(B1) Religion und Politik im ältesten Massenmedium der Menschheit. Königliche Münzbilder von der iberischen Halbinsel bis zum Hindukusch

Münzen verschiedener hellenistischer Dynastien aus dem Archäologischen Museum der WWU
© Robert Dylka

Ziel des Projektes ist die Herausarbeitung der Formen und Strukturen der Inszenierung von Politik und Religion auf den Münzen der hellenistischen Herrscher. Es stellt sich die Frage nach Einheit und Diversifikation religiöser und politischer Identität im Bild und dessen Rolle und strukturelle Funktion kollektiver Integration zur Aufrechterhaltung und Stabilisierung von Herrschaft. Es geht also um die Kommunikation zwischen Herrscher und Untertanen mittels des Massenmediums Münze.

Der wissenschaftliche Quellenwert der Münzen wird in den Altertumswissenschaften immer noch unterschätzt, obwohl Münzen das erste Massenmedium der Menschheit sind und die einzige Quellengattung der Antike, die in ihrem Typenbestand praktisch vollständig überliefert ist. Zudem sind sie Primärzeugnisse staatlicher Repräsentation. Das Münzbild ist öffentlich und setzt ein breites Publikum voraus, an das es sich richtet.

Das Projekt will anhand der Münzen von miteinander rivalisierenden und kommunizierenden Dynastien der hellenistischen Mittelmeerwelt (3.-1. Jh. v. Chr.) von der iberischen Halbinsel bis zum Hindukusch strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Bildinszenierungen der Herrscher und Götter erarbeiten. Die Bilder der hellenistischen Königsmünzen liefern für die Frage nach Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne ein großes komparatistisches Erkenntnispotential. Der mit dem Hellenismus einsetzende Paradigmenwechsel („Allgegenwart des Herrscherbildes“, „Sakralisierung des Herrscherbildes“) wird bis in die Moderne tradiert.

Aktivitäten und erste (Teil-)Ergebnisse

Poster des Projekts B1

Als zentraler Einstieg in das Projektthema wurde im Januar 2009 der Workshop „Das Diadem der hellenistischen Herrscher. Übernahme, Transformation oder Neuschöpfung einer Herrschaftsinsignie?“ organisiert. Hier wurden die Herkunft des zentralen politisch-religiösen Attributes hellenistischer Königsherrschaft hinterfragt sowie Form, Tragweise und Verwendung von Binden als religiöse (zum Beispiel Götter-, Heroenbinde) Distinktionsmerkmale und als Ausdrucksmittel monarchischer Repräsentation in den verschiedenen von Alexander eroberten Kulturräumen (Griechenland, Vorderer Orient, Ägypten, Persien) als mögliche Vorbilder für die hellenistische Königsinsignie diskutiert. Es kann zum einen festgestellt werden, dass die bislang geäußerten monokausalen Erklärungsmuster dem Phänomen nicht gerecht werden; als zweites wichtiges Ergebnis können wir zeigen, dass die Bedeutung des Diadems sich durch Ambiguität auszeichnet: Als königliche Insignie hat das Diadem in seiner politischen Inszenierung sowohl religiöse, sieghafte und funktionale Konnotationen.

Unsere Studien zur Ikonographie der Münzen ergeben, dass auch kleinste Bilddetails religiöse und politische Bedeutungsträger sind und regional beziehungsweise dynastiespezifisch unterschiedlich interpretiert wurden. Daneben spielt die Haartracht in der Selbstdarstellung hellenistischer Herrscher eine wichtige Rolle. Eine erstmals erstellte differenzierte Typologie von Königsbärten ergibt, dass bestimmte Bartformen Götterbärte zitieren. Im Herrscherbild findet sich somit auch in diesem ikonographischen Detail eine Götter- beziehungsweise Heroenangleichung.

Eine komparatistische Studie zu den Münzbildern hellenistischer Königinnen über die Dynastiegrenzen hinweg ist zudem in Vorbereitung. Gerade hier wird durch die unterschiedliche Instrumentalisierung der Königin als Gattin und/oder Göttin im Münzbild der stark religiös legitimierte beziehungsweise legitimierende Charakter hellenistischen Königtums deutlich.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops "BildWert"

Die unterschiedliche Bildgestaltung verschiedener Geldwerte und damit die Frage nach einer differenzierten Kommunikation des Herrschers mit verschiedenen Zielgruppen standen im Mittelpunkt eines weiteren, internationalen Workshops „BildWert. Nominalspezifische Kommunikationsstrategien in der Münzprägung hellenistischer Herrscher“ im Juni dieses Jahres 2010. Als erstes Ergebnis lässt sich die Betonung religiöser Bildmotive im Kleingeld formulieren – im Kontrast zur Präsenz des Königs als dem Repräsentanten weltlicher Macht auf hochwertigen Edelmetallmünzen. Absicht, Bedeutung und Wirkung dieses Phänomens gilt es  noch weiter zu untersuchen.

Auch die kulturwissenschaftliche Bedeutung von Geld und die Verortung von Münzbildern innerhalb eines bildwissenschaftlichen Diskurses spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Projektarbeit: Inwieweit antike bildsprachliche Elemente in die Moderne weiterwirken und moderne Medienikonographie der antiken vergleichbar ist, wurde im Rahmen der AG „Geld als Medium in der Antike“ von Projektmitarbeitern herausgearbeitet.