Helden oder Opfer?
Das ungeklärte Erbe der chinesischen Arbeiter im Ersten Weltkrieg
Kevin Bockholt M.A.
Zwischen 1916 und 1919 entsandte China rund 140.000 Arbeiter an die europäische Westfront, um alliierte Truppen logistisch zu unterstützen. Dies war an das diplomatische Ziel geknüpft, bei den erwarteten Nachkriegsverhandlungen die Rückgabe der von Japan besetzten Gebiete in Shandong zu erwirken. Das Scheitern dieses Vorhabens bei der Pariser Friedenskonferenz, die nachfolgenden innerchinesischen Umbrüche sowie eine eurozentrische Geschichtsschreibung im Westen trugen dazu bei, dass Chinas Rolle im Ersten Weltkrieg über nahezu ein Jahrhundert hinweg marginalisiert wurde. Erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts, insbesondere im Zuge des hundertjährigen Gedenkens an den Beginn und das Ende des Ersten Weltkriegs, ist das Schicksal der Arbeiter in China und Europa wieder in den Blick von Wissenschaft und Öffentlichkeit geraten. Im Zentrum des Vortrags steht die Frage, wie die chinesischen Arbeiter heute in China erinnert und historisch gedeutet werden. Zunächst wird nachgezeichnet, wie ihr Einsatz in der Erinnerungskultur Großbritanniens, Frankreichs und Belgiens zunehmend als Beitrag zum alliierten Sieg gewürdigt wurde und wie die Rezeption dieser Entwicklung in China in Wechselwirkung mit der dortigen Neubefassung mit dem Thema die Frage nach eigenen Formen des Gedenkens aufwarf. Daran anschließend wird auf Grundlage im Winter 2025 durchgeführter Feldforschungen in Shandong, einer der zentralen Rekrutierungsregionen während des Ersten Weltkriegs, untersucht, wie sich diese Diskussion seit einigen Jahren in der Etablierung von Gedenkstätten und Ausstellungen manifestiert. Anhand der architektonischen Gestaltung der Erinnerungsorte, textlicher und visueller Repräsentationen sowie qualitativer Interviews mit beteiligten Akteuren wird analysiert, wie die Arbeiter inhaltlich als Gegenstand des Gedenkens konstituiert werden. Die Untersuchung zeigt, dass sich dabei kein kohärentes Verständnis ihrer historischen Bedeutung herausgebildet hat. Vielmehr sind im Spannungsfeld transnationaler Bezugnahmen, lokaler Initiativen und nationaler Geschichtsnarrative unterschiedliche – teils komplementäre, teils konkurrierende – Darstellungen entstanden. So erscheinen sie je nach Kontext als Wegbereiter der chinesischen Internationalisierung, als Pioniere einer eigenständigen Arbeiterbewegung, als warnendes Beispiel nationaler Schwäche oder als Leidtragende des Krieges. Diese Pluralität lässt darauf schließen, dass keine verbindliche staatliche Deutung dieses Kapitels der chinesischen Geschichte etabliert worden ist. Auf lokaler Ebene eröffnen sich dadurch erinnerungspolitische Spielräume, die unterschiedliche Akteure für eigene historische Sinnstiftungen nutzen. Die Erinnerung an die chinesischen Arbeiter im Ersten Weltkrieg erweist sich damit als ein bis heute ungeklärtes Erbe.
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