Nathalie Becquart über die Weltsynode als einen „ökumenischen Prozess“

Rückblick auf die Ökumenische Gastvorlesung 2026
Nathalie Becquart während der Ökumenischen Gastvorlesung am 26. Januar 2026 in Münster
© KTF | David Kulke

Die Weltsynode (2021–2024) der römisch-katholischen Kirche sei ein bedeutender Meilenstein für die Ökumene und habe neue Wege für die Einheit der Kirchen eröffnet. So stellt Nathalie Becquart XMCJ in ihrer auf Englisch gehaltenen Ökumenischen Gastvorlesung am 26. Januar 2026 im Blick auf das Abschlussdokument der Weltsynode und ihre Erfahrungen als Untersekretärin des Generalsekretariats der Bischofssynode heraus. Becquart betont im Anschluss an Papst Franziskus, dass der Synodale Weg der römisch-katholischen Kirche ökumenisch sein müsse und die Ökumenische Bewegung synodal. Das Potential von Synodalität für die Ökumene bestehe in einem vertieften Verständnis von Gemeinschaft, über den Dialog hinausgehende konkrete Zusammenarbeit sowie die Erfahrung der (geistlichen) Unterscheidung in Gemeinschaft (discernment in common). Synodalität und Ökumene seien bedingt durch die gleichen spirituellen Haltungen des Zuhörens und Lernens, der Begegnung und des Austauschs von Gaben. Beide seien ein hermeneutischer Prozess, um eine Sprache für Erfahrungen zu finden, die über das in Worte Fassbare hinausgeht. Dafür sei eine Haltung der Demut und eine Gegenseitigkeit von Bedeutung, die begründet ist in der gemeinsamen Würde aller Getauften, noch vor jeder Unterscheidung im Dienst. Becquart stellt heraus, dass die Teilnahme von Delegierten anderer christlicher Konfessionen an der Weltsynode ein großer Gewinn gewesen sei. Schon das Konzil von Nizäa 325 n. Chr. habe einen synodalen Weg der Kirche eingeleitet und erinnere diese an ihre Rolle in der Welt, für die Bewahrung der Schöpfung einzustehen, nach Frieden zu streben und Zeugnis abzulegen für Hoffnung und Veränderung.

An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. In dieser wurde vor allem die unzureichende Beteiligung von Frauen an den Entscheidungen in der Kirche problematisiert. Auch wurde danach gefragt, wie die theologische Forschung zur Teilhabe von Frauen an allen Diensten und Ämtern in der Kirche in der Bischofssynode mehr Gehör finden könnte.

Nathalie Becquart, Untersekretärin des Generalsekretariats der Bischofssynode im Vatikan
© Nathalie Becquart

Die französische Theologin Nathalie Becquart (*1969) ist Mitglied der Xavière Schwestern, einem in Frankreich gegründeten ignatianisch inspirierten Ordensinstitut. Ihre Ernennung zur Untersekretärin der Bischofssynode durch Papst Franziskus am 6. Februar 2021 war ein vielbeachteter und historischer Vorgang, da dadurch erstmals eine Frau Stimmrecht in der Synode erhielt. Im Dezember 2021 wurde sie auch zum Mitglied des Dikasteriums für Kommunikation ernannt. Während ihrer Arbeit an der Synode über Synodalität (2021–2024), die sich derzeit in der Umsetzungsphase befindet, hat sie sich besonders für die ökumenische Dimension des synodalen Prozesses engagiert. Sie gilt als einflussreichste Frau im Vatikan, deren öffentlichen Äußerungen viel Gewicht beigemessen wird. Ihre vielbeachtete Absage an die Weihe von Frauen im Dezember 2022 stieß im deutschsprachigen Katholizismus auf erhebliche Kritik.

1992 erwarb sie einen Master in Entrepreneurship von der renommierten École des hautes études commerciales (HEC) in Paris. Sie trat 1995 den Xavière Schwestern bei und legte dort 2005 ihre ewigen Gelübde ab. 2006 erlangte sie kanonische Bachelor-Abschlüsse in Philosophie und Theologie am Centre Sèvres (heute: Facultés Jésuites de Paris) in Paris, die sie um soziologische Studien an der Pariser Elite-Hochschule École des hautes études en sciences sociales (2004-2006) ergänzte. Von 2019 bis 2020 spezialisierte sie sich an der Boston College School of Theology and Ministry auf Ekklesiologie und forschte zum Thema Synodalität.

25 Jahre lang war sie intensiv in der Jugendpastoral engagiert und fungierte von 2012 bis 2018 als Direktorin des Nationalen Dienstes für die Evangelisierung der Jugend und Berufungen der französischen Bischofskonferenz. Sie nahm 2018 als Beobachterin an der Jugendsynode teil und wurde im Mai 2019 Beraterin des Generalsekretariats der Bischofssynode bevor sie dann 2021 in den Vatikan wechselte.

Die Ökumenische Gastvorlesung wird jedes Jahr traditionell am Montag der Gebetswoche für die Einheit der Christen (18. bis 25. Januar) gemeinsam vom Ökumenischen Institut der Katholisch-Theologischen Fakultät und dem Institut für Ökumenische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät ausgerichtet. Aus terminlichen Gründen musste die Gastvorlesung 2026 um eine Woche nach hinten verlegt werden. Die Einladung der Gastredner:in und die federführende Organisation der Gastvorlesung erfolgt immer im Wechsel zwischen den beiden Instituten. 2026 liegt diese beim Ökumenischen Institut, das sich in diesem Jahr bewusst dazu entschlossen hat, eine Frau als Gastrednerin einzuladen.

Eine unvollständige Übersicht über die früheren Ökumenischen Gastvorlesungen findet sich auf einer eigenen Seite des Ökumenischen Instituts.