Naher Gott

Karfreitag A:  Leidensgeschichte (passim)

I
Mitten im Sommer 1916 wurde in Zürich ein Krippenspiel aufgeführt. Es stammte von Hugo Ball, einem der Begründer des DADA. Heuer jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal.
Dorum darum dorum darum, dorum darum, dodododododo-doooooooo.
So kündigt darin der  Engel die Geburt des Gotteskindes an.
Das Aufgehen des Sterns:
Zcke, zcke, zcke. Zzcke, … zzzzcke, psch.
Die Heiligen Drei Könige rufen bei ihrem Auftritt
Rabata, rabata bim bam.
Und der Heilige Josef begrüßt sie mit
Bonsoir, messieurs, bonsoir.

II
Was ist das? Alles Blödsinn? Gar Blasphemie? Weit gefehlt. Wenige Wochen nach der Uraufführung des Krippenspiels konvertiert Hugo Ball zur katholischen Kirche. Er war mit seinen Bundesgenossen damals mitten im Ersten Weltkrieg zur Überzeugung gekommen, dass alles herkömmliche Reden über das Wesentliche und auch das kirchliche Reden über Gott Sprachschutt geworden war. Etwas, das man wegräumen muss, wenn die Quellen nicht versiegen sollen, aus denen sich die Menschenseele nährt.

Balls Frau, Emmy Ball-Hennings, erzählt, dass die Aufführung hinter einem großen weißen Vorhang stattfand, der sie an die Hungertücher erinnerte, mit denen in katholischen Kirchen während der Passionszeit die Altäre verhängt werden. Das hat man getan und tut man bis heute, um diejenigen, die in diesen Raum kommen, durch eine Sehstörung wieder feinfühliger zu machen für die Botschaft, die ihnen die Bilder von Leben, Sterben und Auferstehen Jesu zurufen.

Pater Friedhelm Mennekes, der Jesuit, der jahrelang die Kunststation St. Peter in Köln betreute, erzählt auch von einer solchen Störaktion: In der Kirche hängt seit Jahrhunderten ein Rubensbild. Lange Jahre hat er es umgeben mit moderner Kunst. Das hat die Leute angezogen, zumal die katholische Schickimickeria, die sich darin suhlte, zumal ästhetisch und überhaupt der Durchschnittspfarrei und ihren Mitgliedern haushoch überlegen zu sein. Eines Tages drehte Mennekes, ohne vorher eine Ton zu sagen, das Rubens-Altarbild einfach um und stellte es auf den Kopf. Dann kam der Sonntag. Und die Leute, die kunsterfahrenen, ästhetisch versierten Elite-Katholen merkten nichts. Mennekes hat das auf eine Weise kommentiert, die nicht zitierfähig ist. Was bleibt, ist die Einsicht: Wir brauchen Störsignale, am besten drastische, wenn wir begreifen möchten, was uns das Evangelium sagt.

III
Der Karfreitag ist genau ein solches Störsignal. Denn er sagt doch: Gott ist tot! Aber ist denn der Karfreitag nicht Durchgang zum Ostermorgen hinüber? Wo bleibt denn der Sieg, den wir bis heute nicht ungern in jenen Liedern mit den stürzenden Wachen besingen, und mit dem Felsen, die so trefflich erkrachten? Es gab und gibt für Christen kein größeres Missverständnis als ebendies: dass das Kreuz und das Sterben Jesu nur eine Episode gewesen wäre, auf die sich der Nazorärer getrost hat einlassen können, weil er sich doch ohnehin gewiss war, in der Auferstehung über seine Widersacher zu triumphieren.

Nichts aber gibt uns das Recht, wegzuhören, dass Jesus in schlimmster Qual starb; dass sich ihm alles, was er bisher mit seinem Gott erlebt und erfahren, was von ihm gedacht und über ihn gesagt – dass sich ihm das alles bis in den letzten Abgrund verfinsterte. Wir müssen uns es klar machen, müssen es zu denken wagen: Am Karfreitag stand nicht ein guter Mensch gegen einen neidischen Klerus. Am Karfreitag kam es vielmehr zum Kampf zwischen Gott und dem absoluten Gegenteil Gottes: dem Tod, der alles, was ist zerstört und vernichtet. Und dieser Kampf wurde an Jesus ausgetragen, weil er ihn auf sich nahm. Und warum?

Weil erst in dieser allerletzten Möglichkeit seines Lebens dieses, sein Leben und die Botschaft, die es war, auf nicht mehr zu widerlegende Weise glaubhaft geworden sind. Der Mensch Jesus ist im Gang seines durchaus seltsamen Lebens immer tiefer in die glaubende Gewissheit hineingewachsen: Gott, der Gott unserer Väter, der Gott Israels, der in der Sternstunde seiner Geschichte mit diesem Volk die Zusage gab: Ich bin der ich bin da für euch, und immer und jedesmal wieder – dieser Gott braucht mich, unverzichtbar. Durch mich will er dem Menschen etwas sagen, was noch niemand hat, aber im Grunde alle schon immer hören wollten und wollen: dass jenes Ich-bin-da-für-euch Gottes unbedingt gilt und durch nichts widerrufen werden kann: durch Not nicht, durch Leid nicht, durch Schuld nicht, nicht einmal durch den Tod.

