Im historischen Zentrum von Münster, vor dem historischen Kiepenkerl-Denkmal, trafen sich an einem Donnerstagnachmittag in weihnachtlicher Atmosphäre drei brasilianische Forschende aus exzellenten Forschungseinrichtungen auf dem Weihnachtsmarkt in Münster: Prof. Dr. José Carlos Vaz, Universität São Paulo (USP); Prof. Dr. Ana Larissa Marciotto Oliveira, Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG); sowie Prof. Dr. Daniel Villela, Fundação Oswaldo Cruz (Fiocruz). Alle drei sind Inhaber des Brazil Chair, der vom Brasilien-Zentrum der Universität Münster koordiniert und von der dem brasilianischen Bildungsministerium zugeordneten Förderagentur CAPES (Stiftung zur Förderung der Hochschulbildung) finanziert wird.
Prof. Dr. Vaz, seit 2024 Gastwissenschaftler am Institut für Politikwissenschaft unter der Betreuung von Prof. Dr. Norbert Kersting, ist der dienstälteste Inhaber des Brazil Chair und befindet sich gegen Ende seines dritten Aufenthalts. Er betrachtet die Stadt mit dem aufmerksamen Blick eines auf Public Policy Management spezialisierten Forschers, der sich im Rahmen des Brazil Chair mit dem Thema „Smart Cities und Online-Partizipation“ befasst, und berichtet von seiner Bewunderung für die Stadt und die Universität. Zu den Ergebnissen seines Aufenthalts zählt eine Webinar-Reihe zur Zukunft der Online-Partizipation in Smart Cities – eine Initiative, die eine Brücke zwischen Lateinamerika und Europa geschlagen und den Austausch über Instrumente der Online-Partizipation, künstliche Intelligenz, Technologie und Dominanz gefördert hat. Aus dieser Initiative ging zudem das Policy Brief „Künstliche Intelligenz für Partizipation“ hervor.
Prof. Dr. Oliveira, Brazil-Chair-Inhaberin am Institut für Kommunikationswissenschaft mit Prof. Dr. Julia Metag als Gastgeberin, widmet ihren Aufenthalt in Münster der Forschung zum Thema “The New Limits of the Sayable in Political Discourse: The Language of Conflict as a Challenge to Pluralistic Societies”. Begeistert von der Schönheit Münsters erklärt die Professorin, die sich in der Mitte ihres Aufenthalts befindet, dass sich das Leben in der Stadt „wie in einem Märchen“ anfühle. Bei Spaziergängen über den Weihnachtsmarkt – einem traditionellen Ort, dem sie zwischen ihren Aufgaben als Gastprofessorin täglich einen Rundgang widmet – bringt sie ihre tiefe Zuneigung zur Stadt zum Ausdruck, die sie seit ihrer Ankunft im Februar 2025 empfindet.
Kurz darauf stößt Prof. Dr. Villela zur Gruppe, der jüngste Inhaber des Brazil Chair und Forscher an der Fiocruz (Fundação Oswaldo Cruz), die zugleich die neueste Partnerinstitution der Universität Münster ist. Er befindet sich am Anfang seines Aufenthalts, der vor weniger als zwei Monaten begonnen hat. Empfangen wird er sowohl vom Institut für Wirtschaftsinformatik durch Prof. Dr. Bernd Hellingrath als auch vom Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin durch Prof. Dr. André Karch. Während seines Aufenthalts widmet er sich der Forschung zum Thema “Modeling the Dynamics of Infectious Diseases for Epidemiological Management” und wird darüber hinaus am Interdisciplinary Center for Modeling Infectious Diseases (IMMIDD) tätig sein, dem beide Gastgeber angehören.
Über Grenzen hinweg: interdisziplinäre Partnerschaften zwischen Brasilien und Münster
Nicht nur das Herkunftsland und ihre Position als Gastprofessor*innen verbinden die drei, sondern ebenso das gemeinsame Engagement, die Zusammenarbeit zwischen Brasilien und Münster weiter zu vertiefen und auszubauen. Während des Treffens tauschen die Wissenschaftler ihre Perspektiven zu akademischen Kooperationen, Interdisziplinarität, der Stärkung der Beziehungen zwischen Partnerinstitutionen sowie – selbstverständlich – zu interkulturellen Fragestellungen aus, insbesondere zu jenen im Zusammenhang mit Weihnachtstraditionen.
