Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2025/26
Kolloquium: Forschungskolloquium zur osteuropäischen Geschichte (HIS LSF)
Prof. Dr. Ricarda Vulpius
Mo. 18-20 Uhr
Das Kolloquium richtet sich primär an fortgeschrittene Studierende, Doktoranden und Postdocs der Osteuropäischen Geschichte und Slavistik, ist aber auch Interessierten aus der allgemeinen Geschichte zugänglich. Es dient zum einen der vertieften Auseinandersetzung mit Masterarbeiten und Dissertationen, die in der Abteilung für Osteuropäische Geschichte entstehen. Zum anderen eröffnet das Kolloquium die Möglichkeit, sich mit Forschungsprojekten von Osteuropahistorikern anderer Universitäten vertraut zu machen und sich an aktuellen Forschungsdebatten zu beteiligen. An das Forschungskolloquium schließt sich fakultativ immer noch ein geselliger Teil mit dem Kolloquiumsgast und allen Interessierten in einem nahe gelegenen Lokal an.
Hauptseminar: Imperiale Expansion: Das Zarenreich und Nordamerika im Vergleich, ca. 1700-1917 (HIS LSF)
Prof. Dr. Ricarda Vulpius und Prof. Dr. Heike Bungert
Mi. 12-14 Uhr
Seit dem 18. Jahrhundert steigen das Zarenreich und Nordamerika (seit 1776: USA) kontinuierlich zu „großen Mächten“ auf, bis sie im 20. Jahrhundert als sogenannte Supermächte gelten, einen Status, den nicht nur die USA, sondern auch die Russländische Föderation heute noch gern für sich beanspruchen möchte, letztere primär durch Expansionskriege.
Das Hauptseminar vergleicht einerseits die imperiale Expansion des Zarenreichs und der unterschiedlichen Nationen in Nordamerika (insbesondere Großbritanniens und der USA) und berücksichtigt andererseits auch die Verflechtungsgeschichte der beiden Imperien bei ihrer Expansion (gerade auch bei der Abwehr konkurrierender Interessen in Alaska).
Dabei werden Methoden der Expansion und Absicherung genauso im Fokus stehen wie die Rolle staatlicher und halbstaatlicher Akteure, Infrastrukturprojekte zur Durchdringung (Eisenbahn), Landnahme und juristische Kodifizierung von Territorien, Bevölkerungspolitiken und Siedlerkolonialismus, Umgang mit Rechtspluralismus in Grenzräumen bzw. Kontaktzonen und Borderlands, Umweltveränderung und imperiale Ökologie, die wirtschaftliche Logik der Expansion sowie insbesondere der Umgang mit Indigenen und ihrem Widerstand und das eigene imperiale Selbstverständnis (russländischer und amerikanischer Exzeptionalismus).
Studienleistung: Regelmäßige Teilnahme (max. 2x Fehlen), wöchentliche Lektüre, eigenständige Stundengestaltung in Kleingruppe mit Präsentation
Prüfungsleistung: Hausarbeit oder MAP
Literatur: Stephen Aron, The American West: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2015; Jane Burbank/Frederick Cooper, Empires in World History: Power and the Politics of Difference. Princeton/Oxford: Princeton University Press, 2010; Adam Burns, American Imperialism: The Territorial Expansion of the United States, 1783–2013. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2017; Susi K. Frank, „Innere Kolonisation und Frontier-Mythos: Räumliche Deutungskonzepte in Russland und den USA“, in: Osteuropa 53/11 (2003), 1658-75; Andreas Kappeler, Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München: Beck, 1992; Steve Sabol, “The Touch of Civilization”: Comparing American and Russian Internal Colonization. Boulder, CO: University Press of Colorado, 2017; Ricarda Vulpius, Die Geburt des Russländischen Imperiums. Herrschaftskonzepte und -praktiken im 18. Jahrhundert. Köln: Böhlau, 2020.
Masterseminar: Leibeigenschaft im Zarenreich des 19. Jahrhunderts. Forschendes Lernen (HIS LSF)
Prof. Dr. Ricarda Vulpius
Di. 14-16 Uhr
Was bedeutete es, im Zarenreich leibeigen zu sein? Welche Handlungsspielräume, welche Zwänge und Vorstellungen prägten das Leben der Leibeigenen? Und wie lassen sich diese historisch fassen – jenseits administrativer und juristischer Quellen? Im Rahmen dieses Seminars begeben wir uns auf eine forschende Spurensuche nach den Erfahrungen, Alltagspraktiken und Wahrnehmungen von Leibeigenen im Russländischen Reich im 18. und 19. Jahrhundert.
