Was das Kreuz predigt

Karfreitag A: Joh Pass

I
Es ist noch nicht so lange her: Ein Mann musste sich vor Gericht verantworten. Im Verlauf seines Prozesses stellt er den Antrag, das Kreuz von der Wand des Sitzungssaales zu entfernen. Er bekenne sich nicht zum christlichen Glauben und der Anblick des Kruzifixes sei ihm zuwider. Der Richter gibt dem Antrag statt. – Einige Zeit später in einer bayrischen Kleinstadt: eine Mutter weigert sich, ihre drei Söhne weiterhin zur Schule zu schicken, wenn in den Klassenzimmern die Kreuze nicht abgehängt würden. Sie wolle ihren Kindern nicht zumuten, dauernd ein solch schauriges Bild vor Augen zu haben. Solche Szenen mehren sich – den Medien sind sie kaum noch der Erwähnung wert. Das scheint mir ein untrügliches Anzeichen dafür, dass wir längst in einer nachchristlichen Epoche leben – nachchristlich zumindest in dem Sinn, dass die Sprache der Sinnbilder des christlichen Glaubens ihre unmittelbare Plausibilität eingebüsst hat. Was solche Proteste veranlasst, ist meist nicht Streitlust oder Kirchenhass. Sie wiederholen eigentlich nur etwas, das es schon einmal gab, als das junge Christentum in den Raum der spätantiken Öffentlichkeit trat: Da galt es als peinlich und geschmacklos, sich zu einem Gott zu bekennen, der zuerst als hilfloser Säugling in Windeln geworden ist und dann am Schandpfahl des Kreuzes sein Ende findet. Genauso war der Mutter soeben und jenem Mann im Gericht zum Ärgernis geworden, dass die christliche Botschaft einen Toten am Galgen zu ihrer Mitte hat. Und – ist das wirklich so verständlich und selbstverständlich, wie wir in den Kirchen gemeinhin tun? Haben sie, die Alten und die Heutigen, im Grunde nicht recht mit ihrem Protest? Nur dann nicht, wenn es gelingt, das Kreuz buchstäblich zum Sprechen zu bringen und so zum Sprechen zu bringen, dass es etwas Wesentliches in das Menschenleben hineinspricht. Wovon also redet uns das Kreuz?

II
Vielleicht kann uns folgende uralte Legende helfen, diese Mitte des Glaubens, die das Kreuz markiert, ein wenig besser zu verstehen: Als der alte Adam, so wird erzählt, im Sterben lag, ging sein Sohn Seth zu den Toren des Paradieses und bat um Öl vom Baum des Erbarmens. Der Engel, der das Tor des Paradieses bewachte, gab ihm aber einen Zweig von diesem Baum. Als Seth zurückkam, war Adam schon gestorben. Seth bestattete seinen Vater und legte jenen Zweig auf die Brust des Toten. Nach einer Zeit durchstieß der Spross die Erde über Adams Grab. Ein großer Ölbaum wurde daraus. Jahrhunderte später fällte ein Zimmermann den Baum. Die römischen Soldaten hatten ihm befohlen, einen Kreuzesgalgen zu zimmern. Sie brauchten ihn für einen gewissen Jesus aus Nazareth.

Eine Legende gewiss – aber sie verbindet das Geschick Jesu mit der Geschichte Adams, also der Geschichte der Schöpfung. Und damit hilft sie uns, die Frage zu verstehen, auf die das Kreuz die Antwort gibt.

III
Den Lebensgarten des Paradieses hatte Gott dem Menschen geschenkt, dass er ihn bewohne und genieße. Der Baum in der Mitte war seiner Verfügung entzogen, nicht weil Gott geizig war, sondern nur zum Gedenken, dass der Mensch die wunderbaren Dinge der Welt rings um ihn nicht sich selbst verdankt, sondern geschenkt bekommt. Doch der Mensch hat diesem Geschenk nicht trauen wollen. Darum hat er sich auch das Sinnbild seiner Herkunft, jenes Erinnerungszeichen, noch angeeignet. Im selben Augenblick, da er Gottes gönnender Güte nicht mehr traute, da ist ihm die ganze Welt armselig vorgekommen und er selbst scheint sich nichts mehr wert. So sehr, dass er sich Schurze umhängt, um seine Dürftigkeit zu verbergen. Losgesagt vom gütigen Gott muss die ganze Welt als jämmerliche Plage erscheinen und das Leben als Kampf, ja nicht zu kurz zu kommen.

