem Fuß des Kultbildes“ (Strab. 13,1,48). Genau dieses Detail lässt sich auch auf der vorliegenden Bronzemünze ausmachen: Der Gott im langen Gewand hält in der linken Hand Pfeil und Bogen, in der rechten eine Opferschale. Er steht in Schrittstellung, ist also in Bewegung und agierend wieder-gegeben. Mit seinem linken Fuß steht er auf dem Schwarz einer dicken Maus. Größenverhältnis und Proportionen sind nicht realistisch, doch das ist nicht wichtig; entscheidend ist es vielmehr, Gott und Attribut-Tier zu kombinieren, und das in einem eindeutig hierarchischen Verhältnis. Die Unterordnung der Maus zeigt deutlich die Macht des Gottes als „Herr über die Mäuse“ und kennzeichnet ihn auch als Retter aus (Ungeziefer- und Krankheits-)Plagen.
Unsere Münze gehört zu einer Serie verschiedener Bronzenominale; Alfred R. Bellinger, der die Münzprägung von Alexandria erstmals systematisch katalogisiert hat, unterscheidet Ganz-, Halb- und weitere Teilstücke, wobei lediglich die Halbstücke, zu denen auch das Münsteraner Stück zählt, leidlich oft vorkommen. In umfangreichen und regelmäßigen Serien wurden dagegen silberne Tetradrachmen ausgegeben, die ebenfalls das Bild des Gottes zeigen, mit Pfeil und Bogen, Köcher und Opferschale. Zusätzlich weisen sie die Beischrift ΑΠΟΛΛΩΝΟΣ ΣΜΙΝΘΕΩΣ („im Namen des Apollon Smintheus“) auf – dafür fehlt ihnen aber die Maus.
Wie sich die Smintheus-Bronzen mit den viel häufigeren Smintheus-Tetradrachmen zeitlich verhalten, ist umstritten. Alfred Bellinger zählte die Bronzen zu den frühesten Prägungen der Stadt überhaupt und datierte sie in das frühe 3. Jahrhundert (301-281 v. Chr.); er argumentierte mit der Übernahme des Gottes aus dem Typenrepertoire der Stadt Hamaxitos (dort allerdings OHNE Maus!). Andrew Meadows hingegen hält sie wegen der geringeren Dicke der Schrötlinge, der Verwendung eines abgekürzten Ethnikons und der motivischen Nähe zu den Tetradrachmen deutlich für später, er datiert sie ins 2. Jahrhundert.
Zusammen mit anderen apollinischen oder alexandrinischen Motiven findet sich die Maus auch als Gegenstempelmotiv auf späthellenistischen Bronzen von Alexandria Troas, die einen frontalen Apollonkopf auf der Vorder- und eine Kithara auf der Rückseite zeigen; diese Serie wurde massiv mit mehreren Bildern (Lyra, Apollonprofil, Pferdekopf sowie eben auch einer wohlgenährten Maus) gegengestempelt.
In der Kaiserzeit wurden dann verschiedene Momente aus dem Mythos um Smintheus und seine Priester ausführlich auf den städtischen Münzen thematisiert. Nur noch einmal findet sich dabei eine (eindeutig tote) Maus zur Erklärung eines Kontextes: Eine Gastmalszene mit drei beteiligten Personen (RPC IX Nr. 413, https://rpc.ashmus.ox.ac.uk/coins/9/413) zeigt das Moment, als Apollon durch die Gastfreundschaft des Hirten Ordes versöhnt wird und sich unmittelbar darauf der Mäuseplage annimmt, worauf oben im Feld eine mit einem Pfeil erschossene Maus hinweist.
Die Münze des Monats März sieht unspektakulär aus und ihr Erhaltungszustand ist mäßig. Dennoch gibt es kaum ein Exemplar aus dieser seltenen Münzserie, auf dem das Motiv so zentriert ist und das dadurch das Detail der Maus als Attributtier unter Apollons Fuß, das ihn als Smintheus identifiziert, auf die Besonderheit des Kultbildes verweist und seinen Charakter als Retter herausstellt, so klar sichtbar macht wie das Münsteraner Stück.

