(B11) Kaiser und Patriarch in Byzanz – eine spannungsreiche Beziehung

Kaiser Johannes II. stiftet an die Hagia Sophia
Foto: Michael Grünbart
Ziel des Projektes ist es, die öffentlichen Funktionen des orthodoxen Kirchenoberhauptes im byzantinischen Reich herauszuarbeiten beziehungsweise sein Wirken im politischen Alltag neu zu bewerten. Gerade ab der mittelbyzantinischen Zeit (ab dem 9. Jahrhundert) ist ein Erstarken der patriarchalen Macht festzustellen. Wie das Kaisertum wurde auch das Patriarchenamt nie in Frage gestellt, wenngleich bei letzterem eine höhere Fluktuation festzustellen ist. Der Kaiser stand als Stellvertreter Christi auf Erden über den kirchlichen Oberhäuptern und konnte aus diesem Grund auch immer in kirchliche Belange eingreifen. Spätestens ab Photios (9. Jahrhundert) entwickelte sich der orthodoxe Oberhirte zu einer selbstverständlichen „innenpolitischen“ Größe, die sich dem Kaiser auch entgegenstellen konnte.
Unumgänglich war der Patriarch vor allem bei Akten wie der Kaiserkrönung geworden. Diese Handlung seitens des kirchlichen Oberhaupts bildete zwar keine staatsrechtliche Notwendigkeit, doch im zeremoniellen Ablauf und in der öffentlichen Wahrnehmung ein nicht wegzudenkendes Erfordernis zur Legitimation. Besonders deutlich wurde dies bei Usurpatoren, die nicht nur die kaiserlichen Insignien an sich rissen, sondern auch zur Krönung durch den Patriarchen drängten. Kirchenmänner durften an sich keine weltlichen Funktionen übernehmen, doch wurden sie vermehrt in Regierungsgeschäfte mit einbezogen. Insbesondere war das bei der Einrichtung von Regentschaftsräten der Fall, wo Patriarchen auch als Beschützer von noch minderjährigen Thronfolgern agieren konnten. Hin und wieder leitete ein Patriarch auch die Staatsgeschäfte (Nikolas Mystikos, 10. Jahrhundert).
Sichtbare Macht- und Spielräume

Die Hagia Sophia in Konstantinopel – Schnittpunkt kirchlicher und imperialer Macht
Foto: Michael Grünbart
Spannungen entstanden vor allem dann, wenn sich ein Kaiser vor dem Hintergrund moralischer Verfehlungen gegen den Patriarchen durchsetzen wollte. Dabei wurden die Macht- und Spielräume auch praktisch sichtbar. Dem Kaiser konnte der Zugang in die Hagia Sophia, dem von der Geistlichkeit dominierten Raum, verwehrt werden. Dieser Raum war die öffentliche Bühne, wo auf subtile Weise um den Vorrang gerungen werden konnte. Der Kaiser musste die Grenzen akzeptieren, und hier bestand auch die Möglichkeit für den Patriarchen, sich seine Zustimmung (beziehungsweise seinen Segen) „erkaufen“ zu lassen. Auch vor der Krönung kam es regelmäßig zu Verhandlungen um Zuwendungen an die Kirche.
Die systematische Auswertung aller zur Verfügung stehenden schriftlichen Quellen soll zu einer Rekonstruktion der politischen Funktion des Patriarchen im byzantinischen Reich führen. Dabei wird auf die Begegnungen zwischen Kaiser und kirchlichem Oberhaupt und die Bußhandlungen vor dem Patriarchen besonders Wert gelegt.
Im November 2010 fand die internationale Tagung „Zwei Sonnen am Goldenen Horn? Kaiserliche und patriarchale Macht im byzantinischen Mittelalter“ statt, bei der diachron und vergleichend Fragen zum Verhältnis von Kirche und Kaisertum diskutiert wurden.
Publikationen
- M. Grünbart, Der Kaiser weint. Anmerkungen zur imperialen Inszenierung von Emotionen in Byzanz. In: Frühmittelalterliche Studien (2009) 89-108
- M. Grünbart, Treffen auf neutralem Boden: Politische Begegnungen im byzantinischen Mittelalter. In: Byzantinoslavica (in Druck)
Leitung
Prof. Dr. Michael GrünbartInstitut für Byzantinistik und Neogräzistik
Rosenstraße 9
D-48143 Münster
Tel.: +49 251 83-25112
Fax: +49 251 83-25119
gruenbart@uni-muenster.de
Wissenschaftliche Mitarbeit
Lutz Rickelt M. A.Institut für Byzantinistik und Neogräzistik
Rosenstraße 9
48143 Münster
Tel.: +49 251 83-25114
l.rickelt@uni-muenster.de
Martin Marko Vučetić
