„Inszenierung göttlichen Wirkens“

Neues Buch „Konklave“ von Kirchenhistoriker Wolf zu Geschichte und Zukunft der Papstwahl

Buchcover
© C.H. Beck

Mit der Geschichte und Zukunft der Papstwahl befasst sich Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU in seinem neuen Buch „Konklave“. „Die Geschichte bietet eine überraschende Vielfalt von Antworten auf die Fragen, wer wählen darf, wer gewählt werden darf oder wie was inszeniert wird“, so der Wissenschaftler. In seinem Buch beleuchtet er zahlreiche historische Hintergründe der Papstwahl. Er zeigt, dass die Verfahren und Rituale nicht so alt sind, wie sie scheinen, sondern sich über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt haben. Der Historiker nimmt außerdem die gegenwärtige Papstwahlordnung von Johannes Paul II. und ihre Änderung durch Benedikt XVI. in den Blick. Vor diesem Hintergrund entwirft er zudem das Szenario einer neuen Papstwahlordnung im Jahr 2059.

Der Kirchenhistoriker hält es beispielsweise für denkbar, dass Frauen und männliche Laien in Zukunft bei der Papstwahl mitbestimmen. In den ersten Jahrhunderten sei der Bischof von Rom auch vom Volk gewählt worden, so Prof. Wolf. Als Bischof von Rom habe der Papst außerdem zunächst von seiner Bischofskirche Besitz ergriffen, der Lateranbasilika. „Den Anspruch, als Nachfolger des Petrus der Stellvertreter Christi zu sein, konnte er erst nach mehreren Jahrhunderten durchsetzen.“ Entsprechend hätten sich die Rituale von der Lateranbasilika zum Petersdom über dem Grab des Apostelfürsten verlagert.

Kein Plan für den Papstrücktritt

Für einen Papstrücktritt sieht der Wissenschaftler keinerlei verbindliche Verfahren und Rituale. Entsprechend groß sei die Gefahr von missverständlichen Deutungen, wenn etwa ein zurückgetretener Papst weiter im weißen Gewand auftrete und sich als „Papa emeritus“ anreden lasse. „Die katholische Kirche ist eigentlich nicht auf einen Papst vorbereitet, der sein Amt beispielsweise wegen Demenz nicht mehr ausüben kann.“

Kritisch widmet sich der Kirchenhistoriker der Papstwahlordnung, die Papst Johannes Paul II. 1996 erlassen und Benedikt XVI. noch einmal verändert hat. „Die Spiritualisierung des Amtes und der Verzicht auf Symbole der weltlichen Herrschaft entsprechen dem ausdrücklich erklärten Ziel, den Anforderungen der jeweiligen besonderen historischen Situation zu entsprechen“, erläutert der Kirchenhistoriker. Das aktuelle Wahlverfahren erscheine jedoch nicht besonders gut geeignet, um einen Kandidaten mit möglichst breitem Rückhalt zu finden, weil eine Zweidrittelmehrheit nicht mehr unbedingt notwendig sei. „Das ist ein Traditionsbruch“, unterstreicht der Wissenschaftler. Spannend sei auch, dass das Konzil von Nizäa den Wechsel eines Bischofs von einer Diözese in eine andere, also auch die Wahl eines Bischofs zum Papst, als geistlichen Ehebruch betrachtet habe.

Göttliches Wirken – und Intrigen

Mit Nachdruck fordert Wolf schließlich in seinem Buch, das restriktive Archivgesetz Johannes Pauls II. zu revidieren. „Es macht Forschungen zu Papstwahlen und Bischofseinsetzungen praktisch unmöglich und steht in völligem Widerspruch zu der bisherigen großzügigen Öffnungspraxis der Vatikanischen Archive.“

Das Buch ist Hubert Wolf zufolge Ergebnis einer langjährigen Beschäftigung mit dem Thema, etwa im abgeschlossenen Sonderforschungsbereich „Symbolische Kommunikation“ der WWU und in Veranstaltungen für Studierende. „Die über Jahrhunderte entwickelten Inszenierungen des Geheimen haben etwas Faszinierendes“, sagt der Kirchenhistoriker. Es gehe einerseits um Macht und Intrigen, andererseits um höchste religiöse Ansprüche und die Inszenierung des göttlichen Wirkens in der Welt. „Und das dürfte auch und gerade ein Nichtkatholik wie Robert Harris spannend finden.“ Der britische Bestseller-Autor hat gerade einen Thriller veröffentlicht, ebenfalls mit dem Titel „Konklave“.

„Die Geheimnisse der Papstwahl“

Das Buch von Prof. Wolf ist jüngst mit dem Untertitel „Die Geheimnisse der Papstwahl“ im Verlag C.H. Beck erschienen. Hubert Wolf stellte das Buch im öffentlichen Abendkolloquium des Berliner Wissenschaftskollegs vor, an dem er seit September 2016 als Fellow über Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., forscht. Bei einer weiteren Präsentation im „Haus der katholischen Kirche“ in Stuttgart am 28. März diskutieren Hubert Wolf und Daniel Deckers von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf Grundlage der von Südwestrundfunk-Sprecher Rudolf Guckelsberger gelesenen Quellentexte über das Thema.

Prof. Wolf ist Hauptantragssteller des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Er erhielt 2003 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und 2004 den Communicatorpreis des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. (maz/vvm)

Hinweis: Wolf, Hubert: Konklave. Die Geheimnisse der Papstwahl, München: C.H. Beck 2017, ISBN: 9783406707179, 220 Seiten, 19,95 Euro.