Das Seminar folgt dem Konzept des Forschenden Lernens: In einer ersten, einführenden Phase erarbeiten wir gemeinsam die historischen Grundlagen der Leibeigenschaft sowie theoretische Zugänge zu Herrschaft, Abhängigkeit und Untertanenschaft, auch im Vergleich zu Sklaverei. Anschließend widmen sich die Teilnehmenden individuell und in Gruppenarbeit einem selbst gewählten Forschungsprojekt. Im Mittelpunkt stehen dabei Ego-Dokumente – Briefe, Bittschriften, Tagebücher, gerichtliche Zeugenaussagen oder auch literarische Texte – in denen Leibeigene selbst zu Wort kommen oder ihre Perspektiven zumindest ansatzweise greifbar werden.
In der Forschungsphase analysieren die Studierenden diese Quellen selbstständig, entwickeln Fragestellungen und interpretieren die Texte im historischen Kontext. Unterstützt werden sie durch gemeinsame Werkstattgespräche und individuelles Feedback. In der abschließenden Präsentationsphase stellen die Teilnehmenden ihre Ergebnisse zur Diskussion und reflektieren sowohl methodische Herausforderungen als auch theoretische Erkenntnisse.
Das Seminar bietet die Möglichkeit, selbst historische Forschung zu betreiben – mit dem Ziel, nicht nur Wissen über Leibeigenschaft und Autobiographik zu erwerben, sondern den gesamten Forschungsprozesses im Seminar zu durchlaufen. Russischkenntnisse sind hilfreich, aber nicht zwingend erforderlich. Die meisten Quellen liegen in Übersetzung vor.
Studienleistung: Regelmäßige Teilnahme (max. 2x Fehlen), umfangreiche wöchentliche Lektüre, selbständige Recherche im Sinne des Forschenden Lernens; Präsentation und Gestaltung einer Seminarsitzung
Prüfungsleistung: Hausarbeit oder MAP
Literatur: Richard Hellie: Enserfment and Military Change in Muscovy. Chicago 1971; David Moon: The Abolition of Serfdom in Russia 1762–1907. Harlow 2001; Tracy Dennison: The Institutional Framework of Russian Serfdom. Cambridge 2011; Julia Herzberg/Christoph Schmidt (Hg.): Vom Wir zum Ich. Individuum und Autobiographik im Zarenreich. Köln 2007; Julia Herzberg: Gegenarchive. Bäuerliche Autobiographik zwischen Zarenreich und Sowjetunion. Bielefeld 2013.
Masterübung: Einführung in die osteuropäische Geschichte I Geschichte Teil 1: Strukturgeschichtliche Zugänge zum Russländischen Reich (15.-20. Jh.) (HIS LSF)
Prof. Dr. Ricarda Vulpius
Di. 16-18 Uhr
In Debatten der „allgemeinen“ Geschichte wird Osteuropa als Geschichtsregion oft außen vor gelassen. Zu Unrecht! Während sich der zweite Teil der Übung im SoSe 2026 mit strukturellen Grundlagen der Geschichte der Ukraine befassen wird, adressiert dieser erste Teil die Strukturmerkmale des Moskauer Großfürstentums, Russlands und des Russländischen Imperiums.
Der Lektürekurs wird einerseits die enge Verflechtung Ost- und Westeuropas deutlich machen, andererseits aufzeigen, wo wesentliche Unterschiede zur Entwicklung West- und Ostmitteleuropas zu finden sind (Herrschaftsbildung, Stände, Adel, Absolutismus, Bürgertum, Agrarverfassung, Aufklärung, Gesellschaft, Religionen, Industrialisierung u.a.).
Die Teilnahme am ersten Teil der Übung ist auch ohne eine Belegung des zweiten Teils möglich.
Studienleistung: Regelmäßige Teilnahme (max. 2x Fehlen), wöchentlich verpflichtende Lektüre, Gruppenarbeit und Kurzpräsentationen
Prüfungsleistung: abhängig von den gewünschten ECTs (ggf. Kurzhausarbeit)
Literatur: Andreas Kappeler: Russische Geschichte. München 2022 (Beck’sche Reihe).
Übung: Humanitäre Hilfe im 20. Jahrhundert: Geschichte, Akteure, Dilemmata (HIS LSF)
Dr. Vitalij Fastovskij
Di. 14-16 Uhr
In der Übung beschäftigen wir uns mit der Entwicklung der internationalen humanitären Hilfe im 20. Jahrhundert. Wir fragen nach der Abgrenzung des Humanitarismusbegriffs von anderen Formen der Hilfeleistung, werfen Schlaglichter auf historische Schlüsselmomente wie den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1917, den Zweiten Weltkrieg und die Frühphase des Kalten Kriegs und betrachten die Entwicklung internationaler Organisationen. Wir befassen uns mit geschlechtskritischen und anderen neueren Ansätzen in der Humanitarismusforschung.
Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zur regelmäßigen Lektüre anspruchsvoller, auch englischsprachiger Texte.
