„Das Ziel war ein gelungenes Leben“

Philologin Christel Meier-Staubach über autobiographische Konversionsberichte

News Rvl Krise Und Conversio
Prof. Dr. Christel Meier-Staubach
© ska

Über Bekehrungen in der biographischen Literatur des Mittelalters hat die Philologin Prof. Dr. Christel Meier-Staubach vom Exzellenzcluster in der öffentlichen Ringvorlesung „Konversionen. Glaubens- und Lebenswenden“ gesprochen. Nach damaligem Verständnis sei Conversio, die Hinwendung zu Gott, grundlegend dafür, ein gelungenes Leben zu führen. Im 12. Jahrhundert begann eine „neue Ära der Conversio“, wie die Wissenschaftlerin sagte. Zu dieser Zeit seien autobiographische Berichte als „neue interessante literarische Form“ entstanden, obwohl nach mittelalterlichem Urteil „das Schreiben aus eigenem Antrieb über sich selbst“ nicht unproblematisch gewesen sei. Als Beispiele nannte sie Selbstzeugnisse von Zeitgenossen wie dem geistlichen Schriftsteller Otloh von St. Emmeram (1010-1070), dem Philosophen Petrus Abaelardus (1079-1142), dem Mystiker Rupert von Deutz (1070-1129) und der Universalgelehrten Hildegard von Bingen (1098-1179). Deren Literatur wirke bis weit in die neuzeitliche autobiographische Literatur hinein. Der Vortrag trug den Titel „Krise und Conversio. Grenzerfahrungen in der biographischen Literatur des Mittelalters“.

„Die autobiographischen Berichte beschreiben die geistigen Vorgänge einer Glaubens- und Lebenswende detailliert aus der Innensicht und wollen der Darstellung damit eine hohe Glaubwürdigkeit verleihen“, erläuterte Prof. Meier-Staubach. Insbesondere die Krise der Bekehrungssituation und deren Bewältigung könne aus keiner anderen Perspektive konkreter und intensiver gestaltet werden als aus der Deutung der Betroffenen selbst. „Gleichwohl sind die Texte als literarische Konstrukte aufzufassen, denn sie verschmelzen ihre individuelle Erfahrung mit zeittypischen Conversio-Mustern“. Sie entsprächen in gewissem Maß deren implizierter gesellschaftlicher Akzeptanz. Die Wissenschaftlerin ordnete das individuelle Muster in die Conversio-Bewegung „als neuplatonisch-mittelalterliches Modell einer heilsgeschichtlichen und kosmischen Rückkehr zum Ursprung aus einem umfassenden weltlichen Krisenszenario“ ein.

Die Wissenschaftlerin bettete die Analyse der autobiografischen Texte in den Rahmen theoretischer Texte zur Konversion ein, die bereits seit dem Frühmittelalter nachzuweisen seien. Dazu gehörte etwa der „Dialogus Miraculorum“ (Dialog über die Wunder) des Zisterziensermönches Caesarius von Heisterbach (1180-1240). Solche Texte zeichnen nach den Worten von Prof. Meier-Staubach ein „prozessuales Perfektibilitätsmodell“ in drei Phasen. Es beschreibt die Konversion als Richtungsänderung und Kehrtwende und bezieht sich auf problematische Lebenssituationen, die gleichermaßen von Identitätskrise und Neuorientierung bestimmt sind.

Prof. Meier-Staubach leitet am Exzellenzcluster das Projekt B2-14 „Heiligkeit und politischer Gestaltungsanspruch im Medium von Vita, Brief und Prophetie“. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören mittellateinische Literatur sowie Autorschaft und Briefliteratur des Hochmittelalters.

Plakat Ringvorlesung Konversion
Plakat
© Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon

Die Themen der Ringvorlesung reichen von Bekehrungen im alten Rom über frühneuzeitliche Reformatoren bis zur Taufe europäischer Juden im 19. Jahrhundert. Auch Konversionen innerhalb des Islams in Indonesien, die Konversion zum evangelikalen Christentum des US-Musikers Bob Dylan und der Wandel von Geisterheilungen zur Psychiatrie im heutigen Indien werden unter die Lupe genommen. Es kommen Vertreter verschiedener Disziplinen zu Wort: der Geschichts- und der Rechtswissenschaft, der Ethnologie, Theologie, Arabistik, Germanistik, Indonesischen Philologie, der Judaistik und der Mittellateinischen Philologie. Die Vorträge sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am  Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Den nächsten Vortrag am 24. November hält der Pariser Mittelalter-Historiker und Directeur d'études an der „Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales“, Prof. Dr. Jean-Claude Schmitt, zum Thema „Konversionsträume im Mittelalter“. (ska/vvm)

Ringvorlesung „Konversionen. Glaubens- und Lebenswenden“

Wintersemester 2015/2016
dienstags 18.15 bis 19.45 Uhr
Hörsaal F2 im Fürstenberghaus
Domplatz 20-22
48143 Münster