Forschung

Unsere Forschungsinteressen reichen von den Folgen der europäischen Expansion für das Körper- und Krankheitsverständnis der Europäer, der Geschichte von materieller Kultur und Konsum, der Analyse historischer sozialer Netzwerke, der Geschichte von Familie, Verwandtschaft und Patenschaft, der ländichen Gesellschaft, der sozialen Ungleichheit bis hin zur Digitalen Geschichtswissenschaft. Auf dieser Seite stellen wir laufende und abgeschlossene Projekte näher vor.

  • Die europäischen Expansion und das Körper- und Krankheitsverständnis der Europäer

    Die Frühe Neuzeit war durch einen tiefgreifenden Wandel des Konsumverhaltens, der materiellen Kultur und der Wahrnehmung des menschlichen Körpers geprägt. Mit der langsamen Verwissenschaftlichung der frühmodernen Medizin veränderte sich der Blick auf den Körper des Menschen, dessen Grundstrukturen und –funktionen zunehmend besser verstanden wurden. Zugleich erfolgte im Zuge der Aufklärung ein Umdenken, das die Beschäftigung mit dem eignen Selbst und die Sorge um das Selbst in einen neuen Rahmen setzte und sowohl auf der individuellen als auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene aufwertete. Entscheidende Impulse gingen auch von der zunehmenden Verflechtung und Interaktion mit der außereuropäischen Welt aus, von Begegnungen mit fremden Kulturen, aber auch den Dingen und Materialien, die ihren Weg auf den europäischen Kontinent fanden. Die europäische Expansion der frühen Neuzeit führte zu Kontakten mit fremdem kulturellem, medizinischem und botanischem Wissen; zugleich stellte die wissenschaftliche Neugier und die Suche nach handelbaren Produkten einen wichtigen Impuls für die europäische Durchdringung der Welt dar. Die Entdeckung exotischer Pflanzen und Tiere, die Begegnung mit indigenem medizinischen Wissen und das Kosten fremder kulinarischer Diät waren Erfahrungen, die die europäischen Sphären des Wissens und der Wissensproduktion nachhaltig erschütterten. Viele dieser fremden Substanzen fanden ihren Weg nach Europa und initiierten Prozesse von Differenzierung und Kategorisierung, von Neuausrichtung bekannten Wissens – und damit von neuen Handlungsoptionen. Diese neuen Wissensformationen und ihre Bedeutung für das europäische Selbstverständnis nimmt das Projekt in den Blick.

  • DFG-Projekt: Konsumrevolution und Wandel des Konsums von Haushalten

    siehe hier

  • Soziale Lage unterbäuerlicher Schichten

    Die soziale Lage ländlicher Unterschichten ist abgesehen von einigen Ausnahmen, insbesondere der Forschung im Rahmen der Protoindustrialisierungsdiskussion, in der bisherigen Forschung wenig thematisiert worden. Dies gilt nicht nur für die deutsche, sondern weitgehend auch für die internationale Forschung. Jenseits von Armenfürsorge sind die Lebensverhältnisse und die Rolle des landlosen Teils der ländlichen Bevölkerung für die wirtschaftliche Entwicklung wenig untersucht. Die Relevanz dieser Frage ergibt sich u.a. daraus, dass die durch Arbeitsintensivierung getragenen landwirtschaftlichen Entwicklung längst vor den Agrarreformen eine wichtige Basis für die Beschleunigung des Bevölkerungswachstums und die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts darstellte. Meine Forschungen fokussieren auf drei Themenfelder: Erstens die sozialen Orte, in denen landlose Familien sich ansiedeln konnten. Damit sind sowohl geographische Räume gemeint – etwa landwirtschaftlich wenig attraktive Randlagen – als auch Nähe und Distanz der Wohnorte zu den bäuerlichen Arbeitgebern, die in manchen Settings auch als Vermieter von Wohnraum auftraten. Zweitens werden die Arbeitsbeziehungen zwischen Landlosen und den Bauern als wichtigsten Arbeitgebern in den Blick genommen. Diese waren entlang einer Linie angesiedelt, an deren Endpunkten um einen relativ enge, teilweise durch Reziprozität geprägte Patron-Klient-Beziehungen standen, zum anderen eine weitgehende Trennung persönlicher von marktförmigen Arbeitsbeziehungen. Beides hatte Implikationen für das lokale Machtgefüge, aber auch für die Fähigkeit, mit Krisen umzugehen. Drittens werden Entwicklungen von sozioökonomischen Strukturen untersucht, die Prozesse von Proletarisierung, aber auch Reagrarisierung umfassen können. Institutioneller und politischer Wandel wir auch Veränderungen von Märkten konnten Chancen öffnen und verschließen, etwa indem der Zugang zu Land andere Formen des Wirtschaftens erlaubten als die reine Abhängigkeit von bäuerlichen Arbeitgebern. Meine Arbeiten in diesem Forschungsfeld basieren auf der digitalen Erfassung und Auswertung von Bevölkerungslisten und weiteren Quellen, die mittelfristig durch die Aufbereitung in einer größeren Datenbank der Forschung zugänglich gemacht werden. Inhaltlich verfolge ich die Frage nach den Ursachen unterschiedlicher Entwicklungspfade, wie erste Untersuchungen sie für verschiedene Regionen nachweisen konnten.