Je tiefer Jesus in diesen seinen Auftrag hineinwuchs, desto klarer trat ihm vor Augen: Diese Zusage Gottes will nicht nur ausgesprochen sein, wenn sie Glauben finden soll. Sondern dann muss sie gelebt, verkörpert werden im buchstäblichen Sinn. Und genau dieses Weltlichwerden des innersten Geheimnisses, das hat Jesu Gegner so auf die Palme gebracht: Das Leute-gesund-Machen am Sabbat, das Mit-den-Sündern-Essen, die Kritik an den Selbstzweck und Alibi gewordenen religiösen Bräuchen – das alles war ja nichts anderes als durch und durch weltlich, diesseitig gewordener Gott nach Jesus-Art.

Genau von diesem auf den Leib gerückten Gott wollten die Widersacher Jesu nun endgültig wissen, was es mit ihm auf sich hat und sie waren sich ihrer Sache gänzlich sicher. Dieser Gott war ja greifbar für sie in Jesus, greifbar im buchstäblichen Sinn. In ihm setzte sich Gott ja, wenn es denn wirklich Gott war, – er setzte sich ihnen aus. In Jesus hatte seine Zusage des Ich-bin-da-für, sein Innerstes, Fleisch und Blut und war verletzlich. Als es ihnen endlich zu viel war, legten sie darum Hand an Jesus.

Und was geschah? Nichts. Nichts. Verstehen Sie, was das bedeutet? Gott, sein nach außen gekehrtes Innerstes, was er durch und durch ist, wird getötet. Und es geschieht – nichts. Gott ist so Gott, dass er auch das noch aushält. Er hält das Umgebrachtwerden aus, erhält darum noch in seinem Tot sein seine Zusage aufrecht. Ich-bin-der-ich-bin-da-für-euch. Glaubt ihr es jetzt wenigstens? Dass ich es vermag und dass ich es tue?

IV
Man kann das nur noch schwer denken, es geht ja auch um buchstäblich alles. Vielleicht ist es gut, wenn wir uns für einen Augenblick auf ein Gedankenexperiment einlassen: Was wäre gewesen, wenn am Karfreitag anderes geschehen wäre, als geschah – nämlich nichts? Angenommen, Gott hätte das nicht mehr aushalten wollen, auch noch getötet zu werden, von denen, die von ihm leben. Oder angenommen – ich sage es einmal einfach so –: Gott hätte das nicht mehr aushalten können, weil im allerletzten doch der Chaosrachen des Todes stärker gewesen wäre: Was wäre dann geworden? Dann wäre im Augenblick des Sterbens Jesu am Karfreitag die Welt zerborsten. Sie hätte ja ihren alles tragenden Grund verloren. Sie wäre einfach nicht mehr.

Eine der eigenartigsten Darstellungen der Passion, die ich kenne, bringt genau das ins Bild. In Florenz, im ehemaligen Kloster San Marco, hat einer der Ordensbrüder, Fra Angelico, etliche der Mönchszellen mit biblischen Szenen ausgemalt, darunter mehrfach auch den Beginn der Passion Jesu: Vor nachtschwarzem Hintergrund sieht man Jesus stehen, ruhig, ohne sichtliche Bewegung. Aber rings um ihn herum etwa Gespenstisches: Wie losgerissene menschliche Körperteile fliegt es auf ihn zu: Lippen, die auf Jesus spucken, eine Hand, die mit dem Schlagstock ausholt, ein Stiefel, der nach ihm tritt, ein Mund, der Hohn ausgießt über ihn. Da ist es: In Jesu Henkern fängt die Welt schon zu bersten an, das Menschliche ist schon verstümmelt. Aber Jesus steht. Und er bleibt und zieht die Vernichtungsmächte auf sich und verwindet sie in Gott hinein, in den Aushaltegott. Seht, das ist mein Knecht –; seht den Menschen –; seht das Lamm Gottes, das hinwegträgt, was wider Gott wütet.

V
Vielleicht müssen wir in unserem Gedankenexperiment noch einen Schritt tun. Wenn die Welt nicht mehr sein könnte, wenn Gott nicht das Sterben ausgehalten hätte – dann gibt es ja so etwas wie einen Beweis dafür, dass er es ausgehalten hat. Dieser Beweis sind – wir. Wir mitsamt unserer Welt. Es könnte uns nicht geben, wenn der Tod dem Innersten Gottes etwas hätte anhaben können. Aber es gibt uns. Ob das nicht vieles ändern müsste an der Weise, wie wir von uns selber und voneinander, wie wir von Gott denken – und vor allem, wie wir vom Kreuz denken? Das Kreuz ist der Beweis der unbedingten Verlässlichkeit Gottes – und unser Dasein ist seine Besiegelung. Ob wir uns aber dann noch vor etwas oder vor jemanden fürchten müssen? Nicht einmal vor der Nacht, in die alle, die uns nahe sind und einmal wir selber weggehen werden.

VI
Hugo Ball hat das, was ihm vorschwebte, DADA, genannt. Das war kein Gag, sondern die doppelte Anrufung der Anfangsbuchstaben des Dionys Areopagita, jenes Theologen, der der Legende nach sich auf die Areopagpredigt des Paulus bekehrte, erster Bischof von Athen und der wichtigste christliche Autor nach dem Neuen Testament wurde, in Wahrheit aber ein syrischer Gottsucher des 5. Jahrhunderts  - und Erfinder der theologia negativa war. Theologia negativa meint: Erst im Durchstreichen und Verhüllen alles menschlich Plausiblen wird sichtbar, was es mit Gott in Wahrheit auf sich hat. Karfreitagslogik eben. Näher als heute kommt man diesem Gott nicht.