Darum hat Gott mit allem, was seit der Berufung Abrahams geschah, nur das Eine im Sinn gehabt: dass der Mensch jenes alte Vertrauen zu ihm wiedergewinne und so sein menschliches Dasein mitsamt seinen Grenzen als Glück und die Welt als Garten des Lebens erfahre. Darum hat er sein erwähltes Volk – als Vorausbild für alle – aus der Sklaverei Ägyptens in die Freiheit des gelobten Landes geführt. Darum hat er die Könige von Saul bis Salomo bestellt. Darum hat er seine Propheten gesandt, dass sie sein Vorhaben immer neu vergegenwärtigen und hervorsagen.

Aber weil sogar all das noch dem Menschen zweideutig schien, darum hat Gott am Ende alles auf eine Karte gesetzt und sich persönlich auf seine Schöpfung eingelassen. Da trat eines Tages einer auf, der genau das selber sagte und tat, was er von Gott verkündete: den Armen und Kleinen stellte er sich an die Seite; den Kranken und Kurzgehaltenen schenkte er sein tätiges Mitleid; den Sündern ist er regelrecht nachgelaufen, um sie einzuladen zu Versöhnung mit dem, den er Abba, lieber Vater, nannte. Seine Botschaft und sein Auftreten haben Menschen in Bann geschlagen und im Innersten getroffen. Aber dort, wo man sich eingerichtet hatte in einem Leben von eigenen Gnaden und sich Gott vom Leib zu halten wusste, sogar mit frommen Sprüchen noch, da hat er sich Feinde gemacht, dieser Bote, der Gottes Wesenart leibhaftig verkörperte.

Und weil er trotzdem nicht aufhörte, zu neuem Vertrauen auf Gott zu rufen, darum haben sie sich ihn eines Tages vom Hals geschafft. Verspottet, bespuckt, gegeißelt, am Kreuz hingerichtet als Störer der öffentlichen Ordnung. Das war die Strafe für seine aufrührerische Rede von Gott. Doch in Wirklichkeit ist darin zugleich noch etwas ganz anderes geschehen: Alle vier Evangelien, am ausführlichsten Johannes, erwähnen, wie die römischen Soldaten Jesus als Spottkönig maskieren, mit einem roten Fetzen, einem Schilfrohr als Zepter und einer Krone aus Dornzweigen, und dabei gar nicht ahnen, dass sie durch ihre Persiflage hindurch der tiefsten Wahrheit über diesen Jesus zum Ausdruck verhelfen – der von einem Königtum, also einer Würde, die sich mit menschlichen Mitteln gar nicht einfassen lässt, sondern gleichsam nur durch deren Gegenteil hindurch, dialektisch werden später die Philosophen dafür sagen. Und so wie mit dem wahren Königtum hinter der Spottkönigmaskierung verhält es sich mit der Passion als ganzer: Gerade durch sie haben Jesu Widersacher sichtbar wahr gemacht, was Jesus von Gott gepredigt hatte: dass ihm die, die sich abgewandt haben von ihm, am Herzen liegen, dass ihm nichts zu viel, nichts zu wertvoll ist, um es dranzugeben für sie, damit er ihr Vertrauen wiedergewinne. Nicht einmal sich selbst will er schonen dafür. Der blutige Leichnam am Kreuz ist darum nichts Geringeres als ein Gottesbild. So Vieles bin ich bereit auszuhalten, so Menschenunmögliches lasse ich mir antun, damit du Menschenkind glaubst, dass es mir nicht um mich geht und um Herrschaft über dich, wie du argwöhnst, sondern um deine Freiheit zum Leben unter meiner bergenden Hand. Dafür lasse ich mich wund schlagen und buchstäblich hinaus werfen aus der Welt.