Katharina Martin


Literatur

  • Strabon 13,1,48 (p. 604C-605C) berichtet über das Heiligtum des Smintheus, sein Kultbild und versucht verschiedene Erklärungen zum Beinamen zu geben; in 13,1,61-64 (p. 612C-613C) bringt er das Heiligtum mit der Überlieferung in der Ilias in Verbindung. Die Passagen sind zitiert nach der Übersetzung von Stefan Radt, Strabons Geographika III. Buch IX-XIII (Göttingen 2004).
  • Homer, Ilias 1,39 nennt Apollon Smintheus als die Krise auslösende Gottheit; zitiert nach der Übertragung von Hans Rupé, Tusculum Bücherei 2(1961, ND 1969). In seinem Ilias-Kommentar dazu bietet Polemon (Polemonis Periegetae Fragmenta, ed. Preller, Fragment XXXI, S. 63) eine etymologische-mythologische Erklärung des Beinamens.
  • A. R. Bellinger, The Coins, Troy Supplementary Monograph 2 (1961) bes. S. 81-82 Nr. A21-24 (Smintheus mit Maus in verschiedenen Nominalen), zu den Münzen mit der massiven Gegenstempelung ebd. S. 96.
  • A. Meadows, The earliest coinage of Alexandria Troas, Numismatic Chronicle 164, 2004, bes. S. 57 zur Spätdatierung der hellenistischen Serie mit Gott und Maus.
  • SNG Özkan Arikantürk (Turkey 9,1) Nr. 79-88 zeigt besonders eindrucksvolle Exemplare der Apollon-Kithara-Serie mit vielen (u.a. Maus-)Gegenstempeln.
  • P. Weiß, Alexandria Troas: Griechische Traditionen und Mythen in einer römischen Colonia, in: E. Schwertheim – H. Wiegartz (Hrsg.), Die Troas. Neue Forschungen zu Neandria und Alexandria Troas II, AMS 22 (Bonn 1996) analysiert bes. S. 165-172 die kaiserzeitlichen Apollonmünzen mithilfe der schriftlichen Überlieferung.
Februar 2020
© Royal Mint, nachb. L. Hecht
© Royal Mint, nachb. L. Hecht

31. Januar 2020: Die 50 Pence Brexit-Münze


In Zeiten, in denen bargeldloses Bezahlen immer mehr um sich greift, sticht ein aktuelles Beispiel heraus, wie sehr doch Text und Bild auf Münzen auch heute noch identitätsstiftend wirken sollen, wie Münzen wahrgenommen werden und Kontroversen auslösen. Die Münze lebt!
Es geht um die 50 Pence Gedenkmünze, die im Vereinigten Königreich von der Royal Mint zu dem am 31. Januar 2020 vollzogenen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union ausgegeben wurde.
Am 23. Juni 2016 hatten die Bürger des Vereinigten Königreichs in einem Referendum über den Brexit abgestimmt und durch ihre Entscheidung dafür den Austrittsprozess angestoßen. Im Oktober 2018 hat der Finanzminister Philip Hammond angekündigt, dass es eine 50 Pence Gedenkmünze geben würde. Da eine solche Münze, die in einer Millionenauflage ausgegeben werden sollte, mit einem gewissen Vorlauf geprägt werden muss, begann man bald, für den anvisierten Austrittstermin am 29. März 2019 Münzen zu produzieren. Weil das Austrittsdatum auf der Münze stand, musste, als eine erste Verschiebung des Brexits erfolgte, die Auflage wieder eingeschmolzen werden, und es begann die Produktion einer neuen Münze für das anvisierte Austrittsdatum zum 31. Oktober 2019. Als auch dieser Termin verschoben wurde, musste auch diese Münze recycelt und die für den neuen Termin am 31. Januar 2020 aktualisierte Münzen geprägt werden. Mit dem nun erfolgten Austritt, konnten die Münzen dann tatsächlich am 31. Januar 2020 in den Umlauf gegeben werden. 50 Pence Gedenkmünzen wurden immer wieder emittiert, die erste memorierte 1973 den Beitritt zur Europäischen Union.