  • Familie, Verwandtschaft und soziale Netzwerke

    Der Forschungsschwerpunkt untersucht familiäre Strategien und die Konstruktion sozialer Netzwerke in westfälischen Gemeinden. Die vergleichend angelegte Mikrostudie hat intergenerationelle Res-sourcentransfers, bäuerliches Heiratsverhalten und die Netzwerkstrukturen lokaler Ge-sellschaften in zwei ländlichen Kirchspielen in den Blick genommen. Wichtige Ergebnisse waren erstens die Relativierung der These einer ‚ländlichen Klassengesellschaft‘ durch den Nachweis einer zumindest in einem der untersuchten Kirchspiele ausgeprägten sozialen Vernetzung über Schichtengrenzen hinweg. Ein zweites zentrales Ergebnis betrifft die Identifizierung bäuerlicher und unterbäuerlicher Familienstrategien, die jenseits empirisch kaum nachgewiesener Konzepte wie der ‚patriarchalen Stammfamilie‘ ausgeprägte Vorstellungen von inter- wie intragenerationeller Gerechtigkeit deutlich werden ließen. Familien entwickelten situationsangepasste Lösungen und strebten einen innerfamiliären Interessensausgleich an, orientierten sich entgegen der in der älteren Forschung etablierten Sicht jedoch nur wenig an traditionellen Verfahrensweisen. Drittens konnte gezeigt werden, dass die an historischem Material noch kaum erprobte formale Analyse sozialer Netzwerke sich auch für eine Untersuchung historischer Gesellschaften erfolgreich heranziehen lässt und durch die Anwendung innovativer Methoden wie der formalen Netzwerkanalysen deutlich über den bisherigen Stand der Forschung hinausgehende Ergebnisse erzielt werden können.

  • Digitale Geschichtswissenschaften – Methoden für eine innovative historische Forschung

    Bereits in der Dissertation bildete die Anwendung geeigneter Wege der Datenaufnahme, Datenerfassung und der Verknüpfung von Informationen aus disparaten Quellenbeständen die Grundlage für detaillierte und methodisch anspruchsvolle Analysen. Neben der Anwendung gängiger statistischer Methoden habe ich formelle Netzwerkanalysen durchgeführt, und mich dabei auf verschiedene Ansätze innerhalb der sozialen Netzwerkforschung gestützt. Dabei sind sowohl gut eingeführte Verfahren der Netzwerkanalyse zum Einsatz gekommen, als auch stark spezialisierte Verfahren, die etwa eine Untersuchung genealogischer Daten erlauben. Die Visualisierung erzielter Resultate gehört ebenfalls zu den angewandten Methoden, die sich besonders für die Darstellung von Netzwerkanalysen eignen. Auf diesem Weg konnte ich aufzeigen, dass die an historischem Material noch kaum erprobte formale Analyse sozialer Netzwerke sich auch für eine Untersuchung historischer Gesellschaften erfolgreich heranziehen lässt. Im Umfeld des Forschungsfeldes zur materiellen Kultur werden neben den in der Dissertation entwickelten Verfahren der Datenerhebung, der Erfassung und Verknüpfung von Quellen in relationalen Datenbanken auch innovative Methoden der digitalen Texterfassung und –analyse erprobt. Die im Rahmen des DFG-Projekts „Konsumrevolution und Wandel des Konsums von Haushalten in Nordwestdeutschland, 16.-19. Jh“ erhobenen handschriftlichen Nachlassinventare eignen sich gut, um die Leistungsfähigkeit von HRT-Systemen (Handwritten Text Recognition) zu testen und die Erfassung von handschriftlichen Massenquellen einer digitalen Aufbereitung zugänglich zu machen. Die Entwicklung entsprechender Systeme erfordert Erprobungen und qualifizierte Rück-meldungen durch die Anwender, um die Zuverlässigkeit der Texterkennung zu verbessern.