Forschungsprojekt II: Geschlechterverhältnisse in autoritären und hybriden Regimen

Trotz weltweiter Demokratisierungsprozesse gehören autokratische und hybride Regierungssysteme nach wie vor zur politischen Realität. So werden aktuell ein Viertel aller Staaten und ein Drittel der Weltbevölkerung in Form von Monarchien, Präsidialautokratien, Familienautokratien, Militärjuntas sowie semi-demokratischen Systemen entweder autoritär oder begrenzt bzw. defizitär demokratisch regiert.

Vor dem Hintergrund der politischen Konsistenz von Autokratien setzt sich die politikwissenschaftliche Forschung gegenwärtig verstärkt mit den Strukturen und Institutionen autoritärer Systeme, ihren Kerneigenschaften, Funktionslogiken sowie deren Systemerhaltungsmechanismen auseinander. Den Auswirkungen für gesellschaftliche (Geschlechter-)Verhältnisse und deren systemerhaltender Funktion kommt dabei kaum eine Bedeutung zu. Weder aus einer genuin politikwissenschaftlichen noch aus einer feministisch-politikwissenschaftlichen Perspektive ist bislang die Frage nach dem konstitutiven Zusammenhang zwischen Autokratien sowie defekten Demokratien und der Festschreibung von Geschlechterverhältnissen als gesellschaftlichen Machtverhältnissen gestellt und systematisch erforscht worden. Dieses Forschungsdesiderat stellt ein wesentliches Hemmnis fur den Entwurf erfolgreicher Menschenrechts- und Gleichstellungsprojekte in der europäischen Politik und internationalen Zusammenarbeit dar.

Auf der Grundlage einer Erweiterung der Autokratieforschung unter dem Aspekt von Geschlecht zielt das Forschungsprojekt auf die systematische Analyse des Zusammenhangs zwischen Autokratien und der Festschreibung und Konstituierung von Geschlechterverhältnissen als gesellschaftliche Machtverhältnisse in theoretischer wie auch empirischer Hinsicht. Im Fokus des geplanten Projekts steht die Untersuchung der Interdependenz von autoritären und bedingt demokratischen politisch-gesellschaftlichen Strukturen und Geschlechterverhältnissen insbesondere mit Blick auf die Auswirkungen und Folgen für die  politische, soziale und ökonomische Stellung von Frauen. Konkret geht es um die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Autokratien sowie hybriden politischen Systemen und der Festschreibung von Geschlechterverhältnissen als gesellschaftliche Machtverhältnisse, die nachhaltig eine gesellschaftliche Demokratisierung verhindern, indem sie eine umfassende Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben systematisch behindern bis gänzlich verunmöglichen. Aus empirischer Sicht steht daher die Frage nach dem Regime-Einfluss als institutionalisierter gesellschaftspolitischer Kontext auf die Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben in den Sektoren Wirtschaft, Wissenschaft und Politik im Zentrum. Hierbei werden die politisch-institutionellen Kontextbedingungen als unabhängige und die Möglichkeit der Teilnahme bzw. die Chancenstruktur von Frauen als abhängige Variable konzeptionalisiert. Darüber hinaus soll untersucht werden, inwiefern Transitionsprozesse und Prozesse des Systemwandels, wie bspw. die Transformation eines autoritären Systems in ein demokratisches, mit Neuaushandlungen der Geschlechterverhältnisse einhergehen.

Durchgeführte und laufende Aktivitäten:

1. Schwerpunktheft Femina Politica

Herausgabe eines Schwerpunktheftes in der Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politik-Wissenschaft zum Thema: Falsche Sicherheiten. Geschlechterverhältnisse in autoritären Regimen. Femina Politica. Heft 1/2012, 21. Jg. (Prof'in Dr. Gabriele Wilde und Dr. Silke Schneider).

2. Panel / Sektion Vergleichende Politikwissenschaft

Organisation und Durchführung eines Panels auf der Jahrestagung der Sektion Vergleichende Politikwissenschaft der DVPW am 31.3.2012 in Marburg zum Thema: Autoritarismus: „Reloaded“ oder hinfällig? Zur Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen in autoritären Regimen (OrganisatorInnen/ReferentInnen: Prof.’in Dr. Gabriele Wilde, Prof.’in Dr. Annette Zimmer, Stefanie Friedrich M’phil., Katharina Obuch M’phil., Dr. Eva Katharina Sarter, Dr. Silke Schneider).

3. Forschungsantrag

Bewilligt vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW im Rahmen des Landesprogramms für geschlechtergerechte Hochschulen / Programmstrang Genderforschungsförderung.

4. Vernetzung / Projektvorstellung

Auf der Jahrestagung des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW mit dem Titel „Zukunftsfragen und Genderforschung – Ein interdisziplinärer Forschungsdialog“ im November 2013 stellten Prof.‘in Dr. Gabriele Wilde und  Prof.‘in Dr. Anette Zimmer den Forschungsschwerpunkt „Geschlechterverhältnisse in autoritären und hybriden Regimen“ im Panel „Partizipation, Macht und Zukunft“ vor. Katharina Obuch (M.A.) veranschaulichte mit ihren Forschungen in Nicaragua die ersten Ergebnisse und Trends des Projekts. Insgesamt fokussierte die Tagung die Frage nach dem Potenzial der Geschlechterforschung im Hinblick auf gesellschaftliche Herausforderungen und Zukunftsfragen.

