„In die Zukunft schauen, wenn man die Gegenwart nur schwer aushält“

Der Komet über Salon-de-Provence galt als Vorzeichen einer Katastrophe, Joachim Heller, 1554
© Zentralbibliothek Zürich

Bleigießen oder Jahreshoroskope: Wahrsagerei hatte laut Historikerin Ulrike Ludwig immer wieder Konjunktur in Krisen wie Pandemien, religiöser Spaltung oder Kriegsjahren – „,Werde ich glücklich, bleibe ich gesund?‘ Wahrsagen zeigte stets das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit vor der unsicheren Zukunft“ – Früher auch Instrument der Politik gegen Fake News

Bleigießen zu Silvester, Jahreshoroskope, Tarot-Karten: Wahrsagen war Historikern und Historikerinnen zufolge zu allen Zeiten ein Versuch, mit der unsicheren Zukunft umzugehen. „Wahrsagerei war vor allem in Krisenzeiten beliebt, wenn die Sorge vor der Zukunft, wie heute in der Pandemie, schwer auszuhalten war. Angesichts von Seuchen, religiösem Streit, Missernten oder Kriegsjahren suchten etwa die Menschen der Frühen Neuzeit dringend nach Vorhersagen. Aber auch zum persönlichen Schicksal befragte man überirdische Mächte“, erläutert die Historikerin Prof. Dr. Ulrike Ludwig vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Zum Neujahr 1522 etwa trieben die Menschen dieselben Fragen um wie bei einer Silvesterfeier heute: Werde ich glücklich, werde ich reich, bleibe ich gesund?“ Quellen aus dieser Zeit wie Jahreshoroskope oder die weitverbreiteten Losbücher offenbaren die menschlichen Bedürfnisse hinter der Suche nach Prognosen. Wer in die Zukunft blickte, suchte Handlungsfähigkeit in der Gegenwart. „Dabei haben auch früher die Menschen nicht blind geglaubt, was ihnen gewahrsagt wurde aus den Sternen, der Kristallkugel oder der eigenen Hand.“ Wahrsagerei wurde auch spielerisch in geselliger Runde betrieben, etwa mit Orakelbüchern, in denen man mit vielen simplen, aber durch ihre Kombination schwierig durchschaubaren Verrätselungstechniken Antworten auf Lebensfragen ermittelte.

Prof. Dr. Ulrike Ludwig
© privat

„Wahrsagerei hat den Menschen oft Orientierung gegeben, aber ihnen die Entscheidungen meist nicht abgenommen“, führt die Historikerin aus. Wer im 17. Jahrhundert eine schlechte Weissagung über die anstehende Hochzeit erhielt, sagte sie trotzdem nicht ab. „Vielmehr versuchte er oder sie, alles dafür zu tun, dass die Ehe doch noch unter einem möglichst– wie wir heute noch sagen – guten Stern geschlossen wurde. Etwa dadurch, dass ein astrologisch günstigerer Hochzeitstag gewählt wurde.“ Weit verbreitet, aber nie unumstritten: „Wahrsagerei wurde auch immer wieder hinterfragt und verhöhnt.“ Prominent war der Historikerin zufolge von Anfang an kirchliche Kritik. Aber auch der Humanist und satirische Autor Sebastian Brant (gestorben 1521) stellte dem gelehrten Astrologen einen Narr zur Seite. „Und in den berühmten Tagebüchern von Samuel Pepys (1633 – 1703) lesen wir, dass dieser nur Spott für Wahrsager und ihre Klientel übrighatte.“

Wahrsagen auch in der Politik: August von Sachsen bis François Mitterand

Obwohl westliche Politikerinnen und Politiker Wahrsagerei verpönen – anders als solche in Taiwan und weiteren ostasiatischen Ländern –, ließen sich dennoch der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan und der französische Staatspräsident François Mitterrand während ihrer Amtszeit regelmäßig wahrsagerisch beraten. Das hat in der Geschichte Vorläufer, wie Ulrike Ludwig schildert: „In der Zeit der Vormoderne war Wahrsagerei in der Politik ein legitimes Instrument: Könige und Fürsten ließen von ihren Hofastrologen die Sterne befragen, um sich auf Krisen wie Epidemien, Missernten oder Kriege, aber auch auf Herausforderungen bei den Verhandlungen um die nächste Steuererhöhung oder diplomatischen Missionen vorbereitet zu wissen.“ Ein extremes Beispiel: Kurfürst August von Sachsen (1526 – 1586), nicht zu verwechseln mit August dem Starken, setzte systematisch auf wahrsagerische Kontrolle aller eingehenden Nachrichten, etwa zu Heiratsplänen Elisabeths II. und Todesfällen, geheimen Allianzen, Handelserfolgen und Kuriositäten – letztlich, um nicht Fake News aufzusitzen. „In einer Zeit unsicherer Informationen nutzte er jede Chance, um gesichertes Wissen zu erlangen.“

 

Traditionen des Wahrsagens oder moderne Prognostik

Mit der Zeit der Aufklärung um 1700 übernahm das ‚rationale‘ Denken auch das Geschäft der Zukunftsvorhersage: Statt Befragung von Göttern und transzendenten Mächten entwickelten die Menschen wissenschaftlich überprüfbare Methoden, die modellgeleitete Prognostik. „Aber auch in der modernen Prognostik zeigen die Trefferquoten, dass wir die Möglichkeiten, mit Modellrechnungen die Zukunft zu antizipieren, tendenziell überschätzen“, so Ulrike Ludwig.

„Wahrsagerische Praktiken brauchten für ihre Akzeptanz immer eine Rückbindung an Traditionen“, sagt die Wissenschaftlerin. „Es sind die alten Bräuche der Vorfahren, auf deren Wirksamkeit man vertraute, wenn der Wunsch nach Wissen über die Zukunft am größten war.“ Doch viele wahrsagerische Methoden, die Eingang in heutige Darstellungen der Geschichte gefunden haben, sind spätere – moderne – Erfindungen. „Eines der beliebtesten Wahrsage-Motive, die Tarot-Karten und damit auch das Kartenlegen, kommt vermehrt erst ab dem 19. Jahrhundert zum Einsatz“, so Ulrike Ludwig. Sie äußerte sich im Rahmen des Themenjahres „Tradition(en)“ am Exzellenzcluster, das sich anhand ausgewählter Beispiele vom Alten Ägypten bis in die Gegenwart mit der Entstehung, Überlieferung und dem Wandel von Traditionen etwa in Literatur, Recht und Religionen befasst.

Am Exzellenzcluster erforscht Prof. Dr. Ulrike Ludwig in ihrem Projekt „Wahrsagerei und Politik in der Frühen Neuzeit“. Im Rahmen des Themenjahres diskutiert sie im Sommer 2022 in der Gesprächsreihe „Tradition(en): interdisziplinär und transepochal“ den Zusammenhang von „Tradition und Rationalität“. Die Ausstellung „Zeichen der Zukunft“ im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg im vergangenen Jahr hat Prof. Ludwig mitkonzipiert. (sca/vvm)

Literaturhinweis: Ulrike Ludwig et al. (Hg.): Zeichen der Zukunft. Wahrsagen in Ostasien und Europa / Signs of the Future. Divination in East Asia and Europe, Heidelberg: arthistoricum.net, 2021.