Die 50 Pence Münze hat einen Durchmesser von 27,3 mm, wiegt 8 gr und besteht zu 75 % aus Kupfer und 25 % aus Nickel. Auf der Vorderseite ist – wie auf allen 50 Pence Münzen – der bekrönte Kopf von Königin Elisabeth II. nach rechts abgebildet. Die gemischt lateinisch-englische Legende lautet: ELIZABETH II D(EI) G(RATIA) REG(INA) F(IDEI) D(EFENSATRIX) 50 PENCE 2020. Da es sich um eine Gedenkmünze handelt, wird das Nominal auf der Vorderseite und nicht auf der Rückseite angegeben. Unter dem Kopf der Königin stehen die Initialen des Graveurs der Vorderseite, Jody Clark. Die Königin wird 2020 in ihrem fünften Porträttypus gezeigt. Auf der Rückseite, deren Graveur unbekannt ist, steht die Legende Peace, prosperity and friendship with all nations und im Abschnitt 31 January 2020.
Die Legende der Rückseite spielt mit einem Zitat von Thomas Jefferson, einem der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Der Satz kann daher nicht nur als wohlgemeinter und unschuldiger Wunsch nach Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Nationen gelesen werden, sondern auch als Abschluss eines Kampfes um Unabhängigkeit. Ob diese doppelte Lesbarkeit tatsächlich die tief wegen des Brexits gespaltene Gesellschaft im Vereinigten Königreich zusammenbringt, muss allerdings hinterfragt werden. In den sozialen Medien zirkulieren zahlreiche Vorschläge für alternative Brexit-Münzen, welche das Ereignis kritisieren und verspotten.
Um die Legende hat sich Ende Januar eine weitere kuriose Kontroverse entspannt, die von dem Schriftsteller Philip Pullman angestoßen wurde, der beklagte, dass das Oxford Komma fehle. Ein solches Komma kann im Englischen in einer Aufzählung vor dem letzten „and“ gesetzt werden. Das Oxford Komma wird vor allem in formeller und akademischer Sprache aber auch im American English verwendet. Die unterbliebene Setzung des Kommas wird unterschiedlich bewertet. Das Fehlen des Kommas kann als Verfall der Sprache verstanden werden, es kann aber auch eine Absetzung von US-amerikanischer Interpunktion sein. Schließlich darf auch nicht ausgeschlossen werden, dass gar keine besondere Intention hinter dem Weglassen des Kommas steckt. Diese Kontroverse ist ein schönes Beispiel dafür, wie sehr es in der Numismatik auf Details ankommt, aber auch, dass Münzen und ihre Botschaften durchaus eine Ambiguität aufweisen können und bei Betrachterinnen und Betrachtern nicht zwingend eine einheitliche Botschaft ankommt. Insofern ist es methodisch und komparatistisch lehrreich für Numismatikerinnen und Numismatiker die Debatten um die 50 Pence Brexit-Münze zu verfolgen.
Achim Lichtenberger

