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Tonarchiv wird endlich digitalisiert

DFG unterstützt Rettung der wertvollen Sammlung

Welche Lieder waren Anfang des 20. Jahrhunderts bei Kindern, Arbeitern, Soldaten beliebt? Wie lief ein Schützenfest oder eine Hochzeit in den 1950er Jahren ab? Und wie muss man sich eine Wohnungseinrichtung in Westfalen um 1900 vorstellen? In schriftlicher Form liegt über derartige Themen zweifelsohne einiges vor – O-Töne von Zeitzeugen und damit Informationen aus erster Hand zu diesen und anderen kulturellen Erscheinungen sind spärlich gesät.

Solche Raritäten finden sich jedoch in den Beständen des Archivs für westfälische Volkskunde der Volkskundlichen Kommission für Westfalen: Auf circa 250 Magnettonbändern und mehr als 420 Audiokassetten haben Wissenschaftler seit den 1950er Jahren Alltägliches und Festtägliches aus Westfalen dokumentiert. Zu diesen authentischen Aufnahmen aus der ethnologischen Feldforschung zählen unter anderem Volksliedgesänge mit entsprechenden Erklärungen, Erzählungen, Interviews über Bräuche und ehemalige Arbeitsverfahren sowie Lebenserinnerungen. Die Nutzung dieser wertvollen Quellen ist seit mehreren Jahren allerdings nahezu unmöglich: Funktionierende Abspielgeräte für die verschiedenen Bandformate sind kaum noch verfügbar, und die Qualität insbesondere der Magnettonbänder verschlechtert sich zusehends. Angesichts der veralteten Karteikartendokumentation gestaltet sich eine gezielte inhaltliche Suche darüber hinaus als schwierig.

Um die gefährdeten Tondokumente vor dem endgültigen Verstummen zu retten und den gezielten Zugriff auf die Inhalte zu erleichtern, werden sie jetzt professionell digitalisiert und neu erschlossen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt mit dem Titel "Digitale Erfassung, Erschließung und Langzeitarchivierung von Beständen des Archivs für westfälische Volkskunde der Volkskundlichen Kommission für Westfalen". Die Durchführung liegt in den Händen des Seminars für Volkskunde/Europäische Ethnologie der WWU und der Volkskundlichen Kommission für Westfalen.

Parallel zur Erfassung des Tonarchivs ist als zweite Säule des Projektes die Digitalisierung und Neuerschließung des schriftlichen Volksliedarchivs mit seinen mehr als 9000 Liederblättern geplant. Bereits während des Ersten Weltkrieges legte Karl Wagenfeld, Gründer und Geschäftsführer des Westfälischen Heimatbundes, den Grundstock für das Archiv. Die Sammlung, die durch 100 handschriftliche Liederbücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zahlreiche gedruckte Gebrauchsliederbücher ergänzt wird, ist eng mit dem Tonarchiv verflochten. So findet man viele Lieder sowohl in schriftlicher als auch akustischer Form.

Spätestens, wenn beide Archivteile in digitaler Form vorliegen und die zugehörigen Metadaten, wie etwa Liedtitel, Aufnahmeort und -datum in eine Datenbank eingepflegt worden sind, werden sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Geplant ist ein Internet-Auftritt, der die Möglichkeit bietet, online nach Liedern und anderen Tonaufnahmen sowie schriftlichem Liedgut aus Westfalen zu recherchieren und sich Inhalte kostenfrei herunterzuladen.

aw