Mehr kann auch ein Gott nicht tun, der, über den hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, als sich zu Nichts machen zu lassen und gerade darin da zu sein für die, die ihm das antun. Das alles nimmt Gott in Jesus auf sich, um zu beglaubigen, dass er so ist, wie er heißt: Ich bin der ich bin da für euch. Er tut das in der durch nichts zu beirrenden Hoffnung, dass das Widerfahrnis solcher nichts mehr für sich behaltenden wollenden Liebe den Menschen bestürzt, auf dass er eines Tages ausrufe: Ecce Deus: Seht, welch ein Gott! In diesem Ruf anerkennt, wer so betet, Gott wieder als Gott und sich selbst als den, der des Erbarmens diesen Gott bedarf und in seinem Zugewandtsein den Frieden der Seele findet. Der tote Jesus am Kreuz offenbart die innerste Wahrheit des Geheimnisses Gottes. Das Kreuz spricht darum bis zum Grunde aus, wer er – Gott selbst – wirklich ist.

IV
Doch das Kreuz war für Jesus selbst nicht ein Schlusspunkt, sondern ein Wendepunkt. Darum hat die Botschaft des Kreuzes noch gleichsam eine Kehrseite für uns. Die Frauen und Männer, die Jesus nachgefolgt waren, haben nach der Katastrophe des Karfreitags Stück für Stück erfahren dürfen, dass das, was sie da erlebt hatten, sie nicht ins Bodenlose zog. Vielmehr schenkte es ihnen eine überwältigende Gottesgewissheit. Und deren Mitte war dieser Jesus, so dass sie gar nicht anders konnten, als von ihm als einem in Gott Lebendigen und so von Gott her ihnen auf neue Weise Begegnenden zu erzählen. Gott hat seinen Jesus erhöht oder auferweckt, sagen sie ganz unbeholfen dafür in der ihnen vertrauten Glaubenssprache, die sie für die Rede von den letzten Dingen aus der Überlieferung kannten. Und sie meinen damit: Gott selbst bezeugt: Jesus hat recht gehabt mit seiner Einladung. Seinem beschwörenden Ruf zum Gottvertrauen. Weil er selbst ganz gelebt und geglaubt hat, was er verkündete, darum darf er als erster an sich selbst die Wahrheit seiner Botschaft ganz erfahren. Und diese Wahrheit heißt: Wenn du, Mensch, die Panzer deines Misstrauens ablegst und die den behütenden Händen deines Gottes anvertraust, dann musst nicht mehr Angst haben um dich. Dann darfst du glaubend gewiss sein, dass der Gott, der dein Leben lang liebevoll auf dich schaut, dass er sich sogar und gerade im Abbruch und Ende deines irdischen Daseins dir als der Ich-bin-da-für-dich erweisen wird. In der Kraft des Gottvertrauens wirst du dein zerbrechliches Menschenleben als unzerstörbar erfahren, weil Gott dieses Leben mitsamt deinem Sterben in seinen Händen hält. Das hat Jesus verheißen und das hat er geglaubt. Darum ist er als der Gekreuzigte der Auferstandene geworden, beschenkt mit einem nie mehr endenden, weil in der Ewigkeit Gottes bewahrten Leben.

Was das Kreuz vom Geheimnis Gottes verkündet, offenbart darum zugleich eine erlösende Wahrheit über den Menschen und spricht so in die Mitte seines Fragens und Suchens hinein. Jetzt verstehen sie, warum Christen rufen können: Seht, durch das Holz des Kreuzes ist Freude gekommen in alle Welt! Die Predigt, die das Kreuz uns hält, löst unser Gottvertrauen aus der Todesstarre der Angst zu neuer Lebendigkeit. Darum ist uns die Todesstunde des Herrn jetzt ein Hochfest und das gebeugte Knie vor dem Kreuz unser Amen zu seiner Predigt.