Literatur

Januar 2020
© LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum (Foto: Stefan Kötz)
© LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum (Foto: Stefan Kötz)
© LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum (Foto: Stefan Kötz)
© LWL-Museum für Kunst und Kultur / Westfälisches Landesmuseum (Foto: Stefan Kötz)

Ist ein Philipp wirklich ein Philipp? Original und Nachprägung

Philippe IV., Kgr. Frankreich, Gros Tournois, 3.94 g, aus dem Fund von Grabstede II, Inv. Nr. 117421Mz + Inv. Nr. 17429Mz.

Das nachantike Münzwesen nördlich der Alpen ist hauptsächlich dadurch geprägt, dass es nur ein einziges Nominal gab, dem allenfalls Teilstücke zur Seite standen. Seit der Zeit der Karolinger war dies der Denarius oder volkssprachlich der Pfennig (englisch penny). Im Einflussbereich des Islam und unter dessen Einfluss auch im Süden Europas war dies anders. Die Notwendigkeit zu Änderungen ergab sich zuerst in Italien, wo zum einen die Wirtschaftsentwicklung im 13.Jahrhundert insgesamt weiter voran geschritten war und zum anderen der Denaro in seinem Edelmetallgehalt sich kontinuierlich soweit von karolingischen Ausgangswerten entfernt hatte, dass Bezahlungen mit einer Münze sinnvoll erschienen, die ein mehrfaches des Standardnominals ausmachte.
Den Anfang machten 1172 Genua zunächst mit dem Vierfachen, dann Venedig 1192 mit Stücken zu 20 denari. Nördlich der Alpen wirkte sich dies aber zuächst nicht aus. Am 24.7.1266 ordnete der französische König Louis IX. die Ausprägung von Münzen im Wert von 12 Deniers an. Im deutschen Sprachgebrauch werden sie meist als Turnose bezeichnet, im französischen als Gros tournois. Es war dies bei einem Normgewicht von 4,1 g die größte und schwerste und mit einem Feingehalt von 958/00 silberreichste Münze, die bis dahin jemals in Frankreich geprägt worden war. Vorbereitend hatte Louis 1262 eine Verordnung erlassen, dass die königlichen Münzen im gesamten Königreich Geltung beanspruchten, während die ebenfalls existierenden Prägungen geistlicher wie weltlicher Fürsten in seinem Herrschaftsgebiet den Münzumlauf ihrer Münzen nur in ihem eigenen Herrschaftsgebiet beanspruchen können sollten. Die Verordnung von 1266 verbot auch die Nachprägung königlicher Münzen und regelte zum Vorteil des königlichen Fiskus den Wechselkurs fremder vorläufig noch akzeptierbarer Münzen. 1270 übernahm sein Nachfolger Philippe III. (1270-1285) diese Münzsorte und auch unter Philippe IV. (1285-1314) wurde sie fortgesetzt.
Bildlich wurde die neue Emission verknüpft mit den schon seit sehr langem bestehenden „Deniers tournois“, die neben dem „Denier parisis“ zu einer Regionalwährung in großen Teilen des unter königlicher Kontrolle stehenden Frankreichs geworden war und auch von Analphabeten erkannt werden konnte. Die eine Seite zeigte eine stark stilisierte Kirche oder Burg, das sogenannte „châtel tounois“, das jetzt bei der größeren Münze von einem Kranz von zwölf Lilien, dem Symbol des französischen Herrscherhauses, umgeben wurde. Die Zahl zwölf bezog sich dabei auf den Wert. Zwölf Deniers, die 1266 sowohl an Silber geringhaltig als auch relativ leicht waren, sollten nämlich einer der neuen Münzen entsprechen. Auch die andere Seite ist von der traditionellen Form der Deniers tournois übernommen. Sie weist ein Kreuz ohne Kugeln in den Winkeln und umher den Namen des aktuellen Königs. Herum setzte man einen weiteren Schriftkreis mit „Benedictum sit nomen Domini nostri Dei Jesu Christi“ (Gesegnet sei der Name unseres Herrn und Gott Jesus Christus). Es war dies eine auch im Kontext liturgischer Gesänge und Handschriften benutzte Ableitung aus Psalm 112, bei der hier „et gloriose virginis matris ejus in eternum et ultra. Amen“ aus Platzgründen ausgelassen wurde. Die Formel wurde als Spruch französischer Königsmünzen beibehalten bis zur französischen Revolution
Es ist davon auszugehen, dass die entsprechende Prägung nicht nur etwa im namengebenden Tours oder in Paris stattfand, sondern in einer Mehrzahl königlicher Münzstätten, wahrscheinlich fünf oder sechs. Allerdings ist es bei derzeitigem Kenntnisstand noch nicht möglich, die der internen Kennzeichnung dienenden kleinen Beizeichen (meist als Trennungszeichen zwischen den Worten) bestimmten Münzstätten zuzuweisen. Eine entsprechende schriftliche Überlieferung ist nicht erhalten. Methodisch bliebe nur der ins Detail gehende Vergleich zwischen Schatzfunden aus Mitteleuropa, England und Südeuropa. Die nur fragmentarisch erhaltenen Abrechnungen über die Münzprägung lassen annehmen, dass mehrere Millionen solcher Münzen geprägt wurden.