5. Publikationen

Wilde, Gabriele/ Zimmer, Annette/ Obuch, Kathrarina (im Erscheinen): Civil Society and Gender Relations in Authoritarian and Hybrid Regimes. New Theoretical Approaches and Empirical Case Studies, Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.

Wilde, Gabriele (2014): Zivilgesellschaftsforschung aus Geschlechterperspektive. Zur Ambivalenz von Begrenzung und Erweiterung eines politischen Handlungsraumes, in: Zimmer, Annette/Simsa, Ruth (Hg.): Quo Vadis? Forschung zu Partizipation, zivilgesellschaftlichen Organisationen und ihrem Management, Wiesbaden: Springer VS, S. 209-230.

Obuch, Katharina/ Sandhaus, Jasmin/ Wilde, Gabriele/ Zimmer, Annette (2013): "Alles verändert sich, damit es bleibt, wie es ist. Erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt "Geschlechterverhältnisse in autoritären und hybriden Regimen" am Fallbeispiel Nicaragua. In: Journal des Netzwerks Frauen und Geschlechterforschung NRW, Nr. 33, S. 48-52.

Wilde, Gabriele (2012): Totale Grenzen des Politischen: Die Zerstörung der Öffentlichkeit bei Hannah Arendt, in: Falsche Sicherheiten. Geschlechterverhältnisse in autoritären Regimen. Themenschwerpunkt der femina politica. Zeitschrift für feministische Politik – Wissenschaft, Heft 1/2012, 21. Jg., S.17-28.

Wilde, Gabriele/ Schneider, Silde (2012): Autokratie, Demokratie und Geschlecht: Geschlechterverhältnisse in autoritären Regimen. Einleitung, in: Falsche Sicherheiten. Geschlechterverhältnisse in autoritären Regimen. Themenschwerpunkt der femina politica. Zeitschrift für feministische Politik – Wissenschaft, Heft 1/2012, 21. Jg., S. 9-16

6. Lehrveranstaltungen

Im Wintersemester 2016/17 fanden die beiden Masterseminare "Zum politischen Diskurs des Autoritären" und "Zur politischen Praxis des Autoritären in Europa"statt.

7. Vorträge

Wilde, Gabriele: Die tunesische Verfassung zwischen demokratischem Anspruch und Verfassungsrealität. Vortrag auf der Jahresversammlung des Vereins Tabarka e.V. Wuppertal am 7.04.2014

„Alles verändert sich, damit es bleibt wie es ist! - Erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Geschlechterverhältnisse in autoritären und hybriden Regimen“. Vortrag auf der Jahrestagung des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW „Zukunftsfragen und Genderforschung – Ein interdisziplinärer Forschungsdialog“ am 8.11.2013 in Essen.

Geschlechterverhältnisse in autoritären und hybriden Regimen. Vortrag auf der Jahrestagung des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW zum Thema „Gender Studies an nordrhein-westfälischen Hochschulen“ vom 30.11.2012 – 01.12.2012 in Herne.

Autoritarismusforschung aus Geschlechterperspektive. Vortrag im Rahmen des Panels Autoritarismus: „Reloaded“ oder hinfällig? Zur Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen in autoritären Regimen  auf der Jahrestagung der Sektion Vergleichende Politikwissenschaft der DVPW am 31.3.2012 in Marburg.

8. Durchgeführte Panels

Panel auf der ISTR Konferenz 2014: 'Civil Society and the Citizen'

Organisation und Durchführung eines Panels auf der 11. Konferenz der International Society for Third-Sector Research (ISTR) vom 22.-25. Juli 2014  in Münster zum Thema: „Barefoot and Pregnant: Towards the End of Civil Society? Gender in Authoritarian Regimes“ (Chairs: Prof.’in Dr. Gabriele Wilde, Prof.’in Dr. Annette Zimmer; ReferentInnen: Prof.’in Dr. Angelika von Wahl, Prof.’in Dr. Joyce Mushaben; Katharina Obuch M.Phil. und Alexia Duten M.A.; Discussant: Dr. Eva Maria Hinterhuber).

Panel auf der DVPW Jahrestagung 2012: Autoritarismus: "Reloaded" oder hinfällig?

Organisation des Panels Autoritarismus: „Reloaded“ oder hinfällig? Zur Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen in autoritären Regimen (Gabriele Wilde in Kooperation mit Silke Schneider) auf der Jahrestagung der Sektion Vergleichende Politikwissenschaft der DVPW am 31.3.2012 in Marburg.

9. Working Papers

Mushaben, Joyce Marie
“I’m here too, Girlfriend…”: Reclaiming Public Spaces for the Gendering of Civil Society in Turkey.
ZEUGS – Working Paper No. 7|2015.

Schneider, Silke
Gender and Authoritarian Regimes – A Review.
ZEUGS – Working Paper No. 6|2014.

Obuch, Katharina
Report: Gender and Civil Society in Nicaragua
ZEUGS – Working Paper No. 5|2014.

Hinterhuber, Eva Maria
Time to tango! Bringing civil society and gender together.
ZEUGS – Working Paper No. 3|2014.

Obuch, Katharina | Sandhaus, Jasmin | Wilde, Gabriele | Zimmer, Annette
"Alles verändert sich, damit es bleibt, wie es ist!" Erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt "Geschlechterverhältnisse in autoritären und hybriden Regimen" am Fallbeispiel Nicaragua.
ZEUGS – Working Paper No. 2|2014.

Gabriele Wilde | Jasmin Sandhaus
Die tunesische Verfassung zwischen demokratischem Anspruch und Verfassungsrealität.
ZEUGS – Working Paper No. 1|2014.