Parallele Rechtsordnungen

Internationaler Workshop zu Rechtspluralismus in muslimischen Kontexten

Plakat
© Ahmad Nizar Ramadan

Mit Konzepten und Theorien über Rechtsvielfalt in muslimischen Kontexten beschäftigt sich ein interdisziplinärer Workshop am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Rechtspluralismus ist nach wie vor ein umstrittenes Konzept. Für viele Juristen und Politikwissenschaftler stellt die Vorstellung einer parallelen Existenz mehrerer Rechtsordnungen ein normatives Problem dar“, erläutert der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Oberauer vom Forschungsverbund, der die Veranstaltung organisiert. Anthropologen hingegen würden rechtliche Phänomene aus einer empirischen Perspektive betrachten und Recht eher gemäß seiner tatsächlichen Funktion definieren. Dieser Ansatz erfordere die Anerkennung eines faktisch bestehenden Rechtspluralismus. Auf der Tagung sollen beide Perspektiven zusammengeführt werden.

„Obwohl sich normative und empirische Herangehensweisen grundlegend voneinander unterscheiden, sind sie in gewissem Ausmaß voneinander abhängig“, so Prof. Oberauer. Einerseits bedürften Wissenschaftler mit normativem Ansatz empirische Daten, um zu beurteilen, wie Akteure in rechtspluralistischen Zusammenhängen handeln, und um Gefahren und Herausforderungen zu erkennen, die durch Rechtspluralismus entstehen könnten. Andererseits begegneten Rechtsanthropologen rechtspluralistischen Situationen oft mit Fragen, die auf normativen Annahmen basierten.

Staatliches, religiöses und Gewohnheitsrecht nebeneinander

Die aktuelle Forschung zu Rechtsvielfalt im muslimischen Kontext konzentriert sich dem Islamwissenschaftler zufolge meist auf zwei Konstellationen: „Auf der einen Seite beschäftigen sich zahlreiche Studien mit starken Staaten, in denen Muslime mit Migrationshintergrund religiös- oder gewohnheitsrechtliche Institutionen begründen und nutzen. Auf der anderen Seite beschäftigen sich Forscher mit schwachen Staaten, die oft eine lange Geschichte der Koexistenz von staatlichem und religiösem Recht sowie Gewohnheitsrecht aufweisen.

Ziel des Workshops sei es, diese beiden Blickwinkel zusammenzuführen und dabei unterschiedliche methodische und disziplinäre Perspektiven miteinander zu verbinden. „Wir wollen ein Forum schaffen für den Austausch zwischen Wissenschaftlern, die sich mit Rechtspluralismus in schwachen wie auch in starken Staaten beschäftigen, und die dabei empirische wie auch normative Herangehensweisen verfolgen. Wir hoffen, auf diesem Wege unsere theoretischen Grundannahmen über Rechtspluralismus überprüfen und fortentwickeln zu können.“

Der englischsprachige Workshop mit dem Titel „Interdisciplinary Approaches to Legal Pluralism in Muslim Context“ (Interdisziplinäre Zugänge zu Rechtspluralismus in muslimischen Kontexten) findet vom 6. bis 7. Oktober in den Räumen JO 101 und JO 01 im Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters, Johannisstraße 4, statt.

Der Workshop geht zurück auf das Forschungsprojekt am Exzellenzclusters , A2-12 „Die Maximenliteratur im islamischen Recht: Normengestaltung zwischen theologisch-epistemologischen und juristisch-pragmatischen Anforderungen“ sowie das Projekt “Legal Pluralism in Muslim context – Conflictregulation in Muslim communities on the basis of customary and Islamic law and its relation to their legal environment” des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft der Uni Münster, das durch die Gerda -Henkel- Stiftung gefördert wird. Beide Projekte werden von Prof. Oberauer geleitet. (exc/maz/ska)

Workshop Interdisciplinary Approaches to Legal Pluralism in Muslim Context
6.-7. Oktober 2016
Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
Raum JO 101 und JO 01
Johannisstraße 4
48143 Münster

Öffentliche Abendvorträge in englischer Sprache am 6. Oktober 2016, ab 18.30 Uhr

Marie-Claire Foblets: Religious Legal Pluralism in Europe: A Call for a Critical Assessment of the Basic Principles in Force

Ido Shahar: An Institutional-Organisational Perspective on Legal Pluralism: Some Theoretical and Conceptual Premises

Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters
Johannisstraße 4
48143 Münster
Raum JO 01

Programm

Donnerstag, 06.10.2016
08:15–08:45 Registration with Refreshments
08:45–09:00 Welcome
Norbert Oberauer, Münster
09:00–09:45 Law in Context
Fabian Wittreck, Münster
09:45–10:30 Muslim Legal Practice in the United Kingdom: The Muslim Arbitration Tribunal
Yvonne Prief, Münster
10:30–11:00 Refreshments
11:00–11:45 Unregistered Muslim Marriages in the United Kingdom
Vishal Vora, London
11:45–12:30 Not All Customary Laws are Religious: The Case of Secular Kurdish Alternative Law in Europe
Latif Tas, London
12:30–14:30 Lunch Break
14:30–15:15 Muslims of Greece: A Legal Paradox and a Political Failure
Konstantinos Tsitselikis, Thessaloniki
15:15–16:00 Sulh – Mandatory conflict settlement in and between traditional and modern societies
Hendrik Fenz, Freiburg
16:00–18:30 Break
18:30–20:00

Religious Legal Pluralism in Europe: A Call for a Critical Assessment of the Basic Principles in Force
Marie-Claire Foblets, Halle

An Institutional-Organisational Perspective on Legal Pluralism: Some Theoretical and Conceptual Premises
Ido Shahar, Haifa

Freitag, 07.10.2016
08:45–09:45 Muslim Legal Pluralism in Comparative Perspective: The Cases of Turkey, England and Pakistan
Ihsan Yilmaz, Istanbul
09:45–10:30 Constitutional-recognised Islamic Law and Sharia Courts in Ethiopia: State Attempts to Co-regulate the Highly Contested Family Law Arena
Katrin Seidel, Halle
10:30–11:00 Refreshments
11:00–11:45 State Law, Customary Law and Religious Law in Hebron, Palestine: A Rational Choice Perspective
Ulrike Qubaja, Münster
11:45–12:30 Palestine: The Qadı al-Qudat as Legislator: Legal Pluralism in Palestine
Irene Schneider, Göttingen
12:30–14:00 Lunch Break
14:00–14:45 Legal pluralism and its limits. A polyparadigmatic view on Islamic law: comparative and historicotheological approaches
Karen Meerschaut and Werner de Saeger, Brussels
14:45–15:30 Legal Pluralism in Indonesia: The Case of Interfaith Marriages
Judith Koschorke, Göttingen
15:30–16:00 Final Discussion