Die entsprechenden Münzen verbreiteten sich schnell über weite Teile Europas. Nachgewiesen sind sie in Funden in England, Deutschland, Italien, Spanien und Skandinavien. Ähnlich wie vordem die englischen Sterlinge waren solche Münzen geeignet über lange Strecken die Komplikationen regionaler Währungsgrenzen zu überwinden. Selbst im Nahen Osten sind sie in jüdischen Berichten erwähnt. Aus den islamischen Staaten gibt es auch Fundnachweise, auch wenn diese leider nicht immer sehr genau sind. Allerdings hatten sie im Orient keine entscheidende Bedeutung und wurden sicher vielfach eingeschmolzen und umgeprägt.
Schon unter Philipp III. begannen aber Probleme, die die Grenzen der königlichen Macht im Zahlungsverkehr offenbarten. Der Wechselkurs von 12:1 ließ sich angesichts der weiterhin schleichenden Verschlechterung des Kleingeldes nicht halten. Dort, wo der der König keinen Einfluss auf Wechselkurse ausüben konnte, wurden für eine Turnose mehr als 12 Deniers tournois verlangt. Dies führte dazu, dass in nicht zu unterschätzendem Umfang Turnosen das Herrschaftsgebiet Frankeichs verließen und in benachbarte Gebiete mit einem günstigeren Wechselkurs verließen. Es ist kein Zufall, dass es keinen Schatzfund mit Turnosen aus dem Gebiet des Königreichs Frankreich in seinen Grenzen der 2.Hälfte des 13.Jahrhunderts gibt.
Im Rheinland machen sich die Turnosen aus den Niederlanden kommend seit dem Ausgang des 13.Jahrhunderts bemerkbar. Ein Hinweis darauf sind vereinzelte Stücke in den Schatzfunden von Burgholdinghausen (Kreis Siegen) oder in der niederländischen Twenthe in Haarlo, die beide kurz vor 1300 abgeschlossen wurden. Ein erster vorsichtiger Schritt zur Prägung von Mehrfachnominalen wurde im Erzbistum Köln unter Ezbischof Heinich von Virneburg (1306-1332) mit der Herstellung von sogenannten Großpfennige im Wert von 2 ½ Pfennigen spätestens 1308 gemacht. 1342 begann Heinrichs Nachfolger Walram von Jülich (1332-1349) mit der Prägung von offenkundig von französischen Turnosen inspirierten „Grossi“ in Deutz und später auch in Bonn, die sich aber im Bild doch deutlich unterschieden und somit kaum zu verwechseln waren. Seit etwa 1340 häufen sich auch in Westfalen in der schriftlichen Überlieferung auf „grossi turosenses“, die mehrheitlich mit den Zusätzen „antiqui“ und „regales“, also ältere und königliche Stücke, ergänzt wurden. Offenkundig sollte die Ergänzung andere, weniger vertrauenswürdige Stücke ausschließen. Diese späte Ausbreitung ist verwunderlich, weil die Produktion in Frankreich schon aufgehört hatte und aus dieser Richtung kein Nachschub kommen konnte. In der Mitte des 14.Jahrhunderts erreichten die Turnosen bereits die Nordseeküste. Die älteste Nennung in Bremen ist 1347. Aus dem Hinterland stammen die zwei Turnosen enthaltenden Schatzfunde von Grabhorn-Grabstede (Landkreis Friesland), von denen der 2.Schatzfund etwas älter als der erste ist. Er wurde wohl bald nach 1349 verborgen und besteht neben einigen Osnabrücker Pfennigen mehrheitlich aus Turnosen, von denen nur zwei eine Aufschrift haben, die sie als nichtfranzösisch ausweist.
Bei genauer Betrachtung fällt aber auf, dass es unter den 63 den Namen Philippus tragenden Turnosen zwei Gruppen gibt. Die eine ist leicht abgegriffen und mehr oder wenige am Rande beschnitten, die andere relativ frisch aussehend, aber dennoch nicht den Gewichtsstandard der französischen Vorschriften erreichend. Der Befund ist nicht so einzigartig wie es zunächst den Anschein haben könnte. Mehrere erhaltene deutsche Funde aus der Mitte des 14.Jahrhunderts mit Turnosen enthalten in größerer Zahl anonyme Kopien französischer Turnosen, vornehmlich auf den Namen Philippus. Das Problem ist freilich, dass die Mehrzahl der Funde mit Turnosen nicht mehr vorhanden ist und das bei älteren Beschreibungen in Unkenntnis der Problemstellung, die Turnosen oft gar nicht oder nur pauschal beschrieben und verzeichnet wurden. Selbst bei dem Schatzfund von Helden-Oberveischede, dessen Beschreibung durch Peter Berghaus über lange Jahrzehnte eine von wenigen detaillierten Fundpublikationen war, ist im Nachhinein der genaue Anteil von Kopien nicht mehr feststellbar. Erkennbar