"Religiöse Traditionen spielen untergeordnete Rolle"

Experten diskutieren in Münster über Deutungen des Martyriums in der Moderne

Prof Dr Christoph Dartmann

Prof. Dr. Christoph Dartmann

© Julia Holtkötter

Religiöse Traditionen spielen bei der Verehrung von politischen Märtyrern in der Gegenwart nach den Ergebnissen einer Tagung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ oft nur eine untergeordnete Rolle. So gebe es trotz der ganz unterschiedlichen religiösen Hintergründe viele Gemeinsamkeiten in den Bildern von Märtyrern der Tamilen auf Sri Lanka und der Palästinenser, sagte die Religionswissenschaftlerin Verena Voigt. „Beide Gruppen kämpfen aus einer unterlegenen Position heraus um Selbstbestimmung, das prägt die Vorstellung vom Martyrium. Entscheidend ist also die politische und soziale Situation“, erläuterte Voigt, die in der Graduiertenschule des Exzellenzclusters der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) zu diesem Thema forscht.

Erzählungen über Märtyrer müssten nicht logisch stimmig sein, um Emotionen zu wecken und breite Wirkung zu erzielen, betonte der Münsteraner Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Christoph Dartmann, der die Tagung „Politische Märtyrer“ am vergangenen Wochenende gemeinsam mit Verena Voigt organisiert hatte. „Religiöse Traditionen werden in der Moderne vielmehr auf eine Art und Weise aufgegriffen, die – theologisch gesehen – höchst widersprüchlich ist.“ Für die Rechtfertigungen von Selbstmordattentaten müsse etwa auch die islamische Überlieferung sehr eigenwillig umgedeutet werden. Der Begriff „Märtyrer“ sei jedoch grundsätzlich positiv besetzt und sehr umkämpft, eine umstrittene Ressource. „Wer jemanden als Märtyrer anerkennt, befürwortet damit schließlich auch die Sache, für die gestorben wurde“, erläuterte der Historiker.

Verena-voigt

Verena Voigt

© Julia Holtkötter

Warum werden Verstorbene als Märtyrer anerkannt?

Die Experten zu verschiedenen Religionen diskutierten auf der Tagung laut Dartmann vor allem, warum bestimmte Personen nach ihrem Tod als Märtyrer anerkannt werden, andere aber nicht. „Menschen, die auf dieselbe Weise sterben, werden keineswegs zwangsläufig in gleicher Weise verehrt“, betonte der Historiker. Oft spielten Zufälle und „Medienkampagnen“ eine wichtige Rolle. So habe der Kölner Erzbischof Engelbert in den Augen von Zeitgenossen eher das Leben eines Fürsten als das eines Bischofs geführt, bis ihn im Jahr 1225 rivalisierende Adlige erschlugen. „Sein Biograph behauptete jetzt, das Blut habe alle Sünden von dem Ermordeten abgewaschen. Und tatsächlich wird Engelbert bis heute als heiliger Märtyrer verehrt, auch wenn er nie offiziell heiliggesprochen wurde“, so der Mittelalter-Historiker.

Die Beiträge der Tagung zeigten, dass religiöse Traditionen in sehr unterschiedlichem Umfang erkennbar sind, wenn in der Moderne von Märtyrern die Rede ist. Einige Zeitungsartikel über den Tod von Papst Johannes Paul II. ähneln mittelalterlichen Lebensbeschreibungen von Heiligen, wie Kirchenhistoriker Hubertus Lutterbach von der Universität Duisburg zeigte. Religiöse Traditionen wandelten sich aber bis zur Unkenntlichkeit, wenn sie etwa zunächst auf die Nation und dann auf die Alltagsarbeit übertragen wurden: Auch die Darstellung der Opfer von Explosionsunglücken bei der Chemiefirma BASF in den Jahren 1921 und 1948 habe an die Verehrung von Märtyrern erinnert, sagte Historikerin Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern aus Heidelberg. Die Verunglückten seien den Zeitgenossen zufolge nicht für ihren Glauben und nicht auf dem Feld der Ehre, sondern auf dem Feld der Pflicht gestorben.

Auf der Tagung sprachen außerdem die Althistorikerin Eva Baumkamp aus der Graduiertenschule des Clusters über „Autoritätskonflikte zwischen Cyprian von Karthago und den Bekennern“, die Arabistin Silvia Horsch-Al Saad aus Berlin über „Sunnitische Märtyrerkonzepte im frühen Islam“ und die Soziologin Eva-Maria Schrage, ebenfalls Mitglied in der Graduiertenschule, über „(Über-)Leben und Tod in der israelischen Kultur“. (arn)