Prof. Oliveira hebt beispielsweise die Freude hervor, die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Forschenden der Universität Münster zu haben: „Es ist unser Anspruch, einen echten Austausch zu ermöglichen – es ist Wissensaustausch“, und ergänzt: „Es bedeutet, Partnerschaften mit Partnern einzugehen – eine sehr große Chance zur Interaktion.“ Die Linguistik-Expertin vertieft dabei nicht nur Kooperationen in ihrem eigenen Fachgebiet, sondern richtet ihren Blick zugleich auf den Ausbau interdisziplinärer Netzwerke und steht parallel in Kontakt mit Forschenden weiterer Institute, etwa des Instituts für Erziehungswissenschaft und des Instituts für Politikwissenschaft. Besonders interessiert zeigt sie sich an neuen Perspektiven auf ihr Forschungsthema, die sich aus anderen Blickwinkeln und Disziplinen ergeben – und die für sie die Möglichkeit neuer Horizonte und Fragestellungen in Bezug auf ihr Forschungsfeld eröffnen.
Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und des zunehmenden Einsatzes künstlicher Intelligenz bringt Prof. Vaz seine Vertrautheit mit interdisziplinären Ansätzen zum Ausdruck: „Ich komme aus einem interdisziplinären Umfeld und kann zur Universität Münster beitragen. Der Brazil Chair ist eine Investition, die sich durch Interdisziplinarität vervielfacht.“ Gegen Ende seiner Chair-Inhaberschaft verband der Forscher sein Interesse daran, weiterhin Wissen zu Themen zu erarbeiten, die relevante Diskussionen für und mit der Gesellschaft tragen – etwa der bewusste Einsatz, Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz in Smart Cities – mit der Möglichkeit des Austauschs mit Forschenden aus anderen Regionen. Dadurch gewann er neue Perspektiven und förderte den wissenschaftlichen Fortschritt hin zu neuen Entwicklungen durch Zusammenarbeit und Innovation. „Der Austausch ist sehr wichtig, damit wir in neuen Bereichen vorankommen können“, betont der Professor.
Dieses Thema erweist sich als wiederkehrend, da auch für Prof. Villela das Interesse an Partnerschaften im Rahmen seines Aufenthalts in Münster im Vordergrund steht. Er beschreibt das „Interdisciplinary Center for Modeling Infectious Diseases" (IMMIDD) der Universität Münster als einen Ort, der unterschiedliche Forschungsprofile unter einem Dach vereint. Im Rahmen der Chair-Ausschreibung ausgewählt und mit einem Forschungsthema betraut, das in den vergangenen Jahren durch die COVID-19-Pandemie erheblich an Bedeutung gewonnen hat, hebt der Professor die sehr gute Einbindung in die Forschungsgruppen der Universität Münster hervor. Zudem unterstreicht er die realistische Perspektive einer langfristigen Zusammenarbeit zwischen der Universität Münster und brasilianischen Institutionen – in seinem Fall der Fundação Oswaldo Cruz (Fiocruz).
Inmitten des Dufts von Glühwein und der weihnachtlichen Atmosphäre spiegeln die Gespräche die unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Fachrichtungen wider. Trotz ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Wissensgebieten teilen alle eine ähnliche Auffassung von der großen Bedeutung des Brazil Chairs. Indem sie den Ausführungen der Kolleg*innen während unterschiedlicher Phasen des Chairs aufmerksam zuhören, erweitert sich der Blick auf den eigenen Aufenthalt über den rein akademischen Rahmen hinaus – hin zur Verantwortung, die brasilianische Wissenschaft zu repräsentieren, sowie zu einer erneuerten und gestärkten Rückkehr in den brasilianischen Wissenschaftskontext.
Nachwuchswissenschaftler*innen fördern, Teamarbeit und gesellschaftlicher Impact
Ein Aspekt verbindet die Chair-Inhaber dabei in besonderer Weise im Hinblick auf die Förderung der nächsten Generation von Forschenden: die Möglichkeit, brasilianische Nachwuchswissenschaftler*innen an den Beginn ihrer Karriere einzubinden und in das Team des Brazil Chair zu integrieren. Für Prof. Vaz betont den Aspekt des Programms, dass Teamarbeit maßgeblich zur Qualität der Arbeit im Rahmen des Brazil Chair beiträgt. Sie bietet jungen Forschenden die Gelegenheit, ihre Forschung zu vertiefen, getragen von einem eigenen Netzwerk sowie mit der Chance, ihre Kontakte individuell und kollektiv zu erweitern, ihre Forschung vorzustellen und Brücken zu anderen Universitäten zu schlagen.
