(C2-24) Integration und Diversifikation im palästinischen Judentum der hellenistisch-frührömischen Zeit (300 v. Chr.–135 n. Chr.)

Das palästinische Judentum der hellenistisch-frührömischen Zeit ist geprägt durch eine Spannung von zentralen und lokalen, von nationalen und gruppenspezifischen Institutionen und Konzepten. Im Unterschied zu prägenden Forschungspositionen der letzten Jahrzehnte, die häufig entweder das Gemeinsame oder das Unterscheidende betonen, verfolgt das Forschungsprojekt die Aufgabe, anhand einer Reihe von Testfällen eine genauere Verhältnisbestimmung von Integration und Diversifikation im palästinischen Judentum der genannten Zeit vorzunehmen.

Untersucht werden dabei:

  1. das Verhältnis von Ethnos und Sondergruppen (sects)
  2. das Verhältnis von Tempel, Synagogen und Versammlungen
  3. Formen gesellschaftlicher Organisation, wie sie in den Texten aus Qumran erkennbar werden; sowie
  4. Formen politischer, religiöser und rechtlicher Autorität und Verwaltung (Teilprojekt Kimberley Czajkowski).

Dabei soll zum einen nach möglichen Ähnlichkeiten und Beziehungen zwischen lokalisierter und gruppenspezifischer (sectarian) Praxis gefragt werden, die häufig vorschnell auseinandergehalten werden, zum andern jedoch nach dem Verhältnis dieser beiden Praxisfelder zu zentralen und übergreifenden Institutionen und Konzepten.

Der methodische Zugang ist multiperspektivisch und berücksichtigt literarische, papyrologische, epigraphische und archäologische Befunde. Hinzuweisen ist insbesondere auf eine verbreiterte Datenbasis hinsichtlich palästinischer Synagogen aus der Zeit des Zweiten Tempels, neuere Ansätze in der Palästina-Archäologie der hellenistisch-römischen Zeit, sowie neuartige Erkenntnisse, die sich aus einer verfeinerten Analyse der Texte vom Toten Meer ergeben, sowohl der Texte von Qumran als auch von anderen Fundorten in der Judäischen Wüste.

Übergreifendes Ziel des Projekts ist es, Bausteine für eine neue Theorie des antiken Judentums zu gewinnen, in der sowohl dessen sozio-politischen und religiösen Einheit als auch seiner Diversifikation Rechnung getragen wird.

Teilprojekt Identität, Alterität und Abgrenzung in Ritualen aus Qumran (Andrew Krause)

Dieses Teilprojekt konzentriert sich auf das Verhältnis von Gruppenbildung sowie „Räumlichkeit“ (spatiality) auf der einen Seite und Heimsuchungsritualen (rites of affliction) (also Exorzismus, apotropäisches Gebet, Flüche usw.) auf der anderen Seite, vor allem in den Qumrantexten und der in ihnen erkennbar werdenden (Gruppe von) Gemeinschaft(en). Solche Abgrenzungsrituale liefern wichtige Erkenntnisse darüber, wie soziale Strukturen und Versammlungs-Räume wahrgenommen, konzipiert und erfahren wurden. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Vertreibung von Dämonen und der bleibende Ausschluss ideologisch „unerwünschter“ Personen. Die Qumrantexte verwenden dabei ein recht einheitliches Inventar von Symbolen, Medien und Ritualen, um soziale Grenzen um die Gemeinschaften zu ziehen, aus denen sie stammen. Dieses gründet auf einem entwickelten anthropologischen und ethischen Dualismus sowie auf detaillierten Systemen ritueller und moralischer Reinheit. In den Texten spiegelt sich auch eine dynamische Entwicklung des Glaubens an Dämonen und Engel wider, der von großem Einfluss auf Ideologie und Praxis der Gemeinschaft von Qumran und verwandter Gruppen war. Bedeutsam ist dabei, dass Reinheit vor allem aufgrund der Vorstellung einer Gemeinschaft mit Engeln in den liturgischen Vollzügen dieser Gruppen aufrechterhalten werden musste. Daraus ergibt sich ein facettenreiches und kohärentes, zugleich aber dynamisches System von Grenzen, deren Aufrichtung die Gemeinschaft für nötig erachtete. Diese Verbindung von Dualität und liturgischer Virtuosität führte auch zum weiteren Ausbau und zur Entwicklung ritueller Formen abseits biblischer Vorbilder, etwa neuartigen Riten eines metaphysischen Kampfes, wie sie sich v.a. in der Kriegsregel (1QM) finden.

Teilprojekt (Kimberley Czajkowski)

Dieses Teilprojekt beschäftigt sich mit der Beziehung von Recht und Gesetz sowie von politischer und religiöser Autorität im palästinischen Judentum vorwiegend der frührömischen Zeit. Zwei Schwerpunkte zeichnen sich ab: 1. unterschiedliche Konzepte von Autorität in der judäischen Gesellschaft und 2. praktische Aspekte der Rechtspflege und der Funktionsweise des Gesetzes. Das Verhältnis dieser beiden Bereiche wird eine wichtige Rolle spielen. Unterschiedliche Modelle, sowohl ideologischer als auch praktischer Art, werden in die Untersuchung einbezogen. So erlauben die Qumrantexte wertvolle Erkenntnisse zu gruppenspezifischen Modellen von Rechtspflege und Gemeindedisziplin, die mit solchen im breiteren Judentum der Zeit verglichen werden können. Des Weiteren wird die Organisation der Rechtspflege auf lokaler Ebene mit Institutionen auf höherer Ebene verglichen, um Formen der Differenzierung sowohl innerhalb der Gesamtgesellschaft als auch zwischen verschiedenen Gruppen des palästinischen Judentums zu vergleichen. Während bisherige Forschung sich häufig auf die höheren Ebenen konzentriert hat, wird das gegenwärtige Projekt ebenso den gewöhnlichen, alltäglichen Gegebenheiten Rechnung tragen, die Judäern bei rechtlichen Anliegen begegneten. Der methodische Ansatz korrespondiert daher mit dem multiperspektivischen Zugang des Gesamtprojekts. Neben literarischen und papyrologischen Zeugnissen werden, soweit möglich, auch epigraphische und archäologische Befunde einbezogen, um zu einem differenzierten Gesamtbild beizutragen.


Das Projekt ist Teil der Arbeitsplattform E Differenzierung und Entdifferenzierung.