Übung: Verflechtung, Zirkulation, Transfer: Grenzüberschreitende Ansätze in der Geschichtswissenschaft (HIS LSF)
Dr. Vitalij Fastovskij
Di. 10-12 Uhr
In der Übung werden am Beispiel Osteuropas geschichtswissenschaftliche Ansätze diskutiert, die fixe geografische und kulturelle Abgrenzungen infrage stellen. Wie lässt sich die Verflechtung einzelner Regionen untersuchen? Wie zirkulieren Waren und Ideen? Welche Bedeutung kommt mobilen Akteuren zu? Und schließlich: Welchen Beitrag kann die Geschichtswissenschaft zu heutigen Globalisierungsdebatten leisten?
Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zur regelmäßigen Lektüre anspruchsvoller Texte.
Übung: Russisch für Historiker: Autokratie in Russland. Entstehung, Krise und Wiederherstellung (15. Jh. bis 17. Jh.) (HIS LSF)
Thomas Busch
Di. 18-20 Uhr
Die Übung beschäftigt sich mit Entstehung, Krise und Wiederherstellung der Autokratie in Russland im Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Nachdem die Moskauer Großfürsten, besonders unter Ivan III., Vassilij III. und Ivan IV., dessen Beiname nicht ganz korrekt mit „der Schreckliche“ übersetzt wurde und wird, die Autokratie schließlich durchgesetzt wurde, folgte auf den Tod des letzteren die Zeit der Wirren. Durch die Begründer der Romanow-Dynastie konnte die Autokratie wiederhergestellt werden. Sie währte dann bis zu den Revolutionen von 1917 ohne substanzielle Einschränkungen oder Zugeständnisse. Es soll u. a. der Frage nachgegangen werden, welche Faktoren ihre Entwicklung und ihre schließlich dauerhafte Einrichtung beeinflussten.
Soweit diese Teilnehmer in der Übung funktionale Sprachkenntnisse gem. Studienordnung nachweisen wollen, sind Grundkenntnisse des Russischen (nicht nur des Alphabets) erforderlich. Allen anderen Teilnehmern ohne entsprechende Sprachkenntnisse steht unabhängig davon die Möglichkeit eines allgemeinen Leistungsnachweises offen.
Literatur zur Einführung: Hildermeier, M.: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, München 2013, dort der fünfte und sechste Teil; für Jörg Baberowski (Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich, München 2024) beginnen Zarenreich und Selbstherrschaft erst mit Peter I.; daher von Belang allenfalls die Seiten 11-24 u. 27-33.
Übung: Deutsch-polnische Erinnerungsorte vom Mittelalter bis in die Neuzeit (HIS LSF)
Martin Koschny
Fr. 12-14 Uhr
Seit den 1990er Jahren zählt der Begriff des „Erinnerungsorts“ zu den prägenden Konzepten geschichtswissenschaftlicher Forschung. Dabei ist der Begriff bewusst metaphorisch gefasst: Erinnerungsorte sind nicht allein geographisch fixierte Plätze, sondern können ebenso immaterieller Natur sein – etwa Ereignisse, Persönlichkeiten, Institutionen, Begriffe oder kulturelle Werke. Als verdichtete Symbole kollektiver Erinnerung sind sie über Generationen hinweg in gesellschaftliche, kulturelle und politische Kontexte eingebunden.
Die Übung setzt sich zum Ziel, das Konzept des Erinnerungsorts kritisch zu reflektieren und auf seine heuristische Tragfähigkeit hin zu überprüfen. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte gelegt – von der mittelalterlichen Nachbarschaft über die polnischen Teilungen bis hin zu den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Die gemeinsame Geschichte Deutschlands und Polens ist durch Nähe, Austausch und Konflikt geprägt – nicht selten sind ihre materiellen Zeugnisse dieselben, während ihre erinnerungskulturelle Deutung stark divergiert. Anhand ausgewählter Fallbeispiele sollen in der Übung nicht nur Erinnerungsorte identifiziert und diskutiert werden, sondern auch unterschiedliche nationale Narrative sichtbar gemacht werden.
Das Seminar findet in Kooperation mit dem Westpreußischen Landesmuseum in Warendorf statt. In diesem Rahmen ist ein Besuch des Museums vorgesehen. Darüber hinaus wird ein Einblick in museale Formen der Geschichtsvermittlung und in die praktische Arbeit mit Erinnerungsorten gegeben – insbesondere im Hinblick auf Fragen der Ausstellungskonzeption, Sammlungspolitik und Geschichtskultur.
Neben der thematischen Arbeit wird besonderer Wert auf die Einübung grundlegender wissenschaftlicher Kompetenzen gelegt: Dazu gehören das strukturierte Lesen geschichtswissenschaftlicher Texte, ihre kritische Analyse sowie der sichere Umgang mit Konzepten der Erinnerungsforschung.
Literatur: Hahn, Hans Henning & Traba, Robert (Hg.), 20 Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Paderborn 2018; Wünsch, Thomas: Deutsche und Slawen im Mittelalter. Beziehungen zu Tschechen, Polen, Südslawen und Russen, Münschen 2008.