Auch Prof. Villela, der sein Chair-Team noch nicht zusammengestellt hat, äußert in diesem Zusammenhang seine Erwartungen an die Zusammenarbeit im Team und stimmt zu: „Es sind vereinte Anstrengungen – die Summe und Ergänzung der einzelnen Teile.“ Er beschreibt diese Möglichkeit als notwendige Kraft, um internationale Kooperationen aufzubauen und zu festigen. Für ihn bringen gemeinsame Anstrengungen von Forschenden auf unterschiedlichen Karrierestufen eine organische und nachhaltige Arbeitsweise in den Brazil Chair, die die wissenschaftliche Forschung stärkt.
Prof. Dr. Oliveira schließt sich dieser Einschätzung an und verweist auf die Schwierigkeiten, mit denen junge Forschende beim Einstieg in Forschungskontexte außerhalb ihres Herkunftslandes konfrontiert sind. Eines der Ergebnisse ihrer Chair-Inhaberschaft, das E-Book „Digital Language, Gender and Democracy in Brazil“, sei – so die Professorin – ohne die Forschenden, die sie im Rahmen des Brazil Chair begleiten, nicht realisierbar gewesen. Prof. Vaz stimmt dem zu und verweist auf das Policy Brief als eines der Ergebnisse der Arbeit seines Teams während des Aufenthalts. Dieses befasst sich mit aktuellen und potenziellen Anwendungen künstlicher Intelligenz in Prozessen politischer Partizipation und demokratischer Governance in Smart Cities. Die Professor*innen betonen zudem, dass die Ergebnisse des Brazil Chair – wie sowohl das E-Book als auch das Policy Brief – Produkte mit einer klaren gesellschaftlichen Funktion seien, da sie wissenschaftliches Wissen für ein nicht spezialisiertes Publikum zugänglich machen. Auch in diesem Zusammenhang äußert Prof. Villela seine Erwartungen an die vielfältigen Möglichkeiten der Produktion im Rahmen des Brazil Chair, etwa durch Lehrtätigkeiten, Wissenschaftskommunikation oder den Aufbau eines Netzwerks mit anderen Forschenden.
Darüber hinaus tauschen die Chair-Inhaber ihre Erfahrungen zu ihren persönlichen Lieblingsmomenten außerhalb der Arbeit aus. Mit viel gutem Lob für Münster sind sie sich einig über die besondere weihnachtliche Atmosphäre der Stadt: Sie ist magisch. „Ich liebe Glühwein“, erklärt Prof. Oliveira, während die Kollegen die Nähe zwischen Brasilien und Münster anhand des heißen Weins hervorheben. Auch Winterfeste in einigen Regionen Brasiliens erinnern an den Weihnachtsmarkt in Münster – Traditionen, die möglicherweise im Zuge verschiedener Migrationsbewegungen entstanden sind und die Multikulturalität Brasiliens widerspiegeln. Prof. Vaz und Prof. Oliveira berichten zudem von ihrer Begeisterung über die Veranstaltung Münster singt 2025 (Münster singt – 2025), einem traditionellen Event der Stadt, an dem sie kürzlich teilgenommen haben. Dabei versammelt sich die Stadt auf dem Domplatz, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen – ein unvergessliches und typisches Münsteraner Erlebnis. Prof. Villela erinnert sich an eine weitere Erfahrung desselben Tages, seinen Besuch des Weihnachtsmarktes in Köln. Erfahrungen wie diese verdeutlichen, dass der Brazil Chair neben seiner wissenschaftlichen Facette eine nicht zu unterschätzende interkulturelle Facette besitzt, die den Aufenthalt der brasilianischen Forschenden in der Stadt nachhaltig bereichert.
Das gleichzeitige Zusammentreffen dreier herausragender Professor*innen in unterschiedlichen Phasen ihres Aufenthalts im Rahmen des Brazil Chair in Münster bietet eine einzigartige Gelegenheit, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Herausforderungen wissenschaftlicher Zusammenarbeit in verschiedenen Fachbereichen zu beobachten.
Mit dem Kiepenkerl*, der historischen deutschen Figur, teilen die drei Forschenden dabei nur eines: das Überschreiten von Grenzen. In diesem Fall jedoch geschieht dies, um den wissenschaftlichen Fortschritt durch Kooperation zu fördern und Netzwerke durch den Austausch von Erfahrungen, Wissen und gelebter Praxis zu erweitern.
*Der Begriff Kiepenkerl bezeichnete früher die wandernden Händler in der Region Westfalen seit dem 15. Jahrhundert. Diese Kaufleute überschritten Grenzen und zogen in andere Städte, um unterschiedliche Waren zu verkaufen – überwiegend Lebensmittel.