sind derartige nichtfranzösische Nachprägungen, die etliche Jahrzehnte später als die Originale entstanden, zum einen an Gewichten und Feingehalten, die sehr deutlich unter der Norm liegen. Zum anderen erreichten bei allen offenkundigen Bemühungen die Stempelschneider der kopierenden Münzstätten nicht den relativ einheitlichen Duktus königlich-französischer Münzstätten. Bei der Münze mit Inv.Nr.12741Mz z.B. ist das h von Philippus zu weit vom senkrechten Stamm des h, so dass das h fast in zwei Teile zerfällt. Besonders schwierig war für die Kopisten der relativ lange Text mit kleinen Buchstaben in der Außenumschrift. Vielfach reichte de verfügbare Platz am Ende nicht, so dass einzelne Buchstaben ausgelassen oder nicht verstanden wurden. Bei unserem Beispiel ist so aus DHI (H für N) DIII geworden. Es würden sich noch mehr Abweichungen aufzählen lassen. Zum anderen ist zu beobachten, dass für die kleinen Lilien zu Vereinfachung der Arbeit Punzen eingesetzt wurden, die auch auf anderen Prägestempeln vorkommen und vielfach Turnosen kombinieren, die chronologisch nicht zusammenpassen. Auch sind Stempelkoppelungen zwischen solchen Imitationen nicht ungewöhnlich. So lassen sich relative geographische Zuordnungen für manche Imitationsgruppen feststellen.
Eine detaillierte Erfassung der vorhandenen typologischen Vielfalt von Turnosen, die zunächst kaum überschaubar scheint, mit Vorschlägen zur chronologischen Einordnung versuchte der Niederländer Cees van Hengel. Sein System wird freilich dadurch erschwert, dass 1997 in Folge drucktechnischer Schwierigkeiten, die typischen Variationen einzelner Buchstabenformen durch Ziffern ersetzt wurden, was heute durchaus keine Schwierigkeit mehr machen würde. Seine Typologie wurde angewandt bei der Bearbeitung des sehr umfangreichen, hinsichtlich der Münzen ausschließlich aus Turnosen bestehenden Schatzfundes von Erfurt. Es zeigte sich dabei, dass der Anteil von nichtfranzösischen Kopien hier miminalst ist. Aus nachvollziehbaren Gründen wird der Schatzfund von Erfurt, der unmittelbar in einem jüdischen Kontext geborgen wurde, mit dem Schwarzen Tod folgenden Pogrom 1348-1349 in Verbindung gebracht. Dabei ist es besonders bemerkenswert, dass in Thüringen sonst französische Turnosen nicht nachgewiesen sind. Umgekehrt ebenso erstaunlich ist das systematische Fehlen solcher Münzen in dem zeitgleichen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in einem jüdischen Kontext stehenden Schatzfund von Münster-Stadtweinhaus, in dem nur kölnische Turnosen vorhanden waren, während die schriftliche Überlieferung im regionalen Umfeld durchaus die Benutzung von Turnosen schon vor der Mitte des 14.Jahrhunderts bezeugt.
Mit der Einführung von Mehrfachnominalen in den Zahlungsverkehr veränderte sich die Wirtschaft grundlegend. Fortan bestand das Münzwesen aus unterschiedlichen Wertebenen und konnte mitunter auch schwer zu übeschauen sein.
Das Phänomen der Imitation und Kopierung besonders von weit verbreiteten Münzsorten ist nicht auf das 14. Jahrhundert beschränkt. Es reicht durchaus bis in die Antike zurück, wenn man zum Beispiel an die Imitation augusteischer Denare in Germanien oder Indien denken will. Und auch in wesentlich jüngeren Jahrhunderten sind vergleichbare Nachprägungen ohne besondere Kennzeichnung zu vermerken. Gerade bei letzteren können wir sie dank der schriftlichen Überlieferung, die wir für diese Zeiten haben, erkennen. Ohne diese würden wir sie wahrscheinlich für Originale halten. Umgekehrt wissen wir aus archivalischen Quellen, dass der Preußenkönig Friedrich II. in größerem Umfang auch nach dem Frieden von 1763 in Geheimaktion ausländische Münzen nachschlagen ließ, sind aber nicht in der Lage, diese im Bestand erhaltener Münzen zu identifizieren.

Peter Ilisch

Literatur:

  • N.J.Mayhew (Hg.): The gros tournois. Proceedings of the fourteenth Oxford symposium on coinage and monetary history. Oxford 1997
  • Marcus Phillips: The early use and imitation of the gros tournois in the Low Countries. Revue Belge de Numismatique 2014
  • Peter Ilisch: Gros tournois d'imitation frappés en Allemagne du Nord. Revue Numismatique 6e série Bd. 29, 1987, S. 109-117, Tf. X-XI
  • Mario Schlapke: Die Münzen und Barren des Erfurter Schatzfundes und Katalog der Münzen. In: S. Ostritz (Hrsg.), Der Schatzfund. (Die mittelalterliche jüdische Kultur in Erfurt 3). Langenweißbach.